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Religiosität

Religiosität oder Religiösität bezeichnet als Fachbegriff (im deutschen Sprachraum) die aus tiefer Ehrfurcht vor der Ordnung und Vielfalt in der Welt …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundverständnis
  2. 2. Wurzeln, soziale Rolle und Entwicklung
  3. 3. Motivationen und gesellschaftliche Zusammenhänge
  4. 4. Religiosität in Deutschland
  5. 5. Internationale Verbreitung und Frauen
  6. 6. Anthropologie, Medizin und Psychiatrie

Bedeutung und Grundverständnis

Religiosität oder Religiösität bezeichnet im deutschen Fachgebrauch eine aus tiefer Ehrfurcht vor Ordnung und Vielfalt der Welt entstehende menschliche Empfindung: Alles beruhe letztlich auf einer ganzheitlichen, transzendenten Wirklichkeit. Transzendent bedeutet hier: nicht erklär- oder beweisbar. Religiosität umfasst außerdem die Fähigkeit, sich im Erleben, Denken, Fühlen und Handeln auf diese Wirklichkeit zu beziehen, oft verbunden mit dem Wunsch nach Erleuchtung und der Hinwendung zu einer konkreten Religion.

Im Alltag meint „religiös“ meist die Orientierung an einer bestimmten Religionslehre in Lebensführung, sozialem Verhalten und Sinnsuche. Die persönliche Erfahrung einer transzendenten Wirklichkeit unabhängig von Dogmen wird eher als Spiritualität bezeichnet; in englischsprachiger Literatur werden beide Begriffe häufig nicht getrennt. Religiosität entspringt dem individuellen Bedürfnis nach Sinnfindung, Welterklärung und Existenzorientierung. Sie wird mit der angeborenen Fähigkeit zur Kategorisierung verbunden und verkürzt als transzendenter Sinn für die Kategorie des Numinosen, also des als heilig oder geheimnisvoll Erlebten, beschrieben.

Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Johann Gottfried Herder verstand Religiosität als Ausdruck echten religiösen Gefühls. Monika Jakobs nennt sie die anthropologische Voraussetzung dafür, dass Religion im Menschen Platz finden kann. Ulrich Hemel beschreibt sie als mögliche individuelle Ausprägung eines Welt- und Selbstverständnisses mithilfe religiöser Kategorien, meist im Umfeld der jeweiligen religiösen Kultur. Stefan Tobler versteht sie als menschliche Einstellung gegenüber einem transzendenten Sinn. Andere Definitionen betonen Hingabe und das Über-sich-Hinauswachsen statt bloßem Dogmenglauben oder moralischen Vorschriften.

Religiosität wird häufig mit Glauben gleichgesetzt, besonders wenn sie auf eine bestimmte Religion bezogen ist. Sie kann jedoch auch zu anderen Weltanschauungen führen. Religionspsychologie untersucht konkret die Religiosität des Menschen. Empirische Studien definieren den Begriff oft bewusst nicht eng, um der Vielfalt religiöser Einstellungen sowie Denk-, Lebens- und Verhaltensweisen gerecht zu werden.

Wurzeln, soziale Rolle und Entwicklung

Religionen und Religiosität stehen am Anfang der Religionsgeschichte sowie früher ethischer und moralischer Grundlagen menschlicher Gesellschaften. Der Religionsethnologie ist kein religionsloses Volk bekannt. Alle Kulturen kennen heilige Objekte und unterscheiden einen sakralen, also heiligen, von einem profanen, weltlichen Bereich. Émile Durkheim deutete das Sakrale als Verehrung des kollektiven Lebens. Religiosität hat deshalb auch eine soziale Funktion: Sie kann Gruppenzugehörigkeit bestimmen und festigen.

Zugleich kann der Wunsch nach einer unumstößlichen göttlichen Ordnung Menschen für ideologisch missbrauchte Religionsauslegungen empfänglich machen. Als Beispiele nennt der Artikel Kannibalismus, Hexenverfolgung und religiösen Fundamentalismus: Verantwortung wird dabei ins Numinose verlagert, um Handlungen zu rechtfertigen, die sonst nicht akzeptiert würden.

Nach theologischer Auffassung ist Religiosität die Fähigkeit, sich einer jenseitigen beziehungsweise transzendenten Wirklichkeit zustimmend zuzuwenden. Manche Wissenschaftsvertreter führen sie dagegen auf das Bedürfnis zurück, unerklärliche Phänomene verständlich einzuordnen und sich selbst in einem möglichst geschlossenen Erklärungssystem zu verstehen. Dabei sei nicht entscheidend, ob die verwendeten Erklärungen beweisbar oder logisch widerspruchsfrei sind.

