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Shivaismus
Der Shivaismus ist eine Form der Religion, bei der Gott als gleichzeitig immanent und transzendent gedacht wird. Shiva-Statue. In der religiösen Praxis und …
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Grundidee und Bedeutung
Zum Shivaismus oder Shaivismus gehören jene Richtungen des Hinduismus, in denen Shiva die zentrale Rolle als höchste Gottheit und Allwesen hat. Shiva überragt alle anderen Götter und lässt sie sowie das gesamte Universum aus sich hervorgehen. Gott wird dabei zugleich immanent, also in der Welt gegenwärtig, und transzendent, also über die Welt hinausgehend, gedacht.
Der Shivaismus ist keine einheitliche Religionsform. Man unterscheidet einen episch-puranischen Shivaismus, der vedisch-brahmanisch und volksreligiös geprägt ist, und einen esoterisch-sektarischen Shivaismus, der eine Einweihung verlangt und in dem Brahmanen in der Minderheit sind. Manche Richtungen sehen Shiva als transzendente, unpersönliche höchste Wirklichkeit, andere als personale Gottheit. Ziel ist häufig Befreiung oder Erlösung, manchmal auch der Erwerb von Siddhis, also besonderen spirituellen Fähigkeiten.
Der Shivaismus ist neben Shaktismus und Vishnuismus eine der drei Hauptrichtungen des Hinduismus. Er hat in Indien Millionen von Anhängern sowie Tausende Tempel und Klöster. Besonders wichtig ist er heute in Südindien und in Kaschmir.
Lehren, Praxis und Geschichte
Viele shivaitische Gruppen arbeiten mit einem philosophisch-theologischen System aus drei ewigen Prinzipien: Pati, der Herr, also Shiva; Pashu, das „Vieh“, also die individuelle Seele; und Pasha, die Fessel, also Materie und Karma. Karma bedeutet die Bindung durch Taten und ihre Folgen. Um in Kontakt mit Shiva zu kommen, muss sich Atman, die Seele, von Karma und Materie lösen und Shiva ähnlich werden: Er soll an Shivas Macht und Wissen heranreichen und dem Leiden entkommen.
Zum Shivaismus gehören kultische Handlungen, Gebet, Andacht, Mantrarezitation, Zeremonien und Rituale in Tempeln oder an heiligen Orten wie dem Kailash. Viele Richtungen nutzen Yoga und Tantra. Es gibt auch strenge asketische Formen, etwa bei den Kalamukhas und Kapalikas. Die Literatur umfasst achtundzwanzig orthodoxe Agamas und etwa zweihundert zusätzliche Texte; wichtige Quellen sind außerdem die Puranas. Der esoterische Shivaismus stützt sich besonders auf Agamas und Tantras.
Historisch entstanden Frühformen des Shivaismus unter Priestern des Yajurveda. Ab dem 4. Jahrhundert entwickelte er sich zu einer eigenständigen Richtung. Seine Blütezeit begann im 9. Jahrhundert; ab dem 10. Jahrhundert entstanden Tempelanlagen in Südindien und Zentralindien, die bis heute bestehen. Hauptschulen ab dem 10. Jahrhundert sind der Kaschmirische Shivaismus, Shaiva-Siddhanta, die Natha-Yogis und die Virashaivas. Die Blütezeit dauerte bis zum 13. Jahrhundert.
Mythologischer Shiva
In den shivaitischen Kulten der Puranas ist Shiva das höchste Wesen. Alle Wesen und die Welt verändern sich, nur Shiva ist unvergänglich, ewig und die Fülle des Absoluten. Er ist der Urgrund des Daseins und trägt Namen wie Mahadeva, „der Große Gott“, Ishvara, „der Herr“, Maheshvara, „der Große Herr“, und Prameshvara, „der Höchste Herr“.
Die Mythen zeigen Shiva zugleich als absolute Existenz, Allgott, furchtbaren Gott und großen Asketen. Er ist Purusha, der Geist, Prakriti, das Wesen der gesamten manifestierten Welt, und die Antriebskraft dieser Welt. Nur er lässt die Welt entstehen und vergehen. Nach einem von ihm periodisch herbeigeführten Weltuntergang bleibt nur Shiva selbst bestehen; danach erschafft er zyklisch neue Universen durch die Maya seines Yoga.
