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Massaker von Deir Yasin
Das Massaker von Deir Yasin war ein Angriff auf das palästinensische Dorf Deir Yasin (auch Deir Jassin, arabisch دير ياسين Dair Yāsīn bzw. im …
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Kern des Ereignisses
Das Massaker von Deir Yasin war ein Angriff auf das palästinensische Dorf Deir Yasin nordwestlich von Jerusalem am 9. April 1948, während des Bürgerkriegs in Palästina. Etwa 130 Mitglieder der zionistischen Untergrund- und Terrororganisationen Irgun und Lechi griffen das rund 600 Einwohner zählende Dorf an; bei der Eroberung wurden sie von der Palmach, einer Spezialeinheit der Hagana, unterstützt. Nach heutigem Forschungsstand wurden 99 bis 120 Dorfbewohner getötet, darunter zahlreiche unbewaffnete Menschen, Frauen und Kinder. Etwa zehn Opfer können sicher als bewaffnete Kämpfer bezeichnet werden.
Umstritten bleibt, wie viele Getötete bewaffnete Verteidiger waren und wie viele Zivilisten erst nach der Einnahme des Dorfes hingerichtet wurden. Beide Seiten verbreiteten zunächst stark überhöhte Opferzahlen, um eine psychologische Wirkung zu erzielen. Das Massaker verstärkte die Fluchtbereitschaft der palästinensischen Bevölkerung, führte zu Vergeltungsaktionen und beeinflusste den weiteren Verlauf des Palästinakriegs erheblich.
Vorgeschichte und strategischer Zusammenhang
Das Ereignis fand kurz vor der Gründung Israels und dem Ende der britischen Mandatszeit statt. Im britischen Mandatsgebiet Palästina kämpften verfeindete Zionisten und Palästinenser sowie Truppen weiterer arabischer Staaten. Am 5. April 1948 begannen zionistische Kampfverbände die Operation Nachschon. Sie sollte die arabische Blockade Jerusalems durchbrechen und Lebensmitteltransporte zu den dort eingeschlossenen Juden ermöglichen. Deir Yasin lag erhöht und nahe bei Jerusalem und war daher strategisch günstig, hatte für die Operation aber keine hohe Priorität.
Die Einwohner von Deir Yasin hatten mit dem benachbarten jüdischen Ort Giv'at Scha'ul ein Friedensabkommen geschlossen, das von der Hagana offiziell bestätigt worden war. Sie verweigerten arabischen Kampfverbänden mehrfach den Zugang zum Dorf, weil diese es als Ausgangspunkt für Angriffe nutzen wollten. Noch fünf Tage vor dem Massaker verhinderten sie einen solchen Zugang teilweise mit Waffengewalt; zwei Tage vor dem Angriff lehnten sie erneut die Stationierung von Truppen ab.
Der für Jerusalem zuständige Hagana-Offizier David Shaltiel informierte die Angriffsplaner über das Abkommen, stimmte dem Einsatz aber dennoch zu. Am 7. April verlangte er, dass Deir Yasin nach einer Eroberung besetzt und gehalten werden müsse. Andernfalls könnten fliehende Einwohner sowie verlassene Häuser und Trümmer dem Gegner nutzen; außerdem wäre der Plan gefährdet gewesen, in dem Gebiet ein Landefeld für Flugzeuge anzulegen.
Angriff und Tötungen
Der Angriff begann am frühen Morgen gegen 4:30 Uhr. Viele Einwohner blieben in ihren Häusern. Einen offengelassenen Fluchtkorridor nutzten nur etwa 200 der 600 Dorfbewohner; einige von ihnen wurden während der Flucht vom benachbarten Giv'at Scha'ul aus erschossen. Bewaffnete Verteidiger verschanzten sich in Häusern, besonders im Haus des Muchtar, also des örtlichen Dorfvorstehers, und schossen auf die Angreifer. Diese sprengten Haustüren, warfen Handgranaten in Gebäude und feuerten in die Innenräume. Ein medizinisches Komitee berichtete nach einem Besuch am 12. April, es habe noch an diesem Tag in ihren Häusern erschossene Frauen und Kinder gesehen.
