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Vormärz

Der Begriff Vormärz bezeichnet die Epoche der deutschen Geschichte zwischen der Julirevolution von 1830 und der Märzrevolution von 1848.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Definition und zeitliche Einordnung
  2. 2. Politische Ordnung und oppositionelle Bewegungen
  3. 3. Politisierung und Weg zur Revolution
  4. 4. Gesellschaft, Wirtschaft und Technik
  5. 5. Literatur des Vormärz
  6. 6. Nachwirkung und Erinnerung

Definition und zeitliche Einordnung

Der Vormärz ist eine Epoche der deutschen Geschichte vor der Märzrevolution von 1848. Im engeren und besonders in der politischen Geschichte üblichen Sinn umfasst er die Zeit von der französischen Julirevolution 1830 bis zur deutschen Märzrevolution 1848. Im weiteren Sinn beginnt er bereits 1815 mit dem Wiener Kongress; die Jahre 1815 bis 1830 werden jedoch häufig gesondert als Zeitalter der Restauration bezeichnet. Eine seltenere Einteilung setzt den Beginn um 1840 mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. in Preußen an. Der Endpunkt 1848 ist dagegen eindeutig.

Geographisch bezieht sich der Begriff auf die Staaten des 1815 gegründeten Deutschen Bundes. Politisch war die Epoche vom Gegensatz zwischen den Forderungen nach nationaler Einheit, Freiheit und politischer Beteiligung einerseits und der restaurativen Politik der Fürsten andererseits geprägt. Restauration bedeutet hier die Wiederherstellung und Bewahrung der alten monarchischen Ordnung. Wegen des starken Einflusses des österreichischen Staatskanzlers und Außenministers Fürst von Metternich heißt die entsprechende gesamteuropäische Epoche auch Ära Metternich.

Gleichzeitig begann der Übergang vom Agrarstaat zum Industriestaat. Die damit verbundenen sozialen Probleme und die strukturelle Armut großer Bevölkerungsteile werden als Pauperismus bezeichnet. In Kunst und Kultur stand dem politisch-oppositionellen Vormärz das eher konservative und ins Private zurückgezogene Biedermeier gegenüber. Auch die Freireligiöse Bewegung hat ihren Ursprung in dieser Zeit.

Politische Ordnung und oppositionelle Bewegungen

Die politische Ordnung des Vormärz entstand nach den Kriegen gegen Napoleon. Während der napoleonischen Zeit war die Zahl der deutschen Staaten durch Mediatisierung und Säkularisation von über 300 auf wenige Dutzend gesunken; 1806 endete das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Nach Napoleons Niederlagen bei Leipzig 1813 und Waterloo 1815 ordnete der Wiener Kongress Europa neu. Der 1815 gegründete Deutsche Bund war ein loser Staatenbund mit einer Bundesversammlung in Frankfurt am Main. Er sollte der Verteidigung dienen, das europäische Mächtegleichgewicht wahren und politische Unruhen unterdrücken. Innerhalb Deutschlands prägte die Konkurrenz der konservativen Großmächte Österreich und Preußen die Epoche.

Der restaurativen Ordnung standen Nationalismus, Liberalismus und später Sozialismus gegenüber. Die zentrale Forderung der liberalen und nationalen Bewegung lautete „Einheit und Freiheit“. Liberale wollten überwiegend eine konstitutionelle Monarchie, also eine durch eine Verfassung begrenzte Monarchie, und ein Parlament mit einem Wahlrecht für Wohlhabende. Demokraten oder Radikale forderten dagegen politische Gleichheit und das allgemeine Männerwahlrecht. Dieser Unterschied trat besonders in den 1840er Jahren deutlich hervor.

Wichtige Träger der nationalen und liberalen Ideen waren die Burschenschaften. Beim Wartburgfest 1817 versammelten sie sich unter dem Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Die Herrscher reagierten mit Repression. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 führten zu Zensur, zur Überwachung und zum Verbot politischer Organisationen, darunter der Burschenschaften. Einige Bürger zogen sich daraufhin ins Privatleben zurück; andere organisierten sich in scheinbar unpolitischen Sänger- und Turnvereinen. Diese Vereine erleichterten 1848 die schnelle Bildung politischer Gruppen und Parteien.

