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Vermögensverteilung in Deutschland
Auf einer Skala der Gini-Koeffizienten zwischen 0 (absolute Gleichverteilung) und 1 (absolute Ungleichverteilung) variiert der Gini-Koeffizient je nach Autor.
Inhalt6 Abschnitte
Kernbegriff und Datenlage
Die Vermögensverteilung in Deutschland beschreibt, wie das Netto-Gesamtvermögen deutscher Staatsbürger auf Einzelpersonen, Haushalte oder Gruppen verteilt ist. Zum Vermögen zählen Geldvermögen, Grund und Boden, Anlagevermögen und Gebrauchsvermögen; davon zu unterscheiden ist die Einkommensverteilung. Beide hängen aber zusammen, weil ein erheblicher Teil des Einkommens aus Vermögensrenditen stammen kann.
Die Vermögen sind in Deutschland deutlich ungleich verteilt. Der Gini-Koeffizient misst Ungleichheit auf einer Skala von 0 bis 1: 0 bedeutet vollständige Gleichverteilung, 1 größtmögliche Ungleichverteilung. Für Deutschland werden je nach Quelle unterschiedliche Werte genannt. Der Global Wealth Report der Credit Suisse gab für 2022 einen Gini-Koeffizienten von 0,772 an; der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2021 nannte 0,81. Innerhalb der Eurozone gehört Deutschland zu den Ländern mit besonders hoher Vermögensungleichheit.
Die Datenlage ist schwierig. Arme Haushalte sind wegen staatlicher Sozialleistungsdaten vergleichsweise gut erfasst. Für sehr reiche Personen fehlen dagegen seit der Aussetzung der Vermögensteuer im Jahr 1997 ähnlich transparente Daten. Viele Untersuchungen unterschätzen daher wahrscheinlich die tatsächliche Konzentration sehr großer Vermögen.
Langfristige Entwicklung
Langfristig sank die Vermögenskonzentration in Deutschland stark. 1895 besaß das reichste 1 % der Bevölkerung fast 50 % des Vermögens; 2020 lag dieser Anteil bei weniger als 25 %. Besonders in der Zwischenkriegszeit und während des Wirtschaftswunders verringerte sich die Spreizung. Kurz- und mittelfristig beeinflussten vor allem Vermögenspreise, also etwa Aktien- und Immobilienwerte, die Verteilung.
Nach Einführung einer modernen Vermögensteuer in Preußen 1893 lag der Anteil des reichsten 1 % zunächst bei etwa 47 %, stieg auf etwa 49 % und sank ab 1909 auf etwas unter 46 %. Der Erste Weltkrieg und die Hyperinflation verringerten die Ungleichheit; nach Ende der Inflation hatte das reichste 1 % noch knapp 42 %. In der Weltwirtschaftskrise fielen Aktienkurse und Sachvermögenspreise, wodurch der Anteil des reichsten 1 % von 1930 bis 1934 auf 35 % sank.
Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Verlust der Ostgebiete und Lastenausgleich veränderten die Vermögensverteilung stark. 1953 lag der Anteil der reichsten 1 % unter 25 %. Im Wirtschaftswunder stiegen Sachwerte stark; 1960 erreichte das oberste 1 % wieder über 32 %. Bis Mitte der 1970er sank der Anteil auf unter 20 %, bis 1990 stieg er wieder auf fast 25 %. Die Wiedervereinigung verband zwei Wirtschaftsgebiete mit sehr unterschiedlichen Vermögensstrukturen; 1993 lag der Anteil statistisch unter 20 %, bis 2020 wieder knapp unter 25 %.
Für Westdeutschland zeigen Zahlen von 1973 bis 1998 methodische Unsicherheiten. Der Gini-Index lag 1973 bei 0,748, 1983 bei 0,701, 1988 bei 0,668, 1993 bei 0,622 und 1998 bei 0,640. Richard Hauser warnte jedoch, dass frühere Statistiken unvollständig waren und Unternehmensvermögen teils fehlte. Ohne Berücksichtigung von Rentenanwartschaften ergab sich für 1973 ein Gini-Index von 0,748; mit Rentenanwartschaften berechneten Mierheimer/Hoher 0,5403.
SOEP, Vermögensarten und Entwicklung 2002 bis 2007
Wichtige neuere Untersuchungen beruhen auf dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), einer repräsentativen Längsschnittstudie. Seit 2002 enthält das SOEP eine zusätzliche Teilstichprobe „Einkommensstarke Haushalte“, wodurch Analysen zu Vermögen und Einkommen verbessert wurden. Trotzdem bleiben besonders hohe Vermögen schwer erfassbar.
