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Biedermeier
Als Biedermeier wird die Zeitspanne vom Ende des Wiener Kongresses 1815 bis zum Beginn der bürgerlichen Revolution 1848 in den Ländern des Deutschen Bundes …
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Zeit, Einordnung und Grundzüge
Biedermeier bezeichnet in den Ländern des Deutschen Bundes die Zeit vom Ende des Wiener Kongresses 1815 bis zum Beginn der bürgerlichen Revolution 1848. Politisch ist die Epoche mit der Restauration verbunden: Nach der napoleonischen Zeit sollten frühere staatliche Verhältnisse wiederhergestellt werden. Als kulturgeschichtliche Epochenbezeichnung ist „Biedermeier“ jedoch nicht klar abgegrenzt, weil viele Vorstellungen darüber erst im späteren 19. Jahrhundert entstanden und rückwirkend auf die Zeit übertragen wurden.
Der Begriff umfasst eine eigenständige bürgerliche Kultur und Kunst, etwa Hausmusik, Innenarchitektur, Möbel, Kleidung und Literatur. Häufig wird sie als „hausbacken“ oder konservativ bewertet; typisch ist die Hinwendung zum Idyll und zum privaten Leben. Dem stand der Vormärz gegenüber, eine Bewegung desselben Zeitraums, die politisch-revolutionäre Veränderungen anstrebte und sich unter anderem bei Georg Büchner und Heinrich Heine zeigte.
Die Bezeichnung ging ursprünglich auf die satirische Figur Gottlieb Biedermaier von Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul zurück. Nach 1900 wurde der anfangs negative Begriff eher wertneutral und bezeichnete vor allem kleinbürgerliche Häuslichkeit und die Betonung des Privaten.
Politische Kontrolle und Rückzug ins Private
Nach Napoleons Niederlagen in der Völkerschlacht bei Leipzig und bei Waterloo sowie seiner Verbannung wurde die auf dem Wiener Kongress ausgehandelte europäische Ordnung umgesetzt. Kaiser Franz I. von Österreich, Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen schlossen dazu die „Heilige Allianz“.
Fürst von Metternich prägte die Politik maßgeblich. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 schränkten politische Betätigung stark ein und führten eine strenge Zensur für alle Veröffentlichungen einschließlich Musikwerken ein. Heinrich Heine und Georg Büchner emigrierten 1831 beziehungsweise 1835, Karl Marx 1843. Die staatliche Kontrolle und Zensur erklären die Vorstellung vom Biedermeier als Rückzug in Behaglichkeit und Privatheit. Der Begriff wird außerhalb Deutschlands, Österreichs und Skandinaviens nicht verwendet, da sich die Gesellschaft dort anders entwickelte.
Bürgerliches Leben und Kleidung
Das Bürgertum stellte häusliches Glück, Familie und die eigenen vier Wände in den Mittelpunkt, nicht repräsentative Wirkung nach außen. Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl und Bescheidenheit galten als zentrale Tugenden. Die Wohnstube wurde zum Rückzugsort und zur Urform des heutigen Wohnzimmers. Geselligkeit fand im kleinen Kreis statt, etwa beim Kaffeekränzchen, am Stammtisch, bei Hausmusik und in Wiener Kaffeehäusern.
Die Familienordnung war patriarchalisch: Der Mann galt als Oberhaupt, der Haushalt als Bereich der Frau. Wohlhabende Familien beschäftigten zum Teil Köchin, Kutscher, Kinderfrau, Amme oder Hauslehrer. Handarbeiten und Klavierspiel waren wichtige Freizeitbeschäftigungen von Frauen. Kindererziehung und Kinderzimmer erhielten mehr Aufmerksamkeit; es entstanden Erziehungsratgeber, eine eigenständige Kindermode und eine wachsende Spielzeugindustrie. Friedrich Fröbel gründete 1840 in Bad Blankenburg den ersten Kindergarten. Auch das häusliche Weihnachtsfest mit Weihnachtsbaum, Weihnachtsliedern und Bescherung erhielt damals seine heute bekannte Form.
Die Damenmode wurde nach dem Empire-Stil schlichter, aber unbequemer. Ab 1835 betonten Reifrock und Korsett die Taille. Auffällig waren voluminöse Hammelkeulen-, Ballon- oder Schinkenärmel, Schute, flache Schuhe, Kaschmirschal und Sonnenschirm. Bei den Männern prägte bis etwa 1830 der Dandy das Vorbild: eng taillierte Kleidung, Vatermörderkragen, seit 1815 lange Hosen oder Pantalons, Weste, Gehrock oder Frack und Zylinder. Dazu gehörten Krawatte, Spazierstock, Handschuhe und Taschenuhr; lange Koteletten hießen Favoris.
