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Weltmusik

Auch spielt die in der westlichen Musik eher unterentwickelte Improvisation eine große Rolle. Spontane Interaktion wie Call and Response brechen die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Begriff und Kritik
  3. 3. Historische Entwicklung bis 1960
  4. 4. Globalisierung seit den 1960er Jahren
  5. 5. Aufschwung und neue Formen
  6. 6. Weltmusik 2.0, Stile und Festivals

Grundidee und Bedeutung

Weltmusik bezeichnet zwei eng verbundene Vorstellungen: erstens Mischformen aus westlichen und nichtwestlichen Musikpraktiken, die im Zuge der Globalisierung entstanden sind, und zweitens die Gesamtheit regionaler Musiken der Welt, die seit der Verbreitung von Tonträgern im 20. Jahrhundert fast weltweit zugänglich wurde. Der Begriff ist laut Max Peter Baumann „vage und mehrdimensional“ und wird kontrovers diskutiert.

Wichtig ist der Unterschied zwischen deutschem und englischem Sprachgebrauch: Im Englischen meint World Music oft alle Musikformen und -stile der Erde, also die Musikkulturen der Welt. Im Deutschen meint Weltmusik meist eine eigene musikästhetische Kategorie: Crossover, also die Verbindung von Elementen verschiedener Musikstile oder musikalischer Sprachen. Häufig geht damit ein universaler Anspruch einher.

Weltmusik kann einfache musikalische Begegnung meinen, wenn Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen miteinander spielen. Sie kann aber auch eine tiefere interkulturelle Weiterentwicklung bezeichnen, die im Sinne von Transkulturalität über einzelne Begegnungen hinausgeht. Transkulturalität bedeutet hier, dass kulturelle Formen nicht streng getrennt bleiben, sondern sich gegenseitig verändern. Politisch ist der Begriff aufgeladen, weil Weltmusik oft mit der Überwindung nationaler, kolonialer und westlich-hierarchischer Sichtweisen verbunden wird. Zugleich ist die Abgrenzung zur „Globalen Musik“ schwierig.

Begriff und Kritik

Der Begriff Weltmusik wurde, soweit bekannt, 1905 von dem deutschen Musiktheoretiker Georg Capellen verwendet. Er verstand darunter im Sinn einer „Zukunftsmusik“ oder universalen Metamusik einen „exotischen Musikstil“. Ob seine Vorstellungen vom kolonialen Denken des Wilhelminischen Zeitalters geprägt waren, gilt im Artikel als ungeklärt.

Der englische Begriff World Music etablierte sich Anfang der 1960er Jahre im akademischen Umfeld, vor allem durch Robert E. Brown an der Wesleyan University und durch das Center for World Music in San Francisco. Zum Mode- und Marktbegriff wurde World Music 1987, als unabhängige Plattenlabel-Betreiber in London eine Bezeichnung für Musik suchten, die nicht in die üblichen Marktkategorien passte. Danach wurde der Begriff ein kommerziell erfolgreiches Etikett für Musik, in der Popmusik und ethnomusikalische Stilelemente zu etwas Neuem verbunden wurden. Wichtige Rollen spielten das von Peter Gabriel initiierte WOMAD-Festival seit 1982, das Label Real World und Rüdiger Oppermann, der Weltmusik allgemein als „eine Musik, die verschiedene Traditionen der Welt zusammenbringt“ beschrieb.

In den 1980er Jahren wurde Weltmusik ein Sammelbegriff für viele Musikrichtungen. Dadurch verlor er an Schärfe und wurde teils auch als Synonym für traditionelle außereuropäische Musik benutzt. Kritisiert wurde der Begriff unter anderem wegen eurozentristischer Sichtweisen und wegen ungleicher finanzieller Bedingungen, wenn westliche Pop-Stars mit außereuropäischen Volksmusikern zusammenarbeiteten. In der klassischen Musik blieb der Begriff ebenfalls problematisch, weil interkulturelle Kompositionen dort zahlenmäßig gegenüber Popularmusik und Jazz eher selten waren und viele Komponisten sich von beliebiger multikultureller Musik abgrenzen wollten.