Zwischen August und Oktober 1819 kam es bei den Hep-Hep-Krawallen in mehr als 80 Orten des Deutschen Bundes und darüber hinaus zu gewaltsamen antijüdischen Ausschreitungen. Es gab Angriffe auf jüdische Wohn- und Geschäftshäuser sowie auf deren Bewohner. Jüdische Todesopfer gab es nicht; in Würzburg wurden jedoch ein Angreifer und ein Soldat getötet. Die damaligen Behörden vermuteten „revolutionäre Umtriebe“. Heute werden die Unruhen eher als soziale Proteste im Zusammenhang mit der Judenemanzipation gedeutet. Sie beschleunigten die Verabschiedung der Karlsbader Beschlüsse am 20. September 1819.

Politisierung und Weg zur Revolution

Mehrere Ereignisse mobilisierten im Vormärz größere Teile der Bevölkerung. Die französische Julirevolution von 1830 löste auch in deutschen und anderen europäischen Staaten Unruhen und Reformen aus. Das Hambacher Fest von 1832, bei dem Philipp Jakob Siebenpfeiffer die Hauptrede hielt, wurde zur bedeutendsten politischen Massendemonstration des Vormärz. Der Frankfurter Wachensturm von 1833 sollte eine allgemeine deutsche Revolution auslösen, scheiterte jedoch.

Konflikte zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat stärkten das politische Bewusstsein der katholischen Bevölkerung im Rheinland. 1837 protestierten die „Göttinger Sieben“, sieben Professoren der Universität Göttingen, gegen die Aufhebung der Verfassung des Königreichs Hannover und wurden entlassen. Während der Rheinkrise 1840 beanspruchte Frankreich den Rhein als natürliche Grenze. Dies löste in Frankreich und Deutschland Patriotismus und gegenseitige Feindseligkeit aus. In diesem Zusammenhang entstand August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens Lied der Deutschen. Es war von 1922 bis 1949 deutsche Nationalhymne; in der Bundesrepublik Deutschland wurde nur seine dritte Strophe als Nationalhymne festgelegt.

Den entscheidenden Anstoß zum Ende der Epoche gab erneut Frankreich: Die Februarrevolution 1848 griff auf die deutschen Staaten über und leitete die Märzrevolution 1848/1849 ein. Anfangs wurden viele Forderungen des Vormärz verwirklicht. Nach dem Scheitern der Revolution nahm die Reaktion von 1849 bis 1851 zahlreiche Neuerungen zurück. Diese Reaktionszeit dauerte bis 1858. Dennoch wirkten das in der Revolutionszeit entstandene deutsche Fünfparteiensystem und das allgemeine Wahlrecht bis zur Reichsgründung 1867/1871 weiter.

Gesellschaft, Wirtschaft und Technik

Die Französische Revolution und die französische Herrschaft beschleunigten die Modernisierung. In den besetzten westdeutschen Gebieten führte der Code civil die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz ein; außerdem wurde die Verwaltung verbessert. Diese Veränderungen beeinflussten auch andere deutsche Gebiete. Um 1800 und in den folgenden Jahren wurde durch die Bauernbefreiung die Leibeigenschaft abgeschafft.

Der Übergang von der traditionellen Agrargesellschaft zur modernen Industriegesellschaft brachte erhebliche Anpassungsprobleme mit sich. Besonders kennzeichnend war der Pauperismus, also die strukturell verursachte Massenarmut. Vor allem die 1840er Jahre waren von Hungersnöten und daraus entstehenden Unruhen geprägt.

Wirtschaftliche Fortschritte zeigten sich beim Abbau innerdeutscher Zollgrenzen. Preußen beseitigte 1818 die Zölle auf Handelswaren zwischen seinen Provinzen. 1834 gründeten mehrere Staaten gemeinsam mit Preußen den Deutschen Zollverein. Gleichzeitig traten erste Anzeichen der Industrialisierung auf, obwohl sie Deutschland erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts grundlegend veränderte.

