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WZB-Studie zu religiösem Fundamentalismus

Fundamentalismus ist unter westeuropäischen Muslimen kein Randphänomen. · Sozio-ökonomische Marginalisierung ist bei muslimischen Immigranten in ähnlicher Weise …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand, Ziele und Begriff
  2. 2. Datengrundlage und Auswahl
  3. 3. Messung und Auswertung
  4. 4. Zentrale Ergebnisse
  5. 5. Schlussfolgerungen und Grenzen

Gegenstand, Ziele und Begriff

Die WZB-Studie zu religiösem Fundamentalismus wurde 2014 von Ruud Koopmans am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung unter dem Titel „Religious Fundamentalism and Out-Group Hostility among Muslims and Christians in Western Europe“ veröffentlicht. Sie wertete eine Befragung aus dem Jahr 2008 aus und verglich fundamentalistische Einstellungen sowie Feindlichkeit gegenüber Fremdgruppen bei eingewanderten Muslimen und als einheimisch betrachteten Christen in sechs westeuropäischen Ländern. Anlass war nach Koopmans das Fehlen einer ausreichenden wissenschaftlichen und statistischen Grundlage für die Debatte über islamischen Fundamentalismus und muslimische Einwanderung.

Die Studie untersuchte vier Fragen: Wie verbreitet ist religiöser Fundamentalismus unter muslimischen Einwanderern und Christen? Welche sozioökonomischen Merkmale hängen damit zusammen? Lässt sich Fundamentalismus von starker Religiosität unterscheiden? Und wie hängt Fundamentalismus mit Feindlichkeit gegenüber anderen Gruppen zusammen?

Koopmans übernahm die Definition von Bob Altemeyer und Bruce Hunsberger. Danach ist Fundamentalismus der Glaube an religiöse Lehren, die eine wesentliche und unfehlbare Wahrheit über das Göttliche und die Menschheit enthalten. Diese Wahrheit stehe bösen, zu bekämpfenden Kräften gegenüber, müsse nach unveränderlichen Praktiken der Vergangenheit befolgt werden und verleihe ihren Anhängern eine besondere Beziehung zum Göttlichen. Fundamentalismus wurde von Traditionalismus, Orthodoxie, Islamismus und Gewaltbewegungen abgegrenzt. Nicht alle Fundamentalisten seien gewalttätig, und nicht alle gewalttätigen Gruppen seien fundamentalistisch. Der Zusammenhang mit Gewalt oder politischem Extremismus wurde ausdrücklich nicht untersucht.

Datengrundlage und Auswahl

Die Daten stammen aus Telefonbefragungen von 2008 in Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Österreich und Schweden. Insgesamt werden knapp 9.000 Befragungen genannt: 3.373 Angehörige der „Mehrheitsbevölkerung“, also europäische Christen, 3.344 Menschen türkischer Herkunft und 2.204 Menschen marokkanischer Herkunft. In allen Ländern wurden Einwanderer der ersten und zweiten Generation mit türkischen Wurzeln befragt; Personen marokkanischer Herkunft kamen in Frankreich, Deutschland, Belgien und den Niederlanden hinzu.

Als Einwanderer galten Menschen, die selbst im Ausland geboren waren oder mindestens einen im Ausland geborenen Elternteil hatten. Zur christlichen Vergleichsgruppe gehörten Personen, die sich als Christen bezeichneten und ebenso wie beide Eltern im jeweiligen Land geboren waren. Unterschieden wurden Katholiken, Mainline-Protestanten und Non-Mainstream-Protestanten sowie Sunniten, Schiiten und Aleviten. Menschen ohne Religionsangabe, Christen türkischer oder marokkanischer Herkunft und Muslime ohne Migrationshintergrund wurden aus der Analyse ausgeschlossen. Ebenfalls ausgeschlossen waren Personen der muslimischen Zielgruppe, die ausschließlich einen Berber-Dialekt, Kurdisch oder Assyrisch sprachen.