Individuelle Religiosität löste sich teilweise schon im alten Ägypten, spätestens aber im Griechenland Homers und Herodots, von kollektiven Ritualen. Die olympischen Götter ermöglichten Angehörigen der Adelsgesellschaft einen individuellen Zugang durch Opfergabe und Gegengabe. Ländliche Bevölkerungsgruppen wandten sich eher Naturgottheiten und Mysterienkulten zu; Nähe zur Gottheit wurde dort durch Ekstase gesucht. In der Polis ab etwa 600 v. Chr. und im Römischen Reich gewannen staatlich organisierte Kulte und Feste wie Panathenäen oder Saturnalien an Gewicht. Seit dem Hellenismus wurden sie auch von orientalischen Kulten mit Jenseitshoffnung und von Magie beeinflusst.

Mit dem Christentum als Staatsreligion im Hochmittelalter trat Verinnerlichung und bedingungslose Gottesliebe bis zur unio mystica, der mystischen Vereinigung mit Gott, an die Stelle des do ut des, also eines erwarteten Tauschs von Gabe und Gegengabe. Gleichzeitig nahmen Intoleranz und Aggression gegenüber Häretikern und konkurrierenden Religionen zu. Pietismus verstärkte später die Subjektivierung des Christentums. Im 20. und 21. Jahrhundert fördern sich auflösende soziale Bindungen eine Individualisierung des Glaubens, Rückzug aus der Öffentlichkeit und die Auswahl aus marktförmigen Angeboten.

Motivationen und gesellschaftliche Zusammenhänge

Nach der Motivation wird zwischen intrinsischer und extrinsischer Religiosität unterschieden. Intrinsische Religiosität liegt vor, wenn Menschen ihre Bedürfnisse an ihren religiösen Überzeugungen ausrichten und gemäß dem Ziel der Religionslehre befriedigen. Extrinsische Religiosität liegt vor, wenn die Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft persönliche Vorteile bringt, etwa Ablenkung, Anpassung, moralische Rechtfertigung oder Status. Sie kann auch bedeuten, dass Menschen von Gott eine konkrete Gegenleistung erwarten. Der Übergang zwischen beiden Motiven ist fließend. Ist Religiosität stark mit Angst oder Stress verbunden und gesundheitlich belastend, wird sie als neurotische Religiosität bezeichnet.

Eine 2005 veröffentlichte Studie der Europäischen Kommission stellte für die Europäische Union einen Zusammenhang fest: Der Glaube an Gott oder eine höhere Macht ist in bildungsfernen Schichten am stärksten verbreitet und nimmt mit zunehmender Bildung ab. Eine Südtiroler Studie fand bei Jugendlichen ebenfalls eine negative Korrelation zwischen Religiosität und hohem Bildungsabschluss der Eltern, höherem Einkommen der Eltern sowie städtischem Wohnumfeld.

Als gesichert gilt im Artikel, dass gesellschaftliche Individualisierung mit stärkerer Distanz zu christlichen und außerchristlichen Religionsformen verbunden ist. Weltweit haben religiös aktive Personen durchschnittlich mehr Kinder als nicht religiöse. Pippa Norris und Ronald Inglehart vermuten den Bedeutungsverlust von Religiosität und damit niedrigere Geburtenraten vor allem dort, wo ein Wohlfahrtsstaat existenzielle Sorgen mindert und Religion dadurch eine Hauptfunktion verliert. Dies schließt nicht aus, dass die absolute Zahl religiös orientierter Menschen weltweit wächst.

Religiosität in Deutschland

Nach dem Eurobarometer glaubten 2005 47 % der Menschen in Deutschland an Gott. Weitere 25 % glaubten an eine spirituelle Kraft oder höhere Macht; 25 % glaubten weder an Gott noch an eine andere spirituelle Kraft, 3 % waren unentschlossen. Eine Focus-Studie von 2011 kam dagegen auf 63 % der Deutschen, die an Gott glauben. Diese Umfrage unterschied allerdings nicht zwischen einem persönlichen Gott und einer unpersönlichen höheren Macht.

Die 16. Shell Jugendstudie von 2010 ermittelte für 12- bis 25-Jährige: 26 % glaubten an einen persönlichen Gott, 21 % an eine höhere Macht, 24 % wussten nicht richtig, ob und woran sie glauben sollten, und 27 % glaubten weder an Gott noch an eine höhere Macht.

