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Vertreibung und Flucht der Palästinenser 1948

Etwa 250.000–300.000 Palästinenser flohen oder wurden bereits während des Bürgerkriegs in Palästina 1947–1948 vertrieben, noch vor Beendigung des britischen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern, Ausmaß und Bedeutung
  2. 2. Verlauf bis Juni 1948
  3. 3. Vertreibungen bis zum Kriegsende
  4. 4. Flüchtlinge und internationale Vermittlung
  5. 5. Eigentum, Rückkehr und Umsiedlung
  6. 6. Historische Deutungen und Quellenlage

Kern, Ausmaß und Bedeutung

Die Vertreibung und Flucht von mehr als 700.000 Palästinensern im Palästinakrieg von 1948 war ein zentraler Teil der Nakba, also der Enteignung, Zersplitterung und Verdrängung der palästinensischen Gesellschaft. Etwa 80 Prozent der arabischen Bevölkerung des Gebiets, das zu Israel wurde, verließen ihre Heimat oder wurden vertrieben. Bereits vor dem Ende des britischen Mandats am 14. Mai 1948 waren es etwa 250.000 bis 300.000 Menschen. Im September 1949 schätzte die UN-Vermittlungskommission die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge außerhalb Israels auf ungefähr 711.000. Von etwa 160.000 in Israel verbliebenen palästinensischen Arabern galt rund ein Viertel als binnenvertrieben.

Als Ursachen nennt die Forschung mehrere miteinander verbundene Faktoren: jüdische beziehungsweise israelische Militäroffensiven und Vertreibungsbefehle, die Zerstörung von Dörfern, psychologische Kriegsführung, Angst vor Massakern nach Deir Yassin, den Zusammenbruch der palästinensischen Führung, die frühzeitige Flucht wohlhabender Schichten, einzelne arabische Evakuierungsaufrufe und die Ablehnung, unter jüdischer Herrschaft zu leben. Hinzu kamen eine durch israelische Brunnenvergiftung ausgelöste Typhusepidemie und die Verhinderung der Rückkehr. Die Gewichtung dieser Faktoren ist umstritten. Einige Historiker beschreiben die Vorgänge als ethnische Säuberung; andere bestreiten ein systematisches Vorgehen gegen die gesamte arabische Bevölkerung.

Zwischen 400 und 600 palästinensische Dörfer wurden laut Artikel zerstört; andere Untersuchungen gelangen wegen unterschiedlicher Methoden zu abweichenden Zahlen. Eigentum wurde geplündert, zahlreiche Orte erhielten hebräische Namen und wurden jüdisch besiedelt. Der bis heute ungeklärte Status der Flüchtlinge – Rückkehr, Entschädigung oder dauerhafte Aufnahme an anderen Orten – ist eine Schlüsselfrage des israelisch-palästinensischen Konflikts. Am 15. Mai wird der Nakba-Tag begangen.

Verlauf bis Juni 1948

Der bewaffnete Konflikt begann am 30. November 1947, einen Tag nach Annahme des UN-Teilungsplans. Dieser sah einen jüdischen und einen arabischen Staat sowie einen internationalen Status Jerusalems vor. Von Dezember 1947 bis März 1948 kam es zu arabischen Angriffen, jüdischen Vergeltungsmaßnahmen und wachsender Gewalt durch Hagana, Irgun und Lechi. Benny Morris beschreibt die palästinensischen Kampfhandlungen als unorganisiert und lokal begrenzt; Simha Flapan betont dagegen, dass Angriffe von Irgun und Lechi arabische Vergeltung ausgelöst hätten.

Bis Ende März waren 30 Dörfer verlassen. Ungefähr 100.000 palästinensische Araber waren in arabisch kontrollierte Teile Palästinas geflohen; andere Quellen nennen 30.000 Menschen, die das Land verlassen hatten. Viele gehörten zur politischen Führung sowie zur städtischen Mittel- und Oberschicht. Morris zufolge flohen die Menschen in dieser frühen Phase überwiegend wegen jüdischer Angriffe oder aus Angst vor ihnen; direkte Vertreibungsbefehle spielten zunächst nur eine sehr geringe Rolle.