Wichtig ist das Bild Shiva Nataraja, des tanzenden Shiva. Das Universum entsteht aus seinem Tanz und vergeht in ihm. Sein Tanz erhält die Welt und erlöst die Seelen. Er symbolisiert fünf Qualitäten: Erhalten, Zusammenziehen, Verhüllen der Seelen im Samsara, gnadenreiches Annehmen der Gläubigen und Schenken von Frieden und Erlösung. Als Ardhanarishvara wird Shiva halb weiblich und halb männlich dargestellt, eins mit seiner Shakti, seiner weiblichen Seite.
Kaschmirischer Shivaismus und Shaiva-Siddhanta
Im kaschmirischen Shivaismus gelten die Agamas als Manifestation Shivas in Form transzendenter Worte. Das Universum ist die Essenz dieser Worte, also der Gedanken des Allgottes. Die höchste Realität ist reines erkennendes Bewusstsein, das dem Universum als Selbst und inneres Wesen zugrunde liegt. Diese Realität ist Shiva und Atman: unbeschreiblich, ewig, unendlich, transzendent und immanent, weder persönlich noch sächlich. Die Seele ist eigentlich eins mit dem Allgott, erkennt das aber wegen Maya, einem Schleier der Unwissenheit, nicht. Ziel ist es, diesen Schleier zu heben und die Einheit mit dem höchsten Atman zu erkennen.
Der Shaiva-Siddhanta entwickelte sich in Südindien vom 8. bis 13. Jahrhundert. Seine heilige Literatur besteht aus elf Sammlungen von Gedichten, dem Tirumurai, redigiert im 10. oder 11. Jahrhundert, und dem Periyapuranam, das das Leben shivaitischer Heiliger beschreibt. Im Gegensatz zum Monismus nimmt der Shaiva-Siddhanta eine ewige Existenz der Seelen und der Welt neben Gott an. Shiva und Welt sind nicht identisch, existieren aber auch nicht unabhängig voneinander.
Shiva ist hier Sat, Cit, Ananda: absolute Existenz, grenzenloses und allgegenwärtiges Wissen beziehungsweise kosmische Intelligenz und vollkommene Seligkeit beziehungsweise absolute Harmonie. Die Reinigung der Seele geschieht in drei Stufen: frommer Wandel, Kulthandlungen und Yoga. Dafür ist ein Guru, ein vollkommen erleuchteter Lehrer, nötig.
Natha-Yogis und Virashaivas
Natha-Yoga ist eine indische Yoga-Lehre, die auf Gorakhnath zurückgeht. Natha-Yogis sind asketische Shivaiten. Ihr Ziel ist die höchste Realität, die Identität mit Shiva. Die Bewegung ging von Bengalen aus und verbreitete sich später nach Süden und Westen. Natha-Yogis praktizieren Hatha-Yoga, reinigen den Körper durch Yoga und Willensschulung und streben letztlich Unsterblichkeit an. Ziel ist Jivanmukti, Befreiung im Leben. Der Körper gilt als Abbild des Kosmos; die Energie der Shakti soll am Ende der Wirbelsäule konzentriert, durch Sushumna und Chakren geleitet und im obersten Chakra mit Shiva vereinigt werden.
Die Virashaivas entstanden ab dem 12. Jahrhundert. Sie lösten sich vom brahmanischen Ritualismus, lehnen Kasten ab und vertreten Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Von 1350 bis 1610 war der Virashaivismus unter den Herrschern von Mysore Staatsreligion. Die Virashaivas tragen eine Kapsel mit einem Shiva-Linga und werden deshalb auch Lingayats genannt.
Ihre Lehre ist monistisch geprägt: Shiva ist das einzige Sein und wird als Brahman selbst verstanden. Shiva-Brahman hat die Attribute Sat, Chid, Ananda, also Sein, Bewusstsein und Seligkeit. Befreiung, Jivanmukti, bedeutet die Erkenntnis der Identität mit Shiva. Wichtig sind Shiva-Bhakti, Yoga, Gurus, Ahimsa, Vegetarismus und Formen der Abstinenz. Besonders bedeutsam ist das Mantra „Om Namah Shivai“. Basava galt lange als Gründer im 12. Jahrhundert; neuere Forschung nimmt aber an, dass die Schule schon ab dem 10. Jahrhundert bestanden haben könnte und Basava eher Reformator war.
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