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Bertrand Russell

Russell war Atheist und Rationalist. Als weltweit bekannter Aktivist für Frieden und Abrüstung war er eine Leitfigur des Pazifismus, auch wenn er selbst kein …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Profil und Lebensweg
  2. 2. Mathematik und logische Grundlagen
  3. 3. Analytische Philosophie, Religion und Ethik
  4. 4. Politisches und gesellschaftliches Engagement
  5. 5. Lehrverbot, späte Jahre und Auszeichnungen
  6. 6. Zentrale Schriften

Profil und Lebensweg

Bertrand Arthur William Russell, 3. Earl Russell, wurde am 18. Mai 1872 bei Trellech in Monmouthshire, Wales, geboren und starb am 2. Februar 1970 in Penrhyndeudraeth, Gwynedd, Wales, an Influenza. Er war britischer Philosoph, Mathematiker, Religionskritiker und Logiker und gilt zusammen mit George Edward Moore als einer der Väter der analytischen Philosophie. 1950 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Russell stammte aus der englischen Aristokratie. Sein Großvater John Russell war britischer Premierminister und erhielt 1861 den Titel Earl Russell. Russell verlor seine Eltern und eine Schwester bereits in früher Kindheit und wuchs mit seinem Bruder Frank bei den Großeltern in Pembroke Lodge im Richmond Park auf. Seine Großmutter war religiös, vertrat aber fortschrittliche Ansichten über Wissenschaft und soziale Gerechtigkeit. Russell wurde von Privatlehrern unterrichtet und beschäftigte sich besonders mit Literatur und Mathematik. In seiner Autobiografie beschrieb er seine Jugend als einsam und unglücklich; von Suizidgedanken hielten ihn seine Familie und der Wunsch ab, etwas zur Mathematik beizutragen.

Von 1890 bis 1894 studierte Russell am Trinity College der Universität Cambridge Mathematik. Dort lernte er unter anderem George Edward Moore, Alfred North Whitehead und John Maynard Keynes kennen und wurde Mitglied der Cambridge Apostles. Mit der akademischen Lehre in Mathematik und Philosophie war er unzufrieden. Von 1895 bis 1901 konnte er als Fellow ohne Lehrverpflichtungen forschen. 1894 heiratete er Alys Pearsall Smith; die Ehe wurde 1921 geschieden. Später war Russell mit Dora Black, Patricia Helen Spence und ab 1952 mit Edith Finch verheiratet. Die Ehe mit Edith Finch hielt bis zu seinem Tod.

Mathematik und logische Grundlagen

In der ersten Hälfte seines Lebens beschäftigte sich Russell vor allem mit den Grundlagen der Mathematik und der mathematischen Logik. Beeinflusst wurde er unter anderem von Gottfried Wilhelm Leibniz, Giuseppe Peano und Gottlob Frege. 1900 lernte er auf einem mathematischen Kongress Peano und dessen Methoden kennen. Daraus entwickelte Russell den Ansatz, die gesamte Mathematik auf einen begrenzten Satz von Axiomen und Schlussregeln zurückzuführen.

Eine zentrale Entdeckung war die Russellsche Antinomie. Sie entsteht bei der Betrachtung der Menge aller Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten. Diese Menge enthält sich genau dann selbst, wenn sie sich nicht selbst enthält. Das ist ein Widerspruch. Deshalb kann die Menge aller sich selbst nicht enthaltenden Mengen nicht existieren. Die Antinomie widerlegte Freges Annahme, jedem Begriff entspreche eine Menge als Begriffsumfang, und führte zum Ende der naiven Mengenlehre.

Als Lösung entwickelte Russell die Typentheorie. Ihre erste Version erschien in Principles of Mathematics (1903); in Principia Mathematica (1910–1913) wurde sie weiterentwickelt. Die Typentheorie setzte sich in der Mengenlehre nicht dauerhaft durch, weil die Zermelo-Fraenkel-Mengenlehre als leistungsfähiger galt.

Zusammen mit Alfred North Whitehead verfasste Russell die Principia Mathematica. Die Arbeit dauerte von 1902 bis 1913; 1910–1913 erschienen drei Bände. Ziel war, alle mathematischen Wahrheiten aus Axiomen und Schlussregeln zu konstruieren. Russell konzentrierte sich stärker auf philosophische, Whitehead auf mathematische Probleme. Ein angekündigter vierter Band über die Grundlagen der Geometrie wurde nicht vollendet. Nach Introduction to Mathematical Philosophy (1919), das frühere Arbeiten und ihre philosophische Bedeutung erklärte, wandte sich Russell zunehmend philosophischen Fragen zu.

