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Boden (Produktionsfaktor)
Boden (englisch land) ist in der Volkswirtschaftslehre der zweite originäre Produktionsfaktor, der die wirtschaftlich genutzte Erdoberfläche umfasst.
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Boden als Produktionsfaktor
Boden ist in der Volkswirtschaftslehre der zweite originäre Produktionsfaktor. Er umfasst die wirtschaftlich genutzte Erdoberfläche. Neben dem Boden gilt die menschliche Arbeit als weiterer originärer Produktionsfaktor. Zusammen mit dem derivativen Produktionsfaktor Kapital bilden sie die drei klassischen Produktionsfaktoren.
Da diese Faktoren knapp sind, haben sie auf dem Faktormarkt einen Preis: Beim Boden heißt er Bodenrente, bei der Arbeit Lohn und beim Kapital Zins. Jean-Baptiste Say ergänzte das System 1828 um die unternehmerische Tätigkeit, deren Preis als Unternehmerlohn bezeichnet wird. Wird Boden ausschließlich konsumtiv für eigene Zwecke genutzt, etwa in einem privaten Garten, gilt er nicht als Produktionsfaktor, sondern als Konsumgut.
Nutzbarkeit und Grenzen des Bodens
Boden ist als Teil der Erdoberfläche – abgesehen von wenigen Möglichkeiten der Landgewinnung und Melioration – nicht beliebig vermehrbar. Diese Begrenzung ist in der Landwirtschaft eine Voraussetzung für die Gültigkeit des Ertragsgesetzes. Zum volkswirtschaftlichen Bodenbegriff gehört im engeren Sinn nur wirtschaftlich genutzter Boden; Brachflächen und Wüsten werden nicht dazugerechnet.
Zum genutzten Boden zählen landwirtschaftliche Flächen wie Acker, Garten, Weide und Wiese, forstwirtschaftlicher Wirtschaftswald, fischereiwirtschaftliche und bergbauwirtschaftliche Flächen sowie Industrie-, Wohn- und Verkehrsflächen. Im weiteren Sinn gehören auch Physiosphäre und Biosphäre dazu, soweit sie als Produktionsfaktoren natürliche Leistungen erbringen, etwa als Rohstoffquelle, Wasserfilter, Erosionsschutz oder Produzent von Genmaterial. Außerdem können Rohstoffe in fester, flüssiger oder gasförmiger Form sowie Energieformen wie Sonnenenergie, Kernenergie, Wasserkraft und Wind einbezogen werden.
Der Boden stiftet als Produktionsfaktor nur dann Nutzen, wenn er fruchtbar ist oder fruchtbar gemacht werden kann. Diese Vorstellung wird als Fertilitätstheorie bezeichnet. Landwirtschaftlich genutzter Boden ist entgegen einer verbreiteten Ansicht nicht völlig unverschleißbar: Er muss durch Brachliegen, Düngung oder Wiederaufforstung regeneriert werden. Eine Wertminderung durch den Abbau von Bodenschätzen ist dagegen irreparabel.
Bodenrente und Immobilienmarkt
Die Bodenrente bezeichnet den Faktorpreis beziehungsweise das Faktoreinkommen des Bodens. Adam Smith verstand darunter den Grundstücksertrag, also den Bodenertrag aus Ernten oder aus dem Abbau von Bodenschätzen und Rohstoffen. Heute gehören auch Miet- und Pachteinnahmen dazu. Nach David Ricardo ist die Bodenrente der Teil der Bodenprodukte, der dem Bodeneigentümer für die Nutzung der „ursprünglichen und unzerstörbaren Kräfte des Bodens“ bezahlt wird.
Boden wird auf dem Immobilienmarkt gehandelt. Dieser lässt sich volkswirtschaftlich in zwei Bereiche teilen: Auf dem Bodenbestandsmarkt wird Boden mit dem Bodenpreis als Faktorpreis gehandelt; auf dem Bodennutzungsmarkt entstehen als Faktorpreise Grundrente, Miete oder Pachtzins. Für den Bodeneigentümer stellt der erzielte Preis ein Faktoreinkommen dar. Für den Bodennutzer entstehen Faktorkosten, beim Kauf als Anschaffungskosten und bei der Vermietung als Immobiliarmiete.
Wegen der mangelnden Vermehrbarkeit ist das Bodenangebot vollkommen unelastisch. Boden ist zwar dauerhaft an einen Standort gebunden und deshalb unbeweglich; daher spricht man von Immobilien. Seine begrenzte Faktormobilität zeigt sich jedoch darin, dass der Eigentümer wechseln kann, etwa durch einen Grundstückskaufvertrag, und dass sich die Nutzung ändern kann, beispielsweise von landwirtschaftlicher Nutzfläche zu Bauland. Diese begrenzte Mobilität genügt dafür, dass Boden auf dem Immobilienmarkt gehandelt werden kann.
