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Tourismus

Der Tourismus (auch Touristik oder Fremdenverkehr) ist die temporäre Ortsveränderung durch Reisen von Personen in Destinationen, die sich außerhalb ihres …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Merkmale und Reiseformen
  2. 2. Entwicklung des Reisens
  3. 3. Wirtschaft und statistische Bedeutung
  4. 4. Gesellschaft, Kultur und Umwelt
  5. 5. Organisation, Vermarktung und Rechte
  6. 6. Trends, Prognosen und Herausforderungen

Begriff, Merkmale und Reiseformen

Tourismus bezeichnet die vorübergehende Ortsveränderung von Menschen zu Zielen außerhalb ihres üblichen Wohn- oder Arbeitsortes; die Reisenden heißen Touristen. Nach der Definition der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) reisen Touristen aus Freizeit- oder geschäftlichen Motiven, halten sich höchstens ein Jahr außerhalb ihres gewöhnlichen Umfelds auf und üben am besuchten Ort keine bezahlte Tätigkeit aus. Pendler zählen daher nicht dazu. Tourismus umfasst grenzüberschreitende Reisen ebenso wie Binnentourismus innerhalb eines Landes.

Reisezwecke sind unter anderem Erholung, Bildung, Kultur, Wellness, Sport, Naturerlebnisse, Verwandtenbesuche sowie Dienst- und Geschäftsreisen. Die Tourismusbranche rechnet auch Geschäftsreisen dazu, obwohl sie meist zur Arbeitszeit gehören. Für statistische Zwecke galten nach einer internationalen Festlegung von 1963 Aufenthalte ab 24 Stunden als Tourismus, kürzere Reisen als Ausflüge. Andere Statistiken setzen bei Urlaubsreisen mindestens fünf Tage voraus. Weil Definitionen und Erhebungsverfahren voneinander abweichen, sind Zahlen verschiedener Staaten nur eingeschränkt vergleichbar.

Reiseformen lassen sich nach Motivation, Dauer, Entfernung, Zielort, Verkehrsmittel, Unterkunft, Reisezeit, Alter, Herkunft, Teilnehmerzahl, Organisationsform und Ökobilanz ordnen. Beispiele sind Individual- und Veranstalterreisen, Individual- und Massentourismus sowie sanfter Tourismus. Nach der Dauer unterscheidet der Artikel Tagesausflüge von einem Tag, Städtereisen von zwei bis vier Tagen und Erholungsreisen ab fünf Tagen. Thanatourismus oder „schwarzer Tourismus“ bezeichnet Besuche von Gedenkstätten und historisch bedeutenden Tatorten wie Auschwitz, Ground Zero oder Verdun.

Zum Tourismus gehören zahlreiche Wirtschaftszweige: Personenverkehr, Reisebüros, Hotellerie, Gastronomie und Freizeitwirtschaft. Seine Grundlage bilden häufig Natur, Kulturgüter und Sehenswürdigkeiten eines Reiseziels. Eine erweiterte Tourismus- und Freizeitwirtschaft bezieht auch den Freizeitkonsum der Einheimischen ein und unterscheidet Incoming-Tourismus, also Einreisen in eine Region, Outgoing-Tourismus, also Reisen aus der Region, und Binnentourismus.

Entwicklung des Reisens

Frühe Reisen dienten vor allem praktischen Zwecken wie Nahrungssuche, Flucht, Handel oder politischen Beziehungen. Hinzu kamen religiöse Wallfahrten, etwa die Hadsch nach Mekka oder hinduistische Reisen zum rituellen Bad im Ganges. Pilgerwege, Häfen und Kreuzungen von Handelsrouten förderten die Entstehung von Handelszentren und Unterkünften.

Als Vorläufer des modernen Tourismus gilt die Grand Tour, eine Bildungsreise wohlhabender junger Europäer. Reisen zu Bildungszwecken waren lange ein Vorrecht des Adels und später des gehobenen Bürgertums. Erholungsreisen verbreiteten sich in Europa erst im 19. Jahrhundert. Eisenbahnausbau und Industrielle Revolution erleichterten das Reisen; zunehmend wurde nicht nur ein äußerer Zweck, sondern die Reise selbst zum Ziel.