Kunst, Licht und Musik
In der bildenden Kunst dominierten Genre-, Landschafts- und Porträtmalerei; religiöse und historische Motive fehlten fast völlig. Genre- und Landschaftsmalerei zeigen Alltagsszenen oder Natur. Der Stil wirkte realistisch und orientierte sich an der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, idealisierte und übersteigerte die Wirklichkeit aber oft. Deshalb wird er als Pseudo-Realismus bezeichnet. Die Aquarelltechnik erreichte ein hohes Niveau, während die Lithografie zunehmend für Buchillustrationen genutzt wurde. Charakteristisch sind Zimmerbilder, detailgenaue Darstellungen einzelner Wohnräume. Beispiele sind Carl Spitzwegs Der Sonntagsspaziergang von 1841 und Ferdinand Georg Waldmüllers Die Heimkehr des Landmannes um 1833.
Der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 verursachte weltweit vulkanische Staub- und Gaspartikel in der Atmosphäre. Daraus folgten 1816 das Jahr ohne Sommer und weitere Klimaänderungen. Besonders morgens und abends verstärkte die Streuung des Sonnenlichts intensive Rot-, Orange-, Violett-, gelegentlich Blau- und Grüntöne. Diese Lichtverhältnisse begünstigten eindrucksvolle Sonnenuntergänge und Erdfarben in der Malerei, etwa bei William Turner.
In der Musik ist meist von Frühromantik die Rede; Biedermeier lässt sich dennoch als Epoche eines erstmals stark vom bürgerlichen Geschmack bestimmten Musiklebens verstehen. Hausmusik wurde wichtig, das Klavier zum verbreiteten Hausinstrument. Verlage verlangten leichte, heitere und gut verkäufliche Werke; gefragt waren Kammermusik, Musikgesellschaften und Gesangvereine. Robert Schumann war für Klaviermusik tonangebend, Franz Schuberts Lieder wurden nach seinem Tod im Bürgertum sehr beliebt. Der Walzer, dessen Hochburg Wien war, entwickelte sich aus dem Ländler. Johann Strauss senior und Joseph Lanner waren gefeierte Komponisten und Kapellmeister.
Theater zwischen Unterhaltung und Zensur
Das Theater erlebte einen Aufschwung, wobei Unterhaltung wichtiger als Belehrung wurde. Nationaltheater wurden wieder zu Hoftheatern, in Berlin entschied vor allem der preußische König über das Programm des Schauspielhauses. Zugleich entstand mit dem 1824 gegründeten Königsstädtischen Theater eine privatwirtschaftliche Unterhaltungskultur nach dem Vorbild der Wiener Vorstadttheater. Wien und Berlin waren die deutschsprachigen Theatermetropolen.
Zwischen 1815 und 1830 kamen im Berliner Schauspielhaus fast 300 Lustspiele, aber nur 56 Tragödien zur Premiere. Parodien waren besonders beliebt; auch Goethe und Shakespeare wurden parodiert. Theaterstücke und Opern unterlagen ebenfalls der Zensur. In Österreich saßen Zensoren bei Aufführungen des Alt-Wiener Volkstheaters im Publikum. Autoren reagierten unterschiedlich: Raimund passte sich an, Grillparzer schrieb manches nur für die Schublade, und Nestroy erhielt mehrfach Geldbußen sowie zwei Freiheitsstrafen.
Bauen und Einrichten
Die Biedermeier-Architektur war eine Variante des Klassizismus. Kennzeichnend waren elegante, eher schlichte Formen. Während der Klassizismus die Monumentalbauten prägte, zeigte sich Biedermeier besonders in bürgerlichen Wohnvierteln. Joseph Kornhäusel gilt als bedeutendster Architekt dieses Stils; er wirkte vor allem in Wien und Baden bei Wien. Die Hofer Neustadt wurde nach dem Stadtbrand von 1823 vollständig wiederaufgebaut und besitzt mit Ludwigstraße, Klosterstraße und Maxplatz weitgehend erhaltene Ensembles.
Biedermeier-Möbel hatten keinen einheitlichen Stil, verbanden aber schlichte Eleganz, Behaglichkeit und Zweckmäßigkeit. Sie entstanden zuerst in Wien; englisches Mobiliar war ein Vorbild. Wichtig waren handwerkliche Qualität, große glatte und polierte Holzflächen sowie sichtbar gemaserte Furniere, oft spiegelbildlich angeordnet. Verwendet wurden beispielsweise Kirschbaum und Nussbaum in Süddeutschland sowie Birke und Mahagoni in Norddeutschland. Beschläge waren zurückhaltend, Scharniere oft verdeckt. Typische Kleinmöbel waren Kommoden, Sekretäre und Nähtische, außerdem Schlittenbetten, Bilderuhren und Tischuhren mit Marmorsäulen. Joseph Danhauser senior prägte in Wien die neue Wohnkultur; Michael Thonet wurde 1842 vom österreichischen Hof nach Wien geholt und hatte mit Bugholzmöbeln Erfolg.
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