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Wandern
Wandern ist eine mit Naturerleben verbundene, gemäßigte Sportart und ein zentraler Wirtschaftsfaktor vorwiegend des Sommertourismus. ... Ferntourismus erschlossen …
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Wesen und Begriffsbestimmung
Wandern ist weites Gehen über mehrere Stunden. Während das Gehen zu Fuß früher eine normale Art des Reisens war, ist Wandern heute in entwickelten Ländern vorwiegend Freizeitbeschäftigung und Sportart. Es verbindet Naturerleben mit einer gemäßigten körperlichen Belastung und ist ein zentraler Wirtschaftsfaktor vor allem des Sommertourismus. In der kalten Jahreszeit ist Schneeschuhwandern eine beliebte Wintersportart.
Wanderwege erschließen in Europa und Nordamerika Naturregionen, Aussichtspunkte und Sehenswürdigkeiten. Sie können auch besiedelte Gebiete durchqueren. Wandernde benutzen markierte Pfade oder geeignete Wege ohne starken Straßenverkehr. Neben Routen für Tagesausflüge gibt es mehrtägige Weitwanderwege mit markierten Tagesetappen; eine besondere Kategorie sind Pilgerwege. Zum Wandertourismus gehört eine vielseitige Infrastruktur für Zugang, Ausrüstung, Karten und Literatur, Verpflegung, Unterkunft, Sicherheit und Rettungsdienst.
Man unterscheidet zweckfreies und zweckgebundenes Wandern. Zweckfreie Wanderungen dienen etwa der Erbauung oder Ertüchtigung. Zweckgebundenes Wandern hatte früher beispielsweise mit Forschung, Arbeitssuche, der Walz, Flucht oder Handel zu tun; im weiteren Sinne gehören auch militärische Märsche dazu.
Der Deutsche Wanderverband definierte 2010 auf Grundlage einer repräsentativen Befragung für Deutschland, in Abgrenzung zum Spazierengehen: „Wandern ist Gehen in der Landschaft.“ Es handelt sich um eine Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die das mentale und physische Wohlbefinden fördert. Charakteristisch sind eine Dauer von mehr als einer Stunde, entsprechende Planung, die Nutzung spezifischer Infrastruktur und eine angepasste Ausrüstung.
Historische Entwicklung und Organisation
Als erster historisch dokumentierter zweckfreier Wanderer gilt Francesco Petrarca, der 1336 mit seinem Bruder den etwa 1900 m hohen Mont Ventoux bestieg. Der Begriff des Wanderers war in Deutschland bereits im Mittelalter bekannt; 1353 werden in einem Vertrag über die Raubritterburg Daun in der Eifel unter den von der Burg überfallenen Personen unter anderem Kaufleute, Pilger und Wandeler genannt.
Mit der Aufklärung entstand beim Bildungsbürgertum eine neue Naturbegeisterung. Dazu trugen Albrecht von Hallers Gedicht „Die Alpen“ von 1729 und Jean-Jacques Rousseaus „Julie oder Die neue Heloise“ von 1761 bei. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts erkundeten viele Aufklärer Europa zu Fuß und beschrieben möglichst objektiv die Natur sowie die sozialen und politischen Verhältnisse der durchwanderten Gebiete. Johann Gottfried Seume reiste 1801 zu Fuß nach Sizilien und kehrte nach neun Monaten über Paris nach Leipzig zurück.
Die Romantik prägte das heutige Bild des Wanderns besonders stark. Romantiker betrachteten die Landschaft weniger unter politischen und sozialen Gesichtspunkten, sondern als Spiegel des eigenen Inneren. Sie suchten Einsamkeit und Naturerfahrung. Harz, Rügen und die Sächsische Schweiz wurden durch Skizzen, Gemälde und Kupferstiche bekannt. Wohlhabende Reisende ließen sich teilweise sogar mit Sänften zu Aussichtspunkten tragen. Rückblickend gilt diese Entwicklung als Beginn des Tourismus in Deutschland. Im 19. Jahrhundert brachte man sich zunehmend mit Kutsche oder Eisenbahn zu Ausgangspunkten in der Natur. In der Sächsischen Schweiz wurde der historische Verlauf des Weges von Dresden ins Elbsandsteingebirge rekonstruiert; heute ist er als Malerweg begehbar.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts institutionalisierten Wander- und Gebirgsvereine das Wandern. Sie legten Wege an, stellten Wegweiser auf, erarbeiteten Karten und Führer und errichteten Schutzhütten und Aussichtstürme. 1864 wurde der Badische Schwarzwaldverein als erster deutscher Mittelgebirgsverein gegründet. Nach einem Bergwanderunfall entstand 1896 im österreichischen Mürzzuschlag die weltweit erste Bergrettungsstelle.