Der Alpinismus förderte seit dem späten 18. Jahrhundert den Tourismus in der Schweiz und im 19. Jahrhundert in Österreich. Gleichzeitig entstanden Bade- und Küstenorte. Thomas Cook (1808–1892) gilt als Erfinder der Pauschalreise. Albert Ballin organisierte 1891 von Hamburg aus eine Mittelmeerfahrt mit der Augusta Victoria; die 1901 gebaute Prinzessin Victoria Luise gilt als weltweit erstes Kreuzfahrtschiff.

Das Recht auf Urlaub ist in Europa und Nordamerika etwa seit 1880 bekannt, setzte sich als bezahlter Urlaub aber erst im 20. Jahrhundert breiter durch. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Reisetätigkeit in Westdeutschland und Österreich seit den frühen 1950er Jahren durch wachsenden Wohlstand, mehr Freizeit und technische Entwicklungen stark zu. Der wirtschaftliche Aufschwung begünstigte später den Massentourismus. Große Staaten wie die USA weisen besonders starken Inlandstourismus auf, während touristische Reisen in vielen ärmeren Ländern weiterhin vor allem wohlhabenden Bevölkerungsschichten möglich sind.

Wirtschaft und statistische Bedeutung

Tourismus gehört weltweit zu den größten Wirtschaftszweigen. Nach Angaben der Welttourismusorganisation erzielte er 2011 etwa 1030 Milliarden US-Dollar Gesamtumsatz. Rund 100 Millionen Menschen waren direkt in der Branche beschäftigt; grenzüberschreitende Reisen machten 25 bis 30 Prozent des Welthandels mit Dienstleistungen aus. Nach Einschätzung der Internationalen Arbeitsorganisation schafft eine Stelle im touristischen Kerngeschäft weitere 1,5 Stellen. Direkt und indirekt ergeben sich damit mehr als 230 Millionen Arbeitsplätze beziehungsweise rund 8 Prozent der weltweiten Arbeitskraft. Zwischen 60 und 70 Prozent der Beschäftigten sind Frauen, mehr als die Hälfte ist jünger als 25 Jahre.

Wirtschaftliche Wirkungen werden in direkte, indirekte und induzierte Effekte eingeteilt. Direkte Effekte entstehen durch Ausgaben etwa in Hotels und Restaurants. Indirekte Effekte betreffen Vorleistungen wie Lebensmittel oder den Bau von Infrastruktur. Induzierte Effekte entstehen, wenn die dadurch erzielten Einkommen erneut ausgegeben werden. Ein Teil der Einnahmen kann durch importierte Waren oder ausländische Unternehmen wieder abfließen; dieser Abfluss heißt Sickerrate oder Leakage.

Die Einnahmen sind ungleich verteilt: 50 Prozent entfielen laut Artikel auf die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland und Österreich. 2017 erzielten die USA Einnahmen von 203,7 Milliarden CHF, China 101,4 Milliarden CHF und Spanien 68,0 Milliarden CHF. China verzeichnete zugleich Reiseausgaben von 250,7 Milliarden CHF. Bei internationalen Ankünften lagen 2016 Frankreich mit 82,6 Millionen sowie die USA und Spanien mit jeweils 75,6 Millionen vorn. Tages- und Binnenreisen sind darin nicht enthalten.

In Deutschland erwirtschaftete der Tourismus 2012 mit 2,8 Millionen direkt Beschäftigten 140 Milliarden Euro Umsatz. 125,3 Millionen Gäste erzeugten 351,4 Millionen Übernachtungen. Für 2023 nennt der Artikel 80,9 Millionen ausländische Touristen, darunter 11,5 Millionen aus den Niederlanden. Deutsche unternahmen 2010 insgesamt 63,3 Millionen Urlaubsreisen von mindestens fünf Übernachtungen; 33 Prozent führten ins Inland. 2021 blieb Deutschland mit 55,5 Prozent das beliebteste Reiseziel. Die durchschnittliche Reisedauer der Deutschen betrug 2019 12,3 Tage.

In Österreich wurden 2007 31,1 Millionen Gäste und 121,4 Millionen Nächtigungen registriert. In der Schweiz erwirtschaftete der Tourismus 2015 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigte etwa 200.000 Menschen; in Graubünden und im Wallis erreichte sein BIP-Anteil bis zu 30 Prozent. Südtirol zählte 2010 bei rund 500.000 Einwohnern etwa 5,7 Millionen Gäste und 28 Millionen Nächtigungen.