Das SOEP unterscheidet unter anderem Immobilienbesitz einschließlich Grundeigentum, Geldvermögen einschließlich Wertpapieren, private Versicherungen einschließlich Bausparverträgen, Betriebsvermögen, Sachvermögen und Schulden. Das private Nettogesamtvermögen ergibt sich aus Sachvermögen, Grundvermögen, Gebrauchsvermögen, Geldvermögen und Beteiligungsvermögen abzüglich aller Verbindlichkeiten wie Hypotheken oder Konsumentenkredite.
Rentenanwartschaften sind in den SOEP-Vermögensdaten normalerweise nicht enthalten. Sie sind methodisch schwer zu bewerten, weil ihr heutiger Wert von künftigen Rentenzahlungen, Lebenserwartung, Diskontierungsraten sowie fehlender Übertragbarkeit und Handelbarkeit abhängt. Würden sie einbezogen, wäre der Gini-Koeffizient niedriger, weil Rentenansprüche breiter verteilt sind.
Für 2007 wurde das so definierte Nettovermögen der Personen in privaten Haushalten zunächst auf 6.100 Milliarden Euro geschätzt. Spätere Analysen mit stärkerer Berücksichtigung von Top-Vermögen kamen für 2007 auf 7.225 Milliarden Euro. 2017 lag das Gesamtvermögen bei rund 14.300 Milliarden Euro.
Zwischen 2002 und 2007 stieg die Ungleichheit nach SOEP-Daten: Der Gini-Koeffizient erhöhte sich von 0,777 auf 0,799. 2007 besaß das reichste Zehntel 61,1 % des Vermögens, das ärmste Zehntel hatte netto −1,6 %. Die reichsten 5 % besaßen 46 %, das reichste 1 % 23 %. Etwa die Hälfte der Bundesbürger hatte kein Vermögen und lebte unmittelbar vom Einkommen.
Neuere Befunde und Top-Vermögen
Eine DIW-Untersuchung für 2012 ergab ein durchschnittliches Vermögen von 83.000 Euro je Person, während das Median-Vermögen nur knapp 17.000 Euro betrug. Der Median ist der mittlere Wert: Die eine Hälfte besitzt weniger, die andere mehr. Zum reichsten 1 % gehörte man mit knapp 800.000 Euro oder mehr; zu den reichsten 10 % ab 216.000 Euro. 27,6 % besaßen nichts oder hatten mehr Schulden als Vermögen. Der Gini-Koeffizient lag bei 0,78, wobei Top-Vermögen nicht vollständig erfasst waren.
Für 2017 meldete das DIW, dass die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur 1,3 % des Gesamtvermögens besaß, die reichsten 10 % dagegen 56 %. Die Bundesbank untersucht Haushalte mit der PHF-Studie („Private Haushalte und ihre Finanzen“). In der fünften Befragungswelle 2023 lag das durchschnittliche Nettovermögen bei 324.800 Euro, das Median-Nettovermögen beim 50. Perzentil bei 103.200 Euro. Das 90. Perzentil lag bei 779.500 Euro, das 95. Perzentil bei 1.227.900 Euro. Für 2017 zeigte die Bundesbank außerdem deutliche regionale Unterschiede: Das Medianvermögen eines Haushalts betrug in Westdeutschland 92.500 Euro, in Ostdeutschland 23.400 Euro. Der Gini-Koeffizient lag in den neuen Bundesländern bei 77 %, in den alten bei 72 %.
Studien mit zusätzlicher Schätzung sehr hoher Vermögen ergeben stärkere Konzentration. Für 2007 berechnete das DIW, dass die Top 10 % der Personen ab 17 Jahren 66,6 % des Gesamtvermögens besaßen; die Top 1 % 35,8 %, die Top 0,1 % 22,5 %. Der Gini-Koeffizient lag dann bei 0,8097. Für 2012 schätzte das DIW den Anteil des reichsten 1 % auf 31–34 % und den Anteil der reichsten 0,1 % der Haushalte auf 14–16 %. 2014 besaßen die 45 reichsten Haushalte so viel wie die 20 Millionen Haushalte der ärmeren Hälfte, nämlich jeweils 214 Milliarden Euro. 2019 besaßen die reichsten 10 % nach DIW-Schätzungen mindestens 63 % des Volksvermögens.
Werden Pensionen und Rentenanwartschaften einbezogen, sinkt die gemessene Ungleichheit, verschwindet aber nicht. Eine DIW-Untersuchung von 2010 bezifferte die Renten- und Pensionsanwartschaften für 2007 auf rund 4.600 Milliarden Euro, durchschnittlich 67.000 Euro je Erwachsenem. Das Verhältnis zwischen Medianvermögen und Vermögen im 90. Perzentil reduzierte sich auf 4,4. Die Autoren betonten aber, dass solche Ansprüche fiktiven Charakter haben, weil man sie nicht wie vorhandenes Vermögen anlegen kann und politische Entscheidungen ihre Höhe verändern können.
