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Migration
Als Migration wird eine auf Dauer angelegte räumliche Veränderung des Lebensmittelpunktes einer oder mehrerer Personen verstanden.
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Begriff und Bedeutung
Migration bedeutet eine auf Dauer angelegte räumliche Veränderung des Lebensmittelpunktes einer oder mehrerer Personen. Wird dabei eine Landesgrenze überschritten, spricht man von internationaler Migration; findet der Wechsel innerhalb einer Region oder eines Staates statt, heißt er Binnenmigration. Migration ist Gegenstand vieler Wissenschaften, etwa der Gesellschafts-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Deshalb gibt es keine einheitliche Definition.
Meist wird Migration von einer Reise dadurch unterschieden, dass der Lebensmittelpunkt für eine gewisse Dauer verlegt wird. Wie lange diese Dauer sein muss, ist umstritten. Ist der Ortswechsel auf Dauer oder sehr lange Zeit angelegt, wird oft von Auswanderung gesprochen. Nicht immer zählen vorübergehende Aufenthalte mit klarer Rückkehrabsicht dazu, etwa saisonale Migration, Gesellenwanderung oder berufliche Entsendung.
Herkömmlich wird zwischen freiwilliger Migration und erzwungener Flucht unterschieden. Diese Grenze ist aber schwierig, weil Zwang nicht nur körperliche Gewalt oder Vertreibung meint, sondern auch Krieg, politische Verfolgung oder andere Bedrohungen. Manche Auffassungen verwenden Migration deshalb als Oberbegriff für alle Wanderungsbewegungen, einschließlich Flucht. Vom Zielort aus betrachtet ist Migration Einwanderung oder Immigration; vom Herkunftsort aus Auswanderung oder Emigration. Integration, Assimilation und Diaspora folgen Migration zeitlich nach, werden aber häufig ebenfalls in der Migrationsforschung behandelt.
Ursachen und Formen
Migration zieht sich durch die Menschheitsgeschichte und kommt weltweit vor. Häufige Gründe für dauerhafte Ortswechsel sind bessere Siedlungs- und Erwerbsmöglichkeiten, Schutz vor Naturkatastrophen oder Klimaverschlechterungen, Sicherheit nach Krieg, Flucht oder Vertreibung sowie Schutz vor Diskriminierung und persönlicher Verfolgung aus rassischen, religiösen, weltanschaulichen oder anderen Gründen. Weitere Motive sind Altersmigration, Bildungsmigration, Heiratsmigration und Remigration, also Rückwanderung.
Zu den Formen gehören internationale Migration zwischen Staaten und Binnenmigration innerhalb eines Staates, einer Region oder eines anderen abgegrenzten Raums. Der Begriff Binnenmigration ist für sich genommen unscharf, weil jeweils erklärt werden muss, ob etwa ein Land, ein Staat, eine Region, ein Staatenbund oder ein Staatenverbund gemeint ist. Außerdem wird zwischen Primärmigration als erstmaliger Auswanderung und Sekundärmigration als späterer weiterer Auswanderung unterschieden.
Jochen Oltmer unterscheidet unter anderem Arbeitswanderung, Bildungs- und Ausbildungswanderung, Dienstmädchenwanderung, Entsendung, Gesellenwanderung, Gewaltmigration, Heirats- und Liebeswanderung, Lebensstil-Migration, Nomadismus, Siedlungswanderung und Sklavenhandel. Arbeitsmigranten wandern zum Zweck der Beschäftigung aus; Bildungsmigration betrifft Ausbildung, Studium und Forschung. Transmigration bezeichnet das Pendeln von Migranten zwischen Wohnorten in unterschiedlichen Kulturen. Altersmigration oder Ruhesitzmigration gewinnt an Bedeutung, und Heiratsmigration ist in Deutschland ein wichtiger Grund für die Einwanderung von Drittstaatsangehörigen.
Geschichte und Entwicklung
Migration ist kein modernes Ausnahmephänomen. Vor etwa 40.000 Jahren erschloss sich der Homo sapiens die gemäßigten Zonen Eurasiens; vor 12.000 Jahren war er in allen Großräumen der Kontinente präsent. Zwischen 3000 und 1000 v. Chr. führte die Entstehung der Sahara zur Wanderung von Bantu aus Westafrika bis ins südliche Afrika. Zwischen 200 und 1500 breiteten sich Chinesen von ihren Ursprungsgebieten in alle Richtungen aus, besonders nach Südasien. Um 500 migrierten arabische Stämme über weite Strecken und erreichten unter anderem Ostafrika.