Gesellschaft, Kultur und Umwelt

Tourismus kann Infrastruktur, Einkommen und Arbeitsplätze schaffen und abgelegene oder wirtschaftlich schwache Regionen stärken. Neue Straßen, Flughäfen und Versorgungseinrichtungen können auch der einheimischen Bevölkerung zugutekommen. Tourismus kann außerdem bedrohte Wirtschaftszweige erhalten, Abwanderung bremsen und Natur- und Kulturgütern einen wirtschaftlichen Wert geben. Aus touristischen Gründen wurden beispielsweise Feuchtgebiete auf Jamaika, Wälder in Kanada, afrikanische Großwildbestände und Bauernhäuser in der Toskana geschützt.

Dem stehen soziale und kulturelle Risiken gegenüber. Neue Hotelanlagen und Verkehrswege können traditionelle Strukturen verdrängen. Kontakte mit Gästen können Konsumgewohnheiten und Werte der Einheimischen verändern. Werden Traditionen hauptsächlich für Besucher inszeniert, kann eine touristische Monokultur entstehen. Reiseziele werden dann an Erwartungen von Gästen und Veranstaltern angepasst; zugleich beklagen Reisende den Verlust von Ursprünglichkeit und sogenannte Touristenfallen.

Besonders bedeutend sind Umwelt- und Klimafolgen. Für 2013 nennt der Artikel rund 4,5 Milliarden Tonnen touristisch verursachte CO₂-Emissionen, etwa 8 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. Bei der Anreise entfielen nach Untersuchungen von Martin Lohmann 47 Prozent auf das Auto, 37 Prozent auf das Flugzeug, 9 Prozent auf den Bus, 5 Prozent auf die Bahn und 2 Prozent auf Fahrrad oder Schiff. Verkehr verursacht Luftverschmutzung; in kleinen Tourismusorten kann sie Großstadtniveau erreichen.

Weitere Belastungen entstehen durch Abfall, Abwasser, Bodenversiegelung und hohen Wasser- und Energieverbrauch. In den österreichischen Alpen bleiben jährlich schätzungsweise 4.500 Tonnen Abfall zurück; am Mount Everest sollen sich durch jährlich bis zu 40.000 Trekker etwa 600 Tonnen Müll angesammelt haben. Klimaanlagen, Schwimmbecken, Golfplätze und Schneekanonen können Wasserknappheit verschärfen. Skipisten, Unterkünfte und andere Anlagen fördern Rodung und Erosion; Sport- und Freizeitaktivitäten können Tiere, Pflanzen und Wasserbiotope stören.

Fairer Handel im Tourismus soll die Lebensbedingungen von Beschäftigten und Kleinunternehmen verbessern. Gefordert werden gerechte Austauschbeziehungen, Transparenz, demokratische Beteiligung und Respekt vor kultureller Vielfalt. Ziel ist eine wirtschaftlich, ökologisch und sozial nachhaltige Tourismusbranche. Das im Artikel genannte Gütesiegel Fair Trade in Tourism South Africa zertifiziert Hotels und Ausflüge nach Fair-Handels-Grundsätzen.

Organisation, Vermarktung und Rechte

Tourismus wird international, national, regional und lokal organisiert. Zu den internationalen Einrichtungen gehört die World Tourism Organisation (UNWTO); in Europa wirkt unter anderem die European Travel Commission. Nationale Destinationsmarketing- oder Destinationsmanagementorganisationen vermarkten Länder als Reiseziele, beispielsweise die Deutsche Zentrale für Tourismus, Österreich Werbung, Atout France, Visit Britain, ENIT und Schweiz Tourismus. Regionale und lokale Tourismusverbände koordinieren Angebote, Werbung und Besucherinformation. Wichtige Fachmesse ist die Internationale Tourismus-Börse (ITB) in Berlin.

Tourismusmarketing informiert über Reiseziele, Wetter, Veranstaltungen und verfügbare Angebote. Websites und Buchungsportale ermöglichen zunehmend direkte Reservierungen; klassische Reisebüros bleiben besonders für Gesamtpakete und persönliche Beratung wichtig. Bewertungen anderer Gäste beeinflussen Entscheidungen, und Buchungen erfolgen oft kurzfristiger als früher.

