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Stationäre Wirtschaft
In Modellen der Wachstumstheorie lassen sich die Bedingungen untersuchen, welche Veränderungen dieser Faktoren zusammen genommen wieder zu Nullwachstum führen.
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Begriff und Grundidee
Eine stationäre oder statische Wirtschaft liegt vor, wenn über längere Zeit kein quantitatives Wirtschaftswachstum eingeplant ist oder spürbar wird. Als volkswirtschaftliches Modell bezeichnet sie ein langfristiges Gleichgewicht: Bevölkerung, Kapitalstock und Technik wachsen nicht weiter, sondern reproduzieren sich nur selbst. Investitionen können dabei gerade die Abschreibungen ausgleichen.
Für viele Volkswirte gilt dies als unerwünschte Stagnation, deren ökologische Probleme durch grünes Wachstum gelöst werden sollen. Wachstumskritische Positionen fordern dagegen eine stationäre Wirtschaft. Im deutschsprachigen Raum heißen entsprechende Ansätze Postwachstumsökonomie, Postwachstumsgesellschaft oder Postwachstum.
Historische Sichtweisen
Adam Smith verwendete zuerst den Ausdruck stationary state. Vertreter der klassischen Nationalökonomie betrachteten Stationarität meist als möglichen Endpunkt von Wachstum und Entwicklung. Sie verbanden dies mit Bevölkerungswachstum und abnehmenden Erträgen.
Thomas Robert Malthus beschrieb die Bevölkerungsfalle: Die Bevölkerung wachse exponentiell, die Lebensmittelversorgung dagegen linear. Dadurch könne die ökologische Tragfähigkeit überschritten werden; Kapitalakkumulation ende, während Armut und Versorgungsprobleme blieben. David Ricardo fürchtete das Ende weiterer Wohlstands- und Ressourcensteigerungen, hielt es aber für „weit entfernt“. Smith und Ricardo empfahlen Handel als Ausweg. John Stuart Mill sah den stationären Zustand dagegen als wünschenswerten Endzustand und meinte, Menschen könnten darin zufrieden sein, bevor Not sie dazu zwinge.
Industrialisierung, fossile Energie und technischer Fortschritt ließen Wachstum später als weitgehend unbegrenzt erscheinen. Mineraldünger und Treibstoffe verbesserten insbesondere die Nahrungsmittelversorgung. Stagnation wurde deshalb für viele Ökonomen zu einem unerwünschten, aber vermeidbaren Sonderfall.
Stationarität, Wachstum und Kritik
John Maynard Keynes und Joseph Schumpeter behandelten den stationären Zustand weiter als wichtige Langfristperspektive. Keynes erwartete um 1930, seine Enkelkinder könnten innerhalb von 100 Jahren das Knappheitsproblem lösen. Für ein darauf folgendes „goldenes Zeitalter“ langsamen Wachstums empfahl er gleiche Kaufkraftverteilung, eine Arbeitszeit von 15 Stunden pro Woche und eine höhere Steuerquote für Infrastruktur und öffentliche Leistungen. Schumpeter nahm 1942 an, dass ausbleibendes Wachstum den Kapitalismus durch eine sozialistische Wirtschaftsordnung ablösen werde.
Mit Wachstumskritik und „Grenzen des Wachstums“ gewann die Idee erneut Gewicht. Nicholas Georgescu-Roegen hielt unbegrenztes Wachstum und eine vollständige Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch aus thermodynamischen Gründen für unmöglich. Andere Ökonomen halten diese Entkopplung für möglich. Herman Dalys steady-state economy sieht eine konstante Bevölkerung und einen konstanten Bestand an Gegenständen vor, der mit möglichst geringem Durchsatz von Materie und Energie erhalten wird.
