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Aufstand im Warschauer Ghetto
Der Aufstand im Warschauer Ghetto war ein Aufstand der im so genannten Warschauer Ghetto gefangenen polnischen Juden gegen ihre Deportation in die deutschen …
Inhalt6 Abschnitte
- 1. Was war der Aufstand im Warschauer Ghetto?
- 2. Vorgeschichte: Ghetto, Deportationen und Entstehung des Widerstands
- 3. Der Januaraufstand und die Vorbereitung 1943
- 4. Widerstandsgruppen, Beweggründe und Waffen
- 5. Der Ablauf des Aufstands (19. April bis 16. Mai 1943)
- 6. Verbleib der Kämpfenden, Überlebende und Gedenken
Was war der Aufstand im Warschauer Ghetto?
Der Aufstand im Warschauer Ghetto war ein bewaffneter Aufstand von im Warschauer Ghetto eingesperrten polnischen Juden gegen ihre Deportation in deutsche Vernichtungslager. Er fand während der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg statt, vom 19. April 1943 bis zum 16. Mai 1943.
Das Warschauer Ghetto war 1940 von den deutschen Behörden unter der Tarnbezeichnung „Jüdischer Wohnbezirk“ errichtet worden – ein Sammellager im Rahmen des geplanten Völkermords an den Juden (Holocaust). Auf 2,4 % der Fläche Warschaus sollten etwa 30 % der Bewohner leben; zeitweise lebten dort mehr als 550.000 Menschen, von denen nur etwa 15 % ausreichend ernährt waren.
Die schlecht bewaffneten Aufständischen – getragen vor allem von der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB) unter Mordechaj Anielewicz und dem Jüdischen Militärverband (ŻZW) – lieferten der deutschen Besatzungsmacht mehrere Wochen lang erbitterte Gefechte. Am 16. Mai 1943 meldete der deutsche Befehlshaber Jürgen Stroop die Niederschlagung des Aufstands und ließ am selben Tag die Große Synagoge sprengen. Das Ghetto wurde zerstört.
Deutsche Verluste: laut Stroops offiziellen Meldungen 16 Tote und 85 (bzw. 93) Verwundete; andere Schätzungen gehen von etwa 300–400 Toten und 1000 Verwundeten aus. Auf jüdischer Seite galten 56.065 Menschen als getötet oder gefangen genommen, davon etwa 36.000 in Vernichtungslager deportiert (deutsche Schätzung); rund 12.000 Opfer fielen den Kämpfen selbst zum Opfer, 30.000 wurden danach erschossen, 7000 in Vernichtungslager transportiert.
Vorgeschichte: Ghetto, Deportationen und Entstehung des Widerstands
Nach der Kapitulation Warschaus am 28. September 1939 flohen viele jüdische Politiker; ihre Parteien (u. a. der Allgemeine jüdische Arbeiterbund (Bund), Poalei Zion, HaSchomer HaTzair, Gordonia, Akiba und Betar) gingen in den Untergrund. Ab Oktober 1939 wurden Juden in Polen wie in Deutschland ausgegrenzt (Judensterne, Misshandlungen), ein Judenrat unter Adam Czerniaków eingerichtet. Am 15. Oktober 1940 wurde das Ghetto errichtet. Hilfsorganisationen wie das Joint Distribution Committee, Toz, Centos und die jüdische Selbsthilfe (Żytos) kämpften gegen Typhus und Hunger (Suppenküchen), doch viele Bewohner starben an Hungerfolgen. Bis Ende 1942 wurden 300.000 Ghettobewohner in Vernichtungslager deportiert.
