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Stille Nacht, heilige Nacht
Stille Nacht, heilige Nacht ist eines der bekanntesten Weihnachtslieder der Welt und gilt als Inbegriff des Weihnachtsbrauchtums im deutschen Sprachraum.
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Bedeutung und Entstehung
„Stille Nacht, heilige Nacht“ ist eines der bekanntesten Weihnachtslieder der Welt und gilt als Inbegriff des Weihnachtsbrauchtums im deutschen Sprachraum. Es wurde am 24. Dezember 1818 in der römisch-katholischen Kirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg erstmals aufgeführt. Heute steht an dieser Stelle die Stille-Nacht-Kapelle. Den Text schrieb Joseph Mohr, die Melodie komponierte Franz Xaver Gruber.
Joseph Mohr (1792–1848) verfasste das Gedicht bereits 1816 in Mariapfarr im Salzburger Lungau. Franz Xaver Gruber (1787–1863), Dorfschullehrer und Organist in Arnsdorf, komponierte auf Mohrs Wunsch vor Weihnachten 1818 eine Melodie dazu. Mohr war damit nicht nur Dichter, sondern auch Initiator des Liedes. Bei der Uraufführung sang er die Tenorstimme und begleitete sich auf der Gitarre; Gruber sang die zweite Stimme beziehungsweise den Bass.
Die Entstehung ist durch zwei wichtige Dokumente belegt: die 1854 verfasste „Authentische Veranlassung“ Grubers und ein Autograph Joseph Mohrs, das 1995 in Salzburg gefunden wurde. Das um 1823 entstandene, älteste erhaltene Dokument nennt Mohr als Verfasser des Textes und Gruber als Komponisten. Wahrscheinlich erklang das Lied nach der Christmette bei einer paraliturgischen Krippen-Andacht, also bei einer Andacht außerhalb der eigentlichen Liturgie. Deshalb wurde vermutlich nicht das Kirchenpositiv eingesetzt, sondern die einfache Begleitung mit Gitarre verwendet.
Verbreitung und gesicherte Urheberschaft
Ein wichtiger Schritt zur Verbreitung war die Weitergabe des Liedes durch den Orgelbauer Karl Mauracher aus Fügen im Zillertal. Er hatte die Orgeln in Arnsdorf und Oberndorf repariert beziehungsweise 1825 die Orgel der Schifferkirche St. Nikola neu erbaut. Zur Christmette 1819 wurde das Lied bereits in Fügen gesungen.
Von dort gelangte es zu reisenden Sängergruppen aus dem Zillertal. Die Geschwister Rainer übernahmen es und waren zwischen 1824 und 1843 in wechselnden Besetzungen in Deutschland, Großbritannien und Russland unterwegs. Die Geschwister Strasser sangen es 1831 auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt. Der Organist und Kantor Franz Alscher ließ sie das Lied bei der Christmette in der katholischen Kapelle der Pleißenburg aufführen. Am 19. Jänner 1832 sangen sie es außerdem in den Pausen eines Konzerts im Leipziger Gewandhaus. 1833 erschien es auf Flugblättern, 1840 in einer Liedersammlung des Verlags A. R. Friese.
Der Dresdner Erstdruck von 1833 trug den Titel „Vier ächte Tyroler-Lieder“. Er enthielt bereits weitgehend die heute übliche dreistrophige Auswahl: die erste, sechste und zweite Strophe des sechsstrophigen Originals, allerdings in dieser Reihenfolge. 1840 wurde der Text in New York ohne Noten und 1866 mit Noten gedruckt.
Die Erinnerung an Mohr und Gruber verblasste zunächst; das Lied galt als Tiroler Volksweise. 1854 suchte die preußische Hofkapelle im Auftrag des besonders angetanen Königs Friedrich Wilhelm IV. eine Abschrift, weil man das Werk fälschlich Michael Haydn zuschrieb. Dadurch wurde Gruber in Hallein gefunden und verfasste seine „Authentische Veranlassung zur Composition des Weihnachtsliedes ‚Stille Nacht, Heilige Nacht‘“. Dieses Dokument bestätigte seine Urheberschaft und die Beteiligung Mohrs.
