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Deutsch-Südwestafrika

Deutsch-Südwestafrika war von 1884 bis 1915 als „Schutzgebiet“ eine deutsche Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Staates Namibia. Mit einer Fläche von …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bevölkerung
  2. 2. Besitznahme und Ausbau der Kolonie
  3. 3. Kolonialherrschaft und Aufstände
  4. 4. Wiederaufbau, Krieg und Ende
  5. 5. Wirtschaft, Arbeit und Verkehrsnetz
  6. 6. Verwaltung, Kommunikation und geplante Symbole

Überblick und Bevölkerung

Deutsch-Südwestafrika war von 1884 bis 1915 ein deutsches „Schutzgebiet“ auf dem Gebiet des heutigen Namibia einschließlich Walvis Bay. Mit 835.100 km² war es ungefähr anderthalbmal so groß wie das Deutsche Kaiserreich. Es war die einzige deutsche Kolonie mit einer nennenswerten Zahl deutscher Siedler. Verwaltungssitze waren 1885–1891 Otjimbingwe, 1891–1915 Windhuk und 1915 Grootfontein. 1913 hatte das Gebiet etwa 200.000 Einwohner, darunter etwa 12.500 Deutsche.

Das dünn besiedelte Land war meist nur für extensive Viehzucht nutzbar. Es gab keine einheitliche Bevölkerung: Im Hochland um Windhuk lebten vor allem Herero und Nama nebeneinander; außerdem San, versklavte Damara sowie im Norden ackerbautreibende Owambo. Um 1900 nennt das Deutsche Kolonial-Handbuch unter anderem 35.000 Bergdama, 65.000 Herero, 60.000 Ovambo und 3338 Deutsche und Fremde.

Besitznahme und Ausbau der Kolonie

Europäische Erforschung setzte spät ein. Portugiesen hinterließen 1486 Kreuze an der Küste. Britische Besitzungen beschränkten sich auf Walfischbai und die Pinguininseln; weitergehende Ansprüche auf Südwestafrika erhoben die britischen Kolonialbehörden nach eigener Erklärung nicht.

Am 1. Mai 1883 erwarb Heinrich Vogelsang im Auftrag Adolf Lüderitz’ Angra Pequena, die heutige Lüderitzbucht, und fünf Meilen Hinterland von Nama in Bethanien. Der Preis betrug 200 alte Gewehre und 100 englische Pfund. Da im Vertrag die Maßeinheit nicht ausdrücklich festgelegt war, beanspruchte Lüderitz später statt englischer Meilen geographische deutsche Meilen und damit ein sechzehnmal größeres Gebiet. Am 24. April 1884 stellte Bismarck „Lüderitzland“ unter den Schutz des Deutschen Reiches; die erste offizielle Flaggenhissung erfolgte am 7. August 1884 in Lüderitzbucht.

Weitere Verträge erweiterten das Gebiet. Der deutsch-portugiesische Vertrag vom 30. Dezember 1886 legte die Nordgrenze zu Angola fest. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890 bestimmte Grenzen zu britischen Besitzungen und brachte den Caprivizipfel hinzu. Das Gebiet reichte vom Oranje bis zum Kunene über mehr als 1200 km. Otjimbingwe wurde 1885 erster Verwaltungssitz; 1890 entstand die Feste „Groß Windhuk“, um die sich Windhuk entwickelte.

Kolonialherrschaft und Aufstände

Die frühe Verwaltung schloss Schutzverträge mit lokalen Gruppen, konnte Konflikte aber zunächst kaum kontrollieren. 1888 kündigten Herero wegen fehlender deutscher Unterstützung ihren Schutzvertrag. Ab 1889 stellte Hugo von François mit einer kleinen Schutztruppe die Verwaltung wieder her; Theodor Leutwein setzte den Krieg gegen die Witbooi unter Hendrik Witbooi fort. Nach Gefechten zwang Leutwein sie am 11. September 1894 zur Aufgabe und schloss einen Vertrag, der ein eigenes Siedlungsgebiet unter deutscher Garnisonsaufsicht zusicherte. Danach herrschte für knapp zehn Jahre weitgehend Ruhe.

Der Aufstand der Herero unter Samuel Maharero begann am 12. oder 20. Januar 1904. Als Ursachen nennt der Artikel massive Landkäufe der Deutschen Kolonialgesellschaft, die Verdrängung aus Siedlungsgebieten und die wirtschaftliche Not durch Händler. Nach Angriffen auf Farmen, Eisenbahnen und Handelsstationen entsandte das Reich Verstärkungen. Generalleutnant Lothar von Trotha ersetzte Leutwein und verfolgte die völlige Vernichtung des Gegners. Nach der Schlacht am Waterberg am 11. August 1904 flohen Herero durch die Omaheke-Trockensavanne; nach unterschiedlichen Quellen starben bis zu 60 Prozent. Im Oktober 1904 erhoben sich auch Nama unter Hendrik Witbooi und Jakob Morenga. Der Krieg endete erst 1907/08.

Geschätzt starben durch Kampfhandlungen, Flucht, Hunger, Durst, Krankheiten und Missstände in Internierungslagern zwischen 24.000 und 64.000 Herero, etwa 10.000 Nama sowie 1365 Siedler und Soldaten. Die Ereignisse gingen als Völkermord an den Herero und Nama in die Geschichte ein; das deutsche Auswärtige Amt bezeichnete sie am 10. Juli 2015 erstmals als Völkermord.

