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Einkommensverteilung in Deutschland

Im Jahr 2020 betrug der Gini-Koeffizient zur Messung der Ungleichheit des verfügbaren Einkommens in Deutschland 0,311. Von Mitte der 1990er- bis zum Beginn …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Einkommensbegriffe
  2. 2. Verteilung und Entwicklung
  3. 3. Median, Durchschnitt und Kaufkraft
  4. 4. Ungleichheitsmaße und Spitzenanteile
  5. 5. Geschlecht und regionale Unterschiede
  6. 6. Datenquellen und Grenzen

Grundidee und Einkommensbegriffe

Die Einkommensverteilung in Deutschland beschreibt, wie die Einkommen einer Volkswirtschaft auf einzelne Personen oder Gruppen wie Privathaushalte verteilt sind. Sie ist für die Verteilungsgerechtigkeit wichtig; eine gerechte Einkommensverteilung und geringe Vermögensungleichheit gelten als Ziele des Magischen Sechsecks der Wirtschaftspolitik. Bei Zahlen muss genau unterschieden werden zwischen Bruttoeinkommen, Einkünften, zu versteuerndem Einkommen sowie Netto- oder verfügbarem Einkommen.

Markteinkommen sind die primären Einkommen aus Erwerbstätigkeit, Geschäftstätigkeit, Vermietung und Kapital, jeweils vor Steuern und Abgaben. Verfügbare Einkommen sind sekundäre Einkommen: Sie ergeben sich nach direkten Steuern und Sozialabgaben und einschließlich öffentlicher Transfers wie Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld sowie privater Transfers wie Unterhalt. Der Vergleich beider Größen zeigt, wie stark der Staat durch Steuern und Transfers umverteilt.

Der gesetzliche Mindestlohn betrug 2020 9,35 Euro und seit dem 1. Januar 2025 12,82 Euro.

Verteilung und Entwicklung

Seit den 1990er Jahren nahm die Einkommensungleichheit zu: Einkommen im oberen Bereich wuchsen stetig, während Einkommen in der unteren Hälfte vorwiegend sanken. Unternehmens- und Vermögenseinkommen stiegen im Trend, Masseneinkommen stagnierten und niedrige Erwerbseinkommen gingen zurück. Nach Angaben der OECD nahm die Ungleichheit von 2000 bis 2008 stärker zu als in jedem anderen OECD-Land. Seit 2009 blieb sie nach OECD- und Eurostat-Daten ungefähr auf dem erreichten Niveau; zugleich stieg die Einkommensarmut.

Ein wichtiges Beispiel für die Darstellung sind Dezile, also zehn gleich große Gruppen nach Einkommenshöhe. 2013 betrug das monatliche Nettoäquivalenzeinkommen im untersten Zehntel durchschnittlich 826 Euro, im obersten Zehntel 4.329 Euro. Das oberste Prozent erzielte nach der angegebenen Bruttoeinkommenstabelle durchschnittlich 30.287 Euro im Monat, insgesamt 209 Mrd. Euro; davon entfielen 149 Mrd. Euro auf Gewinn- und Kapitaleinkommen.

Als Ursachen nennt die OECD vor allem Arbeitsmarktentwicklungen: eine seit 1995 stark wachsende Lohnspreizung, 19 % Haushalte ohne Erwerbseinkommen, mehr Single-Haushalte und Alleinerziehende sowie Transfers, die weniger auf niedrige Einkommen ausgerichtet seien als in anderen Ländern. Studien führen hohe Einkommen außerdem auf sinkende Steuerprogressivität zurück. Nach einer DIW-Analyse stieg die Steuerbelastung 1998 bis 2015 für die untersten 10 % der Einkommen um 5,4 %, während sie für die obersten 10 % um 2,3 % und für das oberste 1 % um 4,8 % sank. Einer internationalen Studie zufolge sind 11,6 % der gemessenen Einkommensunterschiede in Deutschland auf soziale Herkunft statt auf individuelle Anstrengung und Leistung zurückzuführen.

