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Wehrmachtsausstellung
Die erste hatte den Titel Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, die zweite Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges …
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Gegenstand und Bedeutung
Als „Wehrmachtsausstellung“ werden zwei Wanderausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung bezeichnet. Die erste war von 1995 bis 1999 unter dem Titel „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ zu sehen, die zweite von 2001 bis 2004 als „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“.
Beide Ausstellungen machten einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass die Wehrmacht während des Nationalsozialismus an schweren Verbrechen beteiligt war, besonders im Krieg gegen die Sowjetunion. Dazu gehörten ihre Mitwirkung am Holocaust, am Völkermord an den Sinti und Roma, an Massenmorden unter der Zivilbevölkerung, an der Ausraubung besetzter Gebiete und an der Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener. Damit widersprachen die Ausstellungen der verbreiteten Vorstellung von einer „sauberen Wehrmacht“, die unabhängig von den Verbrechen des NS-Regimes einen gewöhnlichen Krieg geführt habe.
Die erste Ausstellung löste eine außergewöhnlich breite und konfliktreiche öffentliche Debatte aus. Nach wissenschaftlicher Kritik wurde sie 1999 zurückgezogen und gründlich überprüft. Die zweite Ausstellung setzte andere methodische und gestalterische Schwerpunkte, hielt aber an der grundlegenden Aussage fest: Die Wehrmacht war als Organisation am Vernichtungskrieg und an den dabei begangenen Verbrechen beteiligt.
Erste Ausstellung: Inhalt und Gestaltung
Ein Vorläufer war die 1991 von Reinhard Rürup und anderen konzipierte Berliner Ausstellung „Der Krieg gegen die Sowjetunion“. Sie sollte besonders Schülern und Jugendlichen neue Forschungsergebnisse über sowjetische Kriegsopfer, deutsche Vernichtungspläne und die Beteiligung deutscher Führungseliten vermitteln, fand außerhalb Berlins aber wenig Beachtung.
Die erste Wehrmachtsausstellung wurde von Hannes Heer initiiert und zusammen mit Bernd Boll, Walter Manoschek und Hans Safrian vorbereitet. Auf rund 400 Quadratmetern präsentierte sie Schriftstücke und zeitgenössische Fotografien. Im Mittelpunkt standen drei Kriegsschauplätze: Serbien und der Partisanenkrieg, der Weg der 6. Armee nach Stalingrad sowie die deutsche Besatzung in Belarus. Gezeigt wurde militärische Gewalt gegen Kriegsgefangene, Partisanen, Juden und die gesamte Zivilbevölkerung. Ein weiterer Bereich behandelte die spätere Beseitigung und Verdrängung von Spuren.
Die Ausstellung vermittelte mehrere damals öffentlich noch wenig bekannte Forschungsergebnisse: Die Wehrmachtsführung plante den Beginn des Holocaust in den besetzten sowjetischen Gebieten mit und wirkte arbeitsteilig an seiner Durchführung mit. Ganze Truppenteile waren an Verbrechen beteiligt, während Widerstand selten blieb. Antisemitismus und Rassismus waren in Führung und Truppe weit verbreitet. Verbrecherische Anordnungen wie der „Kommissarbefehl“ wurden weithin ohne Widerspruch ausgeführt. Außerdem gehörte die millionenfache Vernichtung der osteuropäischen Zivilbevölkerung zu den beabsichtigten Kriegszielen.
Die Dokumente und meist privaten, häufig illegal aufgenommenen Soldatenfotografien wurden auf Stellwänden gezeigt. Vier Stellwände bildeten ein Eisernes Kreuz. Außenflächen enthielten Propagandatexte, Feldpostzitate und Geständnisse; die Innenflächen zeigten unter anderem Gewalt gegen sowjetische Juden, Kriegsgefangene, Deportationen und Vertreibungen. Die Verbindung von Tatfotografien mit vorausgegangenen Befehlen sowie Dokumenten über Leichenverbrennung, Aktenvernichtung, Urkundenfälschung und Nachkriegsverdrängung sollte den Zusammenhang von Planung, Tat und Spurenbeseitigung sichtbar machen.
