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Vishnuismus
Zu den wichtigsten Schriften des Vaishnavismus gehören die Veden, die Upanishaden, die Bhagavad Gita, die Pancharatra (Agama) Texte, Naalayira Divya Prabhandham …
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Grundzüge und Bedeutung
Der Vishnuismus oder Vaishnavismus ist eine der drei wichtigsten Richtungen des Hinduismus neben Shivaismus und Shaktismus. Er betrachtet Vishnu als höchstes Allwesen: Andere Götter sind ihm untergeordnet oder gehen aus ihm hervor. Nach einer Schätzung von Johnson und Grim aus dem Jahr 2010 gehören ihm etwa 641 Millionen Menschen beziehungsweise 67,6 % der Hindus an; damit wäre er die größte hinduistische Richtung.
Die drei Hauptströmungen verehren Vishnu, Vasudeva Krishna oder Rama, den Prinzen aus dem Epos Ramayana. Einige Richtungen verstehen sich als monotheistisch und verehren Vishnu als den „Einen ohne einen Zweiten“. Shiva und Brahma gelten dann als untergeordnete Diener Vishnus; andere Devas werden als Halbgötter oder gewöhnliche Seelen aufgefasst. Vishnu kann sich nach diesen Lehren in unzählige spirituelle Gestalten vervielfältigen, die mit ihm identisch sind. Diese Vielfalt gilt als Ausdruck seiner unbegrenzten Macht, nicht als Auftreten konkurrierender Gottheiten. Friedrich Max Müller bezeichnete diese Auffassung zur Abgrenzung vom abrahamitischen Monotheismus als Henotheismus; in der heutigen Religionswissenschaft wird der Vishnuismus häufig als Monotheismus behandelt.
Zentral ist die Avatara-Lehre. Ein Avatara ist eine Inkarnation oder ein „Herabgestiegener“: Vishnu kehrt in solchen Gestalten zur Welt zurück, wenn der Dharma, also Recht und Ordnung, schwindet. Besonders bekannt sind die „Zehn Avataras“: Matsya, Kurma, Varaha, Narasimha, Vamana, Parashurama, Rama, Krishna, Buddha und Kalki. Manche Traditionen ersetzen Buddha durch Balarama, Krishnas älteren Bruder. Kalki soll erst im Kali-Yuga, am Ende des gegenwärtigen Zeitalters, erscheinen. Die Bhagavad Gita deutet die Vielzahl der Inkarnationen an; das Bhagavatapurana stellt sie ausführlich dar.
Entstehung und religiöse Praxis
Die antike Entstehung des Vishnuismus ist wegen spärlicher und widersprüchlicher Belege nicht genau geklärt. Vishnu erscheint bereits im Rigveda. Vermutlich entwickelte sich zwischen dem 9. und 6. Jahrhundert v. Chr. eine monotheistische Theologie um ihn. Die Verehrung Vasudeva Krishnas war wahrscheinlich spätestens gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. verbreitet, wie die Garuda-Säule des Heliodoros belegt. Rama und Krishna wurden als Inkarnationen Vishnus verstanden. Die Bezeichnung Vaishnava für Vishnuiten wurde ungefähr seit dem 4./5. Jahrhundert verwendet, obwohl die Bewegungen wesentlich ältere Wurzeln besitzen.
Historisch entstanden zwei Hauptkonfessionen: Die Bhagavats verehren Vasudeva-Krishna und gehören zum brahmanischen Vaishnavismus. Die Pancaratrins betrachten Narayana als ihren Gründer und vertreten den tantrischen Vaishnavismus. Daneben entwickelte sich eine königliche und herrschaftsbezogene Vishnu-Mythologie, die dem Ethos der Kshatriyas, der Krieger- und Herrschergruppe, verpflichtet war. Besonders deutlich zeigt sie sich in Rama, dem König von Ayodhya im großen Epos.
Kennzeichnend wurde die Vorstellung von Vishnu als höchstem und einzig wahrem Gott, der die Welt, alle Lebewesen und auch die übrigen Götter in sich trägt und hervorbringt. Als Erlösungswege galten Karma-Yoga, das pflichtgemäße und vor allem selbstlose Handeln in der Gesellschaft, sowie Bhakti, die bedingungslose, liebende Hingabe an Vishnu, Krishna oder Rama. Bhakti-Yoga ersetzt das vedische Opfer durch eine persönliche Beziehung zu Gott und bindet Jnana-Yoga, die Suche nach erlösendem Wissen, in eine starke Gefühlsbeziehung ein. Die Bhagavad Gita beschreibt Bhakti-Yoga als einen Weg zur Erlösung.
Viele Vertreter relativierten außerdem die traditionelle Kastenordnung. Unter den zwölf Alvars des 8. Jahrhunderts befanden sich mehrere Shudras, Angehörige der untersten Kaste. Ramananda, Kabir und Chaitanya unterschieden ihre Anhänger nicht nach ihrer Kastenzugehörigkeit. Sie griffen das Kastensystem nicht unbedingt als Ganzes an, betonten aber die Gleichheit aller Menschen vor Gott.
Traditionelle Schulen
Die Lehren werden in Guru-Sampradayas, also Überlieferungslinien von Lehrern und Schülern, mit zahlreichen Zweigen weitergegeben. Trotz unterschiedlicher Philosophien steht in allen die Bhakti zu Vishnu-Narayana oder zu den Avataras Krishna und Rama im Mittelpunkt.
