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Polyphonie
Frühe Musikautomaten nannten sich Polyphon. In der westlichen Musikgeschichte wird diese Unterscheidung betont, indem die Homophonie einen letzten Rest …
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Grundidee und Bedeutung
Polyphonie oder Vielstimmigkeit bezeichnet in der Musik verschiedene Arten der Mehrstimmigkeit. Zentral ist dabei, dass mehrere Stimmen gleichzeitig erklingen. Im engeren Sinn meint Polyphonie eine Satztechnik, bei der die Stimmen eines Stückes selbstständig und unabhängig geführt werden. Jede Stimme hat also einen eigenen Verlauf und ist nicht nur Teil eines Akkords.
Im Deutschen wird oft unterschieden zwischen Mehrstimmigkeit als allgemeinem Phänomen und Polyphonie als besonderer Satztechnik der europäischen Musik. Im Englischen wird polyphony häufiger für beides verwendet. Der Begriff wird außerdem gegenüber Homophonie, Monophonie und Heterophonie abgegrenzt.
Der Artikel weist darauf hin, dass manche Angaben nicht ausreichend belegt sind. Das betrifft besonders historische Deutungen und einzelne Einschätzungen.
Definition und Kontrapunkt
Polyphonie bedeutet die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Stimmen eines Musikstücks. Vom Spätmittelalter bis zum 18. Jahrhundert entwickelten sich in Europa bestimmte Techniken der Polyphonie. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts traten sie zurück, wurden aber in der Musik des 20. Jahrhunderts teilweise neu belebt.
Seit der Renaissance werden polyphone Techniken im Fach Kontrapunkt gelehrt. Kontrapunkt ist die Lehre davon, wie mehrere eigenständige Stimmen so miteinander verbunden werden, dass sie gleichzeitig musikalisch sinnvoll klingen. Ein wichtiges Lehrbuch-Ideal wurde durch Johann Joseph Fux’ Gradus ad Parnassum von 1725 geprägt: der sogenannte Palestrina-Stil. Er galt als Gegenprinzip zur Harmonielehre, die Jean-Philippe Rameau 1722 begründete.
Polyphone Musik ist stark linear oder horizontal orientiert. Das heißt: Wichtig ist nicht nur, welche Töne gleichzeitig als Akkord erklingen, sondern wie jede einzelne Stimme melodisch weiterläuft. Die Stimmen können unterschiedliche Rhythmen, Tonhöhen und Tondauern haben.
Abgrenzungen
Gegenüber Homophonie bedeutet Polyphonie, dass mehrere zusammenklingende Stimmen selbstständig sind. Homophonie ist ebenfalls mehrstimmig, aber stärker akkordisch: Die Stimmen bewegen sich nicht gleichwertig unabhängig, sondern dienen vor allem dem gemeinsamen Klang. Wer auf einer Gitarre nur Akkorde spielt, spielt in diesem Sinn nicht polyphon. Auch Registerklänge einer Orgel oder elektronischer Instrumente sind nicht automatisch polyphon, wenn beim Drücken einer Taste zwar mehrere Töne erklingen, diese aber keine eigenständigen Stimmen bilden.
Gegenüber Monophonie kann Polyphonie im modernen und auch im spätmittelalterlichen Sprachgebrauch einfach Mehrstimmigkeit bedeuten. Monophonie heißt Einstimmigkeit. Eine Gitarre kann also einstimmig eine Melodie oder mehrstimmig Akkorde spielen. Ein elektronisches Instrument, etwa ein Synthesizer, heißt „polyphon“, wenn es mehrere Töne gleichzeitig erzeugen kann.
Gegenüber Heterophonie bezeichnet Polyphonie eher eine schriftgebundene Satztechnik. Heterophonie meint ein relativ selbstständiges, oft improvisatorisches Zusammenklingen von Stimmen. Solche Formen kommen in vielen außereuropäischen Kulturen, aber auch in westlicher populärer Musik vor. Polyphonie im engeren Sinn ist dagegen komponierte Mehrstimmigkeit, bei der Parallelen und Dissonanzen nach bestimmten Regeln zugelassen oder vermieden werden.