Die Kämpfe dauerten mehrere Stunden. Aufseiten der Angreifer gab es vier Tote und 40 Verletzte. Die Einnahme gelang erst nach dem Eingreifen von Eliteeinheiten der Palmach. Diese vertrieben die Verteidiger mit Mörserfeuer aus den Häusern; auch fliehende Menschen wurden niedergeschossen.
Andere Dorfbewohner wurden gefangen genommen und zum Lechi-Stützpunkt in Scheich Badr gebracht, wo weitere Menschen erschossen wurden. Gefangene, darunter Frauen und Kinder, wurden außerdem mit erhobenen Händen und Waffen auf der Brust in einer Siegesparade durch Jerusalem gefahren. Danach brachte man sie zurück; die meisten wurden im Dorf erschossen. Ein Irgun-Soldat behauptete später, nach dem Kampf seien 80 Verteidiger hingerichtet worden. Die meisten Zeugenaussagen sprechen dagegen von ungefähr 25 Hingerichteten. Der Augenzeuge Meir Pail berichtete von der gruppenweisen Ermordung von Frauen, alten Menschen und Kindern sowie von der Erschießung unbewaffneter Männer im Steinbruch zwischen Giv'at Scha'ul und dem Dorf. Nach seiner Aussage wurde zeitweise auch darüber gesprochen, ein Schulgebäude mit den darin versammelten Überlebenden zu sprengen; diese Menschen seien schließlich in den arabischen Teil Jerusalems gebracht worden.
Eine genaue Gesamtzahl ließ sich nicht feststellen, weil niemand sämtliche Opfer zählte. Israelische und palästinensische Historiker gehen heute überwiegend von 99 bis 120 Toten aus.
Unmittelbare Folgen und Vergeltung
Unmittelbar nach dem Angriff wurde die Opferzahl wahrscheinlich bewusst mit 254 angegeben. Die hohe Zahl sollte Angst in der palästinensischen Bevölkerung verbreiten und sie zur Flucht und zur Aufgabe ihrer Wohnorte bewegen. Irgun und Lechi führten Journalisten durch das entleerte Dorf; englische und amerikanische Zeitungen übernahmen die Angaben. Später übertrieb auch die arabische Seite die Berichte. Das Arabische Hohe Komitee verbreitete beispielsweise, unter den Opfern seien 52 Mütter von Säuglingen, 25 schwangere Frauen und 60 Mädchen gewesen.
Auch Berichte über Vergewaltigungen und andere sexuelle Gewalt waren verbreitet. Ein später von Collins und Lapierre zitiertes Protokoll eines britischen Nachrichtenoffiziers über Befragungen überlebender Frauen schien diese Vorwürfe zu bestätigen. Das Protokoll ist heute jedoch nicht mehr auffindbar. 1998 bestritt zudem ein Dorfbewohner, dass Frauen vergewaltigt worden seien. Die Darstellung bleibt daher umstritten.
Die Berichte über Deir Yasin erzeugten große Furcht und erhöhten die Fluchtbereitschaft vieler Palästinenser. Nach einer Untersuchung von 225 zwischen April und Mai entvölkerten Orten trug kein anderes Ereignis des Palästinakriegs so stark dazu bei, den Widerstand zu brechen und Menschen bei drohenden oder beginnenden Angriffen zur Flucht zu bewegen; einen geringeren, aber ebenfalls wichtigen Einfluss hatte die Entvölkerung von Haifa zwei Wochen später.
