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Volkstrauertag

Der Volkstrauertag ist in Deutschland ein staatlicher Gedenktag und gehört zu den sogenannten stillen Tagen. Der Gedenktag wird seit 1952 zwei Sonntage vor …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und heutige Form
  2. 2. Entstehung in der Weimarer Republik
  3. 3. Nationalsozialismus und DDR
  4. 4. Entwicklung in der Bundesrepublik
  5. 5. Kriegstotengedenken in anderen Ländern

Bedeutung und heutige Form

Der Volkstrauertag ist ein staatlicher Gedenktag in Deutschland und gehört zu den „stillen Tagen“, an denen öffentliche Veranstaltungen besonders eingeschränkt sind. Seit 1952 wird er zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag begangen. Er erinnert heute an die Opfer von Gewalt und Krieg aller Nationen und ist zugleich mit der Verantwortung für Frieden und Versöhnung verbunden.

Die zentrale Gedenkstunde findet im Deutschen Bundestag statt. Üblich sind eine Rede, ein Wort des Bundespräsidenten, die Anwesenheit des Bundeskanzlers, des Bundeskabinetts und des Diplomatischen Corps sowie eine musikalische Gestaltung mit der Nationalhymne und dem Lied „Der gute Kamerad“. Nach diesem Vorbild veranstalten auch Bundesländer, Städte und Gemeinden Gedenkstunden und Kranzniederlegungen.

Das Totengedenken, dessen Sprechen Bundespräsident Theodor Heuss 1952 einführte, umfasst unter anderem die Toten der Weltkriege, zivile Kriegsopfer, Gefangene, Vertriebene und Flüchtlinge, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und der Krankenmorde, Widerstandskämpfer, Opfer heutiger Kriege, Bürgerkriege, politischer Verfolgung und des Terrorismus sowie im Auslandseinsatz gestorbene Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte. Es schließt außerdem Menschen ein, die in Deutschland durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache getötet wurden.

Entstehung in der Weimarer Republik

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge schlug den Volkstrauertag 1919 als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs vor. Die erste Gedenkstunde fand am 5. März 1922 im Reichstag statt. Erstmals begangen wurde der Tag am 1. März 1925; einen Tag zuvor war Reichspräsident Friedrich Ebert gestorben. Am 10. Juni 1925 nahm der Reichstag formal den Antrag an, den Sonntag Invocavit zum „Volkstrauertag für die im Weltkriege Gefallenen“ zu erklären. 1926 wurde der Sonntag Reminiscere, der fünfte Sonntag vor Ostern, als regelmäßiger Termin bestimmt.

Zu einem gesetzlichen Feiertag wurde der Volkstrauertag in der Weimarer Republik nicht. Die Verfassung ließ offen, ob das Reich oder die Länder für gesetzliche Feiertage zuständig waren. Deshalb unterschieden sich Termine und Regelungen regional. Hinzu kamen Konflikte mit den Kirchen: Ihre Totengedenktage Allerseelen und Totensonntag liegen im November, während Invocavit und Reminiscere in die Fasten- beziehungsweise Passionszeit fallen. Mehrere Gesetzgebungsversuche scheiterten außerdem daran, dass der politisch instabile Reichstag vorzeitig aufgelöst wurde. Ein Antrag der Deutschen Volkspartei vom 5. Juli 1927 wollte den 28. Juni, den Tag der Unterzeichnung des Versailler Vertrages, zum Volkstrauertag machen, solange der Vertrag galt.

Der Volksbund wollte durch ein gemeinsames Erinnern an das Kriegsleid soziale, religiöse und parteipolitische Gegensätze überwinden. In vielen Reden verband sich das Gedenken jedoch mit Nationalismus, der Vorstellung nationaler Opferbereitschaft, der Kriegsbegeisterung vom August 1914 und teilweise mit republikfeindlichen Aussagen. Republikaner, Kommunisten und Linksliberale distanzierten sich deshalb häufig. Andere Gruppen nutzten den Tag dagegen für Friedensappelle und das Versprechen, einen neuen Krieg zu verhindern. Das Ziel, alle Deutschen in gemeinsamer Trauer zu vereinen, wurde nicht erreicht; die aktive Teilnahme blieb überwiegend auf konservative und nationalliberale Kreise beschränkt. Grundsätzlich bestritt aber keine politische Gruppe die Notwendigkeit, an die Toten und Opfer des Ersten Weltkriegs zu erinnern.

Nationalsozialismus und DDR

Nach dem Tod Reichspräsident Paul von Hindenburgs am 2. August 1934 machten die Nationalsozialisten den Gedenktag zu einem staatlichen Feiertag am zweiten Fastensonntag. Auf Betreiben des Volksbundpräsidenten Siegfried Emmo Eulen bei Propagandaminister Joseph Goebbels wurde er 1934 in „Heldengedenktag“ umbenannt. Damit änderte sich sein Charakter vollständig: An die Stelle der Trauer um Tote trat die Verehrung militärischer „Helden“. Wehrmacht und NSDAP trugen die Veranstaltungen, Goebbels bestimmte Inhalt und Ablauf, und die Flaggen wurden nicht mehr auf halbmast, sondern vollstock gesetzt.

Der Tag erhielt eine starke propagandistische Funktion. Wichtige Schritte der Kriegsvorbereitung lagen bis 1939 zeitlich nahe am Heldengedenktag: die Remilitarisierung des Rheinlands am 7. März 1936 einen Tag davor, der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich am 12. März 1938 ebenfalls einen Tag davor und die Zerschlagung der Tschechoslowakei am 15. März 1939 drei Tage danach.

