Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Weihnachtsfrieden (Erster Weltkrieg)
Der Weihnachtsfrieden (englisch Christmas Truce ‚Weihnachts-Waffenruhe') war eine von der Befehlsebene nicht autorisierte Waffenruhe während des Ersten …
Inhalt5 Abschnitte
Was der Weihnachtsfrieden war
Der Weihnachtsfrieden war eine von der Befehlsebene nicht autorisierte Waffenruhe während des Ersten Weltkriegs. Sie begann am 24. Dezember 1914 und dauerte an einigen Frontabschnitten mehrere Tage. Besonders bekannt sind die spontanen Verbrüderungen zwischen deutschen und britischen Soldaten in Flandern, vor allem an der Front zwischen Mesen und Nieuwkapelle. Die Ereignisse fanden nicht überall gleichzeitig und nicht in gleicher Form statt.
Die Soldaten legten zeitweise die Waffen nieder, trafen sich im Niemandsland zwischen den Schützengräben, bargen Gefallene, tauschten Geschenke und Andenken aus, unterhielten sich und sangen Weihnachtslieder. Teilweise kam es auch zu gemeinsamem Fußballspielen oder anderen gemeinschaftlichen Handlungen. Der Weihnachtsfrieden war kein offiziell vereinbarter Frieden und beendete den Krieg nicht. Seine genaue Geschichte lässt sich nur unvollständig rekonstruieren, weil die Berichte widersprüchlich und die offiziellen Unterlagen lückenhaft sind.
Voraussetzungen und Auslöser
Viele Soldaten waren 1914 voller Siegeszuversicht in den Krieg gezogen und hatten gehofft, „bis Weihnachten“ wieder zu Hause zu sein. Nach den schweren Kämpfen im Spätsommer und Herbst verflog dieser Optimismus jedoch. Der ursprünglich als schneller Bewegungskrieg geplante Feldzug war nach der Ersten Marneschlacht und dem gescheiterten „Wettlauf zum Meer“ in einen Grabenkrieg übergegangen. Ende 1914 standen sich die Truppen zwischen der Schweiz und dem Ärmelkanal in Systemen aus Schützen- und Laufgräben gegenüber.
Die Gräben waren zunächst teilweise improvisiert und boten oft nur wenig Schutz gegen Scharfschützen und Handgranaten. Die Soldaten waren auf diese Form der Kriegsführung nicht vorbereitet. Das schlechte Herbstwetter verwandelte viele Gräben der nördlichen Westfront in eisige Schlammlöcher. Nach nur fünf Monaten war die Front weitgehend erstarrt, während ein Kriegsende nicht abzusehen war. Gleichzeitig hatte sich die spätere, stark ausgebaute Materialschlacht mit dauerhaftem Trommelfeuer noch nicht vollständig entwickelt. Kirchen, Dörfer und Felder waren vielerorts noch als Reste des normalen Lebens erkennbar.
Auch ein gemeinsames christliches Verständnis von Weihnachten als Fest der Nächstenliebe spielte eine Rolle. Weihnachtslieder wie „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Silent night, holy night“ und „Douce nuit, sainte nuit“ waren in ähnlichen Formen bekannt. Bereits vor Weihnachten hatten deutsche und britische Einheiten in ruhigeren Phasen gelegentlich kurzzeitig die Waffen niedergelegt, um Gefallene zu bergen, Verwundete zu retten oder sich nach schweren Gefechten zu erholen. An einigen Frontabschnitten lagen die Gegner nur 50 bis 100 Meter voneinander entfernt, sodass Zurufe und Gespräche möglich waren.