1835 fuhr mit dem Adler die erste Lokomotive in Deutschland. Weitere wichtige technische Neuerungen waren Dampfschifffahrt, Telegrafie und Fotografie. Eisenbahn- und Telegrafennetze breiteten sich allerdings nur langsam aus und verbanden Deutschland erst in der zweiten Jahrhunderthälfte flächendeckend. Dennoch ermöglichten Eisenbahn und Telegrafie erstmals, Nachrichten, Menschen und Waren innerhalb von Tagen oder noch schneller statt erst nach Wochen an ihr Ziel zu bringen.

Literatur des Vormärz

Als literarischer Vormärz gilt die oppositionelle bis revolutionäre politische Literatur vor 1848. Ihr Beginn ist ebenso umstritten wie der Beginn der politischen Epoche: Genannt werden 1815, 1819, 1830 oder 1840. Sie wandte sich gegen den konservativen, restaurativen und politisch resignierten Biedermeier. Typische Formen waren Briefe, Reiseberichte und politische Gedichte. Die Literatur sollte nicht nur unterhalten, sondern gesellschaftliche Zustände kritisieren und politische Veränderungen fördern.

Die wohl wichtigste Autorengruppe war das Junge Deutschland. Der Frankfurter Bundestag verbot ihre Veröffentlichungen 1835. Die Autoren wollten das politische Bewusstsein des Bürgertums stärken und verlangten eine engagierte, an der gesellschaftlichen Wirklichkeit orientierte Literatur. Zu den Hauptvertretern gehörten Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Theodor Mundt und Ludolf Wienbarg. Sie verwendeten vor allem Prosaformen und gründeten eigene Zeitschriften. Ludwig Börne war ihnen mit seinem kritischen Journalismus, insbesondere den Briefen aus Paris, Vorbild und Wegbereiter.

In den 1840er Jahren nutzten Vormärzdichter besonders die politische Lyrik. Zu ihnen gehörten August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Ferdinand Freiligrath mit Ça ira und Neue politische und soziale Gedichte sowie Georg Herwegh mit Gedichte eines Lebendigen. Georg Weerth schrieb unter anderem die Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben und satirische Feuilletons. Die marxistisch orientierte Literaturwissenschaft bezeichnete ihn häufig als ersten „Dichter des deutschen Proletariats“.

Zu den wichtigen Werken der Epoche zählen außerdem Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen und Georg Büchners Dramen Dantons Tod und Woyzeck, die Komödie Leonce und Lena, die Erzählung Lenz sowie die Flugschrift Der Hessische Landbote. Autorinnen brachten verstärkt Frauen- und Sozialfragen in die Öffentlichkeit: Louise Aston veröffentlichte Meine Emanzipation, Fanny Lewald schrieb Einige Gedanken über Mädchenerziehung, Bettina von Arnim Dies Buch gehört dem König und Louise Otto-Peters den 1846 zunächst zensiert erschienenen Roman Schloss und Fabrik.

Nachwirkung und Erinnerung

Die politischen Ideen des Vormärz blieben trotz des Scheiterns der Revolution wirksam. Im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik beriefen sich vor allem linke Strömungen auf die Tradition von 1848, besonders die Sozialdemokratie. Auch die wirtschaftliche Einigung durch den Zollverein und die frühliberalen, auf staatliche Gestaltung setzenden Vorstellungen Friedrich Lists hielten die Erinnerung an die Epoche außerhalb enger parteipolitischer Zusammenhänge wach.

In den 1960er und 1970er Jahren beschäftigten sich linke Intellektuelle verstärkt mit dem Vormärz, weil sie sich in der Erfahrung einer als rückständig und unterdrückend empfundenen Gesellschaft wiedererkannten. Liedermacher wie Hannes Wader und die Gruppe Zupfgeigenhansel griffen politische Lieder dieser Zeit auf. Auch die Geschichtswissenschaft erforschte die Epoche nun intensiver. 1974 gründete Bundespräsident Gustav Heinemann im Schloss Rastatt die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte.

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