Bei anderen Menschen erhöhte das Massaker die Bereitschaft zur Gewalt. Als arabische Freischärler am 13. April 1948 am Skopus-Berg einen Sanitätskonvoi angriffen, 77 Juden töteten und 23 verletzten, darunter viele Ärzte und Krankenschwestern, handelte es sich anscheinend um Rache für Deir Yasin. Beim Massaker von Kfar Etzion am 13. Mai, bei dem jordanische Soldaten oder Bewohner umliegender Orte 127 verteidigende Soldaten und jüdische Dorfbewohner töteten, gilt ein Rachemotiv bei einigen Tötungen als noch wahrscheinlicher.
Kritik, Neubesiedlung und Forschung
Das Massaker wurde offiziell von allen Seiten verurteilt, darunter von der Hagana und der Jewish Agency. Einige Angreifer behaupteten später fälschlich, Deir Yasin sei ein Stützpunkt syrischer und irakischer Freischärler gewesen. Sie erklärten außerdem, die Bewohner seien während des Kampfes per Lautsprecher zur Evakuierung aufgefordert worden. Nach der Mehrheitsmeinung der Forschung gab es jedoch auch diese verspäteten Warnungen nicht.
Ab dem Sommer 1948 wurde das Dorf planmäßig neu besiedelt, in Giv'at Scha'ul umbenannt und an die Infrastruktur Jerusalems angeschlossen. Die neuen Bewohner waren vor allem Einwanderer aus Polen, Rumänien und der Slowakei, die der ultraorthodoxen Partei Poalei Agudat Jisra’el nahestanden. Martin Buber, Ernst Simon, Werner Senator und Leon Roth baten Premierminister David Ben-Gurion erfolglos, das Dorf zunächst unbewohnt zu lassen. Es solle als Symbol des Krieges und als Mahnung dienen, dass militärische oder praktische Notwendigkeiten solche Taten nicht rechtfertigen könnten. Ben-Gurion beantwortete den Brief nicht. An der Einweihung von Giv'at Scha'ul nahmen unter anderem die Minister Kaplan und Shapira, der Oberrabbiner und der Bürgermeister Jerusalems teil. Ein großer Teil des früheren Dorfgebiets gehört heute zum 1951 gegründeten Kfar Scha'ul-Hospital, einer psychiatrischen Klinik.
Das Ereignis wurde später auch der aus der Irgun hervorgegangenen Tnu'at haCherut, der „Freiheitspartei“, angelastet. Prominente amerikanische Juden wie Albert Einstein und Hannah Arendt wandten sich Ende 1948 unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Deir Yasin gegen den USA-Besuch des Parteigründers und früheren Irgun-Chefs Menachem Begin. Begin rechtfertigte das Massaker hingegen und erklärte, ohne den „Sieg“ von Deir Yasin hätte es keinen Staat Israel gegeben.
Die Forschung diskutiert das Massaker weiterhin intensiv. Wesentliche Materialien des israelischen Heeresarchivs, darunter Fotos und Zeugenaussagen, sind unter Verschluss. Die Filmemacherin Neta Shoshani scheiterte 2010 vor dem Höchstgericht mit ihrer Forderung nach Veröffentlichung, weil diese Israels internationales Ansehen beschädigen könne. Für ihren Dokumentarfilm „Born in Deir Yassin“ von 2017 führte sie deshalb eigene Nachforschungen durch und suchte Zeitzeugen.
Ilan Pappé vertritt die umstrittene These, Deir Yasin sei von Beginn des Krieges an zum Untergang bestimmt gewesen, weil es in einem Gebiet gelegen habe, das gemäß Plan Dalet „gesäubert“ werden sollte. Historiker wie Benny Morris kritisierten sein Buch „The Ethnic Cleansing of Palestine“ wegen zahlreicher Verzerrungen. Ephraim Karsh warf einem weiteren Werk Pappés „zahllose Fehler und Ungenauigkeiten“ vor. Die unterschiedlichen Einschätzungen zeigen, dass Deutung, Planungshintergrund und einzelne Abläufe weiterhin Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Auseinandersetzungen sind.