Die Bodenfrage
Die Bodenfrage behandelt den gerechten Zugang zum Produktionsfaktor Boden. Im Mittelpunkt stehen Eigentum, Besitz und Nutzung der Erdoberfläche. Sie wurde 1881 durch Henry George aufgegriffen und ist primär ein philosophisches Thema, hat aber auch Bedeutung für Städtebau, Raumordnung und Bodennutzung.
Im Unterschied zu Kapital wurde Boden nicht vom Menschen geschaffen. Sein Angebot ist grundsätzlich unabhängig vom Menschen, und der Boden selbst hat keine Produktionskosten. Für seine Inwertsetzung sind allerdings Arbeit und Kapital erforderlich. Die Bodenfrage betrifft deshalb unter anderem die private oder öffentliche Nutzung durch Besiedlung unter Berücksichtigung von Freiflächen für Bodenschutz, Naturschutz und Wasserschutz, außerdem Infrastruktur, Landschaftspflege und Raumordnung. Nach Erich Weiß ist sie „das Kernproblem des Städtebaus“.
Aus der natürlichen Begrenztheit und der heterogenen Beschaffenheit des Bodens ergeben sich mehrere Konflikte:
- Weil Boden nicht vom Menschen geschaffen wurde, gibt es keinen eindeutigen originären Eigentümer, Besitzer oder Nutzer. Siedler wurden durch Aneignung in Form der Landnahme zu Eigentümern.
- Eigentum, Besitz oder Nutzung durch ein Wirtschaftssubjekt schließt andere Wirtschaftssubjekte aus, obwohl diese grundsätzlich denselben originären Anspruch auf Boden haben.
- Besonders bei städtischen Grundstücken entstehen externe Effekte. Der ökonomische Wert des Bodens spiegelt häufig die gesellschaftlichen Kosten seiner Inwertsetzung wider, etwa für Straßenbau und öffentliche Sicherheit, während der Nutzen oft einem privaten Eigentümer zufällt. Privates Grundeigentum kann dadurch einen Umverteilungseffekt zulasten der Gesellschaft haben.
Historische und wirtschaftliche Einordnung
Die Physiokraten untersuchten den Boden erstmals umfassend wissenschaftlich. Sie betrachteten den Boden als sich natürlich regenerierenden Produktionsfaktor und den Ackerbau als einzige Quelle des volkswirtschaftlichen Wohlstands, weil nur er einen Überschuss über die aufgewendeten Kosten hervorbringen könne. François Quesnay erklärte 1757, der Reichtum liege nicht in der Bewegung des Handels, sondern in der Ruhe des Bodens. Für ihn entstand der Ertrag aus Bodenbeschaffenheit und menschlicher Arbeit; ohne menschliche Arbeit habe der Boden keinen Wert. 1777 ergänzte Johann Georg Schlosser, dass auch Künstler, Handwerker und Kaufleute produktiv seien. Adam Smith stellte 1776 dagegen die menschliche Arbeit und nicht den landwirtschaftlich genutzten Boden als Quelle des Wohlstands heraus.
Thomas Robert Malthus untersuchte 1798 das Verhältnis von Bevölkerungswachstum und Bodenertrag. Er nahm an, dass der Bodenertrag nur in arithmetischer Progression (1, 2, 3, 4, 5 usw.) wachse, während die Bevölkerung geometrisch (1, 2, 4, 8, 16 usw.) zunehme. Daraus leitete er die Gefahr von Hunger und Armut ab. Jean-Baptiste Say stellte 1803 Arbeit, Boden und Kapital erstmals auf eine Stufe. David Ricardo erklärte 1821, Boden erziele nur dann keine Rente, wenn er im Überfluss vorhanden sei. Da Boden nicht in unendlicher Menge und allgemein gleicher Beschaffenheit vorhanden sei, müsse bei wachsender Bevölkerung auch Boden geringerer Qualität und ungünstigerer Lage erschlossen werden. John Stuart Mill hob 1848 hervor, dass niemand den Boden geschaffen habe, und prägte den Begriff des nicht verdienten Bodenwertzuwachses („unearned increments“), der durch Bevölkerungswachstum entstehe und besteuert werden sollte.
Die Bedeutung des Bodens wurde später unterschiedlich bewertet. Hans Peter bagatellisierte sie 1950; nach seiner Auffassung wirke die Knappheit erst dann auf die Einkommensverteilung, wenn die Bedürfnisse nicht durch den vorhandenen Boden gedeckt werden könnten. Die moderne Volkswirtschaftstheorie konzentrierte sich zeitweise stärker auf den technischen Fortschritt als auf den Boden. Durch Umweltthemen wie Bodenkontamination und Bodenversauerung sowie durch Überbevölkerung und Hungersnot gewann der Faktor jedoch wieder an Bedeutung. In dicht besiedelten Staaten steigen Grundstückskosten und Mietpreise stark, wodurch die Knappheitsfunktion des Bodens sichtbar wird. In Entwicklungs- und Schwellenländern kann die Umwandlung ungenutzter Flächen in Nutz- oder Wohnflächen zur Desertifikation beitragen.
Die intensive Nutzung des Bodens, etwa in der Landwirtschaft, wird unter anderem anhand der Bodenproduktivität untersucht.