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Feministische Theologie
Die feministische Theologie ist eine seit den späten 1960er Jahren stark gewordene und der Emanzipation der Frau zuzuordnende theologische Richtung.
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Kernidee und Grundannahmen
Feministische Theologie ist eine theologische Richtung, die seit den späten 1960er Jahren stark wurde und zur Emanzipation der Frau gehört. Sie ist mit der Befreiungstheologie verwandt und mit feministischer Wissenschaftstheorie verbunden. Im weiteren Sinn umfasst sie verschiedene Denkbewegungen in unterschiedlichen Religionen und Weltregionen. Gemeinsam ist ihnen, traditionelle Gottesbilder, religiöse Institutionen und Praktiken aus feministischer Perspektive zu hinterfragen. Im engeren Sinn meint der Begriff meist die christliche feministische Theologie, die in Europa und den USA im Umfeld der Frauenbewegung entstand und Impulse aus der ökumenischen Bewegung sowie aus der Erneuerung der Katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erhielt.
Grundlegend ist, dass feministische Theologie bewusst kontextuell arbeitet: Sie bezieht besonders die Perspektive von Frauen ein. Deshalb wird ihr manchmal Parteilichkeit vorgeworfen. Feministische Theologie antwortet darauf, dass auch herkömmliche Theologie nie wirklich neutral gewesen sei, sondern oft von patriarchalischen, weißen, westlichen, männlichen und mittelständischen Denkmustern geprägt wurde. Ihre Grundthese lautet daher, dass keine Theologie dem Ideal völliger wissenschaftlicher Neutralität gerecht wurde oder wird. Darum untersucht sie patriarchalische Strukturen in Theologie, Kirche und religiöser Praxis kritisch.
Strömungen und Bibelverständnis
Innerhalb der feministischen Theologie gibt es unterschiedliche Richtungen. Der Differenzfeminismus betont die Andersartigkeit von Frauen gegenüber Männern und will das, was als weiblich gilt, aufwerten. Die Gendertheorie geht dagegen davon aus, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen vor allem gesellschaftlich hergestellt werden. Daraus ergeben sich verschiedene Ziele: Manche wollen etwa weibliche Seiten Gottes wiederentdecken, andere fragen kritisch, ob dadurch gesellschaftliche Geschlechterrollen religiös festgeschrieben werden.
Auch das Verständnis der Bibel ist umstritten. Wer die Bibel insgesamt und ohne Fehler als Gottes Wort versteht, kann patriarchalische Strukturen im biblischen Text kaum kritisieren, sondern setzt eher bei späteren Auslegungen an. Andere feministische Theologinnen und Theologen sehen auch Teile der Bibel selbst als patriarchal geprägt und erkennen bestimmte Texte, die emanzipatorischen Anliegen widersprechen, nicht als heilige Schrift an. Die zentrale Frage lautet, ob „Wort Gottes“ fundamentalistisch-wörtlich verstanden wird oder historisch als „Gotteswort im Menschenwort“. Als Vertreterinnen im deutschen Sprachraum nennt der Artikel Elisabeth Schüssler Fiorenza, Sabine Pemsel-Mair, Doris Strahm und Sonja Angelika Strube.
Bibelwissenschaftliche Schwerpunkte
In der Bibelwissenschaft macht feministische Theologie sichtbar, dass Auslegung immer von Frömmigkeitserfahrung, sozialem Ort, politischem Selbstverständnis, Fachwissen und Erkenntnishorizont der Auslegenden geprägt ist. Besonders wichtig ist das eigene Bibelverständnis. Kritische Bibelinterpretationen einzelner Frauen, besonders Mystikerinnen, gab es schon seit dem Mittelalter; eine dauerhafte Tradition entstand jedoch lange nicht, weil Frauen nicht entsprechend institutionalisiert waren.
Im Alten Testament wird betont, dass es nicht ein einzelnes Buch, sondern eine Bibliothek ist, die über rund tausend Jahre entstand. Feministische Forschung hebt Frauengestalten hervor, die in Theologie, Praxis und Liturgie lange wenig beachtet wurden. Dazu gehören Sara, Rebekka, Lea und Rahel neben Abraham, Isaak und Jakob, weshalb in feministischen Kreisen oft von den „Erzeltern“ Israels statt von den „Stammvätern“ gesprochen wird. Auch Nebenfiguren wie die Hebammen, die Schwester des Mose und die Tochter des Pharao werden als wichtig für Rettung und Fortgang der Geschichte Israels betont. Die negative Wirkungsgeschichte Evas als Verführerin und Ursache allen Übels wird kritisch hinterfragt.
Im Neuen Testament steht die Rolle von Frauen in der Gefolgschaft Jesu und in der frühen Kirche im Zentrum. Genannt werden Maria von Magdala, Maria und Marta von Betanien, die Frau am Jakobsbrunnen sowie Frauen im Umfeld des Paulus wie Priska, Junia und Phoebe. Maria von Magdala und andere Frauen erscheinen als erste Zeuginnen der Auferstehung Jesu und erste Verkünderinnen der Osterbotschaft. Daraus ergibt sich ein Bild der frühen Kirche, das weniger von männlicher Hierarchie und strenger Geschlechtertrennung geprägt ist, als spätere kirchliche Strukturen vermuten lassen.