Am 23. Dezember 1914 erhielten viele Soldaten Pakete aus der Heimat. Britische Soldaten bekamen unter anderem die „Princess Mary Box“: eine Metalldose mit dem Profilbildnis von Princess Mary, Schokolade, Scones, Zigaretten, Tabak und einer Grußkarte. 355.000 dieser Boxen wurden 1914 verschickt. Deutsche Soldaten erhielten Pakete ihrer Familien und Heimatgemeinden mit warmer Kleidung, Essen, Alkohol, Zigaretten und Briefen. Die Oberste Heeresleitung versandte außerdem zehntausende Miniaturweihnachtsbäume an die deutschen Fronten. Die Geschenke vermittelten vielen Soldaten erstmals seit Wochen oder Monaten wieder einen Eindruck vom Leben in Frieden. Die gemeinsame Situation aus Kälte, Schmutz, Erschöpfung, Munitionsmangel und weihnachtlicher Stimmung erleichterte offenbar Kontakte zum Gegner.
Ablauf und typische Ereignisse
Am Abend des 24. Dezember hörten deutsche Soldaten an einigen Stellen auf zu schießen und stellten kleine Weihnachtsbäume oder Kerzen auf die Grabenränder. Deutsche und britische Soldaten sangen Weihnachtslieder; anschließend sangen auch die Briten auf Englisch. Am Morgen des 24. Dezember war es vielerorts klar und still. Soldaten riefen einander zu, dass sie ihre Gefallenen bergen wollten. Unbewaffnete Männer gingen ins Niemandsland, ohne beschossen zu werden. Nach den Beerdigungen sprachen sie miteinander, häufig auf Englisch, weil viele Deutsche die Sprache gelernt oder in Großbritannien gearbeitet hatten.
Nicht nur einfache Soldaten beteiligten sich. Auch Offiziere nahmen teil und führten teilweise Verhandlungen. Leutnant Kurt Zehmisch vom sächsischen Infanterieregiment 134 befahl seinen Männern, während der Feiertage nicht auf die Briten zu schießen. Er notierte, dass Briten ihre Zustimmung durch Pfeifen und Klatschen ausdrückten. Am folgenden Tag kamen einige Briten mit einem Fußball aus ihrem Graben; es kam zu einem Hin- und Herkicken. Zehmisch und der kommandierende britische Offizier bezeichneten das Geschehen als unvorstellbar und unglaublich wunderbar.
Beim französischen Dorf Fromelles, westlich von Lille und etwa 30 Kilometer südlich von Ypern, betraten Soldaten der Gordon Highlanders das etwa 80 Meter breite Niemandsland, um Gefallene zu bergen. Dort wurde ein gemeinsamer Gottesdienst gefeiert. Psalm 23 wurde zunächst auf Englisch und anschließend auf Deutsch gesprochen. Die Beteiligten standen auf getrennten Seiten, die Offiziere vorne, und nahmen ihre Kopfbedeckungen ab.
In einem anderen Abschnitt übergaben sächsische Soldaten den Royal Welsh Fusiliers zwei Fässer Bier. Captain C. I. Stockwell und ein deutscher Offizier grüßten sich im Niemandsland. Die Briten schickten im Austausch Christmas Puddings. Beide Seiten tranken, sangen und kehrten anschließend in ihre Stellungen zurück. Berichte nennen außerdem den Austausch von Tabak, Zigaretten, Schokolade, Familienfotos, Adressen und anderen Andenken, gegenseitiges Haareschneiden und Rasieren sowie mindestens ein gemeinsames Schweinegrillen.
Der deutsche Leutnant Niemann berichtete in der Times von einem Fußballspiel bei Frelinghien-Houplines, das 3:2 für die Deutschen ausgegangen sein soll. Dieser konkrete Spielstand ist nicht überprüfbar und trug zur Legendenbildung bei. Sicher ist nur, dass es unorganisiertes Kicken zwischen Gegnern gab, ohne Tor und ohne Schiedsrichter. Auch an der Ostfront wurden ähnliche Feuerpausen berichtet, unter anderem bei Przemysl.
Ende, Umfang und Folgen
Heute wird angenommen, dass mindestens 100.000 Soldaten an der Westfront am Weihnachtsfrieden beteiligt waren, hauptsächlich Deutsche und Briten. Die Verbrüderungen wurden vor allem am 23. und 24. Dezember 1914 beobachtet. Einzelne Feuerpausen dauerten bis in den Januar 1915. An weniger wichtigen Frontabschnitten gab es außerdem kurze, informelle Absprachen zur Versorgung Verwundeter und zur Bergung von Toten.