Internationaler Vergleich und Vermögensgruppen
Im internationalen Vergleich hängt das Ergebnis vom verwendeten Maß ab. Nach dem Global Wealth Report lag Deutschland mit einem Gini-Koeffizienten von 0,772 auf Platz 66 von 164 Ländern, gemeinsam mit der Schweiz, Uruguay oder dem Tschad. Die niedrigste genannte Ungleichheit hatte die Slowakei mit 0,508, die höchste Lesotho mit 0,911.
Das reichste Prozent der Einwohner in Deutschland verfügt über 30 % des Vermögens. In Großbritannien sind es 24 %, in Italien und Frankreich jeweils 22 %. Beim Verhältnis von Durchschnitts- zu mittlerem Pro-Kopf-Vermögen belegte Deutschland im Global Wealth Report 2023 unter 164 Ländern Platz 132; das Verhältnis betrug 1 zu 3,84. Zum Vergleich: In Norwegen lag es bei 1 zu 2,68, in der Schweiz bei 1 zu 4,09, in Island bei 1 zu 1,21 und auf den Bahamas bei 1 zu 6,70.
Eine weitere Kennzahl ist die „Head count ratio“, also der Anteil der Personen oder Haushalte mit Vermögensreichtum. Als reich gilt dabei, wer einen bestimmten Grenzwert überschreitet, häufig das Doppelte des Medianvermögens. In einem europäischen Vergleich von 2008 bis 2011 lag Deutschland mit etwa 5 % Haushalten mit Vermögensreichtum auf Platz 13 von 15 Ländern. Bei Berücksichtigung des erweiterten Vermögens, also Nettovermögen plus Rentenanwartschaften, belegte Deutschland in einer EU-Studie bei der Ungleichverteilung Platz 11 von 15 europäischen Ländern.
Herkunft, Erbschaften und Politik
Die Zusammensetzung des Vermögens unterscheidet sich nach Vermögensgruppe. Laut Bundesbank-Umfrage von 2014 besitzen vermögendere Haushalte häufiger Immobilien. Noch deutlicher ist der Unterschied beim Unternehmensbesitz: Aktien- und Unternehmensbesitz kommen bei den reicheren 20 % beziehungsweise 10 % der Haushalte deutlich öfter vor.
Vermögen kann selbst erworben oder ererbt sein. Eine Untersuchung der FU Berlin mit PHF-Daten unterschied zwischen ärmerer Hälfte, Mittelschicht, mittlerer Oberschicht und Oberschicht. In der Mittelschicht und mittleren Oberschicht war etwa 1/3 des Vermögens ererbt und 2/3 selbst erworben. In der ärmeren Hälfte lag der Erbanteil bei 17 %. Für die Oberschicht, also das oberste Perzentil ab etwa 2,5 Millionen Euro Nettovermögen, schätzten die Autoren mithilfe weiterer Daten, dass etwa 4/5 des Nettovermögens geerbt sind.
Erbschaften und Schenkungen verstärken nach mehreren Befunden die Vermögensungleichheit. In einer DIW-Untersuchung erhielten Personen mit Erbschaft oder Schenkung über 15 Jahre im Median 32.000 Euro beziehungsweise 36.000 Euro. Die 20 % mit dem höchsten Nettovermögen erhielten jedoch im Durchschnitt die größten Erbschaften und Schenkungen mit 145.000 Euro. Hochvermögende mit mindestens einer Million Euro Geldvermögen nannten zu zwei Dritteln Erbschaften und Schenkungen als Grund ihrer Vermögenssituation. Michael Hartmann führte die Vermögenskonzentration auf viele Familienunternehmen und Begünstigungen durch das Erbschaftsteuergesetz von 2009 zurück; Miriam Rehm bewertete Erbschaften 2021 ebenfalls als Ursache von Vermögensungleichheit.
Politische Maßnahmen zur Vermögensverteilung reichen von der Sozialpflichtigkeit des Eigentums in der Weimarer Verfassung und im Grundgesetz bis zu Vermögensbildungsgesetzen, Belegschaftsaktien, Volksaktien, Investivlohnmodellen und Wohnbauförderung. Nach 1948 standen Währungsreform, Lastenausgleich und Förderung privater Vermögensbildung im Mittelpunkt. Die Vermögensteuer wurde nach einem Verfassungsgerichtsurteil von 1995 ab dem Steuerjahr 1997 nicht mehr erhoben. Das DIW regte 2007 an, die Erbschaft- und Schenkungsteuer zu überdenken; Studien des DIW von 2010/2011 sahen außerdem eine Vermögenssteuer oder Vermögensabgabe für Millionäre als Möglichkeit, Krisenlasten und Staatsverschuldung stärker nach Vermögen zu verteilen.