Analytische Philosophie, Religion und Ethik

Russells erster bedeutender Beitrag zur Sprachphilosophie war die Kennzeichnungstheorie, die er 1905 im Essay On Denoting vorstellte. Sie behandelt die Denotation, also die Beziehung sprachlicher Ausdrücke zu dem, worauf sie verweisen, und entwickelte eine Theorie der definiten Deskription. Russell vertrat dabei die Idee einer idealen Sprache und beeinflusste den Logischen Positivismus.

Außerdem entwickelte er den logischen Atomismus. Nach dieser Auffassung gibt es eine grundlegende Sprache, auf die gewöhnliche Gesetze zurückgeführt werden können. Sie besteht aus atomischen, nicht weiter reduzierbaren logischen Fakten. The Philosophy of Logical Atomism (1918/1919) und Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus gelten als grundlegende Werke dieser Richtung. Wittgenstein war zunächst Russells Schüler und später sein Gesprächspartner und Freund.

Russell schrieb mehrere Bücher über Ethik und Moral, erkannte Ethik aber nicht als Philosophie im eigentlichen Sinne an, weil ihre Aussagen nicht als Wissen gelten könnten. Zunächst war er durch George Edward Moores Auffassung beeinflusst, ethische Fakten könnten objektiv sein. Später näherte er sich David Humes subjektiver Ethik und meinte, Ethik leite sich aus den „Leidenschaften“ ab. Die modernen Wissenschaften hielt er dagegen für eine zuverlässige Quelle von Erkenntnis. Ein Grundsatz seiner 1951 veröffentlichten Zehn Gebote eines Liberalen lautete: „Fühle dich keiner Sache völlig gewiss!“

Russell war in seiner Jugend zeitweise von Hegels Philosophie und dem Glauben an Gott beeinflusst. Später wurde er Agnostiker, Skeptiker und gegen Ende seines Lebens Atheist. Als Agnostiker verstand er sich in dem Sinne, dass die Nichtexistenz irgendeines Dinges, also auch eines Gottes, nicht bewiesen werden könne. Die Religion müsse aber zunächst die Existenz Gottes beweisen; das sei bislang nicht gelungen. Russells Religionskritik fasste er in Warum ich kein Christ bin (1927; erweitert 1957) zusammen. Religion, besonders das Christentum, hielt er für ein aus Angst entstandenes Übel und kritisierte auch die christliche Sexualethik. Im hohen Alter erkannte er zugleich, dass das christliche Lebensgefühl seine eigenen Gefühle stärker beeinflusst hatte, als er zuvor angenommen hatte.

Politisches und gesellschaftliches Engagement

Russell verband wissenschaftliche und philosophische Arbeit mit politischem Engagement. Er setzte sich für das Frauenwahlrecht und soziale Gerechtigkeit ein und kandidierte 1907 erfolglos für das House of Commons. Sein erstes Buch behandelte 1896 die deutsche Sozialdemokratie. In Proposed Roads to Freedom: Socialism, Anarchism and Syndicalism (1919) befürwortete er eine moderate Form des Syndikalismus, den englischen Gildensozialismus. Freiheit und Demokratie seien nicht vollständig verwirklicht, solange Beschäftigte nicht über ihr Management entscheiden könnten. Er stellte sich einen allmählichen Übergang vor und wollte die vollständige Autogestion von Privatunternehmen ermöglichen.

Im Ersten Weltkrieg stellte Russell seine mathematische Forschung zurück. Ab 1914 wandte er sich gegen die Kriegsteilnahme des Vereinigten Königreichs und unterstützte Kriegsdienstverweigerer. Wegen eines Flugblatts wurde er zunächst zu einer Geldstrafe und später wegen eines Artikels in einer Antikriegsdienst-Zeitschrift zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Cambridge entzog ihm wegen seiner politischen Aktivität die Professur. Die Haftbedingungen waren mild; Russell konnte lesen und schreiben und verfasste im Gefängnis mehrere Bücher.

1920 besuchte Russell mit einer Labour-Delegation die Sowjetunion und sprach unter anderem mit Lenin. Die Reise enttäuschte ihn; danach war er ein ausgesprochener Gegner des Kommunismus. 1920 und 1921 reiste er außerdem nach China und Japan. Mit Dora Black gründete er 1927 die libertäre experimentelle Beacon Hill School für ihre Kinder Kate und John. Russell arbeitete in dieser Zeit vorwiegend als Schriftsteller und schrieb auch populärwissenschaftliche Texte über Quantenphysik und Relativitätstheorie.