Plan Dalet regelte ab Frühjahr 1948 das Vorgehen der Hagana in zu erobernden Gebieten. Seine Bedeutung ist umstritten: Ilan Pappé deutet ihn als Masterplan zur Vertreibung. Yoav Gelber zufolge sollten Bewohner Widerstand leistender Dörfer über die Grenzen des vorgesehenen jüdischen Staates vertrieben werden; widerstandslose Bewohner durften bleiben, sollten jedoch einer Militärverwaltung unterstehen.

Von April bis Juni beschleunigte sich der Exodus. Bis zum 1. Mai waren fast 175.000 Palästinenser geflohen. Das Massaker von Deir Yassin am 9. April und Berichte darüber verbreiteten große Angst. Die Hagana eroberte Tiberias und Haifa; Irgun beschoss Jaffa. In Haifa lösten die Offensive, Mörserfeuer und psychologische Kriegführung eine Massenflucht aus. Ob arabische Stellen den Abzug anordneten, ist umstritten: Efraim Karsh verweist auf solche Anweisungen, während Walid Khalidi sowie Auswertungen von CIA- und BBC-Abhörprotokollen dies bestreiten. Mitte Mai lebten dort nur noch etwa 4.000 Araber.

Im April begann zudem biologische Kriegsführung: Brunnen eroberter Dörfer wurden mit Bakterien verseucht, um eine Rückkehr zu verhindern. Anfang Mai verursachte eine solche Operation eine Typhusepidemie in Akkon. Ein Versuch in Gaza wurde Ende Mai vereitelt. Ein Hagana-Geheimdienstbericht vom 30. Juni schrieb 55 Prozent des Exodus Hagana- oder IDF-Operationen, ungefähr 15 Prozent Irgun und Lechi, 2 Prozent ausdrücklichen Vertreibungsbefehlen, 1 Prozent psychologischer Kriegführung, 22 Prozent Angst und Vertrauensverlust sowie 5 Prozent arabischen Fluchtaufrufen zu.

Vertreibungen bis zum Kriegsende

Von Juli bis Oktober 1948 eröffneten die Operationen Dani und Dekel eine neue Phase. Die größte einzelne Vertreibung begann am 14. Juli in Lydda und Ramla: Auf Befehl David Ben-Gurions und Yitzhak Rabins wurden 60.000 Einwohner gewaltsam vertrieben. Viele mussten 10 bis 15 Meilen zu Fuß gehen; die Ereignisse werden als „Lydda-Todesmarsch“ bezeichnet. In Ramla stellte die israelische Armee Busse und Lastwagen bereit. Nazareth kapitulierte am 16. Juli; der Kommandeur Ben Dunkelman verweigerte am folgenden Tag einen Befehl zur Evakuierung der Bevölkerung. In dieser Phase wurden nach Morris etwa 100.000 Palästinenser zu Flüchtlingen. Plünderungen waren häufig, außerdem sind mehrere Vergewaltigungen bekannt.

Von Oktober 1948 bis März 1949 sicherten die Operationen Joʾav, Ha-Har, Chiram, Chorev und Uvda israelische Kontrolle über Obergaliläa und den Negev. Anders als zuvor flohen weniger Dörfer spontan; Morris führt den Großteil des Exodus nun auf direkte Vertreibung und gezielte Schikanen zurück. Während der Operation Chiram sollten die Kommandeure die eroberten Gebiete schnell von „feindlichen Elementen“ säubern und den Bewohnern beim Verlassen helfen. UN-Beobachter dokumentierten systematische Plünderungen in Galiläa, für die Armeelastwagen eingesetzt wurden. Morris schätzt für die Operationen Chiram und Joʾav 200.000 bis 230.000 Flüchtlinge.

