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Geographische Risikoforschung
Die geographische Risikoforschung analysiert Effekte von antizipierten Gefährdungen im Schnittfeld von Gesellschaft und Umwelt.
Inhalt5 Abschnitte
Kernidee
Die geographische Risikoforschung untersucht erwartete oder mögliche Gefährdungen dort, wo Gesellschaft und Umwelt zusammenwirken. Sie gehört zu dem Teil der Geographie, der Mensch-Umwelt-Beziehungen erforscht. Wichtig ist dabei: Gefährdungen werden nicht nur als natürliche oder technische Ereignisse verstanden, sondern immer auch im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Prozessen.
Ein zentraler Gedanke ist die Verbindung von externer Gefährdung, also „Hazard“, mit gesellschaftlicher Verwundbarkeit, also „Vulnerabilität“, und Widerstandsfähigkeit, also „Resilienz“. Risiko entsteht demnach nicht allein durch ein mögliches gefährliches Ereignis, sondern dadurch, wie stark Menschen, Räume und Gesellschaften davon betroffen sein können und wie gut sie damit umgehen können. Außerdem fragt die Forschung danach, wie Gesellschaften selbst Gefährdungen ermöglichen oder herstellen.
Die geographische Risikoforschung hat zwei Hauptziele: Ein Teil bestimmt möglichst objektiv Risikofaktoren in der Wechselwirkung von Mensch und Umwelt. Ein anderer Teil untersucht, welche gesellschaftlichen Folgen es hat, wenn etwas als „Risiko“ bezeichnet wird. Besonders typisch für diese Forschungsrichtung ist der Blick auf die räumliche Verteilung von Risiken und der Versuch, verschiedene Risikoverständnisse miteinander zu verbinden.
Risiko, Hazard und Vulnerabilität
Der Begriff „Risiko“ wurde in englischsprachigen geographischen Veröffentlichungen erst etwa seit Anfang der 1990er-Jahre häufiger verwendet, im deutschen Sprachraum noch später. Er trat damit neben den älteren Begriff „Hazard“. Diese Verschiebung hängt mit der von Ulrich Beck angestoßenen Diskussion über die „Risikogesellschaft“ zusammen.
„Hazard“ bezeichnet in der Hazardforschung eine Interaktion zwischen dem System „Umwelt“ und dem System „Mensch/Gesellschaft“, die sich zum subjektiv wahrgenommenen Nachteil des gesellschaftlichen Systems auswirkt und bei der beide Systeme durch den Menschen beeinflusst werden können. Der Begriff meint sowohl einen Gefährdungszustand als auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein schädigendes Ereignis eintritt. Er ist damit weiter gefasst als der Begriff der Katastrophe.
Aus einem Hazard wird erst durch Vulnerabilität ein Risiko. Vulnerabilität meint die Verwundbarkeit einer Gesellschaft gegenüber einer Gefährdung. Sie bestimmt, wie wahrscheinlich ein Schaden ist und wie groß er ausfallen kann. In älteren Modellen wurde Vulnerabilität eher als passives Ausgesetztsein verstanden, also als „Exposure-Modell“. Spätere Ansätze wie das „Pressure and Release-Modell“ von Piers Blaikie et al. und das „Hazards of Place-Modell“ von Susan L. Cutter beschreiben Vulnerabilität dagegen als mehrstufige Entwicklung. Der „Livelihood-Ansatz“ stellt die Sicherung der Existenzgrundlagen einer Gesellschaft in den Mittelpunkt und fragt damit auch nach ihrer Resilienz gegenüber Gefährdungen.
In der Praxis befasst sich die Hazard- und Risikoforschung besonders mit abiotischen Naturkatastrophen wie Erdbeben, Bergstürzen und Flutkatastrophen. Zunehmend werden auch plötzlich auftretende Epidemien, technisch bedingte Katastrophen und Folgen gesellschaftlicher Konflikte wie Kriege und Terrorismus untersucht. Keith Smith fasst solche Gefährdungen unter dem Begriff „environmental hazard“ zusammen.
Entwicklung des Fachs
Als Begründer der geographischen Hazardforschung gilt Gilbert F. White. In seiner 1945 veröffentlichten Dissertation „Human Adjustment to Floods“ zeigte er am Beispiel des Mississippi, dass nach dem Bau von Dämmen die Flutschäden weiter anstiegen, weil gleichzeitig frühere Überflutungsgebiete besiedelt wurden. Dadurch wurde deutlich, dass Schutzmaßnahmen und menschliche Raumnutzung gemeinsam betrachtet werden müssen.