Die Ausstellung wurde am 5. März 1995 in Hamburg eröffnet und bis zum 4. November 1999 in 34 Städten Deutschlands und Österreichs gezeigt. Rund 900.000 Menschen besuchten sie; besonders ab 1997 kam es häufig zu mehrstündigen Wartezeiten. Weitere 80 Städte hatten sie angefordert, und für die USA wurde 1999 eine englischsprachige Fassung erstellt.
Kontroversen und Proteste
Viele Medien bewerteten die Ausstellung positiv und betrachteten die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ als widerlegt. Kritiker wie Rüdiger Proske und Günther Gillessen bezeichneten sie dagegen als politisch einseitig oder unwissenschaftlich. Befürworter hoben hervor, dass sie eine überfällige gesellschaftliche Diskussion über die Rolle der Wehrmacht ausgelöst habe. 1999 wurde sie als eine der wirkungsvollsten politischen Ausstellungen der Bundesrepublik beschrieben.
Auch politisch war sie stark umstritten. Gegner verstanden sie als pauschale Verleumdung aller Wehrmachtsangehörigen, Befürworter als notwendige historische Aufklärung. In Bremen gefährdete der Konflikt zeitweise die große Koalition von CDU und SPD. In München unterstützten SPD, Grüne und Oberbürgermeister Christian Ude die Ausstellung, während die meisten CSU-Abgeordneten sie ablehnten. Der Bundestag debattierte am 13. März und am 24. April 1997 darüber; besonders die erste Aussprache wurde vielfach als „Sternstunde“ des Parlaments bezeichnet, weil Abgeordnete aller Parteien auch persönliche und biografische Fragen von Schuld behandelten.
Traditionsverbände ehemaliger Wehrmachtssoldaten und mehrere Vertriebenenverbände lehnten die Ausstellung überwiegend ab. Sie argumentierten, Verbrechen einzelner Einheiten würden unzulässig auf alle Soldaten übertragen. Das Bundesverteidigungsministerium erlaubte Bundeswehrangehörigen einen Besuch zunächst nur als Privatpersonen, obwohl manche Kommandeure ihn empfahlen.
Rechtsextremisten und Geschichtsrevisionisten begleiteten die Ausstellung mit Propaganda, Demonstrationen, Drohungen und Gewalt. Am 1. März 1997 demonstrierten in München 5000 von NPD und JN mobilisierte Neonazis; dies war eine der größten rechtsextremen Demonstrationen in Deutschland seit 1945. In Linz gab es Bombendrohungen. Am 9. März 1999 wurde auf das Ausstellungsgebäude in Saarbrücken ein Sprengstoffanschlag verübt; seit 2011 gilt der Nationalsozialistische Untergrund als möglicher Urheber. Revisionistische Schriften griffen unter anderem auf die widerlegte Präventivkriegsthese zurück, nach der Hitler mit dem Angriff auf die Sowjetunion einem Angriff Stalins zuvorgekommen sei.
Wissenschaftliche Kritik und Überprüfung
Die Ausstellung präsentierte überwiegend Forschungsergebnisse, die seit den 1960er Jahren entstanden waren, verband sie aber erstmals für ein großes Publikum mit privaten Fotografien. Historiker kritisierten den pauschal wirkenden Titel, die suggestive Gestaltung und die ungenügende Unterscheidung zwischen Tätern, Mittätern und Augenzeugen. Beispiele für Befehlsverweigerung und Nichtbeteiligung fehlten weitgehend. Manche Fotografien besaßen ungenaue Herkunftsangaben oder belegten nicht eindeutig das in der Bildunterschrift behauptete Geschehen. Außerdem fehlten nach Ansicht der Kritiker didaktische Hilfen zur Einordnung der schockierenden Bilder.
Bogdan Musial beanstandete 1999 die Zuordnung von zehn Fotos und erklärte, sie zeigten sowjetische statt deutsche Verbrechen. Krisztián Ungváry führte sechs Aufnahmen einer Hinrichtung serbischer Jugendlicher auf die ungarische Armee statt auf die Wehrmacht zurück und erhob wesentlich weitergehende Einwände gegen das Bildmaterial. Andere Historiker griffen diese Kritik auf.