Historische Entwicklung bis 1960

Musikalische Vermischung ist älter als der moderne Begriff Weltmusik. Die europäische Musik des Mittelalters wird im Artikel als Symbiose zentraleuropäischer und vorderorientalischer Elemente beschrieben. Später galten außereuropäische Klänge in Europa oft als „exotisch“, „bizarr“ oder „wild“. Mozart nutzte etwa Anklänge an türkische Janitscharenmusik im Rondo alla turca und in Die Entführung aus dem Serail, doch solche Klänge blieben häufig Fremdkörper.

Im 19. Jahrhundert wirkten Orientalismus und koloniale Weltbilder auf die europäische Kunstmusik. Félicien David verwendete 1844 in Le Désert den Muezzin-Ruf „Allahu Akbar“; Hector Berlioz bemerkte dabei Tonleitern mit Intervallen kleiner als Halbtöne. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand in den USA der Jazz als besonders wichtige Mischform: europäische Harmonik und Instrumente verbanden sich mit Rhythmik, Tonbildung und Improvisationsformen, die auf afrikanische Musikkulturen verwiesen. Call and Response und spontane Interaktion wurden wichtige Merkmale.

Zwischen 1900 und 1960 beschäftigten sich viele Komponisten mit außereuropäischen Klängen. Claude Debussy lernte 1889 auf der Pariser Weltausstellung ein sundanesisches Gamelan-Orchester kennen. Ferruccio Busoni plante nach der Lektüre von The Indians’ Book Werke mit indianischen Melodien und schrieb unter anderem die Indianische Fantasie (1914). Béla Bartók erforschte Volksmusik im Karpatenraum, auf dem Balkan, in Libyen und in der Türkei und verband Folklore mit klassischer Kompositionstechnik. Weitere Beispiele sind Colin McPhee mit balinesischen Einflüssen, Olivier Messiaen mit indischen Rhythmen und südamerikanischer Mythologie, Walter Kaufmann mit indischen Ragas in Indian Faces (1946) sowie Benjamin Britten mit balinesischer Gamelan-Musik in The Prince of the Pagodas (1954–1957).

In Deutschland wurden solche Ansätze durch Nationalismus und Nationalsozialismus stark gebremst. Fremdeinflüsse wurden als „Entartung“ bekämpft; Jazz wurde diffamiert und weitgehend unterdrückt. Erst nach 1945 setzte durch Einrichtungen wie Die Brücke, Amerika-Haus und Institut français sowie durch die Verbreitung des Jazz ein neuer kultureller Austausch ein.

Globalisierung seit den 1960er Jahren

Seit den 1960er Jahren veränderten Tonaufzeichnung, Tonträger, Reisen und Medien den Zugang zu Musik weltweit. Musik fremder Kulturen wurde verfügbar, was neue Begegnungen ermöglichte, aber auch zu oberflächlichen Mischungen führen konnte. In den USA entstand früh ein starkes Interesse an außereuropäischer Musik; das 1963 gegründete Center for World Music vermittelte Instrumental- und Gesangslehrer und veranstaltete Konzerte.

Im Jazz und Rock wurden indische, afrikanische, arabische und südamerikanische Einflüsse wichtig. Tony Scott spielte 1964 mit Shinichi Yuize Music For Zen Meditation ein. John Coltrane näherte sich 1961 mit Olé Coltrane, African Brass und India indischen und afrikanischen Wurzeln. The Beatles und The Rolling Stones experimentierten mit indischen und arabischen Klängen. Ravi Shankar unterrichtete George Harrison, spielte mit Yehudi Menuhin und trat 1969 in Woodstock auf. In Deutschland förderte Joachim Ernst Berendt global geprägten Jazz und brachte deutsche Jazzmusiker über das Goethe-Institut mit asiatischen Musikern zusammen.

In den 1970er Jahren nahm das Interesse an nicht-europäischer Musik in der westlichen Welt weiter zu. Die 68er-Bewegung bildete dafür einen wichtigen Hintergrund. Die Münchner Band Embryo entwickelte durch Reisen und Zusammenarbeit mit Musikern aus Gastländern einen interkulturellen Stil. Stephan Micus lernte Instrumente auf Weltreisen und löste sie bewusst aus ihrem ursprünglichen Kontext, um neue Klangwelten zu schaffen. Festivals wie die Olympische Spielstraße 1972 in München und das Metamusik-Festival in Berlin machten außereuropäische Klänge einem größeren Publikum bekannt. In der sogenannten E-Musik arbeiteten unter anderem Peter Michael Hamel, Hans Zender, Dieter Mack, Claude Vivier, Toru Takemitsu, Younghi Pagh-Paan und Slamet Abdul Sjukur an interkulturellen Kompositionen.

