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Musik des Mittelalters

Die Musik des Mittelalters oder Mittelalterliche Musik bezeichnet eine europäische Musik, wie sie seit dem 9. Jahrhundert aufgeschrieben wurde und in der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Epochen
  2. 2. Gregorianischer Choral und Liturgie
  3. 3. Mehrstimmigkeit, Musiktheorie und Notation
  4. 4. Höfische, volkstümliche und englische Musik
  5. 5. Ars nova, Ars subtilior und Trecento
  6. 6. Quellen, Ausbildung und heutige Interpreten

Überblick und Epochen

Mittelalterliche Musik bezeichnet eine europäische Musik, wie sie seit dem 9. Jahrhundert aufgeschrieben wurde und bis etwa 1430 entstand. In der Musikwissenschaft gehört sie zur Alten Musik und wurde im 15. Jahrhundert von der Musik der Renaissance abgelöst. Sie ist nicht mit der heutigen Musik der Mittelalterszene gleichzusetzen, die meist keinen Anspruch auf Authentizität erhebt.

Die Entwicklung wird in drei Epochen gegliedert:

  • Bis etwa 1100 überwog seit der Entstehung des gregorianischen Gesangs einstimmige Musik.
  • Im 12. und 13. Jahrhundert entwickelte sich in der Notre-Dame-Schule die Mehrstimmigkeit weiter.
  • Von etwa 1300 bis 1430 differenzierten sich in Ars nova und Trecento die Stile zunehmend nach Ländern und musikalischen Verfahren.

Gregorianischer Choral und Liturgie

Der gregorianische Choral ist ein einstimmiger, unbegleiteter liturgischer Gesang der römisch-katholischen Kirche in lateinischer Sprache. Er ist die wichtigste Quelle für die Kenntnis der Musikentwicklung im Frühmittelalter und war im Mittelalter ein funktionaler Bestandteil von Messe und Offizium, dem Stundengebet.

Die mehreren tausend Choralmelodien gehen nicht auf eine einzige Person zurück. Die Zuschreibung an Papst Gregor I. († 604) dürfte auf Johannes Diaconus’ Vita Gregorii zurückgehen. Dort wird Gregor als Empfänger der Melodien vom Heiligen Geist dargestellt. Die zu Gregors Zeit gegründete Schola cantorum in Rom könnte eine der Wurzeln des Repertoires gewesen sein. Ungeklärt ist, ob der gregorianische Choral auf eine einzige karolingische, mit Neumen niedergeschriebene Sammlung zurückgeht. Möglicherweise stand er in Abhängigkeit zum altrömischen Gesang. Gallikanische, mozarabische und ambrosianische Gesänge wurden weitgehend verdrängt.

Zu jeder Hore gehören Psalmen mit Antiphonen, Hymnen und Cantica sowie Schriftlesungen mit Responsorien beziehungsweise Versikeln. Das Antiphonale enthält die Melodien und Texte des Stundengebets: Matutin, Laudes, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. Besonders wichtig sind Matutin, Laudes und Vesper. Zur Vesper gehört das Magnificat, zu den Laudes das Benedictus. In der Komplet wird neben dem Nunc dimittis je nach Kirchenjahr eine der vier marianischen Antiphonen Alma redemptoris mater, Ave Regina caelorum, Regina caeli oder Salve Regina gesungen.

Die Messe besteht aus dem variablen Proprium Missae und dem unveränderlichen Ordinarium Missae. Zum Proprium gehören Introitus, Graduale, Halleluja, Tractus, Offertorium und Communio. Das Ordinarium umfasst Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei. Die Gesänge sind im Graduale Romanum zusammengefasst; häufig verwendete Gesänge aus Antiphonale und Graduale stehen auch im Liber Usualis. Die Messetexte enthält das Missale, die Texte des Offiziums das Breviarium.

Im 19. Jahrhundert wurde Gregor im Zuge der wissenschaftlichen Erforschung vielfach als Schöpfer zahlreicher musikalischer Phänomene angesehen. Heute wird diese Einschätzung als Ergebnis einer unkritischen Quellenbetrachtung verstanden. Im Mittelalter führte man Neues häufig auf eine anerkannte Autorität zurück, um seine göttliche Herkunft und die Einheit des Wissens zu begründen.

Mehrstimmigkeit, Musiktheorie und Notation

In karolingischer Zeit entstanden Erweiterungen des Chorals, darunter Melismen, Tropen, das Alleluja und Sequenzen. Tonare, die seit 800 nachgewiesen sind, ordneten Melodien nach Tonarten oder Modi. Mit diesen Fragen befassten sich auch Musica Albini beziehungsweise De octo tonis und die um 850 entstandene Musica Disciplina. Im Organum entwickelten sich zunächst zweistimmige Formen der Mehrstimmigkeit.