Der Deutsche Wanderverband wurde 1883 in Fulda gegründet. Er ist die Dachorganisation der Gebirgs- und Wandervereine in Deutschland. Seine Mitgliedsorganisationen markieren und betreuen ehrenamtlich etwa 200.000 km Wanderwege. Dem Verband gehören 58 Gebietsvereine mit insgesamt 600.000 Mitgliedern an. Zu seinen Aufgaben zählen neben Wegearbeit und Wanderpflege Naturschutz-, Jugend-, Familien- und Kulturarbeit.
Die 1895 in Wien gegründeten Naturfreunde machten Wandern erstmals für eine proletarische Schicht zugänglich. Sie errichteten günstige Naturfreundehäuser; seit der Gründung entstanden mehr als 1.000 Häuser, davon rund 450 in Deutschland. Die Jugendbewegung mündete 1901 in die Wandervogelbewegung. Deren meist jugendliche Schüler und Studenten suchten die Natur auf und wandten sich mit einer neuen Lebensweise gegen die wilhelminische Gesellschaft.
Wichtige Wanderformen und Anforderungen
Bergwandern bezeichnet Wandern in bergigem Gelände. Die Grenzen zwischen Wandern, Bergwandern und Bergsteigen sind nicht genau festgelegt. Bergsteigen beginnt nach einer Präzisierung der SAC-Wanderskala dann, wenn mindestens ein Mitglied der Gruppe bergsteigerische Hilfsmittel wie Pickel, Seil oder Steigeisen benötigt. Klettern liegt vor, wenn man die Hände zu Hilfe nehmen muss. Werden aufgrund der Erfahrung und Kenntnisse der Tourengänger keine Hilfsmittel benötigt, gilt eine Tour als Bergwanderung. Eine Höhenwanderung verläuft in größerer Höhe ohne starke Höhenunterschiede; bei einer Überquerung oder einem Übergang wird ein Gebirgspass überschritten, meist mit Wegen von einer Schutzhütte zur nächsten.
Weitwandern führt über größere Strecken und dauert mehrere Tage. Fernwanderwege entstehen durch die Verbindung mehrerer Weitwanderwege. Trekking ist Weitwandern in abgelegenen Gebieten mit marginaler Infrastruktur. Der Schweizer Jurahöhenweg wurde ab 1905 angelegt und markiert; er führt in 16 Etappen von Dielsdorf nördlich von Zürich bis in die Nähe von Genf und ist heute Teil des Europäischen Fernwanderwegs E4. In den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden zunehmend markierte Routen, auch wegen der wirtschaftlichen Bedeutung, da Weitwanderer an lokale Ressourcen gebunden sind. Die Europäischen Fernwanderwege werden heute von der Europäischen Wandervereinigung koordiniert. Eine zusammenhängende Wanderung eines Fernwanderwegs von Anfang bis Ende heißt Thruhiking oder Thru-hike.
Beim Ultraleichtwandern wird das Ausrüstungsgewicht an Tour, persönliches Wissen und Können sowie Sicherheits- und Komfortbedürfnisse angepasst und möglichst gering gehalten. Als Ultralight gilt ein Rucksackgewicht ohne Proviant, Wasser und Brennstoff von unter 5 kg; 5 bis 9 kg werden als Light Trekking bezeichnet. Bei Jugendbewegung und Pfadfindern heißt Zelten beim Wandern häufig „auf Fahrt gehen“; solche Fahrten dauern meist ein Wochenende bis drei Wochen.