Aufschwung und neue Formen

In den 1980er und 1990er Jahren erlebte Weltmusik einen starken Aufschwung. Festivals, Messen und Institutionen machten Musiker aus vielen Regionen im Westen bekannter. Das WOMAD-Festival seit 1982 und das Label Real World trugen dazu bei, ebenso das World Music Institute in New York. Künstler wie Nusrat Fateh Ali Khan und Youssou N’Dour wurden im Westen bekannt. Zugleich wurde kritisiert, dass viele Produktionen an westliche Märkte, westliche Technik und westlichen Geschmack angepasst wurden.

Bekannte Projekte und Alben zeigen die Vielfalt dieser Phase: Paul Simon hatte 1986 mit Graceland Erfolg, gemeinsam mit Youssou N’Dour, Ladysmith Black Mambazo und Stimela. One World One Voice von 1990 versammelte über 50 Musiker und Bands aus aller Welt und sollte Musik als weltweit verständliche Sprache zeigen. Auch Metal-, Indie-, Punk- und Folk-Bands griffen globale oder regionale Traditionen auf. Der Begriff Weltmusik wurde dadurch noch breiter und umfasste auch europäische Volksmusik in moderner Form, etwa als Neue Volksmusik.

Seit den 2000er Jahren entstanden weitere Projekte und Institutionen. Yo-Yo Ma gründete 2000 das Silk Road Project, in dem Musiker und Komponisten aus dem asiatischen Raum zusammenarbeiten. Global Ear in Dresden präsentierte ab 2001 Komponisten mit nicht-europäischem Hintergrund. Der Wettbewerb Creole förderte seit 2006 Musik, die als „globale Musik“ bezeichnet wurde. 2015 richtete die Popakademie Baden-Württemberg den ersten offiziellen Bachelorstudiengang für Weltmusik in Deutschland ein. Zugleich rückte Weltmusik im Zusammenhang mit Integration und Flucht stärker in den Blick, etwa durch „Bridges – Musik verbindet“ in Frankfurt oder Projekte mit geflüchteten Musikern in Berlin und Würzburg.

In der neueren E-Musik wurden außereuropäische Instrumente wie Bağlama, Rahmentrommel, Sheng, Qanun, Pipa oder Guzheng häufiger mit westlichen Ensembles verbunden. Dabei spielten Improvisation, Spezialnotationen und die Bereitschaft einzelner Musiker, zwischen mündlicher Tradition und westlicher Notenschrift zu vermitteln, eine wichtige Rolle.

Weltmusik 2.0, Stile und Festivals

Thomas Burkhalter kritisiert den älteren Begriff Weltmusik im Sinn einer „Weltmusik 1.0“, weil er oft ein eurozentrisches Verständnis nichteuropäischer Musikkulturen nahelege. Westliche Musiker hätten solche Kulturen dabei teilweise nur genutzt, um ihren eigenen Sound zu „orientalisieren“. Als neueren Begriff schlug Burkhalter Anfang 2011 „Weltmusik 2.0“ vor. Gemeint ist Musik, die durch interaktive Internetplattformen, Popwelt und Clubszene geprägt ist und Namen wie Global Ghettotech, Ghettopop, Cosmopop oder Worldtronica tragen kann. Sie sei widersprüchlich und mehrdeutig und spiegele Chaos, Alltag, politische Wut und die Hoffnung auf musikalische Existenzsicherung.

Als Musikstile nennt der Artikel Ethno-Jazz und Neue Volksmusik, auch „Alpine Weltmusik“ genannt. Wichtige Festivals und Wettbewerbe sind unter anderem Masala in Hannover, Creole auf Bundes- und Landesebene, das TFF Rudolstadt, Wilde Töne in Braunschweig, das Horizonte Weltmusikfestival auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz und das Folklorefest in Krefeld.

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