In den folgenden Jahrzehnten wurde die Hazardforschung zu einer wichtigen Verbindung zwischen physischer Geographie und Humangeographie. Ian Burton, Robert W. Kates und Gilbert F. White stellten ihren humanökologischen Ansatz 1978 in „The environment as hazard“ systematisch dar. Dieser Ansatz sah Schäden bei Naturkatastrophen vor allem als Folge fehlerhafter Anpassung des Menschen an die Natur.
Spätestens in den 1980er-Jahren wurde diese Sicht als gesellschaftspolitisch zu einfach kritisiert. Die politökologische Perspektive, vertreten unter anderem von Piers Blaikie, Harold Brookfield und Michael J. Watts, richtete den Blick stärker auf politische und ökonomische Bedingungen. Sie fragte zum Beispiel danach, wie landwirtschaftliche Monokulturen entstehen und warum sie in Dürrezeiten zu Hungersnöten beitragen können. Fragen nach Umweltgerechtigkeit und Umweltrassismus, die mit räumlicher Segregation von Bevölkerungsgruppen verbunden sind, blieben jedoch weitgehend unbeachtet, mit Ausnahmen wie Arbeiten von Susan L. Cutter.
Die Vereinten Nationen erklärten die 1990er-Jahre zur Dekade zur Reduzierung von Naturkatastrophen. In dieser Zeit erschienen wichtige Publikationen, die die komplexe Verflechtung von Mensch und Umwelt stärker berücksichtigen wollten. Auch Städte rückten stärker in den Fokus. Im deutschsprachigen Raum war das Forschungsinteresse geringer, weil größere Naturkatastrophen dort selten sind. Ausnahmen bildeten unter anderem Robert Geipel und die humanökologisch ausgerichtete Münchner Schule der Sozialgeographie. Hans-Georg Bohle, international einer der Hauptbegründer des Vulnerabilitätsansatzes, brachte Perspektiven der geographischen Entwicklungsforschung ein.
Wichtige Forschungsansätze
Der objektivistische Ansatz wird vor allem in der physischen Geographie verwendet. Er geht davon aus, dass natürliche Sachverhalte objektiv berechenbar und dadurch technisch kontrollierbar sind. Der Mensch wird dabei vor allem als Betroffener betrachtet, an dem ein Schaden entsteht. Ähnliche Grundannahmen finden sich in der ingenieurswissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Risikoforschung, besonders in der Versicherungswirtschaft. Für die Geographie ist dabei wichtig, dass Risiken räumlich verortet werden können.
Der konstruktivistische Ansatz wird besonders in der Humangeographie genutzt. Er versteht Risiko als ein von Menschen konstruiertes Phänomen. Entscheidend sind dabei das Handeln, Bewerten und Wahrnehmen von Akteuren. Aus dieser Perspektive gehen Menschen eher Risiken ein, als dass sie ihnen nur ausgesetzt sind. Deshalb richtet sich das Forschungsinteresse vor allem auf die Akteure, die Risiken herstellen, deuten oder zuschreiben.
Integrierte Ansätze versuchen, diese beiden Perspektiven zusammenzuführen. Sie beruhen auf der Annahme, dass objektivistische und konstruktivistische Sichtweisen einander ergänzen können. Eine solche Verbindung kann zum Beispiel darin bestehen, Risiken als sozial konstruiert zu verstehen, Gefahren aber der Natur zuzuschreiben. Ziel ist eine ganzheitlichere Umsetzung der Forschungsergebnisse.
Methoden, Anwendung und Probleme
Die wichtigste fachspezifische Methode der geographischen Risikoforschung ist die Kartierung von Risiken. Dabei unterscheidet man zwischen Gefahrenkarten, Risikokarten und Vulnerabilitätskarten. Solche Karten zeigen, wo Gefährdungen, mögliche Schäden oder gesellschaftliche Verwundbarkeiten räumlich auftreten.
Angewendet wird diese Methode unter anderem im Alpinen Risikomanagement und in der Raumplanung. Dabei werden nicht nur natürliche Risikofaktoren berücksichtigt, sondern auch anthropogene Faktoren, also vom Menschen geprägte Faktoren. Dazu gehört zum Beispiel die Anfälligkeit einer bestimmten Flächennutzung.
Ein zentrales Problem der geographischen Risikoforschung besteht darin, dass sich die objektivistische und die konstruktivistische Perspektive oft schwer miteinander vereinen lassen. Dadurch fehlt es teilweise an integrierten Perspektiven. Ein weiteres Problem ist, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse die gesellschaftliche Wahrnehmung von Risiken verändern können. Dadurch kann sich das Risikodenken in der Gesellschaft selbst verstärken.