Niko Paech entwickelte ab 2006 die Postwachstumsökonomie. Er beurteilt Wachstum als mit dem Verbrauch endlicher Ressourcen wie Erdöl, sauberem Wasser, Boden und stabiler Atmosphäre verbunden; auch „grüne“ Technik benötige Ressourcen. Sein Vorschlag soll strukturelle und kulturelle Wachstumstreiber durch fünf Prinzipien aufheben: institutionelle Innovationen, stoffliche Nullsummenspiele, Regionalökonomie, Subsistenz und Suffizienz. Diskutiert wird, ob Geldwirtschaft, Sozialsysteme, Börsen, Unternehmensgewinne und technischer Fortschritt einen Wachstumszwang erzeugen. Wie solche Zwänge überwunden werden können, ist umstritten.
Stationäre Zustände in Modellen
Paul A. Samuelson unterscheidet „stationär“ und „statisch“: Stationär bedeutet, dass eine ökonomische Variable über die Zeit konstant ist. Statisch bezeichnet dagegen Gesetze, die Systemverhalten zeitlos beschreiben; dynamische Modelle beschreiben Veränderungen über die Zeit.
Komparativ-statische Modelle, darunter die meisten CGE-Modelle, nehmen für einen kurzen Moment einen stationären Zustand an: Es gibt dann insbesondere keine technologischen Veränderungen und keine Investitionen. Preisbildung, Allokation und Verteilung können mit statischen Gleichgewichtsmodellen untersucht werden. Veränderungen lassen sich darstellen, indem mehrere aufeinanderfolgende Gleichgewichtszustände betrachtet werden.
Nullwachstum bedeutet nicht zwingend völligen Stillstand. Innovationen oder sektoraler Wandel können stattfinden, wenn sie zusammen mit anderen Veränderungen insgesamt zu keinem Wachstum führen. In einem dynamischen Modell ist der stationäre Zustand erreicht, wenn alle gesamtwirtschaftlichen Faktoren langfristig im Gleichgewicht sind.
Nullwachstum in Wirtschaftstheorien
Im neoklassischen Solow-Modell ohne Bevölkerungswachstum und technischen Fortschritt konvergieren Kapitalstock k nach k* und Pro-Kopf-Einkommen y nach y* zu einem stationären Zustand. Bei einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion gilt Nullwachstum, wenn Bruttoinvestitionen bei fester Sparquote genau den Abschreibungen entsprechen. Positiver technischer Fortschritt müsste durch negative Sparquote oder sinkendes Arbeitsangebot ausgeglichen werden. Im Ramsey–Cass–Koopmans-Modell ist der Kapitalstock ohne technischen Fortschritt stationär, wenn der Realzinssatz der Summe aus Abschreibungsrate und Zeitpräferenzrate entspricht. Im AK-Modell muss technischer Fortschritt durch einen sinkenden Kapitalstock kompensiert werden. Umweltökonomische Modelle mit nicht erneuerbaren Rohstoffen erlauben bei CES-Produktionsfunktion stabiles Nullwachstum nur bei ausreichend großer Substitutionselastizität des Rohstoffs.
Keynesianische Modelle können Gleichgewichte mit Unterbeschäftigung haben. Bei Nullwachstum wäre daher eine kürzere durchschnittliche Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich nötig, um Arbeitslosigkeit und ein Sinken der Lohnquote zu verhindern; auch hier müssen Bruttoinvestitionen den Abschreibungen entsprechen. Im Harrod-Domar-Modell kann dies instabil sein, weil kein Mechanismus Angebot und Nachfrage stets ausgleicht („Wachstum auf des Messers Schneide“). Postkeynesianische Stock-Flow-Consistent Models verlangen konstante Bestände und sich genau ausgleichende Flüsse, etwa Arbeitseinkommen, Zinserträge und Konsum. Die These eines unvermeidlichen Wachstumszwangs wurde dort zurückgewiesen, doch muss der Konsum aus Vermögen größer sein als der nicht direkt konsumierte Teil der Zinserträge, damit keine Akkumulation entsteht.
Nach marxistischer Theorie ist Nullwachstum mit Kapitalismus nicht vereinbar: Wettbewerb erzwinge Akkumulation und führe wiederholt zu Unterkonsumtion und Überproduktionskrisen statt zu einem stabilen Zustand. Genannt werden Kollektivierung von Unternehmen, eine ausdrückliche Begrenzung des Rohstoffverbrauchs und Arbeitszeitverkürzung als Ausweg.