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Vishnu

Vishnu (Sanskrit विष्णु Viṣṇu, Etymologie unklar) ist eine der wichtigsten Formen des Göttlichen im Hinduismus und kommt bereits in den Veden vor.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Stellung
  2. 2. Entwicklung vom vedischen Gott zum Welterhalter
  3. 3. Vishnu in der Trimurti
  4. 4. Darstellung und Namen
  5. 5. Die zehn Avataras

Bedeutung und Stellung

Vishnu ist eine der wichtigsten Formen des Göttlichen im Hinduismus. Im Vishnuismus gilt er als alleinige Manifestation des Höchsten. Seine weiblich gedachte göttliche Seite, die Shakti, ist Lakshmi, die als seine Gattin verehrt wird. Mehrere Puranas berichten über Vishnu; seine Inkarnationen werden unter anderem im Bhagavatapurana angeführt.

Vishnus zentrale Aufgabe besteht darin, die Weltordnung zu erhalten und den Dharma zu schützen. Dharma bezeichnet hier eine gerechte kosmologische und menschliche Ordnung. Wenn diese Ordnung bedroht ist, erscheint Vishnu in einer irdischen Gestalt, die Avatara genannt wird.

Entwicklung vom vedischen Gott zum Welterhalter

Vishnu kommt bereits in den Veden vor. In der frühen vedischen Zeit hatte er jedoch einen eher untergeordneten Rang. Im Rigveda erscheint er vor allem als Gott von kosmischer Bedeutung. Ursprünglich war er vermutlich mit Sonne, Licht und Wärme verbunden. Er setzte die Zeit in Bewegung, durchdrang das Universum und maß den Raum aus.

Vishnu gehörte zu den Adityas, den Söhnen der Göttin Aditi, die teilweise auch als seine Frau galt. Im Rigveda spielte er eine wichtige Rolle bei den Opferritualen. Er wurde als Zentrum und Säule des Universums verehrt und wachte außerdem über die Opferpfeiler der Tiere.

Besonders wichtig ist die Vorstellung seiner drei Schritte, des Trivikrama. Sie wurden als Sinnbild für Sonnenaufgang, Höchststand und Untergang verstanden. Vishnu erschien dabei zunächst als Zwerg, wuchs zu einem Riesen heran und maß mit drei Schritten den gesamten Raum aus. Dadurch nahm er die drei Welten, die Triloka, in Besitz und machte sie für Menschen und Götter bewohnbar. Diese Zwergengestalt, Vamana, wurde später zum fünften Avatara Vishnus.

Im Verlauf der vedischen Epoche entwickelte sich Vishnus Bedeutung stark. Neben Rudra gehört er zu den großen Aufsteigern des Hinduismus. Mit der Zeit übernahm Vishnu zunehmend Aufgaben, die zuvor besonders mit Indra verbunden waren: Er kämpfte gegen die „Dämonen“ und wurde zum Erhalter der Welt.

Vishnu in der Trimurti

Die Trimurti ist eine im Hinduismus bekannte Vorstellung von den „drei Gestalten“ oder Aspekten des Göttlichen. Sie verbindet drei kosmische Grundkräfte mit drei göttlichen Formen:

Schöpfung: Brahma Erhaltung: Vishnu Zerstörung: Shiva

In dieser Dreiheit erhält Vishnu den Dharma und damit die gerechte Ordnung der Welt. Zu diesem Zweck inkarniert er sich wiederholt als Tier oder Mensch. Shiva zerstört und löst auf, damit ein Neuanfang möglich wird, während Brahma für die Schöpfung zuständig ist. Die gegensätzlichen Aufgaben ergänzen sich innerhalb der Trimurti.

Außerhalb dieses Konzepts können sowohl Vishnu als auch Shiva alle drei kosmischen Aspekte in sich vereinen. Vishnu kann daher auch zerstörerisch wirken. Seine Wurfscheibe, das Chakra oder Chakram, ist eines seiner vier Symbole und dient ihm als zerstörerische Waffe. Eine göttliche Gestalt, die Vishnu und Shiva miteinander verbindet, ist Harihara.