Von Grubers sieben eigenhändigen Niederschriften, die Josef Gassner als „Gruber I“ bis „Gruber VII“ bezeichnete, gelten „Gruber I“, das Original von 1818, sowie „Gruber III“ und „Gruber VI“ als verschollen. Das älteste Schriftstück ist jedoch das Mohr-Autograph von 1820/1825. Die verschiedenen Niederschriften zeigen, wie das Lied für unterschiedliche Besetzungen bearbeitet wurde. Das Autograph „Gruber IV“ vom 12. Dezember 1836, die sogenannte Halleiner Version, steht in Es-Dur und ist für vier Singstimmen und ein größeres Ensemble mit Instrumenten geschrieben.
Melodie und Liedtext
Die originale Komposition ist für zwei gleichwertige Stimmen gedacht und steht in D-Dur. Der charakteristische 6/8-Takt erzeugt eine wiegende Bewegung. Das Lied verbindet mehrere musikalische Merkmale:
- Es weist Eigenschaften des Siciliano auf, einer musikalischen Satz- und Bewegungsart.
- Es ist eine Pastorelle, also eine Hirtenmusik.
- Zugleich wirkt es als Wiegenlied für das Jesuskind.
- Eine punktierte Achtelnote stößt die „Wiege“ in jedem Takt sinnbildlich an.
Die ursprüngliche Fassung war als einfaches „Hirtenspiel“ an einer Weihnachtskrippe gedacht. Erst in späteren Autographen passte Gruber die Musik an die jeweilige Besetzung an. Es entstanden unter anderem Fassungen mit Orgel, Hörnern, Streichinstrumenten und mehrstimmigem Chor. In einigen Niederschriften werden die letzten beiden Zeilen jeder Strophe vom Chor wiederholt.
Der Originaltext umfasst sechs Strophen. In der heute gebräuchlichen Fassung werden meist nur drei gesungen: die erste, zweite und sechste Originalstrophe. Im Evangelischen Gesangbuch und im Gotteslob (2013) sind die zweite und sechste Strophe vertauscht. Außerdem ersetzt die verbreitete Fassung „Jesus“ durch „Christ“. Ältere Formen wie „Jesum“ und „lockigten“ wurden teilweise modernisiert. In der sechsten Strophe wurde „Tönt es laut bei Ferne und Nah“ zu „Tönt es laut von Fern’ und Nah“ geändert.
Die alljährliche Gedenkmesse vor der Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf führt seit 2006 wieder alle sechs Strophen auf. Ein Beispiel für frühe Bearbeitungen ist das Liederbuch des Organisten Blasius Wimmer: Dort wurde „Nacht“ durch „Tag“ ersetzt und eine siebente Strophe ergänzt. Auch der Salzburger Domchoralist fertigte im November 1822 eine Fassung für zwei Singstimmen, zwei Klarinetten, zwei Hörner und Orgel an.
Übersetzungen und weltweite Verbreitung
Der deutsche Liedtext wurde weltweit in mehr als 300 Sprachen übersetzt und gesungen; in der Einleitung wird die Zahl 320 Sprachen und Dialekte genannt. Diese Angaben sind jedoch nur schwer zu überprüfen, weil keine vollständige Liste aller Sprachversionen vorliegt und sich Sprachgruppen und Dialekte nicht immer eindeutig unterscheiden lassen.