Amtliche Tourismusstatistiken erfassen vor allem Ankünfte, Übernachtungen, Herkunftsländer und Beherbergungskapazitäten. Deutschland erhebt monatlich Daten der Beherbergungsbetriebe und befragt zusätzlich vierteljährlich bis zu 2500 Reisende zu Reiseziel, Übernachtungszahl und Ausgaben. Internationale Vergleiche sind schwierig, weil Staaten unterschiedliche Meldepflichten, Gebietsabgrenzungen und Definitionen von Beherbergungsbetrieben verwenden.

Die Rechtsstellung von Touristen wird überwiegend durch privatrechtliche Verträge und das Konsumentenschutzrecht bestimmt. In der EU verpflichtet die Verordnung (EG) Nr. 261/2004 Fluggesellschaften bei größeren Verspätungen oder Flugausfällen unter bestimmten Voraussetzungen zu Ausgleichszahlungen. Im Schengenraum wurden Kontrollen an den Binnengrenzen abgeschafft, Reisende müssen aber Reisepass oder Personalausweis mitführen. Deutschland und Österreich verlangen von Reiseveranstaltern eine Absicherung, aus der bei Zahlungsunfähigkeit der Heimtransport von Gästen bezahlt werden kann.

Tourismus kann als eigener Studiengang oder als Schwerpunkt der Betriebswirtschaftslehre und Geographie studiert werden. In Deutschland bestehen außerdem schulische und duale Ausbildungswege sowie der IHK-Abschluss Geprüfter Tourismusfachwirt. Die Tourismusforschung umfasst unter anderem Geographie, Soziologie, Psychologie, Ökonomie und Geschichte und untersucht das Phänomen interdisziplinär.

Zu den im Artikel genannten neuen Sparten gehören Gesundheitstourismus, bei dem Urlaub mit medizinischen Behandlungen verbunden wird, und Weltraumtourismus. Viele Angaben dazu sind als ältere Planungen oder Prognosen gekennzeichnet: Für Gesundheitstourismus wurden 2010 weltweit mehr als 100 Milliarden US-Dollar Umsatz angenommen; für Flüge mit SpaceShipTwo war ein Preis von 150.000 Euro vorgesehen, verglichen mit mehr als 20 Millionen Euro für Flüge mit einer Sojus-Kapsel.

Prognosen sind im Tourismus besonders unsicher. Das touristische Produkt umfasst neben Unterkunft und Transport auch schwer messbare Bestandteile wie Landschaft, Wetter, Stimmung, Erholung und Urlaubsglück. Viele touristische Leistungen werden zugleich von Einheimischen genutzt. Außerdem hängen Reiseentscheidungen stark von Moden, subjektiven Erwartungen und kulturellen Prägungen ab. Touristische Angebote lassen sich weder lagern noch transportieren; Reisende müssen sie an einem bestimmten Ort und Zeitpunkt nutzen. Naturkatastrophen, Terrorismus, Bürgerkriege und Streiks treffen die Branche daher besonders stark.

Fehlprognosen können hohe Verluste verursachen. Disneyland Paris, 1992 eröffnet, brachte seinen Betreibern in den ersten beiden Jahren fast eine Milliarde Euro Verlust. Auch überdimensionierte Ferienanlagen und Hotelkapazitäten erwiesen sich teilweise als Fehlinvestitionen. Als langfristige Entwicklungen nennt der Artikel sinkende Kosten der Raumüberwindung, vielfältigere Angebote und Reisemotive sowie eine mögliche stärkere Ausrichtung auf nationale und regionale Ziele. Erdölpreis, Flugkosten, Konjunktur und Sicherheitslage beeinflussen besonders den Ferntourismus.

Die zentrale Zukunftsaufgabe ist, wirtschaftliche Interessen mit Umwelt- und Sozialverträglichkeit zu verbinden. Bereits in den 1980er Jahren wurden unter anderem vielfältigere Unterkünfte, weniger Konzentration auf überfüllte Küsten, Naturreservate, Vermittler zwischen Gästen und Einheimischen, ein gemeinsamer Tourismuskodex und Höchstgrenzen für Besucher vorgeschlagen. Als Beispiel wurde ein Maximum von 600 Menschen pro Hektar Strand genannt. Laut Artikel wurden diese Forderungen – abgesehen von Ansätzen bei Naturreservaten – weitgehend nicht verwirklicht.

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