Ab dem 22. Juli 1942 begann mit der „Großen Aktion“ im Rahmen der Aktion Reinhardt die Auflösung des Ghettos als Teil der „Endlösung der Judenfrage“ – täglich wurden mehr als 6.000 Menschen, vor allem nach Treblinka, abtransportiert. Daraufhin organisierten sich die Widerstandsgruppen neu: Im März 1942 entstand die Antifaschistische Front (zionistische Jugendgruppen und Polnische Arbeiterpartei PPR). Nach Ende Oktober 1942 lebten nur noch 50.000 Menschen im Ghetto; etwa zu dieser Zeit wurde die ŻOB gegründet, nach dem Vorbild der Fareinikte Partisaner Organisatzije aus Wilna. In ihr waren Antifaschistischer Block (Hashomer Hazair, Dror, Gordonia, Akiba, Poale Zion, PPR) und der Bund vertreten. Dazu entstanden zwei politische Arme: das Nationalkomitee (ŻKN) und das Koordinationskomitee (ŻKK). Das Koordinationskomitee vertrat u. a. Poale Zion (Hersz Berliński), Bund (Adam Sznaidmil, Marek Edelman, Abraham Blum, Bernard Goldstein), PPR (Michał Rozenfeld, Edward Fondamiński), Allgemeine Zionisten (Menachem Kirszenbaum), rechte Poale Zion (Jochanan Morgenstern), Hashomer Hazair (Arie Wilner), Dror (Cywia Lubetkin) und Gordonia (Eliazer Geller).
Die Waffenbeschaffung war schwierig: Der ŻZW erhielt Waffen über den christlichen Polen Henryk Iwański von der Heimatarmee; die ŻOB bekam kaum Waffen von der Heimatarmee, wenige von der kommunistischen Volksgarde und musste den Rest auf dem Schwarzmarkt kaufen, finanziert mit von Kollaborateuren und dem Judenrat erpresstem Geld. Kollaborateure, meist Ghettopolizisten, wurden häufig hingerichtet. Außerdem richtete die ŻOB Fabriken für Molotowcocktails ein – die Hauptwaffe des Aufstands (1964 wurden noch 100.000 Zünder im Ghettogebiet gefunden).
Der Januaraufstand und die Vorbereitung 1943
Eigentlich wollten die deutschen Stellen das Ghetto bis Ende 1942 vollständig auflösen; dies wurde ins Jahr 1943 verschoben. Am 18. Januar 1943 marschierte SS-Oberführer Ferdinand von Sammern-Frankenegg mit mindestens 1000 Mann ins Ghetto ein. Die ŻOB verfügte über 1250 überwiegend jugendliche und unausgebildete Kämpfer, der ŻZW über 150. Da sich niemand zur Deportation meldete, drangen die Truppen weiter ins Ghetto vor und wurden unter anderem an der Gęsia- und der Zamenhof-Straße von Kämpfern um Mordechaj Anielewicz mit Partisanentaktiken angegriffen. In den 50 Widerstandsgruppen hatte nur jeder Zehnte eine Pistole. Die Widerständler vertrieben die Soldaten nach vier Tagen aus dem Ghetto, verloren dabei aber 80 % ihrer Kämpfer.
Danach kamen die Deportationen zum Stillstand. Da klar war, dass dies nur vorübergehend war, bereitete sich die ŻOB intensiv auf den nächsten Zusammenstoß vor. Viele Bewohner kauften nun Waffen und gründeten „wilde Gruppen“. Die Heimatarmee schickte eine Lieferung von 50 Pistolen; Gewehre besaß die ŻOB fast keine, der ŻZW durch Iwańskis Kontakte sogar einige Maschinenpistolen und -gewehre.
Widerstandsgruppen, Beweggründe und Waffen
Das verkleinerte Ghettogebiet wurde in vier Kampfzonen eingeteilt:
- Zentralghetto, geleitet von Mordechaj Anielewicz, Michał Rozenfeld, Jochanan Morgenstern und Israel Kanal; Kampfgruppenführer waren u. a. Zacharia Artsein, Ber Braudo, Aron Bryskin, Leib Gruzalc, Simon Kaufman, Benjamin Wald, Fondamiński und Henryk Zylberberg.
- Gebiet der Bürstenfabrik, angeführt von Marek Edelman und Hersz Berliński; Kampfgruppenleiter Jurek Błones und Jakub Praszke.
- Fabrikgelände (Produktives Ghetto), angeführt von Isaac Blaustein, Hersz Kawe, Meir Majerowicz, David Nowodworski, Wolf Rozowski, Joshua Winogron, Adam Szwarcfus und Eliazer Geller.