Gottesbilder und Sophia
Ein wichtiger Bereich feministischer Theologie ist die Kritik an der Dominanz männlicher Gottesbilder. Beispiele sind Vater, Richter, Herr, der Allmächtige, der Unnahbare und König. Feministische Theologie sieht diese Bilder als stark durch patriarchalische Gesellschaftsverhältnisse geprägt. Mary Daly formulierte zugespitzt: „If god is male, then the male is god“. Gemeint ist: Wenn Gott nur männlich gedacht wird, kann dies die Vorrangstellung von Männern religiös stützen.
Der Artikel betont, dass es in der Bibel auch weibliche und nicht ausschließlich personale Gottesbilder gibt. Dazu gehören Bilder von Gott als Hausherrin, Gebärende, Mutter, Hausfrau oder Hebamme. Beispiele finden sich etwa in Ps 123,2, Dtn 32,18, Jes 42,14, Jes 49,15, Hos 11,1–4, Hi 10,10, Mt 13,33, Ps 22,10 und Jes 66,8–9.
Den größten Anteil weiblicher Gottesbilder sieht der Artikel in der Figur der Weisheit: hebräisch „Chokmah“, griechisch „Sophia“. Sie spielt in der nachexilischen Zeit Israels eine wichtige Rolle und erscheint in Weisheitstexten als vermittelnde Frauengestalt, teilweise neben JHWH, dem Schöpfergott. Genannt werden unter anderem Sprüche 8 und Sirach 24. Sophia hat verbindende und integrierende Züge; in Sprüche 8,31 heißt es: „Meine Freude ist es, bei den Menschenkindern zu sein“. Sie wird außerdem als Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament sowie als wichtige Gestalt für feministische Schöpfungstheologie und feministische Ökologie beschrieben.
Theologische Disziplinen
In der Kirchen- und Theologiegeschichte fragt feministische Theologie danach, warum meist die Taten und Lehren herrschender Männer überliefert wurden, während das Leben von Frauen, besonders aus unteren Schichten, kaum sichtbar ist. Sie will vergessene wichtige Theologinnen und den kirchlichen Alltag von Frauen erforschen. Auch Strömungen wie Mystik und Pietismus werden als Bereiche genannt, die entscheidend von Frauen mitgeprägt wurden, besonders von den vier Kirchenlehrerinnen.
In der systematischen Theologie sind Frauenerfahrungen der hermeneutische Ausgangspunkt. Hermeneutik bedeutet hier: die Perspektive, von der aus Glaubensinhalte verstanden und ausgelegt werden. Kritisiert werden etwa androzentrische Gottesrede, die Konstruktion der Frau als minderwertiges „anderes“ Geschlecht, Folgen der männlichen Christusrepräsentation im Priesteramt, die Fixierung auf Kreuzes- und Opfertod Jesu sowie eine Sündenlehre, die vor allem männliche Erfahrungen von Hybris, also Selbstüberhebung, widerspiegele. Seit den 1990er Jahren wird „Frauenerfahrung“ nicht mehr als einheitlich verstanden, sondern als abhängig von sozialer Klasse, Rasse, Kultur, sexueller Orientierung, Religion und weiteren Faktoren. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts ist feministische Theologie zunehmend interkulturell und interreligiös ausgerichtet.
In der praktischen Theologie geht es um Umsetzung: feministisch predigen, Seelsorge überarbeiten, Erkenntnisse in den Religionsunterricht einbringen und Liturgie, Lieder und Texte weniger androzentrisch gestalten. Als Beispiel nennt der Artikel „Feministisch Predigen“, ein ehrenamtliches Projekt von Pastorinnen, Pfarrerinnen und Diakoninnen zur Vernetzung feministischer Arbeit.
Netzwerke
Der Artikel nennt mehrere feministische Netzwerke. Die Arbeitsgemeinschaft Feminismus und Kirchen e. V. ist ein überkonfessioneller Zusammenschluss feministischer Theologinnen aus dem deutschsprachigen Raum. Sie wurde 1981 gegründet; Mitglieder waren 1983 Mitbegründerinnen der Streitschrift Schlangenbrut und gaben 1986 das Handbuch Feministische Theologie heraus.
Die European Society of Women in Theological Research, kurz ESWTR, vernetzt seit 1986 wissenschaftlich ausgerichtete feministische Theologie in Europa. Sie hat über fünfhundert Mitglieder aus mehr als dreißig europäischen Ländern, gibt seit 1993 ein Jahrbuch in Deutsch, Englisch und Französisch heraus und veranstaltet alle zwei Jahre einen europäischen Kongress. 2006 wurde ihr zwanzigjähriges Bestehen in Graz gefeiert.
Für die Deutschschweiz und Liechtenstein wird eine 1991 gegründete Interessengemeinschaft feministischer Theologinnen beschrieben. Der Artikel weist selbst darauf hin, dass dieser Abschnitt nicht hinreichend belegt ist. Genannt werden Vernetzung, ökumenisches Forum, Weiterbildungen und Stellungnahmen. Außerdem behandelt der Artikel die FrauenKirche Bern, einen ökumenischen, kirchen- und parteipolitisch unabhängigen Schweizer Verein, der von Oktober 1998 bis März 2018 bestand und feministisch-theologisches Denken, Handeln und Vernetzung fördern wollte.