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Palästinenser
Von 1920 bis 1948 galten alle Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina unabhängig von ihrer Sprache und Religion in rechtlicher Hinsicht als …
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Definition und Identität
Als Palästinenser werden heute meist die arabischsprachigen Bewohner Palästinas bezeichnet, besonders die Bevölkerung des Westjordanlands und des Gazastreifens sowie die Nachkommen der Menschen, die 1948 im Palästinakrieg flohen oder vertrieben wurden und heute in der Diaspora leben. Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft werden je nach Zusammenhang israelische Palästinenser, arabische Israelis oder israelische Araber genannt. Arabischsprachige Juden aus Palästina oder anderen Teilen der arabischen Welt werden nicht zu dieser Gruppe gerechnet.
Von 1920 bis 1948 war „Palästinenser“ eine rechtliche Bezeichnung für alle Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina, unabhängig von Sprache, Religion und ethnischer Zugehörigkeit. Im gesellschaftlichen Alltag unterschied man dagegen meist zwischen Arabern und Juden oder zwischen Muslimen, Christen und Juden. Die heutige Bedeutung als Bezeichnung der einheimischen arabischen Bevölkerung Palästinas und ihrer Nachkommen wurde 1964 in der Palästinensischen Nationalcharta der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) festgeschrieben.
Palästinensische Identität verbindet sich mit mehreren Ebenen: der Zugehörigkeit zur arabischen Welt, lokalen Bindungen an Palästina, religiösen Beziehungen zum Heiligen Land und einem eigenen Nationalbewusstsein. Viele Palästinenser sind zugleich Bürger Jordaniens, Israels, des Libanons oder anderer Staaten; erhebliche Teile sind staatenlos. Über Zeitpunkt und Ursachen der Entstehung einer besonderen palästinensischen Nationalidentität besteht in der Forschung keine einheitliche Auffassung. Ilan Pappe erkennt bereits Ende des 19. Jahrhunderts Ansätze eines Nationalgefühls. Muriel Asseburg betont dagegen die Reaktion auf Zionismus, jüdische Einwanderung, Landkäufe und das Prinzip der „jüdischen Arbeit“. James L. Gelvin weist darauf hin, dass eine Entstehung in Abgrenzung zu einem „Anderen“ die Legitimität eines Nationalismus nicht mindere.
Politische Entwicklung und Staatsbildung
Die politisch-rechtliche Abtrennung Palästinas von Syrien 1920/1922 förderte die Herausbildung einer eigenen Identität. Am 25. März 1923 wurde Transjordanien, das 78 % des ursprünglichen Mandatsgebiets umfasste, halbautonom und für jüdische Ansiedlungen unzugänglich. Es wurde am 22. März 1946 unabhängig und erhielt 1950 den Namen Haschemitisches Königreich Jordanien.
Der jüdisch-arabische Konflikt führte zu mehreren Teilungsvorschlägen und 1947 zum UN-Teilungsplan für einen arabischen und einen jüdischen Staat. Nach dem Ende des britischen Mandats im Mai 1948 wurde Israel gegründet. Die arabische Seite lehnte den Teilungsplan ab, beanspruchte das gesamte Gebiet und löste den Palästinakrieg aus. Danach annektierte Jordanien das Westjordanland und den östlichen Teil Jerusalems; der Gazastreifen kam unter ägyptische Besatzung.
Seit dem Sechstagekrieg 1967 steht das Westjordanland unter israelischer Kontrolle. Dort besteht eine begrenzte palästinensische Autonomie, die durch israelische Militärpräsenz und Siedlungsprojekte stark eingeschränkt wird. Israel räumte den Gazastreifen 2005 gemäß dem Scharon-Plan. Dort übernahm später die islamistische Hamas die Macht, während in den autonomen Gebieten des Westjordanlands PLO-nahe Kräfte regieren. Von 1978 bis 1982 vertrat das Nationale Führungskomitee die Palästinenser in den 1967 von Israel eroberten Gebieten.
Nationalbewegung, PLO und innerpalästinensischer Konflikt
Der Panarabismus, der alle Araber als gemeinsame politische Nation versteht, fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter palästinensischen Arabern zunächst Zustimmung. Die Vorstellung, Palästina an Nachbarstaaten anzubinden, verlor jedoch im Laufe des Jahrhunderts an Bedeutung. Heute verstehen sich viele Palästinenser als Angehörige einer eigenen palästinensischen Nation.
Jassir Arafat (1929–2004) spielte eine zentrale Rolle bei der Verbreitung dieses Nationalbewusstseins. Unter seiner Führung wurden die Palästinenser von den Vereinten Nationen als Völkerrechtssubjekt behandelt, und die PLO erreichte die Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Die PLO besaß seit 1974 Beobachterstatus bei den UN; seit 2012 liegt dieser beim Staat Palästina.
Arafats Unterstützung für Saddam Husseins Invasion Kuwaits hatte schwere Folgen. Nach dem Zweiten Golfkrieg wurden 1991 die etwa 450.000 in Kuwait lebenden Palästinenser nahezu vollständig vertrieben; auch in anderen Golfstaaten kam es zu Ausgrenzung und Diskriminierung. Die PLO verlor Unterstützung und Vermögen in Milliardenhöhe. Ihre Schwächung und diejenige ihrer stärksten Fraktion Fatah begünstigten die Hamas, die aus der ägyptischen Muslimbruderschaft hervorgegangen war.
Fatah verfolgt weiterhin das Ziel eines säkularen, von den arabischen Nachbarstaaten unabhängigen palästinensischen Staates. Die Hamas-Charta von 1988 verneint dagegen das Existenzrecht Israels, bezeichnet Palästina als islamisches Heimatland beziehungsweise Waqf und fordert, „die Fahne Allahs über jedem Zoll von Palästina aufzuziehen“.