Sportwandern beginnt bei organisierten Märschen je nach Staat ab 35 bis 40 km. Der Österreichische Fachverband für Sportwandern, Weitwandern und Trekking ist dort der Dachverband. In Deutschland und der Schweiz übernehmen Teilverbände des Internationalen Volkssportverbandes Aufgaben. Angeboten werden häufig Strecken über 5, 10 und 20 km sowie längere Distanzen, etwa 42 km als Marathonstrecke oder 50 km.
Bei Volkswanderungen, auch Volksmärschen, gibt es verschiedene Streckenlängen, die allein oder in Gruppen bewältigt werden. Verpflegungs- und Kontrollposten machen schweres Gepäck meist unnötig; nach dem Abschluss wird häufig eine symbolische Auszeichnung verliehen. Diese Veranstaltungen wurden bereits Anfang der 1970er-Jahre im Rahmen der Trimm-dich-Bewegung von Gemeinden angeboten. Viele Vereine sind im Deutschen oder Internationalen Volkssportverband organisiert, dessen Mitgliedsvereine ein weltweit einheitliches Wertungs- und Abzeichenwesen haben.
Spezielle Formen des Wanderns
Beim Wandern mit Kindern müssen Strecken, Pausen und Ausrüstung an Alter, Fähigkeiten und Bedürfnisse angepasst werden. Mit kleinen Kindern sind Trage, Kinderwagen oder Kraxe möglich. Für selbst laufende Kinder eignen sich Erlebnis-, Entdecker- und Themenpfade mit Stationen. Fernglas, Fotoapparat, Logbuch und Wanderkarte können die Motivation unterstützen; für größere Kinder kommt Geocaching als moderne Schatzsuche hinzu. Als Faustregel empfiehlt der Deutsche Wanderverband: Lebensalter × 1,5 = Streckenlänge in Kilometern. Je nach Erfahrung und Konstitution ist diese Länge anzupassen. Negative Erfahrungen sollen besonders am Anfang vermieden werden.
Nordic Walking stammt aus Finnland und wurde aus dem Sommertraining des Skilanglaufs entwickelt. Mit Stöcken und speziellen Handschlaufen ist es auf schnelle Wanderungen mit ungefähr 6 km/h abgestimmt. Der Stockeinsatz trainiert fast die gesamte Körpermuskulatur. Im Unterschied zum Jogging können sich die Teilnehmenden dabei in Gruppen unterhalten.
Winterwandern findet auf Wegen in Gebirgstälern und auf speziell präparierten und signalisierten Trassen in Skigebieten statt. In der Schweiz werden solche Wege seit den späten 1990er-Jahren mit violetten Schildern gekennzeichnet. Zum Winterwandern zählen neben Fußtouren auch Skitouren, Langlauftouren und Schneeschuhwandern. Beim Wandern ohne Gepäck transportieren Tourismusverbände das Gepäck bei mehrtägigen Touren gegen Aufpreis von Hotel zu Hotel, häufig auf Rundrouten.
Pilgern und Wallfahren gelten als ursprünglichste Formen des Wanderns und werden nicht als eigentliches Reisen betrachtet. Manche Pilgerwege sind heute zugleich Fernwanderwege. Bekannte Beispiele sind der Jakobsweg und die Via Francigena von Canterbury über Frankreich und die Schweiz nach Rom.
Bildungswandern vermittelt Wissen über Lehr-, Themen- und Erinnerungswege. Informationstafeln ermöglichen selbstbestimmtes Lernen im eigenen Tempo. Planetenwege stellen verkleinerte Modelle des Sonnensystems dar. Geführte Wanderungen mit zertifizierten Wander-, Natur-, Stadt-, Berg- oder Wattführern vermitteln Landschaft, Geschichte und regionale Besonderheiten; Pauschalangebote können auch Unterkunft und Verpflegung einschließen.
Spirituelles beziehungsweise meditatives Wandern knüpft an die Tradition der Wandermönche an. Mehrtägiges oder mehrwöchiges Unterwegssein dient der Gottes- oder existenziellen Sinnsuche und führt oft zu Pilgerorten, Wallfahrtsorten oder einsamen Landschaften. Nachtwanderungen finden überwiegend bei Dunkelheit statt, etwa in religiösem Zusammenhang oder bei Kinder- und Jugendgruppen. Barfußwandern wird von der Deutschen Wanderjugend als gesundheitsfördernd bezeichnet; Barfußparks und Wattwanderungen bieten geeignete Möglichkeiten.
