Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Deutsche Inflation 1914 bis 1923

Die deutsche Inflation von 1914 bis November 1923 war eine der radikalsten Geldentwertungen in großen Industrienationen.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Ursachen
  2. 2. Reparationen und Beschleunigung
  3. 3. Hyperinflation 1923
  4. 4. Stabilisierung und Rentenmark
  5. 5. Ausmaß der Entwertung
  6. 6. Folgen für Gesellschaft und Recht

Kern und Ursachen

Die deutsche Inflation von 1914 bis November 1923 war eine der radikalsten Geldentwertungen in einer großen Industrienation. Geldentwertung bedeutet, dass eine Währung an Kaufkraft verliert: Für dieselbe Geldsumme kann man immer weniger Waren kaufen. Ab Mitte 1922 wurde daraus eine Hyperinflation, also eine extrem schnelle und kaum noch kontrollierbare Preissteigerung.

Die Vorgeschichte lag in der Finanzierung des Ersten Weltkrieges. Am 4. August 1914 hob die Reichsregierung die gesetzliche Pflicht der Reichsbank auf, Banknoten in Gold einzulösen. Gleichzeitig wurde die Golddeckung der Reichsbanknoten aufgehoben. Damit verlor die Mark ihren festen Wertanker. Der Staat finanzierte den Krieg vor allem über Kredite, Kriegsanleihen und zusätzliches Papiergeld, nicht über höhere Steuern. Kriegsanleihen waren Schuldverschreibungen des Staates: Bürger liehen dem Staat Geld und sollten später Zinsen und Rückzahlung erhalten.

Die Reichsregierung hoffte auf einen Sieg und darauf, die Kriegskosten später durch Reparationen der Gegner bezahlen zu können. Dieses Kalkül scheiterte mit der Niederlage. Im November 1918 hatte das Reich etwa 150 Milliarden Mark Schulden; das geschätzte Volkseinkommen des Jahres 1919 lag bei 142 Milliarden Mark. Zugleich waren während des Krieges viele Güter knapp geworden, etwa Nahrung, Bekleidung und Heizstoffe. Knappes Angebot, hohe Nachfrage und immer mehr Geld im Umlauf trieben die Preise nach oben. Offizielle Preisregeln verdeckten einen Teil der Entwicklung; auf dem Schwarzmarkt waren die Preise weit stärker gestiegen.

Reparationen und Beschleunigung

Nach der Novemberrevolution 1918 verpflichtete der Friedensvertrag von Versailles 1919 Deutschland zu Reparationszahlungen an die Siegermächte, besonders an Frankreich. Diese Leistungen mussten in Goldmark, Devisen oder Sachgütern erbracht werden. Goldmark bezeichnete dabei einen stabilen Wertmaßstab, der an die frühere Goldbindung erinnerte; Devisen sind ausländische Währungen.

Der deutsche Staat beschaffte sich die nötigen Mittel vor allem durch die Vermehrung von Papiergeld. Dadurch wurde die Mark weiter entwertet. Frankreich warf dem Deutschen Reich vor, den Ruin der eigenen Währung bewusst zu fördern, um zu zeigen, dass die Reparationsforderungen überzogen oder nicht leistbar seien.

Der Wertverlust der Mark lässt sich an mehreren Daten erkennen: Im Januar 1920 hatte die Mark gegenüber dem US-Dollar nur noch ein Zehntel ihres Wertes vom August 1914. Im Oktober 1921 war es nur noch ein Hundertstel, im Oktober 1922 nur noch ein Tausendstel. Während andere kriegsbeteiligte Staaten 1921 und 1922 ebenfalls unter einem weltweiten Konjunktureinbruch litten, konnte sich die deutsche Wirtschaft zunächst erholen. Die entwerteten Löhne und Einkommen wirkten wie Lohndumping, wodurch deutsches Wirtschaftswachstum zeitweise stärker war als in den Volkswirtschaften der Sieger.

Hyperinflation 1923

Den entscheidenden Schub zur Hyperinflation brachte das Jahr 1923. Weil Deutschland Reparationen nicht mehr vollständig zahlen oder durch Sachlieferungen ersetzen konnte, besetzten französische und belgische Truppen am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet. Die Regierung unter Reichskanzler Wilhelm Cuno rief zum Generalstreik, dem sogenannten Ruhrkampf, auf. Streikende sollten weiterhin Lohn oder finanzielle Hilfe erhalten, Unternehmen Ersatz für entgangene Gewinne.

Diese Zahlungen finanzierte der Staat erneut durch die Notenpresse, also durch die Ausgabe immer neuer Geldscheine. Gleichzeitig verloren internationale Kapitalmärkte das Vertrauen in Deutschland; Investitionen blieben aus. Dadurch beschleunigte sich der Wertverfall dramatisch. Im November 1923 lag der Wechselkurs bei 1 US-Dollar zu 4,2 Billionen Mark.