Seine Haltung zum Krieg veränderte sich. 1935 befürwortete er in Which Way to Peace? noch eine Appeasement-Politik gegenüber Nazideutschland, rückte davon aber 1940 ab und erklärte, Hitler müsse besiegt werden. Nach dem Abwurf der ersten Atombombe 1945 sah er die Menschheit durch einen möglichen Atomkrieg bedroht. Zunächst befürwortete er sogar einen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion und eine Weltregierung unter Führung der USA. Nach den ersten sowjetischen Atombombentests 1949 setzte er sich vor allem für die Verhinderung eines Dritten Weltkriegs ein.

1955 verfasste er mit Albert Einstein und anderen das Russell-Einstein-Manifest. Daraus gingen 1957 die Pugwash Conferences on Science and World Affairs hervor. Als Präsident der 1958 gegründeten Campaign for Nuclear Disarmament setzte sich Russell für atomare Abrüstung ein. 1962 versuchte er während der Kubakrise durch Telegramme an John F. Kennedy, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, Sithu U Thant und Harold Macmillan zu vermitteln. 1963 gründete er die Bertrand Russell Peace Foundation. Seit 1966 untersuchte er in den Russell-Tribunalen unter anderem mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Günther Anders und Peter Weiss Kriegsverbrechen der USA in Vietnam.

Lehrverbot, späte Jahre und Auszeichnungen

1939 nahm Russell eine Stelle am City College of New York an. 1940 musste die Universität seine Ernennung zum Professor zurückziehen, nachdem fundamentalistische Christen und Politiker gegen seine Religionskritik und besonders gegen Ehe und Moral protestiert hatten. Ein Gerichtsverfahren untersagte seine Berufung mit der Begründung, er gefährde die Moral der Studenten. Albert C. Barnes gab Russell eine Lehrstelle an der Barnes Foundation. Die dort gehaltenen Vorlesungen bildeten die Grundlage für Philosophie des Abendlandes, das 1945 erschien und finanziell sehr erfolgreich war.

1944 kehrte Russell nach England zurück und lehrte wieder am Trinity College in Cambridge. Außerdem arbeitete er für die BBC. 1948 überlebte er den Flugunfall des Flugboots Bukken Bruse in Norwegen. 1949 erhielt er den Order of Merit, 1950 den Nobelpreis für Literatur, 1957 den Kalinga-Preis, 1960 den Sonning-Preis der Universität Kopenhagen und 1963 den Jerusalempreis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft. 1908 war er Fellow der Royal Society geworden, die ihm 1934 die Sylvester-Medaille verlieh; 1949 wurde er Ehrenmitglied der British Academy und 1951 Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters.

Auch nach 1950 blieb Russell öffentlich aktiv. 1961 wurde er wegen Aufrufs zum Widerstand gegen die Staatsgewalt zu zwei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt; wegen ärztlicher Atteste wurde die Strafe auf eine Woche herabgesetzt. Von 1967 bis 1969 erschien seine Autobiografie in drei Bänden. Russell starb im Alter von 97 Jahren.

Zentrale Schriften

Russell veröffentlichte eine sehr große Zahl von Büchern, Essays, Pamphleten und Briefen. Zu den für sein Denken besonders wichtigen Werken gehören:

  • The Principles of Mathematics (1903), On Denoting (1905) und die gemeinsam mit Alfred North Whitehead verfasste Principia Mathematica (1910–1913) behandeln mathematische Grundlagen, Logik und Sprache.
  • The Philosophy of Logical Atomism (1918–1919) und Introduction to Mathematical Philosophy (1919) erklären zentrale Positionen seiner Logik und ihrer philosophischen Bedeutung.
  • The Problems of Philosophy (1912), Our Knowledge of the External World (1914), The Analysis of Mind (1921) und An Inquiry into Meaning and Truth (1940) behandeln erkenntnistheoretische, sprachphilosophische und geistphilosophische Fragen.
  • Why I Am Not a Christian (1927; erweitert 1957), Marriage and Morals (1929), Religion and Science (1935) sowie Human Society in Ethics and Politics (1954) befassen sich mit Religion, Moral und Gesellschaft.
  • Roads to Freedom: Socialism, Anarchism, and Syndicalism (1918), Power: A New Social Analysis (1938) und A History of Western Philosophy (1946) verbinden politische, gesellschaftliche und philosophiegeschichtliche Themen.
  • Common Sense and Nuclear Warfare (1959), Has Man a Future? (1961), Unarmed Victory (1963) und War Crimes in Vietnam (1967) spiegeln sein Engagement für Frieden, Abrüstung und Menschenrechte wider.

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