Die Zahlen verschiedener Sammlungen weichen deshalb voneinander ab. Schmaus verzeichnete 1967 41 Sprachversionen. Wallace J. Bronner listete 1994 177 Sprachen auf, zählte jedoch verschiedene Fassungen einzelner Sprachen getrennt und nahm auch die Brailleschrift als „Sprache“ auf. Für das Englische sind mehr als 40 Versionen bekannt, für Maori sieben, für Latein fünf und für die friesischen Sprachen sechs. Josef Keller sammelte ab 1948 Übersetzungen und verfügte 1995 nach eigener Aussage über mehr als 230 Sprachversionen. Martin Reiter veröffentlichte 2018 den Liedtext in 125 Sprachen, darunter auch acht Kunstsprachen. Die unterschiedlichen Angaben beruhen somit auf verschiedenen Zählweisen und Zusammenstellungen.
Die weltweite Verbreitung wurde durch Aufführungen, Abschriften, Drucke, reisende Sänger und später durch Schallplatten, Rundfunk und andere Medien unterstützt. Das Lied gehört seit seiner ersten Schallplattenaufnahme durch das US-amerikanische Haydn Quartet im Oktober 1905 zu den meistverkauften Weihnachtsliedern der Welt.
Rezeption, Medien und Aufnahmen
Das Lied wurde auch außerhalb des kirchlichen Weihnachtsgottesdienstes zu einem Symbol für Frieden und Weihnachten. 1914 sangen deutsche und britische Soldaten beim sogenannten Weihnachtsfrieden gemeinsam „Stille Nacht“. 1941 sangen Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill im Garten des Weißen Hauses gemeinsam die englische Fassung „Silent Night“.
Im Rundfunk erklang das Lied am 22. Dezember 1920 als erstes Lied im deutschen Radio. 1934 sang Bing Crosby „Silent Night“ in seiner Weihnachts-Radiosendung. Die Aufnahme wurde mit 30 Millionen Stück zur dritterfolgreichsten physischen Single der Geschichte. Für seine Aufnahme von 1935 werden bis 2003 geschätzte 10 Millionen Exemplare angegeben. Weitere Chartplatzierungen zeigen die anhaltende Popularität: Die Version der Wiener Sängerknaben erreichte in Österreich insgesamt Platz 33 und war fünf Wochen in den Charts; Udo Jürgens kam 2014/15 in Österreich auf Platz 66. Bing Crosby erreichte im Vereinigten Königreich Platz 8 und in den USA Platz 54. Versionen von The Dickies, Bros, Simon & Garfunkel, Sinéad O’Connor, Mahalia Jackson und Carrie Underwood konnten ebenfalls Chartplatzierungen erzielen; Bros kam im Vereinigten Königreich 1988/89 sogar auf Platz 2.
Im Dritten Reich wurde versucht, den Text nationalsozialistisch umzuschreiben, unter anderem mit Strophen über den „Kanzler“ und Adolf Hitler. Diese Fassungen stießen in der Bevölkerung auf breite Ablehnung und wurden nicht großflächig eingeführt.
Die Entstehung und Geschichte des Liedes wurden in Spielfilmen wie „Das unsterbliche Lied“ (1934), „Wunder einer Nacht“ (1979), „Das ewige Lied“ (1997) und „Stille Nacht“ (2012) dargestellt. Der Film „Merry Christmas“ (2005) verwendet das Lied als Auslöser des Weihnachtsfriedens von 1914. Außerdem gibt es mehrere Dokumentarfilme, darunter „Stille Nacht – Ein Lied für die Welt“ (2018) und „Silent Night – A Song for the World“ (2020). Historische Darstellungen in Filmen können dabei künstlerische Ergänzungen enthalten.
Die Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf ist heute eine Touristenattraktion. Museen in Oberndorf, Arnsdorf, Mariapfarr, Fügen und Hochburg-Ach dokumentieren Entstehung und Verbreitung. Im März 2011 nahm die österreichische UNESCO-Kommission das Lied als „Stille Nacht – das Lied zur Weihnacht“ in die Liste des Immateriellen Kulturerbes Österreichs auf; zugleich wurde es für eine internationale UNESCO-Liste vorgeschlagen.