Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Zusammenbruchstheorie

Unter Zusammenbruchstheorie wird im Marxismus eine Theorie verstanden, wonach der Kapitalismus notwendigerweise zusammenbrechen muss.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Grossmanns Theorie
  3. 3. Bernstein und Luxemburg
  4. 4. Weitere Begründungen und Streitfragen
  5. 5. Kritik an der Theorie

Grundidee

Die Zusammenbruchstheorie ist im Marxismus eine Theorie, nach der der Kapitalismus notwendigerweise zusammenbrechen muss. Gemeint ist nicht nur, dass es im Kapitalismus Krisen gibt, sondern dass innere Widersprüche des kapitalistischen Wirtschaftssystems schließlich zum Ende dieses Systems führen.

Für das Verständnis wichtig ist der Unterschied zwischen einem sicheren „Zusammenbruchsgesetz“ und einer schwächeren „Zusammenbruchstendenz“. Ein Gesetz würde bedeuten, dass der Zusammenbruch notwendig eintreten muss. Eine Tendenz bedeutet eher, dass der Kapitalismus aus sich heraus in diese Richtung gedrängt wird, aber Gegenkräfte oder historische Entwicklungen eine Rolle spielen können.

Grossmanns Theorie

Der deutsch-polnische Ökonom Henryk Grossmann (1881–1950) formulierte 1929 in seiner Schrift „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“ eine einflussreiche Zusammenbruchstheorie. Er wollte zeigen, „wie der kapitalistische Reproduktionsprozess durch Ursachen, die aus dem Wirtschaftskreislauf selbst entspringen, notwendig in zyklischen, also periodisch sich wiederholenden Auf- und Abstiegsbewegungen verläuft und schließlich zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems führt.“

Grossmann drückte sich aber nicht immer gleich stark aus. Einerseits sprach er von einem „Zusammenbruchsgesetz“, andererseits auch von einer „Zusammenbruchstendenz“. In einer vorsichtigeren Form fragte er, wie Akkumulation, also die Anhäufung von Kapital, die kapitalistische Produktion zum Zusammenbruch bringen könne, wenn man zunächst von entgegenwirkenden Tendenzen absehe.

Grossmann knüpfte an eine eigene Version des marxschen Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate an. Dieses Gesetz beschreibt die Annahme, dass die Profitrate im Kapitalismus langfristig unter Druck gerät. Nach Grossmann müsse der Kapitalismus schließlich zusammenbrechen, weil die durch technischen Fortschritt erforderlichen Investitionen größer würden, als insgesamt produziert werden könne. Das Problem liegt bei ihm also vor allem in einem Mangel an Mehrwert beziehungsweise in einer Überforderung der kapitalistischen Produktion durch ihre eigene Akkumulation.

Bernstein und Luxemburg

Der Begriff wurde ursprünglich kritisch von Eduard Bernstein gegen Karl Marx verwendet. Bernstein bestritt, dass der Kapitalismus zwangsläufig in einem großen Zusammenbruch enden müsse. Er sprach dabei von einem großen „Kladderadatsch“, einem Altberliner Ausdruck für etwas, das herunterfällt und krachend in Scherben bricht. Wenn ein solcher Zusammenbruch nicht notwendig sei, dann sei nach Bernstein auch kein gewaltsamer Umsturz und keine Revolution erforderlich. Stattdessen könne der Sozialismus schrittweise durch Reformen erreicht werden. Diese Position löste den Revisionismusstreit in der SPD aus.

Rosa Luxemburg vertrat dagegen eine eigene Zusammenbruchsthese. Nach ihr brauche das Kapital immer äußere, nichtkapitalistische Räume, um seine Waren verkaufen zu können. Das kapitalistische System könne demnach aus sich selbst heraus nicht genügend Nachfrage nach seinen Produkten schaffen und sei deshalb auf Nachfrage von außen angewiesen. Sobald aber die ganze Welt kapitalistisch geworden sei und es keine äußeren Räume mehr gebe, müsse die auf Kapital beruhende Wirtschaft zusammenbrechen.

Der Artikel weist zugleich darauf hin, dass viele Marxisten heute in diesem Punkt anders argumentieren. Sie gehen davon aus, dass das Kapital in der Lage ist, seine eigene Nachfrage zu schaffen, und deshalb nicht notwendig auf nichtkapitalistische Außenräume angewiesen ist.

Weitere Begründungen und Streitfragen

Neben Luxemburgs Erklärung durch mangelnde Nachfrage und Grossmanns Erklärung durch mangelnden Mehrwert nennt der Artikel weitere mögliche Zusammenbruchsgründe. Dazu gehören die zunehmende Verelendung der Arbeitermassen und Bewusstseinsprozesse innerhalb der Arbeiterklasse. Verelendung meint hier eine Verschlechterung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter. Bewusstseinsprozesse beziehen sich darauf, dass Menschen ihre Lage erkennen und politisch handeln könnten.

Umstritten bleibt, inwieweit Karl Marx selbst tatsächlich an einen notwendigen Zusammenbruch des Kapitalismus glaubte. Der Artikel stellt diese Frage ausdrücklich als offen dar. Es gibt zwar einzelne Aussagen bei Marx und Engels, die so verstanden werden können, dass sie zumindest zeitweise an einen nahen Zusammenbruch glaubten, doch daraus wird nicht von allen Marxisten eine feste Zusammenbruchstheorie abgeleitet.

Kritik an der Theorie

Kritiker von Zusammenbruchstheorien, etwa Nikolai Kondratjew, lehnen ein deterministisches Zusammenbruchsgesetz ab. Deterministisch bedeutet hier: Ein bestimmter Ausgang gilt als zwangsläufig. Gegen diese Sicht wird eingewandt, die Geschichte habe gezeigt, dass sie nicht nach einem solchen festen Ablauf verlaufe. Auch regelmäßige Krisen oder große Krisen müssten daher nicht notwendig zum Zusammenbruch des Kapitalismus führen.

Diese Kritiker bestreiten auch, dass sich aus Karl Marx’ Theorie eindeutig eine Zusammenbruchstheorie ableiten lässt. Zwar gebe es einzelne Aussagen bei Marx und Engels, die auf eine Erwartung eines nahen Zusammenbruchs hindeuten könnten, darunter Andeutungen in Marx’ Frühwerk „Grundrisse“. Trotzdem folge daraus nicht zwingend, dass Marx eine deterministische Zusammenbruchstheorie vertreten habe.

Michael Heinrich sieht in der Zusammenbruchstheorie vor allem eine historische Entlastungsfunktion. Sie habe die Vorstellung gestützt, dass das Ende des Gegners letztlich gewiss sei, „egal wie schlimm die aktuellen Niederlagen auch waren“. Außerdem betont er, dass Krisen im Kapitalismus nicht nur zerstörerisch seien. In Krisen werde auch die Einheit von Momenten wie Produktion und Konsum gewaltsam wiederhergestellt, obwohl diese zusammengehören und sich zugleich gegeneinander verselbständigen.

Weiterlesen