Median, Durchschnitt und Kaufkraft

Das Medianeinkommen oder mittlere Einkommen teilt die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen: Ebenso viele Menschen haben ein höheres wie ein niedrigeres Einkommen. Das Durchschnittseinkommen ist dagegen das arithmetische Mittel aller Einkommen. Weil wenige sehr hohe Einkommen den Durchschnitt stark erhöhen können, ist der Median gegenüber solchen Ausreißern robuster und für Verteilungsanalysen besonders geeignet. Ein großer Abstand zwischen Median und Durchschnitt weist auf eine ungleiche Verteilung hin.

Reale Einkommen messen die Kaufkraft, also welche Menge an Konsumgütern mit einem nominalen Einkommen gekauft werden kann. Sie werden berechnet, indem nominale Einkommen durch einen Preisindex wie den Harmonisierten Verbraucherpreisindex bereinigt werden. Steigende Preise senken bei gleichem nominalem Einkommen das Realeinkommen.

2017 betrug das durchschnittliche verfügbare nominale jährliche Äquivalenzeinkommen 24.780 Euro, das Medianeinkommen 21.920 Euro. Die höheren Durchschnittswerte zeigen eine rechtsschiefe Verteilung. Nominale Durchschnitts- und Medianeinkommen stiegen ab 2007 bis 2017 kontinuierlich; real stagnierten sie dagegen von 2007 bis 2015, erst danach stieg die Kaufkraft wieder. Von 1991 bis 2015 erzielten die acht oberen Dezile reale Einkommenszuwächse zwischen 5 % im 3. Dezil und 30 % im 10. Dezil. Das unterste Dezil, das monatlich real rund 640 Euro zur Verfügung hatte, verlor gegenüber 1991 Einkommen; im zweiten Dezil stagnierten sie. Das durchschnittliche Nettoäquivalenzeinkommen betrug 2019 26.105 Euro; die oberen 20 % erzielten das 4,9-Fache des Einkommens der unteren 20 %.

Ungleichheitsmaße und Spitzenanteile

Der Gini-Koeffizient ist ein Standardmaß der Ungleichheit und liegt zwischen 0 und 1. Bei 0 haben alle verglichenen Personen gleich viel Einkommen; bei 1 erhält eine Person das gesamte Einkommen, alle anderen nichts. Je höher der Wert, desto größer die Ungleichheit. Seine Schwäche ist, dass er die Ränder der Verteilung nur begrenzt abbildet.

Für verfügbare Einkommen lag der Gini-Koeffizient 1992 bei 0,263 und 2005 bei 0,297. Von Mitte der 1990er bis Anfang der 2000er Jahre lag er etwa bei 0,26; danach stieg er an und blieb ungefähr auf diesem Niveau. Für 2020 nennt der Artikel 0,311. Je nach Datenquelle entstehen abweichende Werte: Für 2018 werden etwa 0,494 für Markteinkommen und 0,289 für verfügbare Einkommen auf Basis des SOEP genannt, während Eurostat für 2018 0,314 ausweist; Eurostat basiert auf EU-SILC. Die deutliche Differenz zwischen Markt- und verfügbarem Einkommen zeigt die Umverteilung durch Renten, andere Transfers, Einkommensteuern und Sozialbeiträge.

Von 2005 bis 2017 lag Deutschlands Gini unter dem EU-27-Durchschnitt. 2018 hatte Deutschland mit 31,1 nach Luxemburg mit 33,2 die zweithöchste Ungleichheit unter den angrenzenden EU-Nachbarländern; Frankreich lag bei 28,5, Tschechien bei 24,0. Sozialausgaben wirken laut Artikel stark zugunsten niedriger Einkommen umverteilend, das Steuersystem nur wenig direkt.

Der Top-10-%-Anteil bezeichnet den Anteil des obersten Dezils am gesamten nationalen Äquivalenzeinkommen. 2021 verfügten die reichsten 10 % in Deutschland über 24,4 %, gegenüber 23,6 % im EU-27-Durchschnitt. Die Zahlen berücksichtigen jedoch keine einbehaltenen, nicht ausgeschütteten Unternehmensgewinne; dies wird als „Unternehmensschleier“ bezeichnet. Das DIW schätzt deshalb für 2008 bis 2013 einen Anteil des obersten Dezils am Volkseinkommen von ungefähr 40 %.

