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Warschauer Ghetto

Das Warschauer Ghetto, von den deutschen Behörden „Jüdischer Wohnbezirk in Warschau“ genannt, wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten für …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Entstehung und Funktion
  2. 2. Herrschaft, Alltag und Zwangsarbeit
  3. 3. Deportationen, Widerstand und Aufstand
  4. 4. Folgen und Erinnerung
  5. 5. Deutsche Strafverfolgung und Quellen

Entstehung und Funktion

Das Warschauer Ghetto, von den deutschen Behörden „Jüdischer Wohnbezirk in Warschau“ genannt, war im Zweiten Weltkrieg das mit Abstand größte nationalsozialistische Ghetto. Es lag im Stadtzentrum Warschaus westlich der Altstadt im Stadtteil Wola und umfasste 3,1 km². 1941 lebten dort 450.000 Menschen, eine Dichte von 146.580 Einwohnern pro km². Insgesamt wurden etwa 500.000 Menschen in das Ghetto verschleppt.

Vor dem deutschen Überfall auf Polen 1939 lebten fast 370.000 Juden in Warschau, fast 30 Prozent der Stadtbevölkerung. Warschau war ein Zentrum jüdischen sozialen, kulturellen, politischen und religiösen Lebens; Polen besaß damals die größte jüdische Gemeinde Europas.

Am 2. Oktober 1940 ordneten die Deutschen an, dass alle jüdischen Einwohner innerhalb von sechs Wochen in ein Gebiet westlich des Zentrums umziehen mussten; nichtjüdische Bewohner mussten es verlassen. In der Nacht vom 15. auf den 16. November 1940 wurde das Gebiet abgeriegelt: Eine 18 Kilometer lange, 3 Meter hohe Mauer mit zunächst 22 Toren wurde von SS-Wachen unter Paul Moder bewacht.

Das Ghetto war zunächst ein Zwangswohnbezirk und wurde ab Juli 1942 vor allem zum Sammellager für Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka. Es war damit Teil der organisierten Massenvernichtung der Juden, der Shoah, die von den Nationalsozialisten als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichnet wurde.

Herrschaft, Alltag und Zwangsarbeit

Als deutscher Kommissar leitete Heinz Auerswald den „Jüdischen Wohnbezirk“. Es gab eine nur nominelle Selbstverwaltung: Der den Deutschen völlig unterstellte Judenrat unter Adam Czerniaków und eine unbewaffnete jüdische Ordnungspolizei mussten deutsche Anordnungen ausführen. Der Judenrat war unter anderem für Armenfürsorge, Ordnungsdienste, Arbeitsbestimmungen und die Bereitstellung der für Abtransporte nach Treblinka verlangten Menschen am Umschlagplatz zuständig. Die deutsche Transferstelle Warschau kontrollierte den Wirtschaftsverkehr.

Überfüllung, strenge Rationierung, Hunger und Seuchen prägten den Alltag. Die tägliche Lebensmittelzuteilung betrug für Ghettobewohner 184 Kilokalorien pro Kopf; Polen erhielten 634, Deutsche 2310 Kilokalorien. Der Arzt Ludwik Hirszfeld schilderte überfüllte Straßen, zerlumpte und hungernde Menschen, Abfälle, Bettler sowie Tote, die wegen fehlender Bestattungskosten auf die Bürgersteige gelegt wurden; Flecktyphus war eine Todesursache.

Viele Bewohner wurden zu Zwangsarbeit in deutschen Betrieben und militärischen Zulieferfirmen gezwungen. Außerhalb des Ghettos bestanden anfangs etwa 50 Privatbetriebe; die größten „Shops“ waren Többens und Schultz Co. GmbH. Ein Arbeitsnachweis in einem Shop, eine „Zwangsarbeitserlaubnis“, bedeutete später ein vorläufiges Recht zu überleben. Die Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des Ghettos wurden jedoch zunehmend eingeschränkt.

Trotz der Bedingungen gab es meist im Untergrund Hilfs- und Kulturarbeit: Hauskomitees unterstützten Arme, Jugendgruppen richteten Kinderecken für Waisen ein, betrieben Theater und Bibliotheken. Konzerte, Literaturabende und Ausstellungen fanden heimlich statt. Diese Kontakte halfen auch konspirativen Jugendgruppen und illegalen Hilfsorganisationen bei ihren späteren Widerstandsplanungen.

Deportationen, Widerstand und Aufstand

Ab dem 22. Juli 1942 löste die SS das Ghetto in der „Großen Aktion“ im Rahmen der Aktion Reinhardt schrittweise auf. Die meisten Deportierten wurden nach Treblinka gebracht. Die Deutschen verkleinerten das Gebiet immer weiter und bezeichneten die Ermordung der übrigen Gefangenen als „Liquidierung“.