Im ARD-Deutschlandtrend zur Themenwoche „Woran glaubst Du?“ im Juni 2017 bezeichneten 8 % Religion und Glauben als sehr wichtig und 29 % als wichtig. Für 36 % hatten sie geringe, für 27 % gar keine Bedeutung. Frauen maßen Glauben und Religion häufiger große Bedeutung bei als Männer, nämlich 48 % gegenüber 26 %. In Westdeutschland waren es 41 %, in Ostdeutschland 21 %.

Eine repräsentative Umfrage von 2017 ergab: Rund 10 % der Deutschen beten täglich, 13 % mindestens einmal im Monat und 9 % mehrfach im Jahr. Etwa 22 % beten seltener als mehrmals im Jahr, 42 % nie; 4 % machten keine Angabe.

Internationale Verbreitung und Frauen

Das Worldwide Independent Network und die Gallup International Association befragten 2011 bis 2012 fast 52.000 Personen aus 57 Ländern. 57 % bezeichneten sich als religiöse Person, 23 % als nicht-religiös und 13 % als überzeugte Atheisten.

In den USA hat Religiosität mit der Zivilreligion eine besondere Ausprägung. Eine Umfrage von 2008 ergab, dass 82 % der US-Amerikaner Religion für wichtig oder sehr wichtig hielten; für 55 % war sie sehr wichtig. Bei Frauen waren es 65 %, bei Männern 44 %.

Der Artikel behandelt auch die oft höhere und strengere Religiosität von Frauen. Angelika Ebrecht zufolge kann weibliche Religiosität emotionale Bindungen stabilisieren, die in einer globalisierten Welt verloren gehen können. In politischen Umbruchsituationen kann sie außerdem soziale Bewegungen und Widerstand tragen. Sie kann aber auch politisch und gesellschaftlich funktionalisiert werden und Frauen stärker an traditionelle Herrschaftsverhältnisse binden.

Anthropologie, Medizin und Psychiatrie

Anthropologie, Kognitionswissenschaft und Evolutionsbiologie suchen nach neurologischen und biologischen Ursachen von Religiosität und Spiritualität. Scott Atran und Pascal Boyer deuten sie beispielsweise als evolutionäre Nebenprodukte. Nach den zugrunde liegenden Untersuchungen ist nicht eine einzelne Fähigkeit oder ein einzelner Gehirnbereich verantwortlich, sondern mehrere kognitive Fähigkeiten und neurologische Eigenschaften. Koenig et al. bezifferten 2005 die Heritabilität, also den Erblichkeitsanteil, der Religiosität bei Erwachsenen auf 44 %. Dean Hamer vermutete im Gen VMAT2 eine angeborene Ursache religiösen Empfindens; die Stichhaltigkeit dieser Theorie ist umstritten. Thomas Luckmann sieht den Ursprung in Transzendenzerfahrungen, die kulturübergreifend ähnliche Grundmuster haben sollen.

In der Medizin wird Religiosität besonders in der Psychiatrie untersucht. Bei Amyotropher Lateralsklerose (ALS) konnte Religiosität nach zusammengefassten Studien das Leben nicht verlängern, aber die Lebensqualität signifikant erhöhen.

Kenneth S. Kendler und Mitarbeitende untersuchten 2003 bei 2.616 Männern und Frauen 78 Dimensionen der Religiosität. Fünf internalisierende Diagnosen – Depression, Angststörung, Panikstörung und Bulimie – wurden vier externalisierenden Krankheitsbildern – Nikotin-, Alkohol- und Tablettensucht sowie antisozialer Verhaltensstörung – gegenübergestellt. Von sieben Religiositätsfaktoren wirkten soziale Religiosität und Dankbarkeit gegen beide Krankheitsgruppen. Allgemeine Religiosität, Gottesbeziehung, Vergeben/Liebe und Gottesgericht waren nur gegen externalisierende Krankheiten protektiv; Rachelosigkeit verringerte das Risiko der internalisierenden Gruppe. Eine Duke-University-Metaanalyse zu Arbeiten seit 1990 berichtete, dass 72 % der relevanten Studien einen Anstieg psychischer Gesundheit mit religiös-spirituellem Engagement zeigten. Auch eine für Deutschland repräsentative Studie mit mehr als 44.000 Jugendlichen fand gelebte und als wichtig erlebte Religiosität als Schutzfaktor gegen Rauschtrinken.

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