Darstellung und Namen

Vishnu wird gewöhnlich mit vier Händen und vier Insignien dargestellt:

  • Das Chakra, eine Wurfscheibe, die er im Kampf gegen Feinde schleudert.
  • Das Shankha, ein Schneckenhorn, auf dem er bei verschiedenen Anlässen bläst.
  • Die Lotosblüte, Padma, als Symbol von Weisheit und Reinheit. Sie gilt als Sinnbild dafür, dass sie selbst aus dem schmutzigsten Teich strahlend rein hervorgeht.
  • Die Keule, Gada, mit der Vishnu Asuras bekämpft.

Auf dem Kopf trägt er eine topfartige Krone. Sein Reittier, das Vahana, ist Garuda, ein halb mensch- und halb adlergestaltiges Wesen. In vielen Darstellungen ruht Vishnu als Narayana auf der kosmischen Schlange Ananta oder Shesha. Eine solche Darstellung zeigt auch Lakshmi, die seine Füße massiert, während aus Vishnus Nabel Brahma auf einer Lotosblüte erscheint.

Vishnu besitzt zahlreiche, ursprünglich meist regionale Beinamen. Wichtige Namen sind Bhagavan („Erhabener“), Hari („der Übel oder Sünde fortnimmt“), Jagannath („Herr der Welt“, Oriya), Mohini (seine weibliche Form), Narayana („aus dem Wasser Kommender“), Vaikuntha („Herr des Paradieses“), Vasudeva („Gott des Gedeihens“), Venkateswara (sein Name in Tirupati) und Vishvarupa („Allgestaltiger“). In Tamilen trägt er außerdem die Namen Mayon („der Dunkle“), Tirumal („der erlauchte Große“), Perumal („der Große“) und Ranganatha („Herr der Welt“).

Der Name „Vishnu“ erscheint im ältesten tamilischen Schrifttum, dem Sangam-Korpus, kein einziges Mal. Als Bezeichnung für diese Form des Göttlichen scheint er im Tamilischen erst mit dem zunehmenden Einfluss des brahmanisch geprägten Hinduismus in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. gebräuchlich geworden zu sein.

Die zehn Avataras

Die zehn Avataras, auch Dashavatara genannt, sind Vishnus wichtigste Inkarnationsformen. Er nimmt diese Gestalten an, wenn der Dharma und damit die Weltordnung ins Schwanken geraten. Die überlieferte Reihe lautet:

  • Matsya: Fisch, der in der großen Flut die Arche zieht.
  • Kurma: Schildkröte, die beim Quirlen des Milchozeans den Berg Mandara auf ihrem Panzer trägt.
  • Varaha: Rieseneber, der die Erde in Gestalt der Göttin Bhudevi aus dem Urozean rettet.
  • Narasimha: Mann mit Löwenkopf, der den Dämon Hiranyakashipu tötet.
  • Vamana: Zwerg, der zum Riesen heranwächst und mit drei Schritten die Welt ausmisst.
  • Parashurama: „Rama mit der Axt“, Vishnu in Menschengestalt als Rächer eines Brahmanenmordes.
  • Rama: Held des Epos Ramayana; er ist nicht mit der sechsten Inkarnation Parashurama identisch.
  • Krishna: „der Schwarze“ und Verkünder der Bhagavad Gita.
  • Buddha: In manchen Überlieferungen steht an dieser Stelle auch Balarama, der Bruder Krishnas.
  • Kalki: zukünftige Inkarnation als Reiter auf einem Pferd, der den Dharma wiederherstellt.

Als bekannteste und bedeutendste Avataras gelten Rama, der Prinz von Ayodhya und Held des Ramayana, sowie Krishna. Kalki soll nach den Texten über Vishnus zehnte Inkarnation am Ende des Kali-Yuga erscheinen, um die Welt zu reinigen.

Die Abfolge der Inkarnationen kann außerdem metaphorisch als Evolutionserzählung gelesen werden. Sie symbolisiert eine Entwicklung vom Fisch über Landtiere und Mischwesen bis zu Heldenfiguren und spirituellen Erlösungsgestalten. Diese Lesart repräsentiert Theorien menschlicher Entwicklung, die im Rahmen hinduistischer Psychologie bedeutsam werden.

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