Die Stichprobe wurde anhand typisch türkischer, marokkanischer und einheimischer Vor- und Nachnamen aus Telefonbüchern gebildet. Befragt wurde über Mobil- und Festnetzanschlüsse mithilfe computergestützter Telefoninterviews (CATI), wahlweise in der jeweiligen Landessprache oder auf Türkisch beziehungsweise Arabisch. Als Kontrollvariablen dienten unter anderem Wohnsitzland, Alter, Einwanderungsgeneration, Geschlecht, Familienstand, Arbeits- und Berufsstatus, Wohnsituation und Bildungsgrad. Quoten für Alter, Geschlecht, Anrufzeit und Einwanderungsgeneration sollten innerhalb der Gruppen repräsentative Ergebnisse ermöglichen.

Die Studie ist dennoch nicht für die gesamte muslimische Bevölkerung der untersuchten Länder repräsentativ: Sie erfasste nur bestimmte Herkunftsgruppen, nicht alle westeuropäischen Länder und je nach Fragensatz unterschiedlich viele Personen. Zudem wurden etwa doppelt so viele Muslime wie Christen berücksichtigt. Koopmans gab nicht an, welchen Anteil an der Gesamtbevölkerung die befragten Muslime ausmachten. Er bezeichnete die Auswahl als Abwägung zwischen der bestmöglichen Stichprobe für ein einzelnes Land und einer länderübergreifend vergleichbaren Methode.

Messung und Auswertung

Fundamentalismus wurde anhand von drei Aussagen gemessen:

  • Gläubige sollten zu den Wurzeln des Islams beziehungsweise Christentums zurückkehren.
  • Es gebe nur eine einzige Auslegung des Korans beziehungsweise der Bibel, an die sich alle Muslime beziehungsweise Christen halten müssten.
  • Die Regeln des Korans beziehungsweise der Bibel hätten Vorrang vor den Gesetzen des jeweiligen Landes.

Als Antwort waren „Stimme zu“, „Stimme nicht zu“ sowie „weiß nicht“ oder eine Verweigerung möglich. Zustimmung galt als fundamentalistische Antwort. Weil eine einzelne Zustimmung noch keine fundamentalistische Haltung belege, wurde zusätzlich ein Index aus allen drei Aussagen gebildet. Ablehnung, Nichtwissen und Verweigerung wurden als nicht fundamentalistische beziehungsweise nicht feindselige Antworten gewertet.

Feindlichkeit gegenüber Fremdgruppen wurde ebenfalls mit drei Aussagen untersucht: Die Befragten wollten keine homosexuelle Person zum Freund haben; Juden könne man nicht trauen; und Muslime wollten die westliche Kultur zerstören beziehungsweise westliche Länder wollten den Islam zerstören.

Drei weitere Fragen erfassten auf einer Skala von 1 („gar nicht“) bis 5 („sehr“), wie stark sich Personen als Christen oder Muslime fühlten, wie verbunden sie sich ihrer Religionsgruppe fühlten und wie stolz sie auf diese Zugehörigkeit waren. Sechs Fragen zur persönlich empfundenen Diskriminierung betrafen Wohnungssuche, Jobsuche, Café oder Club, Schule, Polizei und öffentliche Institutionen.

Zur Auswertung verwendete Koopmans eine multivariate Regressionsanalyse, mit der Beziehungen zwischen mehreren Einfluss- und Ergebnisvariablen gleichzeitig untersucht werden. Die interne Konsistenz der Fragen wurde mit dem Cronbach-Alpha-Koeffizienten gemessen; ab 0,7 gilt sie als ausreichend. Für die Fundamentalismusfragen betrug der Wert 0,76, für die Fragen zur Fremdgruppenfeindlichkeit 0,66. Fünf Regressionsmodelle berücksichtigten schrittweise religiöse Gruppen, Kontrollvariablen, demografische und sozioökonomische Faktoren, Länder, Religiosität und bei Muslimen wahrgenommene Diskriminierung.

Zentrale Ergebnisse

Unter muslimischen Einwanderern der ersten Generation stimmten 60 % einer Rückkehr zu den Wurzeln des Islams zu, 75 % glaubten an nur eine verbindliche Koranauslegung und 65 % stellten religiöse Regeln über staatliche Gesetze. 44 % bejahten alle drei Aussagen. In der zweiten Generation lagen die entsprechenden Werte bei etwa 50 %, 70 %, 65 % und 40 %. Bei den Christen stimmten 20 %, 15 % und 10 % den einzelnen Aussagen zu; 5 % bejahten alle drei.