Die Angaben über zerstörte oder entvölkerte Orte unterscheiden sich deutlich: Morris nennt insgesamt 369 Städte, Dörfer und Stammesgebiete, Khalidi 418 und Abu Sitta 531. Von Khalidis 418 Orten waren 292 vollständig und 90 weitgehend zerstört. Eine weitere Studie kommt auf 472 zerstörte Siedlungen und schätzt anhand britischer Volkszählungsdaten, dass mehr als 70.280 palästinensische Häuser zerstört wurden. Diese Unterschiede beruhen unter anderem darauf, ob Städte, Beduinenlager, Stammesgebiete und schon vor den Hauptkämpfen geräumte Orte mitgezählt werden.

Flüchtlinge und internationale Vermittlung

UN-Vermittler Folke Bernadotte erklärte am 16. September 1948, eine gerechte Regelung müsse das Recht arabischer Flüchtlinge anerkennen, in ihre Häuser zurückzukehren. Die UN-Generalversammlung verabschiedete am 11. Dezember 1948 Resolution 194. Danach sollten Flüchtlinge, die zurückkehren und friedlich mit ihren Nachbarn leben wollten, möglichst bald zurückkehren dürfen; für das Eigentum nicht zurückkehrender Menschen sowie für Verlust oder Beschädigung von Eigentum sollte Entschädigung gezahlt werden.

Die UNRWA wurde durch Resolution 302 (IV) vom 8. Dezember 1949 gegründet. Für ihre Leistungen gelten als Palästinaflüchtlinge Personen, deren gewöhnlicher Wohnsitz zwischen Juni 1946 und Mai 1948 in Palästina lag und die infolge des Krieges von 1948 sowohl ihr Zuhause als auch ihre Lebensgrundlage verloren; einbezogen sind ihre Nachkommen. Das Mandat legt den endgültigen politischen Status nicht fest. UNRWA schätzte die Zahl 1949 auf 726.000, registrierte jedoch 914.000. Wegen doppelter und unzutreffender Einträge sank die registrierte Zahl bis Juni 1951 auf 876.000. 2003 waren mehr als vier Millionen Menschen leistungsberechtigt. Viele lebten im Gazastreifen, Westjordanland, in Jordanien, Libanon und Syrien.

Auf der Lausanner Konferenz stimmte Israel am 12. Mai 1949 grundsätzlich der Rückkehr aller Flüchtlinge zu. Später bot es lediglich die Aufnahme von 100.000 Menschen an; darin waren 25.000 heimlich Zurückgekehrte und 10.000 Fälle von Familienzusammenführung enthalten. Das Angebot war an einen Friedensvertrag, die Anerkennung israelischer Gebietsgewinne und die Aufnahme der übrigen 550.000 bis 650.000 Flüchtlinge durch arabische Staaten gebunden. Diese lehnten es aus rechtlichen, moralischen und politischen Gründen ab; Israel zog das Angebot zurück. Die Konferenz scheiterte an unvereinbaren Ausgangspositionen und mangelnder Kompromissbereitschaft.

Eigentum, Rückkehr und Umsiedlung

Israelische Land- und Eigentumsgesetze verhinderten vielfach, dass Geflüchtete und Binnenvertriebene zurückkehrten oder ihren Besitz beanspruchten. Artikel 125 der Verteidigungsnotstandsverordnungen erlaubte es dem Militär, Gebiete zu sperren. Eigentümer konnten dadurch von ihrem Land ausgeschlossen werden; anschließend ließ es sich als unbewohnt behandeln und nach dem „Land Acquisition (Validation of Acts and Compensation) Law (1953)“ enteignen.

Das „Gesetz über das Eigentum der Abwesenden, 5710-1950“ und verwandte Vorschriften übertrugen das Eigentum geflohener oder vertriebener Menschen in staatlich kontrollierte Strukturen. 1954 lebte mehr als ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Israels auf solchem Eigentum. Rund 250.000 neue Einwanderer ließen sich in verlassenen arabischen Stadtgebieten nieder; von 370 zwischen 1948 und 1953 gegründeten jüdischen Siedlungen lagen 350 auf Eigentum sogenannter Abwesender. Weitere Vorschriften, darunter das Verjährungsgesetz von 1958 und Grundstücksgesetze der Jahre 1960 und 1969, erleichterten den Erwerb bestimmter Landarten.