In Europa zählen die griechische Kolonisation am Mittelmeer im 1. Jahrtausend v. Chr. und die sogenannte Völkerwanderung am Übergang zwischen Spätantike und Frühmittelalter zu frühen Wanderungsbewegungen. Seit dem 16. Jahrhundert führte die europäische Expansion zu Kolonialismus, neuzeitlichem Sklavenhandel und zum Zusammenbruch indigener Bevölkerungen Amerikas. Im 19. Jahrhundert setzte eine massenhafte Auswanderung aus Europa besonders nach Amerika und vor allem in die Vereinigten Staaten ein.
Dirk Hoerder kritisiert euro- und US-zentrierte Darstellungen und unterscheidet für das 19. und frühe 20. Jahrhundert fünf große Migrationssysteme: das „weiße“ atlantische System, das schwarzatlantische System des Sklavenhandels, ein pazifisches System asiatischer Migration nach Amerika, das russisch-sibirische System und das nordchinesisch-mandschurische System, bei dem die Einwanderung von Han-Chinesen und Koreanern in die Mandschurei besonders in den 1920er und 1930er Jahren auf etwa 30 Millionen Menschen geschätzt wird.
Im 20. Jahrhundert führten Kriege und kriegsähnliche Konflikte verstärkt zu Zwangsmigrationen, Deportationen und Vertreibungen, etwa im Zusammenhang mit der Russischen Revolution, dem Stalinismus, dem Nationalsozialismus, dem Holocaust, der Westverschiebung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung Indiens. Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts nimmt die Komplexität des weltweiten Wanderungsgeschehens zu; klassische Formen wie Einwanderung, Gastarbeit und Flucht treten häufiger in Mischformen auf.
Forschung, Wirtschaft und Fachkräfte
Migrationsforschung ist wegen ihres vielfältigen Gegenstands interdisziplinär: Sie verbindet zum Beispiel soziologische, rechtliche, wirtschaftliche, historische und politische Perspektiven. Untersucht werden Wanderungswege, Hindernisse, Entscheidungen und Folgen für Herkunfts-, Transit- und Zielgesellschaften. Statt nur von Anfangs- und Zielpunkt zu sprechen, wird zunehmend von Migrationsrouten oder Migrationstrajektorien gesprochen, weil Wanderungen über viele Stationen und Jahre verlaufen können.
Ein wichtiger Erklärungsansatz sind Push- und Pull-Faktoren. Push-Faktoren sind abstoßende Bedingungen in Herkunftsregionen, etwa Krieg, Armut, Arbeitslosigkeit oder Naturkatastrophen. Pull-Faktoren sind anziehende Bedingungen in Zielregionen, etwa Einkommen, Sicherheit, Arbeitsplätze oder bessere Lebensperspektiven. Neben Einkommen beeinflussen Alter, Beruf, Familie, Arbeitslosenquote und Zuwanderungspolitik des Ziellandes die Entscheidung. Bei Fachkräften spielen auch Sprache, Arbeitsmarkt, dauerhafter Aufenthalt, Einbürgerung, Familiennachzug und berufliche Selbständigkeit eine Rolle.
Bei Fluchtmigration dominieren oft Push-Faktoren, doch auch Flüchtlinge planen teilweise voraus und nutzen Ressourcen, Handlungsmöglichkeiten und Netzwerke. Nach der Genfer Flüchtlingskonvention vom 28. Juli 1951 ist ein Flüchtling eine Person, die sich „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung“ außerhalb ihres Herkunftsstaates befindet und dessen Schutz nicht in Anspruch nehmen kann oder will. Wirtschaftliche Gründe werden in dieser Definition nicht als Flüchtlingsgrund anerkannt.
In Deutschland kamen durch Anwerbepolitik von 1955 bis 1973 etwa 14 Millionen Gastarbeiter in die Bundesrepublik. Wirtschaftlich gewünscht ist oft die Zuwanderung hochqualifizierter Fachkräfte, auch high skilled migration genannt. Wegen alternder Gesellschaften und Fachkräftemangels konkurrieren viele Länder um Talente, doch bestehen weiterhin Hürden für die Arbeitsmobilität, auch bei Hochqualifizierten.
Integration und gesellschaftliche Herausforderungen
Integration ist ein vielschichtiger Prozess. Migranten handeln als Einzelpersonen, in Netzwerken oder in Gruppen und verfügen über unterschiedliche wirtschaftliche, kulturelle, soziale, rechtliche und symbolische Ressourcen. Aufnahmegesellschaften unterscheiden sich darin, wie sie Zuwanderer einbeziehen wollen. Assimilation bedeutet, dass Minderheiten sich an die Mehrheitsgesellschaft anpassen und deren Werte und Lebensweisen übernehmen. Akkulturation und Integration bezeichnen Eingliederungsprozesse, bei denen die Annäherung weniger umfassend sein kann oder gegenseitige Annäherung von Minderheits- und Mehrheitskultur gemeint ist.