- Muranowski-Platz, verteidigt vom ŻZW unter den ehemaligen Offizieren Abraham Rodła, Arie Rodal, Dawid Apfelbaum und Paweł Frenkiel, zusätzlich mit einer Kampfgruppe in anderen Gebieten.
Beweggründe: Die meisten Kämpfer hatten Familie und Freunde verloren; als meist Jugendliche erlebten sie das Elend im Ghetto, was Resignation über die eigene Überlebenschance und Wut auf die Deutschen erzeugte. Der Mut der Verzweiflung sollte der Welt zeigen, dass Juden kämpfen konnten und sich nicht widerstandslos wie „Lämmer zur Schlachtbank“ führen ließen.
Waffen: Die ŻOB war nur notdürftig ausgestattet – jeder Kämpfer hatte nur einen Revolver mit 10–15 Schuss sowie einige Granaten oder Molotowcocktails; Waffen mussten zum bis zu Fünffachen auf dem Schwarzmarkt gekauft werden. Dazu kamen etwa 2–3 Gewehre pro Gebiet, im Zentralghetto ein Maschinengewehr und eine Maschinenpistole. Der ŻZW besaß dank Kontakten zum polnischen Widerstand 21 Maschinenpistolen, 8 Maschinengewehre und mindestens 30 Gewehre. Hinzu kamen erbeutete deutsche Waffen (bis zu 30 weitere Maschinenpistolen und mindestens ebenso viele Gewehre).
Der Ablauf des Aufstands (19. April bis 16. Mai 1943)
Tag 1 (Montag, 19. April 1943): Gegen 3:00 Uhr begann die Umstellung des Ghettos – es war die Pessachwoche. Um 6:00 Uhr marschierten 850 SS-Männer ein, wurden beschossen und mussten sich mit 12 Verwundeten zurückziehen; ein Panzer wurde mit Molotowcocktails in Brand gesetzt. Ab 8:00 Uhr hatte Jürgen Stroop das Kommando. Der deutsche Plan, das Ghetto in zwei Teile zu spalten, scheiterte: ŻOB-Gruppen kämpften an der Ecke Gęsia-/Nalewki-Straße (Artenstein, Rotblat, Zylberberg), an der Miła- und Zamenhof-Straße (Gruzalc, Braudo, Bryskin, Growas) sowie Gruppen des ŻZW (Chaim Federbusz, Binsztok, Janek Pika). Am Muranowski-Platz hisste der ŻZW eine polnische Fahne und eine Fahne mit dem Davidstern. Um 20:30 Uhr zogen sich die Deutschen zurück.
Tag 2 (20. April): Kämpfe vor allem am Muranowski-Platz, wo sich die ŻZW über einen Tunnel vom Hauptquartier aus versorgen konnte. Beim Bürstenmachergebiet explodierte vor dem Tor eine Bombe; etwa 80 bis 100 Soldaten starben oder wurden verletzt. Der Widerstand war zeitweise so heftig, dass die Deutschen erfolglos um einen 15-minütigen Waffenstillstand baten. Eine Einheit der Gwardia Ludowa unter Niuta „Wanda“ Tejtelbojm eroberte ein deutsches MG-Nest. Schließlich setzten die Deutschen das Bürstenmachergebiet mit Flammenwerfern in Brand, die Luftwaffe zerstörte fast alle Häuser.
Tage 3 und 4 (21./22. April): Die Deutschen setzten systematisch Flammenwerfer ein. Der Bürstenmacherbezirk wurde von der ŻOB geräumt; fünf Kampfgruppen gingen in der Nacht zum 22. April ins Zentrale Ghetto. Zamenhof- und Franciszkańska-Straße waren am härtesten umkämpft.