Im Oslo-Friedensprozess ab 1993 akzeptierte Israel die PLO als offizielle Vertretung der Palästinenser. Die PLO verpflichtete sich, alle Passagen über die Vernichtung Israels aus ihrer Nationalcharta zu streichen. Arafat und die Fatah konnten in die Palästinensischen Autonomiegebiete zurückkehren. Arafat und der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin erhielten für diesen Richtungswechsel den Friedensnobelpreis.
Bevölkerung und Diaspora
Zuverlässige Bevölkerungszahlen sind schwer zu ermitteln, weil ein großer Teil der Palästinenser außerhalb der palästinensischen Gebiete lebt und Angaben je nach Definition und Zeitpunkt voneinander abweichen. PASSIA schätzte 2001 insgesamt 9.395.000 Palästinenser: 3.700.000 im Westjordanland und Gazastreifen, 2.598.000 in Jordanien, 1.213.000 in Israel, 395.000 in Syrien, 388.000 im Libanon, 287.000 in Saudi-Arabien, 152.000 in den Golfstaaten, 58.000 in Ägypten, 113.000 in anderen arabischen Staaten, 216.000 in den USA und 275.000 in anderen Ländern.
Das palästinensische Statistikamt bezifferte die weltweite Bevölkerung am 7. Juli 2022 auf 14,3 Millionen. Davon lebten 6,4 Millionen in arabischen Staaten außerhalb Palästinas und 0,8 Millionen in anderen Staaten. Die Mehrheit lebte auf dem Gebiet des historischen Palästina: 3,19 Millionen im Westjordanland, 2,17 Millionen im Gazastreifen und die übrigen innerhalb der Grenzen Israels.
UN DESA gab für Juli 2023 im Westjordanland und Gazastreifen zusammen 5,5 Millionen Palästinenser an und prognostizierte etwa 6,1 Millionen für 2030 sowie 8,6 Millionen für 2050. Mögliche Massenmigrationen infolge des 2024/25 andauernden Gazakriegs, der israelischen Invasion und neuer Siedlungspläne waren dabei nicht berücksichtigt.
UNRWA hat 5,9 Millionen Palästinenser registriert; an anderer Stelle nennt der Artikel 3,7 Millionen von UNRWA als Flüchtlinge anerkannte Menschen. Die Angaben stehen damit in einem nicht aufgelösten Spannungsverhältnis. Als Flüchtlinge gelten hier Vertriebene oder Geflohene aus ihren angestammten Gebieten sowie deren Nachkommen.
In Israel leben ungefähr 1,8 Millionen Palästinenser, entsprechend rund 20,8 % der israelischen Staatsbürger. Im Libanon leben fast 488.000 palästinensische Flüchtlinge ohne Möglichkeit zur Einbürgerung und mit sehr begrenztem Zugang zu öffentlicher Gesundheitsversorgung, Bildung und formeller Wirtschaft. Für Jordanien fehlen amtliche Zahlen; Schätzungen zum Anteil der Einwohner palästinensischer Herkunft reichen von 50 % bis 80 %.
Religion und kulturelle Symbole
Etwa 98,5 % der arabischen Bevölkerung des Westjordanlands und Gazastreifens sind Muslime, überwiegend Sunniten. Alle vier sunnitischen Rechtsschulen – Hanafiten, Malikiten, Hanbaliten und Schāfiʿiten – sind vertreten; die hanafitische Schule überwiegt. Unter der arabischen Bevölkerung Israels liegt der muslimische Anteil bei ungefähr 80 %.
Der Anteil der Christen im Westjordanland und Gazastreifen sank laut einem Bericht der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags von 2009 seit Mitte des 20. Jahrhunderts von etwa 15 % auf 1,5 % der arabischen Bevölkerung. Als Ursachen nennt der Bericht Unterdrückung, Vertreibung, Flucht, Auswanderung auf der Suche nach einem besseren Leben und eine wachsende kulturelle Dominanz des Islam. Unter den arabischen Israelis machten Christen damals knapp 10 % aus; 1950 waren es noch 21 %. Von den palästinensischen Christen in Israel gehörten 42 % der Melkitischen Griechisch-katholischen Kirche, 31 % der Griechisch-Orthodoxen Kirche und 16 % der römisch-katholischen Kirche an.
Weitere religiöse Minderheiten sind die Drusen, die vor allem in Galiläa leben und 2004 etwa 0,13 Millionen Menschen umfassten, sowie ungefähr 850 Samaritaner, hauptsächlich in Qaryat Luza bei Nablus und in Cholon.
Wichtige Nationalsymbole drücken Zugehörigkeit, Erinnerung und Verwurzelung aus. Dazu gehören die schwarz-weiße Kufiya, die Jassir Arafat bekannt machte, und die palästinensische Flagge, die lange Zeit von Israel verboten war. Ölbaum und Ölzweig stehen für Widerstandskraft, Gesundheit, Verwurzelung und Gemeinschaft; Oliven sind zugleich eine wichtige Einnahmequelle der Landwirtschaft. Die Wassermelone dient als Zeichen gegen israelische Besatzung und Zensur. Der palästinensische Schlüssel erinnert an Flüchtlinge, die Schlüssel zu den Häusern bewahren, aus denen sie während der Nakba flohen oder vertrieben wurden. Handala, eine Figur des Cartoonisten Nadschi al-Ali, stellt einen palästinensischen Jungen dar. Tatriz bezeichnet die traditionelle palästinensische Stickerei mit unterschiedlichen lokalen Ausdrucksformen.