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Resilienz (Psychologie)

Resilienz (von lateinisch resilire: zurückspringen, abprallen, nicht anhaften), auch Anpassungsfähigkeit, ist der Prozess, in dem Personen auf Probleme und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernbegriff und Bedeutung
  2. 2. Forschung und Grundannahmen
  3. 3. Faktoren der Resilienz
  4. 4. Einfluss von Armut, Familie, Migration und Genen
  5. 5. Kinder, Gruppen und Förderung
  6. 6. Training, Gesundheit und Kritik

Kernbegriff und Bedeutung

Resilienz bedeutet in der Psychologie Anpassungsfähigkeit: Personen reagieren auf Probleme, belastenden Stress, Traumata oder Veränderungen, indem sie ihr Verhalten, ihre Einstellungen oder ihre Bewältigungsweisen anpassen. Der Prozess umfasst Auslöser, die Resilienz nötig machen, Ressourcen, die sie begünstigen, und Folgen, zum Beispiel verändertes Verhalten. Resilienz hilft Menschen, sich nach Belastungen zu erholen oder auf Herausforderungen zu reagieren.

Resilienz wird unterschiedlich verstanden: als Prozess oder als Persönlichkeitseigenschaft beziehungsweise Fähigkeit. Als Prozess entsteht sie durch dynamische Wechselwirkungen innerhalb einer Person und zwischen Person und Umwelt. Forschungsergebnisse betonen, dass Resilienz nicht nur im Individuum liegt, sondern auch davon abhängt, ob die Umgebung Wohlbefinden fördert oder vor Risikofaktoren schützt.

Als Eigenschaft beschreibt Resilienz bei Kindern und Jugendlichen oft die Fähigkeit, trotz schädlicher Umgebungen wie Armut, Drogenkonsum oder Gewalt später ein erfolgreiches Leben zu führen. Bei Erwachsenen geht es häufiger um die Bewältigung eines einmaligen, meist kürzeren traumatischen Ereignisses, etwa Vergewaltigung oder Kriegserlebnisse. Das Gegenstück zu Resilienz heißt Vulnerabilität: eine besondere seelische Verletzlichkeit durch äußere Einflüsse und eine erhöhte Neigung zu psychischen Erkrankungen.

Forschung und Grundannahmen

Der Begriff ego-resiliency wurde in den 1950er Jahren vom US-amerikanischen Psychologen Jack Block geprägt. Er untersuchte mit Jeanne Humphrey Block in einer Langzeitstudie über 30 Jahre die Entwicklung von Kleinkindern bis zur Adoleszenz. Norman Garmezy, der seit 1961 zu Stress und kindlicher Entwicklung forschte, gilt oft als „Großvater der Resilienztheorie“. Er beobachtete, dass viele Kinder schizophrener Eltern zu erfolgreichen und glücklichen Erwachsenen wurden. Ann Masten bezeichnete Resilienz später als „gewöhnliche Magie“.

Glen Elder brachte den Resilienzbegriff in die Pädagogik ein. In Children of the Great Depression von 1974 untersuchte er Kinder während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre und betonte, dass resiliente Kinder sich als kompetente Akteure ihres eigenen Lebens verstanden. Ein Durchbruch war die Kauaʻi-Studie von Emmy Werner und Ruth Smith: 698 Kinder des Jahrgangs 1955 wurden über 40 Jahre beobachtet. Ein Drittel der Kinder aus schwierigen Verhältnissen entwickelte sich trotz Belastungen zu lebenstüchtigen Erwachsenen. Werner schloss daraus, dass Resilienz erlernbar ist; zugleich zeigte sich, dass sie sich über die Zeit und je nach Umwelt verändert.

Seit etwa 2000 wurde Resilienz im Zusammenhang mit Migration wichtiger. Im 21. Jahrhundert, besonders während ökonomischer und ökologischer Krisen sowie der COVID-19-Pandemie, rückte die Resilienz von Erwachsenen stärker in den Mittelpunkt. 2014 wurde an der Universität Mainz das Deutsche Resilienz-Zentrum gegründet, seit 1. Januar 2020 Leibniz-Institut für Resilienzforschung.

Faktoren der Resilienz

Resilienz wird durch personale Faktoren, Umwelteinflüsse und Prozessfaktoren beeinflusst. Stärkend wirken erfahrene Fürsorge und sichere Bindung in der Kindheit, Unterstützung durch Kultur, Gemeinschaft, soziales Umfeld, Netzwerke und Schule sowie enge Partnerschaft und Liebe.