Die folgenden 24 Tage (23. April bis 16. Mai): Nach vier Tagen Kampf fiel der Muranowski-Platz; 20 Kämpfer flohen durch den Tunnel, 80 wurden hingerichtet. Am 23. April wurde die Miła-Straße 18 das neue ŻOB-Hauptquartier. Die Taktik änderte sich: Statt aus Häusern zu kämpfen, zogen sich die Kämpfer in ca. 600 unterirdische Bunker zurück und starteten nur noch gezielte Aktionen, da die Munition ausging. Stroops kleine Suchgruppen spürten die Bunker auf. Am 27. April befreiten Kämpfer unter Geller hunderte Juden; eine Gruppe der Heimatarmee unter Henryk Iwański kam zu Hilfe. Ende April flohen die ersten 40 Widerständler aus dem Ghetto. Am 1. Mai (Tag der Arbeit) sollten möglichst viele Deutsche getötet werden. Fast alle Einheiten sammelten sich im Bunker Miła-Straße 18 (rund 500 Menschen). Am 8. Mai wurde dieser Kommandobunker angegriffen: Viele starben durch Suizid oder Gas; Marek Edelman war previously geflohen. Rund 120 starben im Bunker, darunter Anielewicz und Mira Fuchrer; die ŻOB verlor etwa 80 % ihrer verbliebenen Kämpfer. Am 10. Mai entkamen Edelman und andere über die Kanalisation. Etwa 140 ŻZW-Kämpfer flohen ebenfalls. Am 16. Mai 1943 beendete Stroop mit der Sprengung der Großen Synagoge um 20.15 Uhr die militärische Bekämpfung des Aufstands.
Verbleib der Kämpfenden, Überlebende und Gedenken
Weitere Kämpfe und Verbleib: Eine Einheit unter Zacharia Artstein und Józef Łopata hielt bis Juni 1943 Kontakt zu den Ausgebrochenen. Deutsche starben noch ein Jahr nach Aufstandsende durch Hinterhalte; einige Juden überlebten in den Trümmern bis zum Warschauer Aufstand im August 1944. Viele Kämpfer gingen in die Wälder und wurden Partisanen. In Warschau bedrohten Erpresser (sogenannte Szmalcownicy) versteckte Juden. Eine ŻOB-Einheit wurde in der Volksgarde gegründet; nach dem Warschauer Aufstand versteckten sich die wenigen Überlebenden, und als Juden erkannte Kämpfer wurden von den Deutschen hingerichtet. Nach dem Krieg emigrierten fast alle Ghettokämpfer – Bundisten in die USA, Zionisten nach Israel, wo sie den Kibbuz Lochamej haGeta’ot gründeten. Auf jüdischer Seite kämpften etwa 750 Personen, vermutlich fielen oder wurden 75 % davon ermordet.
Bekannte Überlebende: Marek Edelman (1919–2009), Zivia Lubetkin (1914–1978), Shimon Nissenbaum (1926–2001), Hava Broder (1928–2022), Szoszana Kossower und Ella Blumenthal (geboren 1921). Jitzhak Zuckerman unterstützte den Aufstand von außen und half Kämpfern bei der Flucht durch die Kanalisation.
Gedenken: An den Aufstand erinnern das Warschauer Ghetto-Ehrenmal, das Museum der Geschichte der polnischen Juden und das Haus der Ghettokämpfer in Israel. 1970 ereignete sich am Ehrenmal der „Kniefall von Warschau“ durch Willy Brandt. 2013 startete das Museum die Initiative „Gelbe Narzisse“. 2018 wurde ein Museum über den Ghetto-Aufstand (Eröffnung für 2023 geplant, Konzeption: Albert Stankowski) angekündigt. 2023 sprach erstmals ein deutscher Bundespräsident bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Aufstands.
Medien: Bekannte künstlerische Verarbeitungen sind Arnold Schönbergs Zwölftonwerk „Ein Überlebender aus Warschau“, Simon Hochbergers Gedicht „Warsaw Ghetto – Tale of Valor“ (1946), der Roman „Mila 18“ von Leon Uris, „28 Tage lang“ von David Safier sowie Filme wie „Korczak“ (Andrzej Wajda, 1990), „Sie sind frei, Dr. Korczak“ (1973), die Fernsehserie „Holocaust“ (1978), „Uprising – Der Aufstand“ (2001), „Der Pianist“ (Roman Polanski, 2002) und die n-tv-Dokumentation „Aufstand im Warschauer Ghetto“ (2007).