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Shiva

Als Bestandteil der „hinduistischen Trinität“ (Trimurti) mit den drei Aspekten des Göttlichen, also mit Brahma, der als Schöpfer gilt, und Vishnu, dem …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Shiva und seine Bedeutung
  2. 2. Mythen um Shiva und seine Familie
  3. 3. Historische Entwicklung
  4. 4. Darstellungen und Symbole
  5. 5. Lehre, Kult und Fest

Shiva und seine Bedeutung

Shiva ist einer der Hauptgötter des Hinduismus. Im Shivaismus gilt er als wichtigste Manifestation des Höchsten und wird deshalb auch Mahadeva, „großer Gott“, genannt. In der Trimurti, der hinduistischen Dreiheit aus Brahma, Vishnu und Shiva, steht Brahma für die Schöpfung, Vishnu für die Bewahrung und Shiva für die Zerstörung. Außerhalb dieses vereinfachten Modells verkörpert Shiva jedoch den gesamten Kreislauf von Schöpfung, Erhaltung, Zerstörung und Neubeginn.

Shiva ist ein Gott der Gegensätze. Einerseits erscheint er als einsamer Asket, der auf dem Berg Kailash in tiefster Meditation verharrt; andererseits bildet er mit seiner Gemahlin Parvati und seinen Söhnen Ganesha und Skanda eine göttliche Familie. Er kann als schrecklich und zerstörerisch gelten, zugleich aber als allgegenwärtiger, gnädiger Gott, der das schlechte Karma seiner Verehrer tilgt. Seine weibliche Kraft heißt Shakti und tritt unter anderem in der Gestalt Parvatis auf.

Die zahlreichen Namen Shivas bezeichnen unterschiedliche Eigenschaften. Dazu gehören Nataraja („König des Tanzes“), Bhairava („der Schreckliche“), Pashupati („Herr aller Wesen“), Rudra („der Wilde“), Shankara („der segensreich Wirkende“), Vishwanatha („Herr des Alls“) und Nilakantha („der mit dem blauen Hals“). Das Shiva-Purana führt 1008 Namen an.

Mythen um Shiva und seine Familie

Mehrere Puranas, also hinduistische Erzähl- und Lehrtexte, berichten in unterschiedlichen Fassungen von Shivas Familie. Nach einer bekannten Legende erschuf Parvati während Shivas Abwesenheit einen Knaben als persönliche Wache. Als dieser Shiva den Eintritt verweigerte, schlug Shiva ihm im Zorn den Kopf ab. Aus Reue erweckte er ihn wieder zum Leben und setzte ihm den Kopf eines Elefanten auf. Der Knabe ist Ganesha, der als Sohn Shivas und Parvatis verehrt wird.

Eine weitere Überlieferung erzählt, Shiva sei zunächst mit Sati verheiratet gewesen. Wegen Shivas ungewöhnlicher Lebensweise als Asket geriet er mit Satis Vater Daksha in Konflikt. Als das Paar nicht zu einem Opferfest eingeladen wurde, verbrannte sich Sati, um die Ehre ihres Mannes wiederherzustellen. Später wurde sie als Parvati wiedergeboren.

Shiva hatte sich unterdessen in der Amarnath-Höhle in Meditation versenkt. Der Liebesgott Kamadeva wollte ihn mit einem Liebespfeil erwecken, wurde jedoch von Shivas drittem Auge vernichtet. Parvati meditierte ein Jahr lang vor einem aus Eis geschaffenen Shivalinga, um Shiva wiederzugewinnen. Schließlich gab Shiva ihrem geschwächten Körper neue Lebenskraft und nahm sie als seine göttliche Gemahlin an.

Historische Entwicklung

Die Verehrung Shivas ist durch Inschriften und Münzen erst seit der Zeit der Kuschana, etwa 100 bis 250 n. Chr., sicher belegt. In Nordindien verbreitete sich der Shiva-Kult unter den Guptas, etwa 300 bis 550 n. Chr.; in Südindien ist eine weite Verbreitung erst ab dem 7. Jahrhundert belegt. In Südostasien war um die Mitte des 1. Jahrtausends besonders Harihara verbreitet, eine Gottheit, die Merkmale Shivas und Vishnus verbindet.

Umstritten ist, ob Vorformen Shivas bereits in der Indus-Kultur vorkamen. Auf dem sogenannten Pashupati-Siegel aus Harappa sitzt eine möglicherweise drei- oder viergesichtige Gestalt im Lotossitz neben Tieren und trägt eine Art Kopfschmuck. Forschende wie Asko Parpola und Iravatham Mahadevan deuteten sie als Shiva in seinem Pashupati-Aspekt. Auch gefundene Lingams wurden als Hinweis auf eine sehr alte Verehrung verstanden. Diese Zuordnungen sind jedoch keine sicheren Belege.