Hucbald von Saint-Amand beziehungsweise der als Pseudo-Hucbald bezeichnete unbekannte Autor stellte in De harmonica institutione Regeln für das gleichzeitige Erklingen mehrerer Tonreihen auf. Zunächst wird zu einer Tonreihe eine zweite im Abstand einer Quinte gesetzt. Durch Oktavenverdoppelung der tiefen Stimme entstehen Quartenparallelen in den beiden Oberstimmen; durch die Oktavenverdoppelung der zweiten Stimme entsteht ein vierstimmiger Satz. Daneben beschreibt Hucbald einen zweistimmigen Satz, in dem eine Stimme meist auf derselben Tonhöhe bleibt und die andere sich in verschiedenen Intervallen bewegt.

Guido von Arezzo († 1050) entwickelte um 1025 mit dem Micrologus de disciplina artis musicae eine für die Musik verbesserte Notenschrift. Frühere Buchstabennotationen stellten das Steigen und Fallen der Melodie nicht anschaulich dar. Neumen, also Punkte, Strichelchen und Schnörkel, zeigten die Bewegungsrichtung zwar an, blieben ohne Liniensystem aber mehrdeutig. Guido führte schließlich vier Linien und die dazwischenliegenden Zwischenräume ein. Dadurch konnten Neumen im Umfang einer Oktave, genau einer None, einen bestimmten Platz erhalten.

Guido wurde teilweise zu Unrecht auch die Gesanglehrmethode, die Guidonische Hand und weitere Neuerungen zugeschrieben. Seine Lehrmethode verglich die Intervalle eines neuen Gesangs mit einem bekannten Gesang. Als Modell diente der Johannes-Hymnus des Paulus Diaconus. Die Anfangstöne seiner Phrasen bilden eine aufsteigende diatonische Skala; daraus entstanden später die Tonsilben ut re mi fa sol la. Das si für die siebente Stufe kam erst später in Frankreich hinzu.

Im 12. und 13. Jahrhundert wurde die mehrstimmige Komposition immer wichtiger. Im Organum ergänzen eine oder mehrere Stimmen den einstimmigen Choral. In der Notre-Dame-Schule um 1200 umspielen bis zu drei Stimmen die Choraltöne, sodass diese nur langsam fortschreiten. Solche Werke wurden solistisch und nur zu besonderen Terminen im Kirchenjahr gesungen; wichtige Vertreter waren Léonin und Pérotin.

Die Modalnotation gab über den Rhythmus Auskunft und unterschied zwischen tempus perfectum, dem Dreiertakt, und tempus imperfectum, dem geraden Takt. Im 13. Jahrhundert wurde sie durch die Mensuralnotation ersetzt, deren Regeln Franco von Köln formulierte. Sie verwendete zunächst Longa und Brevis, später auch Maxima und Semibrevis. Der Notenwert hing jedoch nicht nur von der Form, sondern auch von der Stellung zur Nachbarnote ab. Ligaturen, also mehrere zu einem Zeichen verbundene Noten auf einer Silbe, erschwerten die Entzifferung zusätzlich.

Höfische, volkstümliche und englische Musik

An den Höfen entwickelte sich neben der geistlichen Musik der Minnesang. In Südfrankreich sangen Trobadors in Altokzitanisch; als ältester Vertreter gilt Wilhelm IX. von Aquitanien. Im nördlichen Frankreich, besonders in der Normandie, und ab 1066 am englischen Hof wirkten die Trouvères in Altfranzösisch beziehungsweise Anglonormannisch. Unter diesem Einfluss entstand an fränkischen und alemannischen Höfen der mittelhochdeutsche Minnesang.

Kaufleute und Handwerker förderten in bürgerlichen Kreisen die Dicht- und Tonkunst. Auch Instrumental- und Tanzmusik wurde in zunftähnlichen Genossenschaften organisiert. Beispiele sind die Meistersingerschulen in Nürnberg, Ulm und Straßburg, die Nikolai-Bruderschaft zu Wien von 1288 und die Confrérie de Saint-Jullien des ménestriers zu Paris von 1330. Die parallele Entwicklung von Volkslied, Volkstanz und Spielmannsmusik lässt sich wegen der viel späteren Quellen nur schwer erschließen.

Aus England ist im Vergleich zu Frankreich wenig überliefert, unter anderem weil Codices später als Einbände für neue Bücher verwendet wurden. Der Sommerkanon Sumer is icumen in gilt als ältester überlieferter Kanon der Musikgeschichte. Er ist sechsstimmig und behandelt die Terz als Konsonanz, häufig in Terz-Sext-Klängen. Zwei tiefere Pes-Stimmen wechseln sich bei geringem Stimmumfang alle zwei Takte ab; darüber stehen vier Stimmen mit größerem Stimmumfang und einer längeren Melodie. Das Werk ist mit verschiedenen Liedtexten überliefert.

