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Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
Es handelt sich um ein statistisches Werk mehrerer Teilrechnungen, die die Leistung einer Volkswirtschaft erfassen. Den Schwerpunkt bilden die Entstehung, …
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Kernidee und Bedeutung
Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, heute oft im Plural Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen und abgekürzt VGR, ist ein Teilgebiet der Makroökonomie. Sie ist ein statistisches Werk aus mehreren Teilrechnungen, mit denen die Leistung einer Volkswirtschaft erfasst wird. Im Mittelpunkt stehen Entstehung, Verteilung und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und des Bruttonationaleinkommens (BNE).
Grundlage ist die Kreislauftheorie: Sie betrachtet die Tauschvorgänge zwischen Unternehmen und Haushalten. Alle hergestellten Waren und Dienstleistungen bilden die Wertschöpfung, wenn sie keine Vorleistungen sind. Vorleistungen sind Güter oder Dienstleistungen, die in der Produktion anderer Güter verbraucht werden. Die Veränderung der Wertschöpfung gegenüber dem Vorjahr dient als Maß für die Entwicklung einer Volkswirtschaft.
Die VGR erfasst nur ökonomische Vorgänge. Die inoffizielle Wirtschaft ist eingeschlossen, unbezahlte Arbeit jedoch aus Gründen der Praktikabilität gemäß international gültiger Definition nicht, obwohl sie ebenfalls ökonomische Produktion sein kann. Für andere Fragestellungen, etwa Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen, dienen die umweltökonomische Gesamtrechnung und weitere Nachhaltigkeitsindikatoren.
Ziel der VGR ist es, „das Wirtschaftsgeschehen einer Volkswirtschaft für einen zurückliegenden und daher abgeschlossenen Zeitraum quantitativ möglichst umfassend zu beschreiben“. Die Werte werden in einem Kontensystem erfasst und in Tabellen dargestellt. Sie sind eine wichtige Informationsgrundlage für Politik, wirtschaftspolitische Entscheidungen, Konjunkturanalysen, Tarifverhandlungen, Forschungsinstitute, die Einhaltung des Stabilitätsgesetzes von 1967, internationale Organisationen, die EU-Eigenmittel und die Europäische Zentralbank.
Entwicklung und Standards
Wichtige Grundlagen für die spätere volkswirtschaftliche Gesamtrechnung entstanden aus der Buchführung und der Kreislauftheorie. Luca Pacioli trug mit seiner Publikation „Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalità“ im Jahr 1494 zum Durchbruch der doppelten Buchführung bei.
Im 18. Jahrhundert entwickelte François Quesnay mit dem „Tableau économique“ eine systematische Darstellung eines geschlossenen Güter- und Wirtschaftskreislaufs. Er unterschied drei Sektoren: Landwirte, Bodeneigentümer und Händler. Außerdem stellte er die Strombewegungen zwischen diesen Sektoren dar.
Karl Marx griff Quesnays Tableau auf und nutzte es als Grundlage seiner Kreislaufanalyse, den „Reproduktionsschemata“, im zweiten Band von „Das Kapital – Kritik der Politischen Ökonomie“. Dieser Band trägt den Untertitel „Der Zirkulationsprozess des Kapitals“.
John Maynard Keynes entwickelte die Kreislauftheorie 1936 weiter. Seine Arbeiten lieferten Grundlagen für die heute international verwendeten Systeme. Richard Stone entwarf verschiedene Fassungen für die OECD und die Vereinten Nationen. Heute existiert die vierte Auflage des „System of National Accounts“ (SNA 2008). In der Europäischen Union gilt verbindlich das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen in der Fassung von 2010 (ESVG 2010). Laut ESVG 2010 stimmen „die Konzepte des EVG 2010“ mit den weltweiten Empfehlungen des SNA 2008 überein.
Zentrale Berechnung
Die Berechnung von Volkseinkommen, Bruttonationaleinkommen und Bruttoinlandsprodukt kann über die Verteilungsrechnung erklärt werden. Dabei wird betrachtet, wie Einkommen in der Volkswirtschaft entstehen und verteilt werden.
Für Deutschland nennt der Artikel folgende Werte in Milliarden Euro: Das Arbeitnehmerentgelt lag 2007 bei 1.181,0 und 2017 bei 1.668,9. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen lagen 2007 bei 643,2 und 2017 bei 765,8. Zusammen ergab das ein Volkseinkommen von 1.824,2 im Jahr 2007 und 2.434,7 im Jahr 2017.
Zum Volkseinkommen werden Produktions- und Importabgaben an den Staat abzüglich Subventionen hinzugefügt: 277,0 im Jahr 2007 und 316,7 im Jahr 2017. Außerdem werden Abschreibungen ergänzt: 345,2 im Jahr 2007 und 572,2 im Jahr 2017. Daraus ergibt sich das Bruttonationaleinkommen: 2.446,4 im Jahr 2007 und 3.323,6 im Jahr 2017.