Auch bei der Fremdgruppenfeindlichkeit wies die erste muslimische Einwanderergeneration die höchsten Werte auf: 60 % wollten keine homosexuelle Person zum Freund haben, 47 % erklärten, Juden könne man nicht trauen, und 53 % meinten, der Westen wolle den Islam zerstören. Etwa 38 % stimmten allen drei Aussagen zu. Die Unterschiede zur zweiten Generation waren gering. Unter Christen lagen die Werte bei 11 %, 9 %, 22 % und 2 % für alle drei Aussagen.

Nach Koopmans spielten demografische Faktoren für Fundamentalismus keine große Rolle, sozioökonomische Faktoren dagegen schon; Bildung sei der wichtigste. Religiöse Identifikation erwies sich ebenfalls als wichtiger Prädiktor, also als Merkmal, das statistisch zur Vorhersage fundamentalistischer Einstellungen beiträgt. Nur bei Christen spielte das Alter eine Rolle. Für eine „reaktive Religiosität“, also eine verstärkte Hinwendung zur Religion infolge wahrgenommener Diskriminierung, fand die Studie wenig Hinweise.

Im Ländervergleich schienen sich muslimische Einwanderer an den vorherrschenden Religiositätstyp der christlichen Mehrheitsbevölkerung anzupassen: In Schweden, Deutschland und den Niederlanden waren sowohl Christen als auch Muslime weniger fundamentalistisch. Bei der Fremdgruppenfeindlichkeit waren neben sozioökonomischen Faktoren auch Alter und Geschlecht bedeutsam. Die Analyse zeigte nach Koopmans zudem einen Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und Feindlichkeit gegenüber anderen Gruppen.

Schlussfolgerungen und Grenzen

Koopmans folgerte, Fundamentalismus sei unter westeuropäischen Muslimen kein Randphänomen, werde aber keineswegs von allen geteilt. Sozioökonomische Marginalisierung hänge bei muslimischen Einwanderern ähnlich wie bei Christen mit Fundamentalismus zusammen; wahrgenommene Diskriminierung spiele dagegen nur eine geringe Rolle. Starke Religiosität und Fundamentalismus seien weder bei Christen noch bei Muslimen zwingend miteinander verbunden. Fundamentalismus korreliere in beiden Gruppen klar mit Fremdgruppenfeindlichkeit, während starke Religiosität allein bei Christen gar nicht und bei Muslimen nur schwach damit korreliere.

Aus den Ergebnissen dürfe nach Koopmans keine grundsätzliche Trennung zwischen einem liberalen Christentum und einem fundamentalistischen Islam abgeleitet werden: Auch unter Christen gebe es fundamentalistische Weltbilder, während viele muslimische Migranten sie nicht teilten. Eine Übertragung auf andere Weltregionen lehnte er ab. Die großen Unterschiede in Westeuropa erklärte er auch damit, dass viele Muslime aus konservativen, ländlichen Regionen stammten und auf eine stark säkularisierte Bevölkerung träfen. In den USA sei der Unterschied zwischen Muslimen und Christen erheblich kleiner.

Die Studie blieb wegen ihrer Stichprobe, der Ausschlüsse, der ungleichen Gruppengrößen und der begrenzten Repräsentativität umstritten. Medien und Wissenschaftler bewerteten sowohl die Methode als auch die gesellschaftliche Wirkung unterschiedlich. Besonders problematisch war eine spätere politische Verallgemeinerung: Die AfD-Bundestagsfraktion führte 2018 die Werte von 60 %, 65 % und 75 % als Beleg gegen Muslime insgesamt an. Diese Zahlen betrafen jedoch ausschließlich die erste Generation der befragten Einwanderer türkischer und marokkanischer Herkunft. Vergleichswerte der Christen, methodische Grenzen und Koopmans’ engere Definition von Fundamentalismus wurden dabei nicht genannt. Auch die gegenteilige Behauptung des SPD-Abgeordneten Karl-Heinz Brunner, nur eine Minderheit deutscher Muslime sei fundamentalistisch, lässt sich der Studie nicht eindeutig entnehmen, weil Koopmans keine Aussage über einzelne Länder, sondern einen europäischen Vergleich anstrebte.

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