Ars nova, Ars subtilior und Trecento

Im frühen 14. Jahrhundert beschrieben Marchettus von Padua und Johannes de Muris neue Regeln der Mehrstimmigkeit. Dazu gehörte das Verbot von Quinten- und Oktavenparallelen, die Hucbald noch wegen ihres Wohlklangs gelobt hatte. Johannes de Muris verwendete außerdem bereits den Begriff Kontrapunkt statt Discantus für einen zweistimmigen Tonsatz.

Die französische Ars nova wurde vor allem durch Philippe de Vitry und Guillaume de Machaut geprägt. Die Mensuralnotation ermöglichte komplexere rhythmische Verfahren. In der Isorhythmie wiederholt sich im Tenor ein Rhythmusmodell, die Talea, während ein melodisches Modell, der Color, einen Choralabschnitt mehrfach präsentiert. Talea und Color durchlaufen die Musik asynchron; gegen Ende kann eine Beschleunigung auftreten. Die Oberstimmen beziehen sich auf den Tenor, sind aber meist nicht isorhythmisch. Charakteristisch sind außerdem Zahlen- und Proportionsspiele sowie der Hoquetus, bei dem zwei Stimmen rasch zwischen Singen und Pausieren wechseln.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde die Ars nova von der Ars subtilior abgelöst. Erweiterungen des Tonmaterials, eine stärkere rhythmische Untergliederung, häufige Mensurwechsel und Polyrhythmik führten zu sehr komplexen Ergebnissen. Ein Beispiel für Augenmusik ist Baude Cordiers in Herzform notiertes Liebeslied Belle, Bonne, Sage.

Die italienische Musik des 14. Jahrhunderts, das Trecento, unterschied sich in Notation und Stil von der französischen. Die italienische Notation blieb uneindeutig und benötigte Punkte zur regelmäßigen Gliederung. Die Überlieferung erschwert die Rekonstruktion zusätzlich, weil dieselben Werke mit unterschiedlicher Stimmenzahl oder zweistimmige Gerüste mit verschiedenen dritten Stimmen vorkommen. Eine zentrale Quelle ist der Squarcialupi-Codex.

Der Trecento-Stil ist gegenüber französischen Werken sanglicher. Auch unvollkommene Konsonanzen können auf Ruhepunkten erscheinen; Melismen beschränken sich meist auf die erste und vorletzte Silbe. Die wichtigste Gattung ist die Ballata, von Francesco Landini allein mit 140 Exemplaren vertreten. Daneben gibt es Madrigal und Caccia. In der Caccia jagen sich zwei kanonische Oberstimmen, während kurze Rufe in den Stimmenfluss eingefügt werden. Gegen Ende näherte sich die italienische Musik der französischen an. Johannes Ciconia war eine zentrale Gestalt; der Messzyklus wurde erst ab dem 15. Jahrhundert als eigene Gattung angesehen.

Quellen, Ausbildung und heutige Interpreten

Zu den genannten handschriftlichen Quellen gehören der Codex Blandiniensis in Brüssel, Codex 10127–10144 der Bibliothèque Royale, aus dem 8./9. Jahrhundert, sowie der Codex Florenz, die Jenaer Liederhandschrift, das Llibre Vermell de Montserrat, das Glogauer Liederbuch, das Lochamer-Liederbuch, das Augsburger Liederbuch von 1454 und das Rostocker Liederbuch um 1480.

Der weltweit einzige grundständige musikpraktische Vollzeitstudiengang für mittelalterliche Musik wird an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel angeboten. Eine zweijährige berufsbegleitende Fortbildung gibt es an der Akademie Burg Fürsteneck unter der Leitung von Marc Lewon, Uri Smilansky und Baptiste Romain. Von 2011 bis 2024 bestand an der Folkwang Universität der Künste in Essen ein zweijähriger berufsbegleitender Masterstudiengang „Musik des Mittelalters“, der einen einschlägigen musikalischen oder musikwissenschaftlichen Bachelorabschluss voraussetzte und unter anderem von Stefan Klöckner geleitet wurde.

Das deutsche, in München ansässige Kammerensemble Studio der frühen Musik war von 1960 bis 1977 auf Alte Musik, besonders Musik des Mittelalters und der Renaissance, spezialisiert. Die 1984 in Leipzig gegründete Gruppe Ioculatores beschäftigte sich seit 1988 ausschließlich mit der Musik des abendländischen Mittelalters und gilt als eines der ersten Ensembles für authentische mittelalterliche Musik in Ostdeutschland.

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