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Mehrstimmigkeit
Mehrstimmigkeit ist in der Musiktheorie ein Oberbegriff für Musizierweisen, bei denen mehrere Stimmen (oder Melodien) gleichzeitig erklingen.
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Begriff und Grundprinzip
Mehrstimmigkeit ist in der Musiktheorie ein Oberbegriff für Musizierweisen, bei denen mehrere Stimmen oder Melodien gleichzeitig erklingen. Sie ist das Gegenstück zur Einstimmigkeit, auch Monophonie genannt, bei der nur eine melodische Linie erklingt. In der abendländischen Musiktradition war Einstimmigkeit bis zum 9. Jahrhundert üblich; in zahlreichen anderen Musiktraditionen ist sie weiterhin die Regel.
Mehrstimmigkeit entsteht, wenn verschiedene Stimmen gleichzeitig erklingen. Diese Stimmen können eine gemeinsame Melodie unterschiedlich ausführen, eine Hauptmelodie begleiten oder melodisch und rhythmisch weitgehend selbständig sein. Je nach Verhältnis der Stimmen unterscheidet man vor allem Homophonie, Polyphonie und Heterophonie.
Die wichtigsten Formen
Bei der Homophonie, auch homophoner Satz oder Akkordsatz genannt, gibt es Hauptstimmen und Nebenstimmen. Die Hauptstimmen tragen die Hauptmelodie, während die Nebenstimmen der Begleitung dienen. Diese Form dominierte in der abendländischen Tradition besonders in der Wiener Klassik und der Romantik. Außerdem ist sie in der Rock-, Pop- und Country-Musik sowie in einigen Spielformen des Jazz verbreitet.
In der Polyphonie, auch Vielstimmigkeit genannt, sind die einzelnen Stimmen melodisch und rhythmisch weitgehend selbständig. Keine Stimme ist grundsätzlich nur auf die Begleitung einer Hauptmelodie beschränkt. In der abendländischen Musik dominierte die Polyphonie im Mittelalter und in der Renaissance. Im Barock bestanden sowohl homophone als auch polyphone Musikstile nebeneinander. Ein Beispiel für einen polyphonen Stil ist die Fuge; die Monodie ist dagegen homophon.
Die Heterophonie bildet eine Zwischenstufe zwischen Ein- und Mehrstimmigkeit. Alle Stimmen folgen grob derselben Melodie, variieren sie jedoch jeweils unterschiedlich. Dadurch erklingt eine gemeinsame melodische Grundlage in mehreren, leicht voneinander abweichenden Fassungen. Heterophonie ist besonders in asiatischen Musiktraditionen anzutreffen und in der abendländischen Musizierpraxis selten.
Historische Entwicklung und besondere Ausprägungen
Mehrstimmigkeit gab es in der Instrumentalmusik bereits lange bevor man begann, mehrstimmig zu singen. Ein Beispiel sind Instrumente mit Bordunsaiten. Bei der Crota oder Rota, einem meist mit drei Saiten bespannten alten Streichinstrument mit flachem Steg und ohne die Seiteneinbuchtungen des modernen Geigenkörpers, musste der Bogen gleichzeitig über alle drei Saiten streichen. Zu einer auf der ersten Saite gespielten Melodie erklangen dadurch der Grundton und die Quinte nach Art eines Dudelsackes mit.
Die vokale Mehrstimmigkeit setzte vermutlich mindestens seit dem Ende des 9. Jahrhunderts mit der Entwicklung des Organums ein. Sie beruhte zunächst auf dem einstimmigen gregorianischen Gesang und begann als Zweistimmigkeit. Ab dem 12. Jahrhundert fügten Sänger der Choralschola ihren gregorianischen Chorälen Texte als Tropierungen hinzu und ergänzten den cantus firmus, also die feststehende melodische Grundlage, um einen discantus als zweite Stimme.
Im 15. und 16. Jahrhundert wurde kunstvolle Mehrstimmigkeit besonders durch Komponisten wie Guillaume Dufay, Josquin Desprez, Giovanni Pierluigi da Palestrina, Orlando di Lasso und Carlo Gesualdo geprägt. Palestrinas Kyrie aus der Messe Assumpta est Maria ist bereits eine sechsstimmige Komposition. Zur Franko-flämischen Schule gehörten unter anderem Jacob Obrecht und Heinrich Isaac. Ihr Stil wird auch als niederländischer Stil bezeichnet; ihre Komponisten werden entsprechend „Niederländer“ genannt.
Solowerke, Notation und weltweite Verbreitung
Seit Mitte des 17. Jahrhunderts findet sich eine besondere Form der Mehrstimmigkeit in Werken für unbegleitete Melodieinstrumente. Dabei unterscheidet man manifeste und latente Mehrstimmigkeit. Bei manifester Mehrstimmigkeit erklingen tatsächlich zwei oder mehr Töne gleichzeitig, etwa durch Doppelgriffe bei Streichinstrumenten. Bei latenter Mehrstimmigkeit ist die Linie einstimmig notiert und wird auch einstimmig ausgeführt, klingt und wird aber wie ein mehrstimmiger Satz verstanden. Der Musikwissenschaftler Ernst Kurth prägte dafür den Begriff „linearer Kontrapunkt“.
Besonders bedeutend sind die Solowerke von Johann Sebastian Bach für Violine, Violoncello und Flöte, die unter den Werknummern BWV 1001–1013 zusammengefasst sind. Sätze für mehrere Gesangs- oder Instrumentalstimmen werden in der Notation häufig in Akkoladen, auch „Systeme“ genannt, zusammengefasst. Dies gilt für die in der Renaissance zu homogenen Familien erweiterten und auch neu entwickelten Musikinstrumente.
Mehrstimmigkeit kommt in verschiedenen Kulturen der Welt vor. Besonders weit verbreitet ist die Heterophonie, beispielsweise in den klassischen arabischen, türkischen und chinesischen Musiktraditionen. Eine voll ausgebildete Polyphonie ist außerhalb der abendländischen Tradition vergleichsweise selten. Der französisch-israelische Musikethnologe Simha Arom untersuchte afrikanische Formen der Mehrstimmigkeit und Polyrhythmik. Unabhängige Ausprägungen gibt es außerdem in Georgien, auf dem südlichen Balkan als Iso-Polyphonie und in Südostasien im Gamelan.