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Warum ich kein Christ bin

Warum ich kein Christ bin (Originaltitel: Why I Am Not a Christian) ist ein Essay des britischen Philosophen, Mathematikers und Nobelpreisträgers Bertrand …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Aussage
  2. 2. Aufbau und Argumentation
  3. 3. Entstehung und Veröffentlichung
  4. 4. Philosophische Bezugnahmen und Gegenpositionen
  5. 5. Ähnliche Titel und wichtige Ausgaben

Gegenstand und zentrale Aussage

Warum ich kein Christ bin (Originaltitel: Why I Am Not a Christian) ist ein Essay Bertrand Russells aus dem Jahr 1927. Russell war britischer Philosoph, Mathematiker und Nobelpreisträger. Im Mittelpunkt steht seine kritische Prüfung christlicher Glaubensbegründungen, der christlichen Theologie und der gesellschaftlichen Praxis christlicher Kirchen.

Russell hält die vorgebrachten Gottesbeweise für logisch nicht zwingend. Religion beruhe seiner Auffassung nach vor allem auf Angst: auf der Angst vor dem Unbekannten, vor Niederlagen und vor dem Tod sowie auf dem Wunsch nach einer schützenden übergeordneten Instanz. Eine bessere Welt solle dagegen auf Wissen, Güte und Mut sowie auf einer freien und furchtlosen Intelligenz beruhen. Russell hofft deshalb, dass die Religion durch die Wissenschaft überwunden wird und Menschen mithilfe ihrer eigenen geistigen Fähigkeiten eine bessere Welt schaffen.

Aufbau und Argumentation

Im ersten Teil analysiert Russell mehrere Argumente für die Existenz Gottes. Dazu gehören das Argument der ersten Ursache, der teleologische Gottesbeweis und verschiedene moralische Existenzargumente. Das Argument der ersten Ursache erklärt die Welt aus einer ursprünglichen Ursache; der teleologische Gottesbeweis leitet aus Ordnung oder Zweckmäßigkeit der Welt einen Schöpfer ab. Russell bewertet diese Begründungen insgesamt als logisch nicht zwingend. Außerdem widersprächen sie seiner Ansicht nach teilweise den Eigenschaften, die Gott zugeschrieben werden, insbesondere Allmacht und Allwissenheit.

Im zweiten Teil untersucht Russell die christliche Theologie und die Praxis der Kirchen. Jesus beurteilt er als einen guten, aber nicht als einen sehr guten Menschen. Ausschlaggebend ist für ihn unter anderem, dass Jesus denjenigen, die ihm nicht folgten, mehrfach mit Hölle und ewiger Verdammnis drohte. Auch Jesu Glaube an das unmittelbar bevorstehende Ende der bisherigen Welt sei mit Weisheit beziehungsweise Allwissenheit nur schwer vereinbar.

Russell kritisiert außerdem, dass die moralischen Gesetze des Neuen Testamentes im Alltag vieler Christen wenig beachtet oder kaum umgesetzt würden. Den Kirchen wirft er vor, Gewalt innerhalb von Gesellschaften und zwischen Gesellschaften nicht wesentlich verringert, sondern eher gefördert zu haben. Daher bezeichnet er sie als den Hauptfeind („principal enemy“) des moralischen Fortschritts.

Die Angst ist für Russell die gemeinsame Grundlage von Religion und den mit ihr verbundenen Konflikten. Aus Angst könnten sowohl Grausamkeit als auch religiöse Bindung entstehen. Er fordert daher eine offene, ehrliche und auf die Zukunft gerichtete Betrachtung der Welt. Eine gute Welt brauche keine Fesselung der freien Intelligenz durch überlieferte Worte, sondern Wissen, Güte, Mut und einen furchtlosen Ausblick auf die Zukunft.

Entstehung und Veröffentlichung

Der Essay geht auf einen Vortrag zurück, den Russell 1927 in der Stadthalle von Battersea unter der Schirmherrschaft der National Secular Society hielt. Noch im selben Jahr wurde der Vortrag als Aufsatz veröffentlicht.

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1932. Herausgeber war der Kreis der Freunde monistischen Schrifttums in Dresden. 1957 veröffentlichte Paul Edwards den englischen Text in erweiterter Form. Diese Ausgabe enthielt zusätzlich mehrere Essays Russells zum gleichen Thema sowie den Anhang The Bertrand Russell Case. Darin ging es um die Probleme, die Russell nach seinem Eintreten für die Rechte von Homosexuellen in den Vereinigten Staaten bekam, als er Anfang der 1940er Jahre dort lehren wollte.

Der Vertrieb dieser erweiterten englischen Ausgabe wurde in verschiedenen Ländern verboten, unter anderem in Südafrika. 1963 erschien die erweiterte Fassung im Münchner Szczesny-Verlag; ab 1968 folgten zahlreiche hohe Neuauflagen bei Rowohlt.