An einigen englischen Abschnitten endete der allgemeine Waffenstillstand erst am 26. Dezember, dem Boxing Day. In bestimmten schottischen Abschnitten dauerte er bis zum Neujahrstag. Bei den Royal Welsh Fusiliers wurden um 8:30 Uhr drei Schüsse in die Luft abgegeben. Die Briten hissten eine Flagge mit „Merry Christmas“, worauf ein deutscher Hauptmann ein Tuch mit „Thank you“ zeigte. Nach gegenseitigem Salut kehrten beide Seiten in ihre Gräben zurück. Ein deutscher Soldat schoss zweimal in die Luft; danach wurde wieder gekämpft.
Die militärischen Führungen reagierten ambivalent. Viele Befehlshaber, darunter Sir John French, der Chef der British Expeditionary Force, erließen scharfe Disziplinierungsbefehle. Andere hielten die Ereignisse für vorübergehend und erwarteten, dass der Krieg nach Weihnachten normal weitergehen würde. Ein unmittelbares disziplinarisches Nachspiel gab es auf beiden Seiten dennoch nicht. Die Oberste Heeresleitung verbot Anfang 1915 ausdrücklich ähnliche Kontakte und erklärte, der freundschaftliche Verkehr habe an einzelnen Stellen „fast einem Waffenstillstand gleichgekommen“.
Im Jahr 1915 versuchten Truppen erneut, die Ereignisse zu wiederholen. Die Befehlshaber duldeten dies nun unter Androhung von Kriegsgerichtsverfahren nicht mehr. Ab 1916 verschwanden auch die kleinen, informellen Waffenstillstände, weil das Niemandsland zu einer ständigen Kampfzone geworden war. Der letzte bekannte, allerdings passive Augenzeuge war Alfred Anderson. Er starb am 21. November 2005 im Alter von 109 Jahren. Murdoch M. Wood sagte 1930 vor dem britischen Parlament, die Soldaten hätten wohl niemals wieder zu den Waffen gegriffen, wenn es nach ihnen gegangen wäre.
Erinnerung und Rezeption
Der Weihnachtsfrieden ist besonders Bestandteil der britischen kollektiven Erinnerung und wird häufig romantisch verklärt. Die tatsächlichen Vorgänge sind wegen unzusammenhängender, widersprüchlicher und später ausgeschmückter Berichte nur schwer zu bestimmen. In der deutschsprachigen Presse wurde der Waffenstillstand ebenfalls erwähnt, unter anderem in der Täglichen Rundschau. Die britische und französische Berichterstattung war freizügiger, stellte das Ausmaß aber als kleine Verbrüderung an einem unwichtigen Frontabschnitt dar.
Am 11. November 2008 wurde in Frelinghien das erste Denkmal zum Weihnachtsfrieden eingeweiht. Bei der Feier spielten Soldaten des 1st Battalion The Royal Welsh und deutsche Soldaten ein Fußballspiel. Außerdem wurde ein Bierfass zu den Walisern gerollt. Im Dezember 2015 wurde in Neuville-St. Vaast das „Monument des fraternisations“ eingeweiht. Wenige Tage später enthüllte man im belgischen Mesen ein Denkmal mit zwei Soldaten, die sich über einem Fußball die Hand reichen. Bereits ein Jahr zuvor hatte die UEFA in der Nähe von Mesen ein weiteres Denkmal geschaffen.
Die Ereignisse wurden außerdem künstlerisch verarbeitet. Der Film „Oh! What a Lovely War“ von Richard Attenborough erschien 1969, „Merry Christmas/Joyeux Noël“ von Christian Carion 2005. Paul McCartneys „Pipes of Peace“ von 1983 und das zugehörige Video greifen die Geschichte auf; Garth Brooks thematisierte sie 1997 im Lied „Belleau Wood“. Der Comic „Niemandsland“ von Ralf Marczinczik stellt das angebliche Fußballspiel mit dem Ergebnis 3:2 dar.