Wiederaufbau, Krieg und Ende

Nach den Aufständen musste die Farmwirtschaft fast vollständig neu aufgebaut werden. Gouverneur Friedrich von Lindequist leitete dies ab 1905 ein; Entschädigungen von insgesamt 7 Millionen Reichsmark sollten Farmer im Land halten. Sein Nachfolger Bruno von Schuckmann förderte Vieheinfuhr, verhinderte Landspekulation und unterstützte die Karakulschafzucht. 1909 entstanden Gemeinden, Bezirksverbände und ein Landesrat, der den Gouverneur beraten sollte.

Ein erster Diamantfund östlich von Lüderitz im Juni 1908 begründete einen wichtigen Wirtschaftszweig. Nach drei Monaten waren 2720 Karat gefunden, bis Ende 1908 Diamanten im Wert von 1,1 Millionen Reichsmark gefördert worden. Bis zum Ersten Weltkrieg erreichte die Förderung 152 Millionen Reichsmark. Das Reichskolonialamt sperrte die Fundgebiete als Gebiet mit alleinigem Schürfrecht der Deutschen Kolonialgesellschaft; ab 1912 galt eine Steuer von 6,6 Prozent.

Die Kriegsnachricht traf am 2. August 1914 in Windhoek ein. Südafrikanische Truppen besetzten am 19. September Lüderitzbucht und drängten die Deutschen schrittweise zurück. Die deutsche Truppe umfasste etwa 5000 Mann, die südafrikanische 43.000 Soldaten; zudem verfügten die Südafrikaner über sechs moderne Kampfflugzeuge und 2000 Motorfahrzeuge, die Deutschen über zwei veraltete Flugzeuge und fünf Kraftwagen. Nach der Niederlage bei Otavi am 1. Juli 1915 wurde die Schutztruppe am 9. Juli übergeben. Der Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 erklärte das Gebiet zum Völkerbundsmandat Südwestafrika unter Verwaltung der Südafrikanischen Union.

Wirtschaft, Arbeit und Verkehrsnetz

Die Landwirtschaft beruhte zunächst auf Sammeln von ǃNaras und Gummi arabicum sowie auf Mais, Weizen, Tabak, Kürbissen und Melonen, besonders durch Ovambo. Gehandelt wurden Guano, Felle, Elfenbein und Hörner. Deutsche Siedler konzentrierten sich auf Viehwirtschaft: Der Rinderbestand stieg von rund 121.000 im Jahr 1910 auf 205.000 drei Jahre später. Es wurden auch Merino- und Karakulschafe gezüchtet. Von 135.500 km² landwirtschaftlicher Nutzfläche waren 1913 nur 56 km² bebaut. Wald bedeckte nur etwa 0,5 Prozent des Landes; größere forstliche Tätigkeiten sind nicht dokumentiert.

Nach Diamanten war Kupfer der wichtigste Bodenschatz, vor allem aus Tsumeb, Otavi und am Khan-Rivier. Bei Karibib wurde Marmor für den Versand nach Deutschland vorbereitet. Indigene Arbeitskräfte auf Farmen kamen meist aus Ovamboland. Die Kontrollmaßnahmen von 1907 förderten lohnabhängige Beschäftigung. 1913 sollten saisonal verfügbare Ovambo nur noch im Eisenbahn- und Bergbau eingesetzt werden.

Die Bahn erschloss Rohstoffe und Transporte. Die 600-mm-Strecke Swakopmund–Windhoek wurde am 19. Juli 1902 eröffnet. Die Otavibahn erschloss die Kupferlagerstätten bei Otavi und führte weiter nach Tsumeb und Grootfontein. Weitere Strecken verbanden Lüderitz, Aus, Keetmanshoop und Windhuk. 1914 betrug das Bahnnetz 2372 km, davon 2178 km in Betrieb, und war damit das umfangreichste aller deutschen Kolonien. Regelmäßige Schiffsverbindungen nach Deutschland bestanden ab 1898 über die Woermann-Linie.

Verwaltung, Kommunikation und geplante Symbole

Bis 1913 bestanden 102 Post- und Telegraphenanstalten. Das zivile Telegraphennetz umfasste 3964 km; an 28 Orten gab es Ortsfernsprechnetze mit 954 Anschlüssen. Über ein britisches Seekabel bei Walfischbai bestand Anschluss an das Welttelegraphennetz. Funkstellen gingen 1912 in Swakopmund und Lüderitzbucht in Betrieb. Die Großfunkstelle Windhuk konnte versuchsweise direkt mit der 8340 km entfernten Station Nauen bei Berlin verbunden werden.

Für Deutsche und ihnen gleichgestellte Europäer urteilten Bezirksgerichte sowie das Obergericht in Windhuk. Gegenüber der indigenen Bevölkerung übten bis zu den Aufständen meist Stammeshäuptlinge Rechtsprechung aus. Danach unterstand sie weitgehend Bezirksamtsmännern; nicht beteiligte Stämme behielten Gerichtsbarkeit in Zivilstreitigkeiten. Bankgeschäfte liefen häufig über Postanweisungen. 1913 wurde eine staatliche Landbank mit 10 Millionen Mark Kapital für günstige Kredite zum Ausbau von Landwirtschaft und Infrastruktur geschaffen.

Luftfahrt diente vor allem militärischen Zwecken. 1914 wurden Flugzeuge bei Karibib und Keetmanshoop stationiert; zwei Flugzeuge wurden im Krieg zur Aufklärung und Bombardierung eingesetzt, gingen aber im April und Mai 1915 bei missglückten Starts verloren. Für 1914 waren ein Wappen und eine Flagge geplant, die wegen des Kriegsbeginns nicht eingeführt wurden.

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