Geschlecht und regionale Unterschiede

Das S80/S20-Verhältnis vergleicht die gesamten Einkommen der obersten 20 % mit denen der untersten 20 %. Ein Wert von 3,0 bedeutet, dass das oberste Fünftel dreimal so viel Einkommen erhält wie das unterste Fünftel. Hohe Werte bedeuten stärkere Ungleichheit; sehr hohe Einkommen werden in den Daten allerdings oft nicht vollständig erfasst. 2016 erhielt das einkommensstärkste Fünftel nach OECD-Angaben das 4,6-Fache des Gesamteinkommens des untersten Fünftels. Seit 2005 lag das Verhältnis bei Männern meist über dem der Frauen; 2014 erreichte es 5,5 bei Männern und 5,0 bei Frauen. Danach sank es für beide Geschlechter.

Der Gender-Pay-Gap misst den prozentualen Unterschied zwischen den durchschnittlichen Bruttostundenlöhnen beschäftigter Frauen und Männer, bezogen auf den Verdienst der Männer. Er dient als Maß für die Gleichstellung am Arbeitsmarkt, hängt aber von unterschiedlichen Bereinigungsmethoden und Einflussgrößen ab. Deutschland lag 2017 in Industrie, Baugewerbe und Dienstleistungen ohne öffentlichen Sektor bei 20 %, der EU-27-Durchschnitt bei 16 %. Als Gründe nennt der Artikel unter anderem Bildung und aufgewendete Zeit, Berufswahl, Kindererziehung, Unterschiede zwischen männlich und weiblich dominierten Berufen sowie Arbeitsbewertung und Aufstiegschancen.

Regionale Einkommen unterschieden sich 2019 stark: Das durchschnittlich verfügbare Haushaltseinkommen pro Person und Jahr lag in NUTS-3-Regionen zwischen 17.015 und 42.275 Euro, bei einem Median von 23.418 Euro und einem Mittelwert von 23.549 Euro. Einkommensschwache Regionen lagen vor allem im Nordosten, einkommensreiche besonders in Bayern und Baden-Württemberg; Heilbronn erreichte 42.275 Euro. Alle Regionen der neuen Bundesländer lagen unter Median und Mittelwert. Ostdeutschland näherte sich jedoch an: Das Pro-Kopf-Einkommen stieg von 81,5 % des Westniveaus zur Jahrtausendwende auf knapp 85 % im Jahr 2016.

Die von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohte Bevölkerung lag 2017 je nach Region zwischen 13 % im wirtschaftlich stärkeren Süden und 28 % in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin; deutschlandweit betrug der Wert 19 %. Bei Berücksichtigung regionaler Preisniveaus verändert sich die Armutslandkarte deutlich und das Stadt-Land-Gefälle wird stärker.

Datenquellen und Grenzen

Für die Einkommensstatistik nutzt das Statistische Bundesamt unter anderem die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) im Fünfjahresabstand, die Laufenden Wirtschaftsrechnungen (LWR) sowie die Verdienststrukturerhebung. Bei dieser bleiben monatliche Einkommen über 18.000 Euro unberücksichtigt. Die jährlich mit den Ländern erstellte Lohn- und Einkommensteuerstatistik ist dagegen eine Vollerhebung und erfasst auch höhere Einkommen; sie unterscheidet Bruttoeinkommen, Einkünfte und zu versteuerndes Einkommen.

Weitere Quellen sind die IAB-Beschäftigtenstichprobe, das seit 1984 vom DIW durchgeführte Sozio-oekonomische Panel (SOEP) und internationale Datenbanken von OECD, European Structure of Earnings Survey, ILO und World Income Inequality Database. Jede Quelle hat Grenzen: Die IABS erfasst beispielsweise keine Selbstständigen, Beamten, Teilzeit- und Niedriglohnbeschäftigten; beim SOEP ist der Stichprobenumfang relativ klein. Änderungen in der Steuerstatistik oder eine andere Zahl untersuchter Quantile können berechnete Ungleichheitsmaße ebenfalls beeinflussen.

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