In der DDR sollte von 1952 bis 1990 der jährlich am zweiten Sonntag im September veranstaltete „Internationale Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg“ den Volkstrauertag ersetzen. Zum Ablauf gehörten eine Kranzniederlegung an der Neuen Wache und meist eine Rede auf dem Bebelplatz. Zunächst standen die Opfer des Faschismus im Zentrum; später nahm das Gedenken an den antifaschistischen Widerstand mehr Raum ein. Zugleich diente der Tag der Kritik am Westen, indem Kriege mit NATO-Beteiligung als imperialistisch bezeichnet wurden. Die zentrale Rolle von SED-Politikern wurde zunehmend als politische Instrumentalisierung kritisiert.

Entwicklung in der Bundesrepublik

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den westlichen Besatzungszonen ab 1946 erneut über Form und Termin beraten. Die erste zentrale Veranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Bundestag in Bonn fand 1950 statt. Ab 1952 wurde der Volkstrauertag auf den vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent gelegt, also an das Ende des Kirchenjahres, das theologisch von Tod, Zeit und Ewigkeit geprägt ist.

Die Bundesländer erließen entsprechende Feiertagsgesetze. Da der Volkstrauertag stets auf einen Sonntag fällt, ist er in keinem Bundesland ein gesetzlicher Feiertag. Teilweise heißt er „Gedenk- und Trauertag“; meist wird er lediglich als besonders geschützter Tag genannt. Hessen bezeichnet ihn ausdrücklich als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege. Hamburg ermächtigte den Senat, einen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Gefallenen beider Weltkriege festzulegen. Die neuen Bundesländer schützen den Tag seit Anfang der 1990er-Jahre, ohne seinen Inhalt genauer zu bestimmen.

Die Bedeutung des Tages wandelte und erweiterte sich. Neben gefallenen Soldaten rückten die Opfer des Nationalsozialismus und aktuelle Formen von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus stärker in den Mittelpunkt. Seit 1987 wird im offiziellen Festakt allgemein der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus gedacht; inzwischen schließt das Gedenken auch deutsche Soldaten ein, die bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr starben.

Lokale Initiativen weisen dennoch auf Lücken hin. Auf dem Gräberfeld „Deutsche Soldatengräber“ in Hamburg-Ohlsdorf erweckt die Inschrift den Eindruck, dort seien nur im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten bestattet. Bei den offiziellen Kranzniederlegungen bleiben andere dort begrabene Opfergruppen weitgehend unbeachtet, darunter Kinder von Zwangsarbeiterinnen, 164 hingerichtete Deserteure, KZ-Häftlinge und Opfer der Krankenmorde.

Kriegstotengedenken in anderen Ländern

Viele Staaten besitzen eigene Gedenktage für Kriegstote. In Großbritannien und zahlreichen Commonwealth-Staaten ist der 11. November der Remembrance Day oder Armistice Day. Er erinnert daran, dass der Waffenstillstand von Compiègne die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs am „elften Tag des elften Monats um elf Uhr“ beendete. In Großbritannien werden an diesem Tag zwei Schweigeminuten gehalten. Am nächstgelegenen Remembrance Sunday legt das Staatsoberhaupt am Londoner Kenotaph in Anwesenheit des Premierministers und von Veteranen Mohnblumen nieder. Die künstlichen „Remembrance Poppies“ beziehen sich auf John McCraes Gedicht „In Flanders Fields“ und die vom Blut der Soldaten geröteten Felder Flanderns. Kanada begeht den Tag ebenfalls am 11. November; in vielen Provinzen ist er ein Feiertag. Australien und Neuseeland erinnern zusätzlich am 25. April, dem Jahrestag der Landung auf Gallipoli 1915, mit dem ANZAC Day an ihre Toten.

Russland, Belarus und die Ukraine gedenken am 22. Juni des Deutsch-Sowjetischen Krieges von 1941 bis 1945. Der Tag erinnert an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion, der am 22. Juni 1941 um 3 Uhr begann. Nach vorherrschender Schätzung gab es etwa 27 Millionen sowjetische Opfer, darunter etwa 11 Millionen Soldaten und etwa 16 Millionen Zivilisten, insgesamt etwa 14 Prozent der Vorkriegsbevölkerung. Die Zeitung „Nowaja gaseta“ nennt dagegen bis zu 42 Millionen Kriegstote; die Zahl ist somit umstritten. An Denkmälern und Ehrenfriedhöfen finden Zeremonien statt, die Nationalflagge wird gesenkt und der staatliche Rundfunk sendet keine Unterhaltung.

Belgien und Frankreich begehen den 11. November als arbeitsfreien Waffenstillstandstag. In den Niederlanden erinnert der Nationale Dodenherdenking am 4. Mai an die Toten des Zweiten Weltkriegs und späterer Militäroperationen; landesweit gelten von 20:00 bis 20:02 Uhr zwei Schweigeminuten. Israel gedenkt an Jom haZikaron am 4. Ijjar der gefallenen israelischen Soldaten und der Opfer des Terrorismus. Österreich erinnert am 1. November an den Kriegerdenkmälern an die Toten beider Weltkriege; das offizielle Gedenken der Bundesregierung erfolgt am 26. Oktober. In den USA ist der letzte Montag im Mai der Memorial Day für die Kriegstoten, während der Veterans Day am 11. November die überlebenden Soldaten der Weltkriege würdigt.

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