Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Szientismus
Szientismus (von lateinisch scientia ‚Wissen', ‚Wissenschaft'), auch Szientizismus oder Scientismus, ist ein von dem französischen Biologen Félix le Dantec …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Grundannahmen
Szientismus, auch Szientizismus oder Scientismus, bezeichnet die Auffassung, dass sich alle sinnvollen Fragen mit wissenschaftlichen Methoden beantworten lassen. Er beruht auf einem positivistischen Wissenschaftsverständnis: Als sinnvoll oder wirklich gilt vor allem, was sich wissenschaftlich beobachten, prüfen und begründen lässt. Aussagen etwa aus Religion oder Metaphysik, die diesen Anforderungen nicht entsprechen, gelten aus szientistischer Sicht als sinnlos oder als Aussagen über nicht existente Dinge.
Der Szientismus will wissenschaftliche Methoden auf nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche, besonders auf die Politik, übertragen. Nach dieser Auffassung gibt es weder etwas außerhalb des Gegenstandsbereichs der Wissenschaft noch einen Bereich menschlicher Tätigkeit, auf den wissenschaftliche Erkenntnisse nicht erfolgreich angewendet werden könnten.
Der Begriff wurde bald auch abwertend gebraucht. Kritiker verstehen Szientismus als Reduktionismus, also als Versuch, komplexe Erscheinungen auf eine einzige Art von Erklärung zurückzuführen, und deshalb als verengtes Weltbild. Umgekehrt wird diese Kritik teilweise als Versuch bewertet, bestimmte Überzeugungen gegen wissenschaftliche Prüfung abzuschirmen. Joseph A. Schumpeter hielt beispielsweise die Übertragung von Methoden der mathematischen Physik auf die Wirtschaftswissenschaft für unbedenklich, sofern dadurch keine physikalischen Inhalte in die Ökonomie übernommen werden.
Formen und zentrale Thesen
Szientismus tritt besonders als Physikalismus und Biologismus auf. Physikalismus betrachtet physikalische Beschreibungen als grundlegende oder letztlich ausreichende Erklärungen; Biologismus überträgt biologische Erklärungen auf andere Bereiche. Weitere reduktionistische Formen sind Psychologismus, Soziologismus und Ökonomismus.
Die Scientismusthese im engeren Sinn besitzt mehrere Varianten:
-
Der methodologische Szientismus behauptet, die Methoden der exakten Wissenschaften seien auf die Humanwissenschaften anwendbar und für deren Aufbau ausreichend. In der radikalen Variante werden dabei ausschließlich die Methoden der Naturwissenschaften anerkannt.
-
Der moralische Szientismus vertritt den „technologischen Imperativ“: Was man versteht und technisch umsetzen kann, soll man auch umsetzen („can implies ought“). Moralische Grenzen für die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse gelten danach als nicht gerechtfertigt.
-
Die These der Szientokratie besagt, menschliche Beziehungen und ganze Gesellschaften könnten ausschließlich nach wissenschaftlichen Kriterien organisiert werden. Auch Ethik ließe sich demnach letztlich wissenschaftlich begründen.
Typische Beispiele
Der Biologe Ulrich Kutschera vertritt die Auffassung, dass der gesamte verlässliche und technologisch nutzbare Wissensbestand letztlich auf der Arbeit von Naturwissenschaftlern beruhe. Die von ihm als „Verbalwissenschaft“ bezeichnete Geisteswissenschaft produziere dagegen lediglich „Tertiärliteratur“. Weil Denken ein biologischer Vorgang sei, müsse nach seiner Ansicht auch das Verständnis seiner Produkte Aufgabe der Biologie sein. Er stellt dem nachweisbaren Erkenntnisfortschritt der Realwissenschaften, der auf objektiven Daten beziehungsweise Fakten und Theorienbildung beruhe, die seiner Meinung nach häufig subjektiven und faktisch unzureichend begründeten Spekulationen von Geisteswissenschaftlern gegenüber.
Ein Gegenbeispiel zur ausschließlichen Orientierung an wissenschaftlichen Methoden bietet die Diskussion über die Hebammenkunst seit den späten 1960er Jahren. Hier wird zusätzlich eine „künstlerische“ Zugangsweise betont, die tradierte Erfahrungen, implizites Wissen – also praktisch vorhandenes, nicht vollständig ausdrücklich formuliertes Wissen – und Einfühlungsvermögen einbezieht. Damit wird eine als szientistisch verstandene Beschränkung auf wissenschaftliche Methoden bestritten.
Auch politische Systeme können szientistisch ausgerichtet sein. Der NS-Staat war eine Diktatur, die durch die Nationalsozialistische Rassenhygiene ein biologisches Utopia anstrebte. Die Sowjetunion stützte ihre Gesellschaftsutopie ebenfalls auf Argumente, die sie als wissenschaftlich ansah: Mithilfe moderner wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse des Wissenschaftlichen Sozialismus sollte eine klassenlose Gesellschaft entstehen.