Das Gesetz zur Verhinderung von Infiltrationen von 1954 stellte bewaffnete und unbewaffnete Grenzübertritte vor Militärgerichte. Es sollte offiziell das Eindringen palästinensischer Fedajin verhindern, erfasste aber unabhängig vom Motiv auch Flüchtlinge, die aus überwiegend wirtschaftlichen Gründen oder zur Rückkehr in ihre Heimat nach Israel gelangten.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 initiierte Israel in den nun kontrollierten Gebieten ein subventioniertes Programm, durch das Flüchtlinge eigene Häuser bauen und dauerhaft umgesiedelt werden sollten. Israel stellte Land und Infrastruktur bereit, Baumaterial wurde auf Kredit gekauft. Die UN-Generalversammlung verurteilte das Programm in den Resolutionen 31/15 und 34/52 als Verletzung des unveräußerlichen Rückkehrrechts. Nach der Umsiedlung Tausender Menschen wurde es unter dem Druck der PLO ausgesetzt.

Historische Deutungen und Quellenlage

Lange standen sich zwei Erzählungen gegenüber. Die traditionelle israelische Darstellung erklärte, die Palästinenser seien freiwillig oder auf Aufforderung arabischer Führer gegangen. Die palästinensische Darstellung betonte Vertreibung mit Waffengewalt und gezielt ausgelöste Panik. In der palästinensischen Kultur wurde die Nakba zu einem zentralen Thema von Büchern, Liedern und Gedichten und zu einem Bezugspunkt für Erfahrungen von Verlust, Staatenlosigkeit und fortdauernder Verdrängung.

In Israel dominierte von 1949 bis Ende der 1970er Jahre die Auffassung einer überwiegend freiwilligen Flucht in staatlichen Veröffentlichungen, Schulbüchern, Medien und Veteranenerinnerungen. Ausnahmen vertraten schon früher eine kritischere oder ausgewogenere Sicht. Seit Ende der 1970er Jahre und besonders seit der teilweisen Öffnung israelischer Archive in den 1980er Jahren setzten sich zunehmend Darstellungen durch, nach denen einige Palästinenser freiwillig oder auf arabische Aufrufe hin gingen, andere aber durch jüdische beziehungsweise israelische Streitkräfte vertrieben wurden. Diese Forschung ist mit den „Neuen Historikern“ verbunden.

Auch unter ihnen bestehen erhebliche Konflikte. Ilan Pappé beschreibt den Exodus als geplante ethnische Säuberung. Benny Morris hält bei Lod und Ramle eine teilweise ethnische Säuberung für diskutabel, lehnt aber Pappés Gesamtdeutung ab. Efraim Karsh meint weiterhin, die meisten Geflüchteten seien aus eigenem Antrieb gegangen oder von arabischer Seite zum Verlassen gedrängt worden; die Vertreibungen von Lod und Ramle erklärt er mit militärischer Notwendigkeit. Morris und Karsh werfen Pappé Ungenauigkeiten beziehungsweise die Konstruktion eines Masterplans vor. Avi Shlaim kritisiert wiederum Morris’ spätere Arbeiten und Karshs selektive Darstellung.

Die Quellenlage selbst ist Gegenstand der Kritik. Die israelische Regierung ließ laut Artikel Archive systematisch nach Dokumenten durchsuchen und Belege für Massaker entfernen. Dennoch konnten Historiker besonders zwischen 1988 und 2008 zahlreiche Archivquellen über Flucht und Vertreibung auswerten. Rosemarie Esber kritisiert, dass viele israelische Historiker zu stark oder ausschließlich auf israelische amtliche Akten zurückgreifen und arabische mündliche Überlieferungen unzureichend berücksichtigen. Die historische Bewertung bleibt deshalb nicht nur wegen unterschiedlicher Deutungen, sondern auch wegen Auswahl und Zugänglichkeit der Quellen umstritten.

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