Die Sri-Sampradaya ist nach Sri Lakshmi benannt. Ihr bekanntester Vertreter Ramanuja (1017–1137) lehrte Vishisht-Advaita, den „qualifizierten Nicht-Dualismus“. Narayana besitzt die Einzelseelen und die unbelebte Welt als seine Qualitäten. Das Verhältnis wird mit Tropfen und Ozean verglichen: Seele und Gott stimmen qualitativ, aber nicht quantitativ überein. Die Seele ist Teil des Göttlichen, bleibt jedoch Gottes ergebene Dienerin; göttliche Liebe verbindet beide. Aus dieser Linie ging die später selbstständige Ramanandi-Sampradaya Ramanandas hervor, die Rama und Sita ins Zentrum stellt. Viele vishnuitische Sadhus, also religiöse Asketen, sind Ramanandis.
In der nach Brahma benannten Brahma-Sampradaya vertrat Madhva, wahrscheinlich im 13. Jahrhundert, Dvaita, einen strengen Dualismus. Gott, die materielle Welt Prakriti und die Seelen bleiben verschieden. Ziel ist nicht das Einswerden mit Gott, sondern die Seligkeit in Vaikuntha, Vishnus „Himmel“, in seiner Gegenwart. Chaitanya (1486–1533) begründete innerhalb dieser Tradition die Gaudiya-Sampradaya. Sein Acintya-bheda-abheda-tattva lehrt eine rational „unausdenkbare“ gleichzeitige Einheit und Verschiedenheit von Gott, Seelen und Welt. Aus der späteren Gaudiya-Math ging als ein Zweig die im Westen bekannte Hare-Krishna-Bewegung hervor.
Vallabha (1479–1531), der wichtigste Vertreter der nach Shiva beziehungsweise Rudra benannten Rudra-Sampradaya, lehrte Shuddha-Advaita, den „reinen Nicht-Dualismus“. Krishna ist mit Brahman, der höchsten Weltenseele, identisch und schließt die Verschiedenheit der Welt in sich ein. Vallabha betonte den Pushti-Marga, den „Weg der Gnade“.
Die nach den vier Kumaras benannte Kumara- oder Sanakadi-Sampradaya geht besonders auf Nimbarka, wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert, zurück. Seine Lehre des Dvaita-Advaita verbindet Zweiheit und Nichtzweiheit: Gott ist zugleich eins mit der Welt und von ihr unterschieden. Moksha, die Befreiung, entsteht durch wahre Erkenntnis, die durch wahre Gottesverehrung gewonnen wird. Krishna ist hier kein Avatara, sondern Gottes eigentliches Wesen und mit Brahman identisch. Nimbarka verehrte besonders das göttliche Paar Radha und Krishna.
Reformbewegungen und Heilige
Neben den Hauptschulen bestehen etwa zwölf größere reformierte Gruppen. In der Sakhi-Sampradaya nehmen Sadhus bei der Verehrung eine weibliche Identität an. Der Mahanubhoa Pantha lehnt die Verehrung Gottes in Bildnissen vollständig ab. Mönche der Harshachandi Pantha bleiben auch nach ihrer Initiation Straßenkehrer, dem Beruf der Kaste, aus der sie überwiegend stammen.
Die Kabira Pantha geht auf den Poeten und Mystiker Kabir zurück. Er war zunächst Muslim, wandte sich früh davon ab und nahm auch Gedanken des Sufismus, der islamischen Mystik, in seine Lehre auf. Seine Lieder sind in ganz Indien verbreitet. Die im 18. Jahrhundert gegründete Schule Swaminarayans ist besonders im Bundesstaat Gujarat vertreten. Durch ausgewanderte Hindus unterhält sie weltweit Tempel und Zentren, darunter den größten hinduistischen Tempel Europas in London-Neasden.
Neben Philosophen prägten Heilige und Dichter die Vishnu-Verehrung. Die zwölf tamilischen Alvars aus dem 7. bis 9. Jahrhundert verfassten eindringliche Hymnen; ihnen wird ein wichtiger Anteil am damaligen Rückgang des Buddhismus in Indien zugeschrieben. Tukaram verehrte Krishna im 17. Jahrhundert in Liedern und Gedichten. Brahmanen verklagten ihn, weil er als Angehöriger der untersten Kaste die Weisheit der Veden nicht verbreiten dürfe. Tulsidas, ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert, wurde für die hindisprachige Bevölkerung durch seine Fassung des Ramayana besonders wichtig. Die Mystikerin Mirabai (1498 bis wahrscheinlich 1546) verstand sich seit ihrer Kindheit als Gattin Krishnas; ihre Lieder werden weiterhin zu dessen Ehren gesungen.
Zentrale Schriften und heutige Verbreitung
Zu den grundlegenden Schriften gehören die Veden, die Upanishaden und die Bhagavad Gita. Wichtige erzählende und religiöse Werke sind das Ramayana, einschließlich Tulsidas’ Hindi-Nachdichtung Ramacharitmanas, das Mahabharata mit der Bhagavad Gita, das Bhagavatapurana und das Vishnupurana. Hinzu kommen die Agamas der Pancaratra-Schule, die tamilische Hymnensammlung Naalayira Divya Prabhandham beziehungsweise die Lieder der Alvars aus dem 7. bis 9. Jahrhundert sowie Chaitanya Charitamrita und Chaitanya-Bhagavata aus dem 16. Jahrhundert.
Der Vishnuismus gilt möglicherweise als die gläubigenstärkste indische Religion, dicht gefolgt vom Shivaismus. Er ist besonders im indischen Mittelstand verbreitet. In Nordindien ist vor allem die Brahma-Sampradaya, in Südindien hauptsächlich die Shri-Sampradaya vertreten. Zu bekannten Anhängern gehörte Mahatma Gandhi, der lebenslang ein Rama-Mantra verwendete. Als erster bekannter westlicher Vishnu-Verehrer gilt Heliodoros, ein griechischer Botschafter am Hof König Kasiputra Bhagabhadras im 2. Jahrhundert v. Chr.; er dokumentierte seine Verehrung auf einer Säule.