Zu den personalen Faktoren gehören kognitive Fähigkeiten wie Intelligenz, selbstständiges Lernen, Deutungs- und Sinnmodelle der Realität und Religiosität. Dazu kommen emotionale Fähigkeiten wie Emotions- und Handlungskontrolle, hohe Selbstwirksamkeitserwartung, Toleranz für Ungewissheit, aktive Beziehungsgestaltung, Problemlösungsorientierung und Humor. Ganzheitliche Ansätze berücksichtigen auch den Körper, etwa gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Schlaf.

Prozessfaktoren sind Fähigkeiten, in Krisen Chancen und Perspektiven zu erkennen, Unveränderbares zu akzeptieren und die eigene Energie auf das als Nächstes zu Bewältigende zu richten. Schwächend wirken dagegen unsichere Bindungen, geringe kognitive Fertigkeiten, geringe Selbstregulation von Anspannung und Entspannung sowie Fixierung auf Probleme.

Auch Gruppen können resilient sein. Besonders widerstandsfähig sind meist Gruppen mit starkem Zusammenhalt, eher kollektivistischer Orientierung und gemeinsamen Werten. Resilienz darf jedoch nicht statisch verstanden werden: Faktoren, die in einer Situation helfen, können in einer anderen hinderlich sein. Armut kann zum Beispiel ambivalent wirken. Außerdem können Anpassungsleistungen nach außen resilient erscheinen, obwohl dahinter Vermeidung, Verdrängung oder erhebliches Leid stehen.

Einfluss von Armut, Familie, Migration und Genen

Armut erhöht bei Kindern Risiken und Frustrationen. Sie hängt unter anderem mit schlechteren Schulleistungen, häufiger krimineller Auffälligkeit oder Drogenabhängigkeit und häufigerem Auftreten bestimmter Erkrankungen zusammen. Studien kamen jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen: Viele arm aufgewachsene Kinder hatten als Erwachsene große Probleme, während Glen Elder bei bestimmten während der Großen Depression aufgewachsenen Gruppen fand, dass es vielen im Erwachsenenalter relativ besser ging als Mittelschichtkindern. Garmezy beobachtete, dass eine starke Minderheit der von Armut betroffenen Kinder durch diese Erfahrung im Erwachsenenalter größere Resilienz zeigte.

Die Familie gilt seit den 1990er Jahren als zentral für Resilienz. Eltern resilienter Kinder sind häufiger besser gebildet und berufstätig; auch schlecht bezahlte Arbeit kann Kompetenzen der Kinder stärken. Resiliente Kinder haben oft weniger Geschwister und wachsen seltener in Ein-Eltern-Familien auf. Besonders wichtig ist eine kontinuierliche, sichere Bindung zu einer Bezugsperson. Fehlt sie in der Familie, suchen resiliente Kinder oft Bezugspersonen außerhalb.

Migration wird häufig als Risikofaktor betrachtet, doch erfolgreich bewältigte Migrationsrisiken können Resilienz stärken. Intakte soziale Beziehungen, Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsförderung sind besonders bedeutsam. Auch Ideologien können laut Artikel resilienzsteigernd wirken, etwa ideologisches Commitment junger Israelis gegenüber politisch-militärischer Unsicherheit.

Genetische Einflüsse werden ebenfalls diskutiert. Drei Zwillingsstudien von 2008, 2012 und 2014 deuten darauf hin, dass Resilienz-Eigenschaften zu 31–52 % genetisch bedingt sein können; bei Männern sei die Erblichkeit höher. In einer Studie mit Auskünften von Müttern, Vätern und Kindern aus über 1300 Familien mit über 2600 Zwillingen wurden Unterschiede in einem Resilienzfaktor zu 70–77 % genetisch erklärt. Beim Gen MAO-A gibt es Hinweise, dass Jungen mit X-chromosomal vererbter niedriger MAO-A-Aktivität nach Misshandlungen eher antisoziale Symptome entwickeln können. Diese Gen-Umwelt-Interaktion gilt aber als hochkomplex und war Stand 2020 erst wenig verstanden.

Kinder, Gruppen und Förderung

Resiliente Kinder unterscheiden sich laut Artikel in mehreren Merkmalen von nicht-resilienten Kindern. Häufiger sind es Mädchen; resiliente Jungen gelten eher als weniger aggressiv und stärker auf andere bezogen. Resiliente Kinder sind tendenziell intelligenter, oft schulische Überleister, impuls- und emotionskontrollierter, eher zum Belohnungsaufschub fähig, einfühlsamer, vertrauensvoller und weniger aggressiv. Sie suchen eher Hilfe, sprechen eher über Gefühle und haben eine realistische Selbsteinschätzung sowie realistische Zukunftsvorstellungen. Außerdem zeigen sie häufiger eine internale Kontrollüberzeugung, also die Überzeugung, selbst Einfluss auf das eigene Leben zu haben.

