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Orthodoxie
Orthodoxe Kirchen – die Kirchen byzantinischer Tradition, deren Ehrenoberhaupt der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel ist; · Altorientalische Kirchen, also …
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Grundbedeutung und Perspektiven
Orthodoxie bezeichnet grundsätzlich die Richtigkeit einer Lehrmeinung oder die Anhängerschaft an eine als richtig angesehene Lehrmeinung. Abweichende Lehren werden als Heterodoxie bezeichnet und entsprechend als falsch abgelehnt. Da sich grundsätzlich jede Lehrmeinung selbst als orthodox betrachtet, hängt die Zuschreibung vom jeweiligen Standpunkt ab.
Der Begriff kann eine vorherrschende Lehrmeinung meinen, die sich gegen andere Auffassungen durchgesetzt hat, die öffentliche Wahrnehmung dominiert und dadurch faktisch die Norm festlegt. Aus Sicht abweichender Lehrmeinungen oder neutraler Beobachter ist diese Einordnung jedoch fragwürdig. Außerdem wird „orthodox“ von einem modernen, aufgeklärten Standpunkt aus manchmal im Sinn von rückwärtsgewandt und reformfeindlich verwendet. Diese Bedeutung entstand unter anderem, weil die Orthodoxe Kirche im 19. Jahrhundert als Inbegriff der Rückwärtsgewandtheit galt. Für diese Bedeutung wären „Traditionalismus“ oder „traditionalistisch“ passendere Bezeichnungen.
Orthodoxie im Christentum
Im Christentum bezeichnete Orthodoxie ursprünglich das Festhalten an der trinitätstheologischen Entscheidung des 1. Konzils von Nicaea im Jahr 325 n. Chr. Dieses Konzil bekannte, dass Jesus Christus „mit dem Vater wesenseins“ (ὁμοούσιος τῷ πατρί) ist, und grenzte sich damit von den Arianern ab. Später bezeichnete Orthodoxie auch das Bekenntnis zum christologischen Dogma des Konzils von Chalkedon von 451 n. Chr.
Erst in nachreformatorischer Zeit wurde der Begriff auch für das Beharren auf traditionellen Lehrmeinungen, Ideologien oder Handlungsweisen im Gegensatz zu Erneuerungsbewegungen verwendet. Dazu gehören die lutherische Orthodoxie als theologiegeschichtliche Epoche, eine strenge Glaubensrichtung bei niederländischen Calvinisten sowie die katholische Lehre in Glaubens- und Sittenfragen, sofern sie als Maßstab der Rechtgläubigkeit verstanden wird.
Im allgemeinen Sprachgebrauch unterscheidet man zwei große Gruppen von Kirchen: Die Orthodoxen Kirchen gehören der byzantinischen Tradition an; ihr Ehrenoberhaupt ist der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel. Die Altorientalischen Kirchen sind orientalische Kirchen, die seit 451 von der byzantinischen Reichskirche nicht mehr als rechtgläubig angesehen wurden.
Orthodoxie im Judentum
Das orthodoxe Judentum, auch normatives Judentum genannt, umfasst zwei Hauptrichtungen: das neuorthodoxe und das ultraorthodoxe Judentum. Es hält an den tradierten Wurzeln der gesamten Tora fest. Die Tora bedeutet auf Hebräisch „Lehre“ und besteht hier aus der schriftlichen Lehre, insbesondere der Sefer Tora, und der mündlichen Lehre, insbesondere dem Talmud.
Diese Grundlagen wurden in weiteren Werken des rabbinischen Judentums bis in die Gegenwart weiterentwickelt. Der eigene Weg des orthodoxen Judentums bildete sich seit dem 19. Jahrhundert auch als Reaktion auf das Reformjudentum heraus. Die gesamte Tora gilt als autoritatives Wort Gottes. Zugleich wird angenommen, dass sich ihre Auslegung im Laufe der Zeit entwickelt und zunehmend entfaltet.
Die Autorität der Tora prägt das gesamte jüdische Leben. Dieses wird als ganzheitlicher Gottesdienst verstanden und umfasst unter anderem Kindererziehung, Torastudium, Lobpreisungen Gottes, Gebet sowie die rituelle Reinhaltung der Person und der Familie. Der Ausdruck „orthodox“ wurde wahrscheinlich ursprünglich im liberalen Judentum zur Abgrenzung von Juden verwendet, die ihre Tradition trotz der gesellschaftlichen Veränderungen der Aufklärung nicht änderten. „Orthopraxes Judentum“ – richtiges Tun oder Handeln – wurde schon im 19. Jahrhundert als treffendere Bezeichnung vorgeschlagen. Das orthodoxe Judentum ist zugleich die am wenigsten homogene Strömung des Judentums.
Orthodoxie im Islam
Auf den Islam wird der Begriff Orthodoxie uneinheitlich angewandt oder vollständig abgelehnt. Manchmal bezeichnet er eine schriftbasierende Form des Islams, die sich auf Koran, Hadithe, Propheten- und Heiligenerzählungen sowie die Scharia stützt und dem Volksglauben gegenübergestellt wird.
Häufig gilt der sunnitische Islam als orthodoxe Form, weil er die vorherrschende Glaubensrichtung im Islam ist. Diese Einordnung ist jedoch problematisch. Sie ist einerseits zu eng, da auch der schiitische Islam Merkmale einer orthodoxen Glaubensrichtung aufweist. Außerdem verlief die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten geschichtlich oft ohne klare Grenzen, und beide Seiten erkannten die jeweils andere Richtung grundsätzlich als zum Islam gehörig an.
Andererseits entwickelt sich der sunnitische Islam diskursiv, also durch fortlaufende Auseinandersetzung, ohne abschließende Normen. Das widerspricht dem Gedanken einer endgültig festgelegten Orthodoxie. Deshalb wird der Begriff manchmal auf abgeschlossene Definitionen innerhalb des sunnitischen Islams begrenzt, etwa auf die vier sunnitischen Rechtsschulen (Madhhab): Hanafiten, Hanbaliten, Malikiten und Schafiiten. Eine andere Einteilung unterscheidet die drei sunnitischen theologischen Schulen Aschʿarīya, Māturīdīya und Atariya.
Weitere Verwendungen
Außerhalb der genannten Religionen bezeichnet Orthodoxie in der Wissenschaft die jeweils herrschende Lehrmeinung. Weitere Verwendungen sind der Titel „Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen“, eine Apologie von Gilbert Keith Chesterton, der Begriff „orthodoxer Marxismus“ sowie die „Orthodoxe Verteidigung“, eine Variante des Damengambits und damit eine Schacheröffnung.