Um vom Bruttonationaleinkommen zum Bruttoinlandsprodukt zu kommen, wird der Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt abgezogen. Dieser Saldo betrug −22,6 im Jahr 2007 und −60,3 im Jahr 2017. Das Bruttoinlandsprodukt betrug dadurch 2.423,8 im Jahr 2007 und 3.263,4 im Jahr 2017.
Teilrechnungen
Die VGR besteht aus mehreren Nebenrechnungen, die verschiedene Seiten der Volkswirtschaft genauer darstellen.
Die Input-Output-Rechnung hängt eng mit der Berechnung des Inlandsprodukts zusammen. Sie beschreibt, wie Produktionsbereiche über Güter und Produktion miteinander verflochten sind. Außerdem zeigt sie deren Anteil an Produktion, Einkommensentstehung und Verwendung.
Die Vermögensrechnung soll alle Bestände an Sachgütern, Forderungen und Verbindlichkeiten erfassen. Sie gibt Einblick in die Zusammensetzung der Vermögensbestände. Als Datenquellen dienen unter anderem das Statistische Bundesamt und die Deutsche Bundesbank.
Die Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung berechnet ex post, also im Nachhinein, und netto die Veränderungen des Geldvermögens der wirtschaftlichen Sektoren pro Periode, meist pro Kalenderjahr. Dazu gehören private Haushalte, Unternehmen, Finanzinstitute, Staat und Ausland. Die Rechnung wird von der jeweiligen Zentralbank durchgeführt. In einer geschlossenen Volkswirtschaft kann sich das gesamtwirtschaftliche Nettogeldvermögen ohne Ausland nicht verändern, weil die Verbindlichkeiten eines Sektors den Forderungen eines anderen Sektors entsprechen. Die Summe der Finanzierungssalden der einzelnen Sektoren, also Einnahmen minus Ausgaben, muss Null ergeben.
Die Außenwirtschaftsrechnung registriert Güter- und Kapitalströme zwischen Inländern und Ausländern. Wichtig sind auch Wechselkurse, Export- und Importpreise sowie die realen Austauschverhältnisse, die Terms of Trade. Der wichtigste Punkt ist die Zahlungsbilanz, die Veränderungen der Kreditbeziehungen zum Ausland zeigt.
Die Arbeitsvolumenrechnung ermittelt die Anzahl der Beschäftigten und Selbstständigen. Eine weitere Rechnung zeigt die Einkommensverteilung privater Haushalte nach Gruppen von Selbstständigen, Arbeitnehmern und nichterwerbstätigen Haushalten.
Vergleiche und Genauigkeit
Für Vergleiche des BIP sind besonders der zeitliche Vergleich und der internationale Vergleich wichtig. Bei zeitlichen Vergleichen entsteht das Problem, dass alle produzierten Güter zu Marktpreisen bewertet werden. Deshalb muss unterschieden werden, ob wirklich mehr produziert wurde oder ob nur die Preise gestiegen sind. Dazu wird das Inlandsprodukt in eine Mengenkomponente und eine Wertkomponente zerlegt. Nur eine reale Erhöhung der Produktion bedeutet auch höheren Wohlstand der Volkswirtschaft. Zur Bestimmung der realen Entwicklung dient der BIP-Deflator.
Internationale Vergleiche sind schwieriger, weil Werte in eine gemeinsame Währung umgerechnet werden müssen. Dafür braucht man einen geeigneten Wechselkurs. Ausgangspunkt ist die Kaufkraftparität: In zwei verschiedenen Ländern sollen gleiche Güter gleich viel kosten. Daraus wird der Kaufkraftparitäten-Kurs, kurz KKP-Kurs, abgeleitet. Er zeigt, wie hoch der Wechselkurs sein sollte, damit reale Preise einem einheitlichen Preisniveau entsprechen. Langfristig sollten tatsächlicher Wechselkurs und KKP-Kurs gleich groß sein.
Beim Vergleich von Staaten mit stark unterschiedlichem Entwicklungsstand können Verzerrungen entstehen, etwa durch geringere Qualität statistischer Daten oder andere Verfahren. Das weltweit akzeptierte System of National Accounts der Vereinten Nationen erleichtert die internationale Vergleichbarkeit.
Die Daten der VGR sind unterschiedlich stark ungenau. Besonders schwer wiegt die vollständige Nichterfassung unbezahlter Arbeit; dazu kann jedoch eine Nebenrechnung erstellt werden. Viele Daten müssen geschätzt werden. Kleinere Unternehmen sind oft nicht zu statistischen Meldungen verpflichtet, und die Schattenwirtschaft wird von ihnen gar nicht erfasst. Manche Statistiken, besonders im Dienstleistungssektor, werden nur in mehrjährigen Abständen erhoben. Teilweise gibt es mehrere Quellen mit unterschiedlichen Daten, weil Abgrenzungen unklar sind. Wegen der Komplexität sind Ungenauigkeiten nicht zu vermeiden. Die Ungenauigkeit der Inlandsproduktzahlen wird „oftmals auf eine Größenordnung von etwa drei Prozent geschätzt“.