Förderung kann innerfamiliär erfolgen. Studien zu Flüchtlingsfamilien in den USA zeigten, dass Kinder besonders stabil und schulisch erfolgreich waren, wenn Eltern und ältere Geschwister Bildung hoch bewerteten. Positiv wirkte besonders Vorlesen durch die Eltern; in 45 % der untersuchten Flüchtlingsfamilien kam dies vor. Dabei war unwichtig, ob auf Englisch oder in der Herkunftssprache vorgelesen wurde, weil vor allem die emotionale Bindung gestärkt wurde. Auch Großeltern können bedeutsam sein, denn Kinder ohne Kontakt zu ihnen wurden häufiger als vulnerabel eingestuft.

Beispiele gruppenspezifischer Resilienz sind vietnamesische Boat People in den USA, Kinder spanischer Arbeitsmigranten in Deutschland, Kinder armer US-amerikanischer Farmer und traumatisierte Adoptivkinder. Bei den Boat People fanden Caplan, Choy und Whitmore in einer Stichprobe von 200 Familien mit 536 Schulkindern hohe Schulleistungen, besonders in Mathematik. Wichtige Erklärungen waren kollektivistische Familienwerte, gegenseitige Hilfe unter Geschwistern, hoher Bildungswert und durchschnittlich drei Stunden und zehn Minuten tägliches Lernen gegenüber einer Stunde und 30 Minuten bei amerikanischen Schülern. Spanische Migrantenkinder in Deutschland erreichten durch Selbstorganisation und Bejahung der Integration in das deutsche Schulsystem gute Abschlüsse und Berufserfolge.

Training, Gesundheit und Kritik

Resilienztrainings sollen Menschen helfen, Belastungen besser zu bewältigen. Eine Meta-Analyse von 197 Studien stützt die Wirksamkeit solcher Maßnahmen zu einem gewissen Grad, betont aber die Kontextabhängigkeit: Es gibt keinen universellen Ansatz. Kleine praktisch bedeutsame Effekte zeigten sich eher bei Erwachsenen, gemischten Geschlechtergruppen, evidenzbasierten Maßnahmen wie CBT, sozialer Unterstützung, gesundheitlichen oder beruflichen Kontexten, Beziehungen, Trauma und mittlerem Risiko. Bei Kindern und Jugendlichen fand eine Meta-Analyse nur im Bereich Verhalten einen kleinen Effekt; bei Copingstrategien, Emotionen, Resilienz im engeren Sinne, psychiatrischen Symptomen und Wohlbefinden waren die positiven Effekte zu gering für praktische Bedeutung.

Auch Initiationsriten können als eine Art Resilienztraining wirken. Die US Army entwickelte seit 2009 mit der University of Pennsylvania ein umfangreiches Training für Soldaten, Angehörige und zivile Mitarbeiter auf Grundlage des Positive Psychology Program. Es trainiert emotionale, soziale, spirituelle, familiäre und physische Resilienz; das jährliche Trainingsvolumen beträgt über 100 Millionen US-Dollar. Auch bei der Bundeswehr gewann psychische Ressourcenstärkung an Bedeutung, nachdem von Anfang 2009 bis Juli 2011 etwa 2500 Soldaten wegen einsatzbedingter psychischer Erkrankungen in Bundeswehrkrankenhäusern behandelt wurden. Design Thinking wird ebenfalls als Methode genannt, weil heterogene Teams und Innovationsarbeit Resilienz gegenüber Problemen fördern können.

Eine Meta-Analyse von 60 Studien fand, dass höhere Resilienz mit höherer psychischer Gesundheit einhergeht, mit mittlerer Effektstärke. Der Zusammenhang wird aber durch Alter, Geschlecht und belastende Lebenssituationen beeinflusst. Eine Studie zu Personen, die den Terroranschlägen von Paris 2015 ausgesetzt waren, deutet darauf hin, dass die Fähigkeit zur Unterdrückung von Erinnerungen für positive Anpassung nach potentiell traumatisierenden Ereignissen wichtig sein kann.

Kritik richtet sich gegen eine Überdehnung des Begriffs. Manche Ansätze fordern, negative Ereignisse als Chance zu „posttraumatischem Wachstum“ zu sehen; wer das nicht kann, gelte dann schnell als unreif. Kritiker wie Klaus Ottomeyer und Thomas von Freyberg sehen die Gefahr, gesellschaftliche Risiken zu individualisieren und soziale Verantwortung zu privatisieren. Mark Neocleous warnte vor einer „Kultur des Vorbereitetseins auf die Katastrophe“. Eine Meta-Analyse von über 400 Studien fand zudem, dass Resilienz über die Big-Five-Persönlichkeitsmerkmale hinaus im Durchschnitt nur 1–3 % zusätzliche Varianz bei Gesundheit und Wohlbefinden erklärt.

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