Kritik an mechanischen und induktiven Modellen
Hegel kritisierte bereits im Deutschen Idealismus ein Wissenschaftsverständnis, das Objektivität mechanisch oder physikalistisch auffasst. Er wandte sich gegen den von Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ entwickelten Objektivitätsbegriff und stellte ihm eine erfahrungslogische Untersuchung dessen gegenüber, was überhaupt vorhanden ist und erklärt werden soll. Vor jeder genetischen oder kausalen Erklärung der Frage „Woher kommt etwas?“ müsse zunächst bestimmt werden, was für eine Form der zu erklärende Gegenstand besitzt.
Objektivität beruht für Hegel wesentlich auf Erfahrung und auf geschichtlich entwickelten Formen von Natur, Kultur, Sprache, Handeln und Wissen. Wissenschaftliche Erklärungen setzen solche Formen bereits voraus. Diese Voraussetzungen lassen sich nicht einfach durch Ergebnisse höherer Erklärungsebenen widerlegen. Eine kausale Theorie kann daher die praktische, von Hegel als „empraktisch“ bezeichnete Objektivität des Lebens, Handelns und Urteilens nicht außer Kraft setzen. Physikalische, mechanische oder chemische Erklärungen bleiben in instrumentelles Handeln und in das Interesse an bedingten Prognosen eingebunden. Hegels Philosophie begrenzt damit die Ansprüche wissenschaftlicher Erklärungen und richtet sich gegen eine szientistische Weltanschauung.
Friedrich August von Hayek kritisierte naturwissenschaftlich inspirierte Methoden in den Sozialwissenschaften als Szientismus. Im Zusammenhang mit seiner Auffassung vom „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ hielt er diese Beschreibung des Marktgeschehens für angemessener als neoklassische Gleichgewichtsmodelle. Bei komplexen biologischen, geistigen und gesellschaftlichen Erscheinungen stoße ein physikalistisches Modell hinsichtlich Erklärung und Vorhersage an inhärente, also im Gegenstand selbst liegende Grenzen.
Karl Popper sah die Gefahr des Szientismus in einem falschen Verständnis naturwissenschaftlicher Methoden. Der Szientismus nehme an, Naturwissenschaft arbeite induktiv, leite also allgemeine Aussagen aus einzelnen Beobachtungen ab, und diese Methode müsse auf andere Gebiete übertragen werden. Nach Popper gibt es jedoch keine induktive Methode. Sein Kritischer Rationalismus befürwortet zwar eine einheitliche wissenschaftliche Methode, versteht sie aber als Falsifikationsprinzip: Vermutungen müssen so geprüft werden, dass sie an Beobachtungen oder Experimenten scheitern können. Forschung besteht dabei in der aktiven Veränderung des Forschungsgegenstands im Experiment, um Probleme zu lösen, und nicht lediglich in passiver Beobachtung.
Hermeneutik, Erkenntnis und Ethik
Im sozialwissenschaftlichen Methodenstreit warfen Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule selbst Popper „Positivismus“ vor. Im Mittelpunkt stand der Gegensatz zwischen Methodenmonismus und Methodendualismus. Methodenmonismus bedeutet, naturwissenschaftliche Methoden auch in Geistes- und Sozialwissenschaften anzuwenden. Der Methodendualismus unterscheidet dagegen verschiedene Zugänge. Eine hermeneutische Position – Hermeneutik ist die Lehre vom Verstehen und Auslegen – knüpft an Wilhelm Diltheys Unterscheidung zwischen erklärenden und verstehenden wissenschaftlichen Ansätzen an und kritisiert die allgemeine Orientierung an den Naturwissenschaften.
Jürgen Habermas bezeichnet in „Erkenntnis und Interesse“ die generelle Gleichsetzung von Wissenschaft und Erkenntnis als szientistisch. Wissenschaftliche Erkenntnis sei nur eine Form von Erkenntnis. Dabei greift er auch das von Edmund Husserl eingeführte Konzept der Lebenswelt auf, also der alltäglich erfahrenen Welt, die wissenschaftlichen Beschreibungen vorausliegt. Bereits Husserl nutzte dieses Konzept zur Kritik der positiven Wissenschaften.
Karl-Otto Apel kritisiert den Behaviorismus von Burrhus Frederic Skinner sowie manche soziologischen „Systemtheoretiker“, womit Niklas Luhmann gemeint ist. Der Szientismus bedenke seine eigenen Möglichkeitsbedingungen nicht: Wenn Menschen wissenschaftlich konditioniert werden sollen, bleibt beispielsweise die Frage offen, wer die Wissenschaftler als Konditionierer konditioniert oder verantwortlich kontrolliert.
Apel sieht den Ausweg in einer Letztbegründung der Ethik. Seine Überlegung lautet: Schon logisches Argumentieren und damit auch Wissenschaft setzen eine intersubjektiv gültige Ethik voraus. „Intersubjektiv“ bedeutet, dass ihre Geltung nicht nur für ein einzelnes Subjekt, sondern zwischen allen Beteiligten beansprucht wird. Auf dieser Grundlage soll die szientistische Blockierung ethischer Rationalität überwunden werden. Das grundlegende ethische Prinzip erkennt Apel in der wechselseitigen Anerkennung der Beteiligten innerhalb einer idealen Kommunikationsgemeinschaft.