Geocaching nutzt meist GPS-Empfänger für eine elektronische Schatzsuche. Besonders Multi-Caches mit mehreren Zwischenstationen führen durch die Natur und erleichtern Wanderungen in fremden Regionen. Nacktwandernde suchen in FKK-Tradition Freiheit und Naturverbundenheit und bevorzugen zur Vermeidung von Missverständnissen wenig frequentierte Wege; vereinzelt gibt es ausgeschilderte Wege wie den Harzer Naturistenstieg.
Speed Hiking ist schnelles Wandern mit Stöcken und leichter Ausrüstung in anspruchsvollem Gelände. Die Stöcke stabilisieren den Körper und trainieren die Oberkörpermuskulatur. Speed Hiking dient als Ausgleich zu Wintersportarten, als Aufbautraining oder als eigenständiger Sport mit Wettbewerben. Beim Pliking beziehungsweise Plaking wird während des Wanderns Müll gesammelt und anschließend entsorgt.
Gesundheit, Motivation und heutige Bedeutung
Eine vom Fitnessmagazin Fit for Fun in Auftrag gegebene Studie des Kölner Instituts für Prävention und Nachsorge kam zu dem Ergebnis, dass der Energieumsatz beim Wandern mit dem beim Joggen vergleichbar ist. Bei einer zweistündigen Wanderung im Flachland verbrauchten Probanden ebenso viel Nahrungsenergie wie beim 75-minütigen Joggen. Als Vorteil gilt außerdem die schonende Belastung, weil sich das Tempo automatisch anpassen lässt und körperliche Überforderung selten vorkommt.
Eine gemeinsame Untersuchung des Bundeswirtschaftsministeriums und des Deutschen Wanderverbands von 2010 hob weitere mögliche Vorteile hervor: Wandern könne das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen senken und Knochen, Gelenke, Bänder, Immunsystem und Atemwege stärken. Der Abbau von Stresshormonen sowie die vermehrte Ausschüttung von Serotonin und Dopamin wurden mit positiven Wirkungen auf die Psyche in Verbindung gebracht.
Die Motivation zum Wandern schwankt nach Alter, Generation, Wanderform und Zeittrend. Für Handwerksgesellen war die Walz früher beruflich notwendig und zugleich mit Erlebnis, Abenteuer und persönlicher Reifung verbunden. Die Wandervogelbewegung verstand Wandern als Protest gegen die Erwachsenenwelt, als Ausbruch aus den Städten und als romantische Naturerfahrung.
Ende der 1980er-Jahre zeigte der Didaktiker Siegbert A. Warwitz, dass Kinder und Studierende das bloße Zurücklegen einer Strecke häufig ablehnten. Gepäck, Regen und fehlende Abwechslung wirkten demotivierend; Schulwanderungen ließen sich teilweise nur durch Ziele wie Freizeitparks oder Gasthäuser attraktiv machen. Erfolgversprechender war ein „Erlebniswandern“ mit Aufgaben, Überraschungen, Projekten, Aktivitäten und Entdeckungen. Auch Rad-, Ski- und Flusswandern oder ein Planwagen, der Ausrüstung transportiert und bei Bedarf erschöpfte Wandernde aufnimmt, wurden als motivierende Formen beschrieben.
Klassen-, Gruppen- und Familienwanderungen finden weiterhin Interesse, wenn sie didaktisch geschickt gestaltet werden. Seit etwa 15 Jahren verbinden Wanderbahnhöfe Bahn und Bus mit Wanderwegenetzen. Wandernde können direkt vom Bahnsteig aus Spaziergänge, Tages- oder Mehrtageswanderungen beginnen; die zusätzliche Nutzung kleiner Bahnhöfe trug zu deren Erhalt bei. Der Bahnhof Iserlohn wurde als erster Bahnhof in Nordrhein-Westfalen als „Wanderbahnhof“ ausgezeichnet. 2018 widmete das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg der Kulturtechnik des Wanderns die Sonderschau „Wanderland. Eine Reise durch die Geschichte des Wanderns“.