Philosophische Bezugnahmen und Gegenpositionen

Der australische Philosoph John Leslie Mackie nahm 1981 Russells Auseinandersetzung mit den Gottesbeweisen auf und trug die Begründungen für die Existenz Gottes noch umfassender zusammen. Nach einer ausführlichen Analyse kam auch Mackie zu dem Urteil, dass es keinen vernünftigen Grund gebe, an die Existenz des christlichen Gottes zu glauben.

Der amerikanische Schriftsteller Philip Roth zitierte 2008 in seinem Roman Indignation, auf Deutsch Empörung, ausführlich aus Russells Vortrag. Der deutsche Philosophiehistoriker Kurt Flasch veröffentlichte 2013 unter dem fast gleichen Titel Warum ich kein Christ bin. Bericht und Argumentation seine eigene Ablehnung des Christentums. Im englischsprachigen Raum gibt es ähnlich formulierte Auseinandersetzungen, unter anderem von Richard Carrier.

Hans Küng stellte Russells Position 1987 mit Why I am still a Christian eine Gegenposition gegenüber. Küng bezog sich dabei unter anderem auf Nietzsche. Nach dieser Sicht könnte mit dem Schwinden der christlichen Religion auch die Deutungskraft allgemein geltender Moralvorstellungen abnehmen. Küng bezweifelt, dass eine absolute Moral allein auf Vernunft gegründet werden kann.

William E. Connolly griff in Why I Am Not a Secularist, auf Deutsch Warum ich kein Säkularist bin (2000), verschiedene Aspekte von Russells Argumentation auf und kritisierte sie. Connolly unterstellte Russell, die christlich-jüdische Tradition als bisherigen westlichen Bezugspunkt des öffentlichen Lebens durch einen einzigen säkular beziehungsweise wissenschaftlich begründeten Bezugspunkt ersetzen zu wollen. Russell gehe es nach der Darstellung des Artikels jedoch darum, Wissenschaft als Hilfsmittel zu verwenden, damit Menschen im Sinne der Aufklärung auf eigenen Beinen stehen und die Welt offen und ehrlich ansehen können. Connolly leitete aus seiner Deutung einen Gegensatz zwischen seinem radikalen Pluralismus und einem Russell zugeschriebenen Alleinvertretungsanspruch ab. Außerdem kritisierte er einen auf Russell zurückgeführten Säkularismus, der wegen eines verengten Verständnisses von Öffentlichkeit und Vernunft Freiheit und Diversität untergraben könne. Dies steht der im Essay vertretenen Forderung nach einer offenen, mutigen und aufgeschlossenen Sichtweise gegenüber.

Ähnliche Titel und wichtige Ausgaben

Der griffige Titel inspirierte verschiedene Nachahmer und ähnlich formulierte Titel. Karel Čapek setzte sich bereits 1924 in Warum ich kein Kommunist bin vom Kommunismus ab. C. S. Lewis verfasste 1952 Mere Christianity, das später unter dem deutschen Titel Pardon, ich bin Christ – Meine Argumente für den Glauben erschien. Friedrich Hayek veröffentlichte 1960 Why I Am Not a Conservative. Weitere Beispiele sind Ibn Warraqs Warum ich kein Muslim bin (1995), Kancha Ilaiahs Why I Am Not A Hindu und Jonathan M. Marks’ Why I Am Not a Scientist (2009). Marks kritisiert darin den verengten englischsprachigen Wissenschaftsbegriff, bei dem Science im Gegensatz zum deutschen Begriff Wissenschaft vor allem naturwissenschaftliche Fächer bezeichnet.

Zu den genannten Ausgaben von Russells Essay gehören die von Paul Edwards herausgegebene englische Ausgabe Why I am not a Christian von George Allen & Unwin, London, 1957 (OCLC 460035794), sowie ein Reprint mit einem neuen Vorwort von Simon Blackburn bei Routledge, London/New York, 2004 (ISBN 0-415-32510-2). Die deutsche Übersetzung von Annie Farchy erschien [1932] beim Kreis der Freunde monistischen Schrifttums in Dresden, mit einem Vorwort von Kurt Grelling: Wer ist Bertrand Russell. Eine weitere Übersetzung von Marion Steipe veröffentlichte der Szczesny Verlag im Mai 1963; die 2. Auflage folgte im Juli 1963. Diese Ausgabe stand im Jahr 1963 eine Woche lang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. 1968 erschien Steipes Übertragung bei Rowohlt in Reinbek bei Hamburg (DNB 457989858, ISBN 3-499-16685-2). Eine weitere deutsche Ausgabe von Grete Osterwald mit Vorwort von Martin Walser und Nachwort von Sebastian Kleinschmidt veröffentlichte Matthes & Seitz Berlin 2017 (ISBN 978-3-95757-268-4).

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