Der Name Shiva erscheint nicht in den Veden. In hinduistischen Traditionen wird Shiva häufig mit dem vedischen Gott Rudra gleichgesetzt, der erstmals in der Svetasvatara Upanishad Shiva genannt wird. Aus wissenschaftlicher Sicht bleibt die Identität des vedischen Rudra mit Shiva umstritten.

Darstellungen und Symbole

Shiva wird häufig zusammen mit dem Stier Nandi, seinem Reittier, sowie mit Parvati, Skanda und Ganesha dargestellt. Besonders in Südindien ist Somaskanda verbreitet, die gemeinsame Darstellung Shivas mit Parvati und Skanda.

Das wichtigste nichtmenschliche Symbol Shivas ist der Lingam oder Linga, ein zylindrischer, oben gerundeter Stein. Er steht für die Schöpferkraft des Gottes und wird oft als stilisierter Phallus interpretiert. Meist befindet er sich in einer Yoni, die häufig als stilisierte Vagina gedeutet wird. Das Wort Linga bedeutet jedoch „Zeichen“: Es bezeichnet ein Zeichen, in dem sich alle Formen auflösen, und verweist damit auf die in shivaitischen Schriften betonte Formlosigkeit des Göttlichen. Die meisten Gläubigen verehren den Lingam daher nicht bewusst als Phallus. Bei Zeremonien wird er mit einer Mischung aus Milch und Honig übergossen, die Amrita, den Trank der Unsterblichkeit, symbolisiert, und anschließend mit Blumen geschmückt. Die Handlung steht für die Vereinigung des Göttlichen und Weltlichen beziehungsweise von Atman und Brahman; im tantrischen Shivaismus wird sie als Vereinigung von Linga und Yoni verstanden. Je nach Überlieferung gibt es in Indien etwa sieben bis zwölf bedeutende natürliche Lingam-Heiligtümer, die Jyotirlingas. Dazu gehört die Amarnath-Höhle im Himalaya, in der sich in bestimmten Zyklen eine Eissäule bildet und wieder schwindet.

Als Nataraja, „König des Tanzes“, tanzt Shiva auf Apasmara, dem „Dämon der Unwissenheit“. Sein kosmischer Tanz zerstört die Unwissenheit und das Universum, erschafft dieses aber zugleich neu. Meist besitzt er vier oder acht, gelegentlich noch mehr Arme. Hände zeigen schützende und Gnade gewährende Gesten; weitere Hände tragen eine kleine Trommel und Feuer. Das Feuer kann Vernichtung oder Shivas Energie bedeuten. Die Symbolik ist nicht völlig einheitlich. Nach Ananda Coomaraswamy steht der Tanz für die Bewegung im Kosmos, für die Befreiung der Seelen aus der Täuschung und für Chidambaram als im Herzen gelegenes Zentrum des Universums.

In neuzeitlicher Malerei hat Shiva meist weiße oder aschegraue Haut. Als Nilakantha besitzt er einen blauen Hals, weil er das Gift des Urmeeres getrunken und so das Universum gerettet haben soll. Kennzeichen sind außerdem das dritte Auge, drei waagerechte Aschestriche auf der Stirn, eine Schlange am Hals, die Mondsichel im langen Haar, der Dreizack Trishula und die Sanduhrtrommel Damaru. Aus seinem Haar kann die Göttin Ganga als Verkörperung des Ganges fließen: Shiva fing ihren Sturz vom Himmel mit seinem Haar ab, sodass sie sanft auf die Erde gelangte. Die 2022 errichtete Statue of Belief in Nathdwara in Rajasthan ist mit 112,5 Metern die höchste Shiva-Statue der Welt.

Lehre, Kult und Fest

In der tantrischen Deutung wird Shivas Wirken durch fünf Handlungen beschrieben, die Panchakritya: Sṛṣṭi bedeutet Emission oder Weiterfließen, Sthiti Erhaltung, Saṃhāra Auflösung oder Rückabsorption, Tirodhana Verschleierung oder Vergessen und Anugraha Enthüllung oder Erinnerung. Dieses Modell zeigt, dass Shiva nicht lediglich als Zerstörer verstanden wird, sondern alle grundlegenden Vorgänge des kosmischen Kreislaufs umfasst.

Der wichtigste Shiva gewidmete Feiertag in Indien ist Shivaratri beziehungsweise Mahashivaratri, die „Nacht Shivas“. Im Mittelpunkt steht dabei die Verehrung des Lingam.

Shivas kosmischer Tanz verkörpert das zyklische Zeitverständnis gläubiger Hindus: Er erhält und zerstört die Welt zugleich. Nach shivaitischer Vorstellung würde die Welt untergehen, wenn sein Tanz endete; da der Tanz niemals aufhört, geht auch der kosmische Kreislauf immer weiter.

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