Wichtige Integrationsbedingungen sind Zugang zum Arbeitsmarkt, Beschäftigung, Spracherwerb, Bildungsangebote und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Hürden entstehen, wenn Qualifikationen aus dem Herkunftsland entwertet werden, Migranten in unteren gesellschaftlichen Positionen landen oder Ablehnung, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auftreten. In Deutschland können Kinder von Zugewanderten schulische und berufliche Möglichkeiten oft nicht vollständig nutzen, wenn mehrere Benachteiligungen zusammentreffen: Arbeitslosigkeit, nicht anerkannte Abschlüsse, beengte Wohnverhältnisse, Traumatisierungen, geringe Deutschkenntnisse und wenig Kontakt zu Einheimischen.
Integrationsförderlich sind bessere Lebensbedingungen am neuen Ort, Unterstützung durch Kommunikationsnetzwerke von Eingewanderten, ethnische Gemeinden und Migrantenunternehmen. Integration braucht Zeit: Mit längerer Aufenthaltsdauer beziehen Zugewanderte Normen, Werte und Ansprüche stärker aus der Aufnahmegesellschaft. Vollständige Assimilation findet laut Artikel aber auch nach mehreren Generationen nicht zwingend statt; Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft können neue Verbindungen eingehen. Politisch gewünschte Identifikation mit dem neuen Gemeinwesen setzt nach Ingrid Oswald staatsbürgerliche, soziale und kulturelle Gleichberechtigung voraus.
Internationale Politik und Zahlen
Globalisierung hat die geographische Mobilität erhöht. Besonders zugenommen haben Wanderungen von Experten, Studierenden und Haushaltsgehilfen in OECD-Staaten, Ölförderstaaten und regionalen Akkumulationszentren. Zugleich wird es Flüchtlingen in westlichen Industrienationen oft erschwert, Fuß zu fassen, etwa durch Visapflichten, Sichere-Drittstaaten-Regelungen, Bekämpfung illegaler Migration und Pflichten für Transportunternehmen, Menschen ohne Papiere zurückzubringen.
Internationale Migrationspolitik ist widersprüchlich. Restriktive Regeln können Migration nicht vollständig verhindern und können nach Hein de Haas sogar gegenteilige Effekte haben: Bei angekündigten Begrenzungen kann es zu „Torschluss-Migration“ kommen, und strengere Wiedereinreiseregeln können Migranten davon abhalten, vorübergehend oder endgültig zurückzukehren. Dadurch kann zirkuläre Migration, also Ein- und Wiederausreise je nach Arbeitskräftenachfrage, zum Erliegen kommen. Geldüberweisungen von Migranten an Verwandte in „Entwicklungsländern“ lagen 2016 nach Schätzungen der Weltbank bei mindestens 440 Milliarden US-Dollar und damit fast dreimal so hoch wie staatliche Zahlungen der Entwicklungszusammenarbeit.
Formelle Einwanderungsländer verstehen Einwanderung als Teil ihres Selbstverständnisses; informelle Einwanderungsländer nehmen eher bestimmte Gruppen auf. Als Beispiele nennt der Artikel Frankreich, die USA, Kanada und Australien sowie Deutschland und Israel. In Europa entwickelte sich im Zuge der Einigung eine stärkere Regulierung, unter anderem mit Dublin-Verfahren, restriktiverem Asylrecht, Eurosur und Frontex. Gleichzeitig werden wegen Arbeitskräftemangels Modelle wie Punktesysteme für qualifizierte Zuwanderung diskutiert. Der Globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration soll zur Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung 2030 beitragen, besonders zu Punkt 10.7.
Die weltweiten Zahlen stiegen absolut deutlich: 1990 lebten bei 5,3 Milliarden Weltbevölkerung 151–156 Millionen Migranten weltweit, also 2,9 %. Im Jahr 2000 waren es 173 Millionen bei 6,1 Milliarden Menschen, also 2,8 %. 2015 waren es 244 Millionen bei 7,3 Milliarden, also 3,3 %, und 2017 258 Millionen bei 7,5 Milliarden, also 3,4 %. 2017 lebten 257,7 Millionen Menschen in Staaten, in denen sie nicht geboren wurden. Die meisten Migranten lebten 2017 in den Vereinigten Staaten mit 49,8 Millionen, gefolgt von Saudi-Arabien und Deutschland mit jeweils 12,2 Millionen sowie Russland mit 11,7 Millionen. Die meisten Auswanderer stammten 2017 aus Indien mit 16,6 Millionen, Mexiko mit 13 Millionen, Russland mit 10,6 Millionen, China mit 10,0 Millionen und Bangladesch mit 7,5 Millionen.
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