Nach den großen Deportationen im Sommer 1942 war das Ghetto kein Wohnbezirk mehr, sondern ein aus getrennten Teilen bestehendes Restghetto mit Zwangsarbeitern. Anfang September wurden die letzten Shops auf der „arischen“ Seite geschlossen. Am 6. September 1942 mussten sich alle Ghettobewohner um 10 Uhr im Karree zwischen Miła-, Lubecki- und Stawki-Straße zu weiteren Selektionen versammeln. Dabei wurden erneut mehrere Zehntausend Menschen zum Umschlagplatz geführt.

Eine Gruppe um Emanuel Ringelblum dokumentierte das jüdische Leben und die Verbrechen der Besatzer im teilweise erhaltenen Untergrundarchiv Oneg Schabbat. Anfang 1943 lebten offiziell noch etwas mehr als 40.000 Menschen im Ghetto; Historiker gehen zusätzlich von bis zu 30.000 illegal dort lebenden Menschen aus.

Am 19. April 1943 begann die Jüdische Kampforganisation, die Żydowska Organizacja Bojowa (ŻOB beziehungsweise ZOB), den bewaffneten Aufstand. Die SS unter Jürgen Stroop schlug ihn bis zum 8. Mai blutig nieder, doch Widerstand dauerte bis zum 16. Mai an. Die SS brannte das gesamte Ghetto nieder; verbliebene Bewohner wurden erschossen oder vor allem nach Treblinka deportiert. Wenige entkamen durch mit Rauchbomben und Sprengsätzen präparierte Kanalisation, darunter Hersz Berliński, Marek Edelman und Zivia Lubetkin.

Am 16. Mai 1943 meldete Stroop nach der Sprengung der Warschauer Synagoge um 20.15 Uhr das Ende der „Großaktion“ und 56.065 „erfasste und nachweislich vernichtete Juden“. Dies gilt als offizielles Ende des Ghettos. Der Aufstand wurde trotz seiner fast vollständigen Ermordung zum Vorbild für weitere jüdische Aufstände, etwa 1943 in Treblinka und Sobibór.

Folgen und Erinnerung

Nach der Niederschlagung zerstörten die Deutschen die Reste des etwa 400 Hektar großen ehemaligen Ghettos systematisch. Dafür setzten sie auch ungarische, slowakische, griechische und polnische Juden aus Auschwitz als unbezahlte Arbeitskräfte ein, die in einem Arbeitslager auf dem früheren Ghettogelände untergebracht waren. Teilweise auf diesem Gelände errichteten die Nationalsozialisten später das Konzentrationslager Warschau.

Das Gebiet wurde außerdem zur Richtstätte: Nach Razzien gegen die polnische Intelligenz wurden etwa 700 Menschen aus angesehenen Warschauer Familien in das Gestapogefängnis eingeliefert; 14 Tage später wurden sie auf dem ehemaligen Ghettogelände ermordet. Auch entkommene Juden und ihre Helfer waren verfolgt. Im Pawiak-Gefängnis fanden fast täglich SS-Erschießungen statt. Dort wurde 1944 Emanuel Ringelblum zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn erschossen.

Einige untergetauchte Verfolgte überlebten in den Ruinen bis zur Befreiung durch die Rote Armee; manche beteiligten sich 1944 am Warschauer Aufstand. Am 26. Juni 2007 wurde der Grundstein für das Museum der Geschichte der polnischen Juden gelegt. Es behandelt die Geschichte der Juden in Polen vom Mittelalter bis zur Jahrtausendwende und ausführlich das Warschauer Ghetto. Es besitzt etwa 12.800 m² Ausstellungsfläche, wurde am 19. April 2013 teilweise und 2014 vollständig eröffnet.

Deutsche Strafverfolgung und Quellen

Am 31. März 1954 sprach das Landgericht Dortmund 20 Angehörige des Polizei-Bataillons 61 vom Mordvorwurf frei. Ihnen war vorgeworfen worden, Ende Juni oder Anfang Juli 1942 bei einer vorbereiteten Massenexekution 110 Juden, darunter 10 Frauen, erschossen zu haben. Das Gericht nahm bei allen Beteiligten einen „echten Nötigungsnotstand“ an.

Historiker wie Christopher Browning und Stefan Klemp kritisierten dieses Urteil. Nach ihrer Darstellung hatten die Behauptungen eines „Befehlsnotstands“ keine reale Grundlage: Es sei kein aktenkundiger Fall bekannt, in dem die Weigerung, unbewaffnete Zivilisten zu töten, zu einer gnadenlosen Bestrafung geführt habe.

Wichtige Quellen für die Geschichte des Ghettos sind unter anderem Tagebücher und Erinnerungen sowie zeitgenössische Fotografien. Das Untergrundarchiv Oneg Schabbat ist besonders bedeutsam, weil Ringelblum und seine Helfer ein möglichst authentisches Bild vom Leben im Ghetto und von den nationalsozialistischen Verbrechen für die Nachwelt festhalten wollten.

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