Entstehung im Mittelalter
Polyphonie in der westlichen Tradition ist nach dem Artikel eng mit Schrift verbunden, also „graphogenetisch“. Sie hängt davon ab, dass Musik notiert wird. Deshalb ist der Begriff auf improvisierte oder nur mündlich überlieferte Mehrstimmigkeit nur schwer übertragbar.
Die schriftlich festgelegte Mehrstimmigkeit entwickelte sich in der europäischen Vokalmusik des Spätmittelalters. Erste zweistimmige musikalische Aufzeichnungen im Zusammenhang mit Gregorianischem Gesang erscheinen beim Organum seit dem 9. Jahrhundert. Anfangs spiegelten sie vermutlich eine Praxis musikalischer Improvisation wider.
Im 12. Jahrhundert machte die Weiterentwicklung des Discantus eine Notation des mehrstimmigen Klanggebildes nötig. Léonin und Pérotin gelten als früheste bekannte Komponisten mehrstimmiger Musik. Die Notre-Dame-Schule der Polyphonie steht in diesem Zusammenhang. In polyphoner Vokalmusik kommen häufig Symbole der Dreifaltigkeit vor, zum Beispiel der harmonische Dreiklang oder das Tempus perfectum der Mensuralnotation.
Blüte und Wandel bis zur Romantik
Im 14. Jahrhundert förderten die neuen Ausdrucksmöglichkeiten der Ars nova die Entstehung einer weltlichen, höfischen Vokalpolyphonie. Im 16. Jahrhundert erreichte die Polyphonie einen Höhepunkt, besonders in der Niederländischen Polyphonie, und prägte die Musik der Renaissance.
Gleichzeitig wurde Polyphonie kritisiert, unter anderem von kirchlicher Seite und von der Florentiner Camerata um 1580. Ein wichtiges Argument war die fehlende Textverständlichkeit. Nach einer unbelegten Hypothese soll Giovanni Pierluigi Palestrina die Polyphonie mit seiner Missa Papae Marcelli vor einem päpstlichen Verbot gerettet haben, weil der Messetext darin leicht verständlich vertont sei. Um 1600 trat der Polyphonie die Monodie gegenüber: Eine führende Melodie stand vor Begleitstimmen.
Im Barock ging die Bedeutung der Polyphonie zurück. Jean-Philippe Rameau stellte in seinem Traité de l’harmonie von 1723 fest, dass Akkorde wichtiger geworden waren als individuelle Stimmen. Die Selbstständigkeit der Stimmen erschien ihm nur noch als Illusion. Dennoch wurden in dieser Zeit polyphone Formen wie die Fuge weiterentwickelt und perfektioniert, besonders durch Johann Sebastian Bach.
In Klassik und Romantik trat Polyphonie weiter zurück. Die aufstrebende Instrumentalmusik begünstigte längere musikalische Sätze mit periodischer Gliederung. Fugen blieben Teil der musikalischen Ausbildung, hatten in der Praxis aber eine geringere Rolle. Polyphone Passagen seit der Wiener Klassik wirkten oft wie historistische Zitate. In der Romantik wurde Polyphonie auch wegen ihrer Klangfarbe genutzt. Richard Wagner entwickelte eine Art akkordische Polyphonie, bei der die einzelne Stimme im Gesamtklang aufgeht und zugleich der Schein von Selbstständigkeit erhalten bleibt.
Neue Ansätze im 20. Jahrhundert
Im 20. Jahrhundert griffen viele Komponisten ältere Vorstellungen von Polyphonie wieder auf. Dazu gehörte Arnold Schönberg. Diese Rückkehr war mit einer neuen Behandlung von Dissonanzen verbunden. Dissonanzen sind spannungsreiche Zusammenklänge, die in älteren Regeln oft besonders behandelt oder aufgelöst werden mussten.
Die Wiederbelebung richtete sich gegen die romantische Vorstellung eines gemeinschaftlichen Gesamtklangs, in dem die einzelne Stimme aufgeht. Stattdessen wurde die Idee selbstständiger Stimmen erneut wichtig, allerdings unter anderen musikalischen Voraussetzungen als in Renaissance und Barock.