Institutsleiter Jan Philipp Reemtsma zog die Ausstellung deshalb am 4. November 1999 vorläufig zurück und setzte eine Historikerkommission ein. Ihr am 15. November 2000 veröffentlichter Bericht stellte sachliche Fehler, Ungenauigkeiten und Flüchtigkeiten sowie eine teilweise zu pauschale und suggestive Präsentation fest. Gleichzeitig bestätigte er, dass die Grundaussagen über die Wehrmacht und den Vernichtungskrieg im Osten sachlich richtig seien. Die Autoren hätten intensiv und seriös mit Quellen gearbeitet; Fälschungen habe es nicht gegeben.
Von insgesamt 1433 Fotografien gehörten laut Kommission weniger als 20 nicht in eine Ausstellung über die Wehrmacht. Bei zwei der zehn von Musial kritisierten Bilder wurden falsche, ungeprüft aus Archiven übernommene Beschriftungen bestätigt. Die Kommission empfahl eine überarbeitete Präsentation, eine bessere Behandlung fotografischer Quellen und die stärkere Einbeziehung der Opferperspektive, ohne die Grundaussagen zu ändern. Ungváry hielt die Untersuchung jedoch für parteiisch und ungenau, weil sie nach seiner Ansicht Umfang und Berechtigung der Einwände nicht ausreichend geklärt habe.
Zweite Ausstellung und Bewertung
Die zweite Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“ wurde von Jan Philipp Reemtsma und Ulrike Jureit konzipiert. Sie eröffnete am 27. November 2001 in Berlin, wurde anschließend in mehreren deutschen und österreichischen Städten sowie in Luxemburg gezeigt und endete am 28. März 2004 in Hamburg. Mehr als 450.000 Menschen besuchten sie. Verteidigungsminister Rudolf Scharping erlaubte Soldaten und Generälen nun, in Uniform teilzunehmen.
Die Ausstellung behandelte anhand der Ereignisse in Ost- und Südosteuropa sechs Themen: Holocaust, Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener, Ernährungskrieg, Deportationen und Zwangsarbeit, Partisanenkrieg sowie Repressalien und Geiselerschießungen. Hinzu kamen die Handlungsspielräume einzelner Beteiligter und die Wahrnehmung der Wehrmacht nach 1945.
Die Gestaltung reagierte auf die Kritik an der ersten Fassung. Wertende Überschriften entfielen, Weiß ersetzte Schwarz als Hintergrundfarbe, und die Exponate wurden stärker in ihren historischen Zusammenhang eingeordnet. Weil sich die Beteiligung der Wehrmacht zuverlässiger in Schriftstücken als in Bildern nachweisen ließ, erhielten schriftliche Quellen mehr Gewicht. Private Soldatenfotografien entfielen weitgehend, wenn Fotograf, Personen, Ort, Zeitpunkt, Vorgang oder Überlieferungsweg nicht sicher zu bestimmen waren. Bei umstrittenen Bildern, etwa aus Tarnopol, wurde die Quellenproblematik ausdrücklich erklärt. Der Blick richtete sich stärker auf Orte, Zeiten, Umstände und Einzelheiten der Verbrechen als auf die Täter selbst.
Die Medien lobten die zweite Fassung überwiegend als wissenschaftlich und sachlich. Sie hielt an der These fest, dass die Wehrmacht einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führte und als Ganze Mitschuld an den damit verbundenen Verbrechen trug. Hannes Heer stimmte dem grundsätzlich zu, kritisierte aber das Fehlen wichtiger Themen wie der Wehrmachtsverbrechen beim Überfall auf Polen, der Beteiligung am Völkermord an den Sinti und Roma und der Rolle einheimischer Hilfsverbände. Er und weitere Kritiker bemängelten außerdem, dass durch den Verzicht auf viele Privatfotografien die Beteiligung einfacher Soldaten weniger sichtbar geworden sei. Rechtskonservative und Rechtsextreme organisierten erneut Gegenveranstaltungen; in Dortmund musste die Ausstellung nach dem Freisetzen von Buttersäure kurzzeitig unterbrochen werden.
Die Auseinandersetzung wurde auch filmisch dokumentiert. Ruth Beckermanns Dokumentarfilm „Jenseits des Krieges“ von 1996 zeigt Reaktionen ehemaliger Wehrmachtssoldaten auf die erste Ausstellung. Michael Verhoevens Film „Der unbekannte Soldat“, ab August 2006 im Kino, vergleicht beide Fassungen und kritisiert besonders die Entfernung privater Täterfotografien aus der zweiten Ausstellung.