Die Hyperinflation führte zu einem teilweisen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und des Bankensystems. Banknoten mit eigentlich hohem Nennwert wurden wertlos: Zwei komplette Auflagen von 1000-Mark- und 5000-Mark-Banknoten konnten Anfang 1923 nicht mehr normal in Umlauf gebracht werden und wurden Ende 1923 mit Aufdrucken wie „1 Milliarde“ und „500 Milliarden“ verwendet. Der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes stieg im Dezember 1923 im Monatsdurchschnitt auf 26,89 Billionen Punkte, der Goldpreis auf 86,81 Billionen Mark pro Feinunze. Arbeitslosigkeit stieg, Reallöhne fielen stark, und die KPD erhielt mehr Zulauf.

Cuno trat am 12. August 1923 zurück. Sein Nachfolger Gustav Stresemann beendete am 26. September 1923 den Ruhrkampf. Dabei spielte die Furcht vor einem politischen Umsturz eine entscheidende Rolle.

Stabilisierung und Rentenmark

Nach den wirtschaftlichen und politischen Erschütterungen wurden verschiedene Konzepte zur Stabilisierung der Währung diskutiert. Die Reichsregierung wollte die bestehende Papiermark durch Steuer- und Kreditpolitik stabilisieren: Höhere Steuern, Kreditsperren, Maßnahmen der Devisenpolitik und wertbeständige Rechnung sollten die Geldmenge bremsen. Industriekreise forderten eine Rückkehr zur Goldwährung, also zu einer Währung mit festem Goldbezug und stabilem Wechselkurs. Karl Helfferich schlug eine neue Währung vor, die durch im Inland befindliche Sachwerte gedeckt sein sollte.

Umgesetzt wurde schließlich das Sachwert-Konzept, angepasst durch Reichsfinanzminister Hans Luther. Am 15. November 1923 gab die Deutsche Rentenbank die Rentenmark aus. Eine Rentenmark wurde auf eine Billion Papiermark festgelegt und entsprach damit dem Wert der Goldmark vor der Aufhebung der Goldbindung im August 1914. Die Rentenbank war privatwirtschaftlich organisiert; Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe und Handel verpfändeten 4 Prozent ihres Besitzes als Grundschuld und hafteten so mit einem Teil ihres Vermögens für die neue Währung.

Formal blieb die Papiermark das gesetzliche Zahlungsmittel. Entscheidend für das Ende der Inflation war, dass die Reichsbank keine Staatsanleihen mehr diskontierte, also die Staatsfinanzierung über die Notenpresse stoppte. Die Rentenmark wirkte zusätzlich psychologisch: Sie beruhte auf realen Vermögenswerten und entsprach wertmäßig der als stabil geltenden Vorkriegs-Goldmark. Die Bevölkerung akzeptierte sie sofort; die Inflation stoppte schlagartig. Dieses Ereignis wurde als „Wunder der Rentenmark“ bezeichnet.

Alte Billionen-Papiermarkscheine blieben bis Anfang 1925 als wertstabiles Notgeld im Umlauf, zum Kurs 1 Billion Mark = 1 Rentenmark. Preise wurden meist in Rentenmark angegeben und bei Zahlung mit Papiermark mit einer Billion multipliziert. Die Siegermächte hatten eine Währungsstabilisierung zur Voraussetzung für Verhandlungen über Reparationszahlungen gemacht; diese führten am 16. August 1924 zum Dawes-Plan.

Ausmaß der Entwertung

Der Verfall der Mark lässt sich besonders gut am Dollarkurs und am Briefporto zeigen. Am 1. Juli 1914 kostete 1 US-Dollar 4,20 Mark. Am 31. Januar 1920 lag der Kurs bei 42,00 Mark, am 3. Oktober 1921 bei 127,37 Mark und am 21. Oktober 1922 bei 4.439 Mark. Danach beschleunigte sich die Entwicklung stark: Am 31. Januar 1923 kostete 1 Dollar 49.000 Mark, am 26. Juni 1923 760.000 Mark, am 8. August 1923 4.860.000 Mark, am 3. Oktober 1923 440.000.000 Mark und am 3. November 1923 418.950.000.000 Mark. Am 15. November 1923 wurde der Kurs mit 4,20 Reichsmark beziehungsweise 4.200.000.000.000 Papiermark angegeben.

Auch das Briefporto zeigt die Entwertung im Alltag. Ein Inlandsbrief kostete am 1. März bis 30. Juni 1923 noch 100 Mark, im Juli 1923 300 Mark, Anfang August 1000 Mark, Anfang Oktober 2 Millionen Mark, Ende Oktober 10 Millionen Mark und ab 12. November 1923 10 Milliarden Mark. Ab 1. Dezember 1923 kostete das Porto 10 Rentenpfennig.

Banknoten mit riesigen Zahlen wurden üblich. Beispiele sind 50.000 Mark vom 19. November 1922, die noch etwa 20 Mark von 1914 wert waren, und 50.000 Mark vom 9. August 1923, die nur noch etwa 5 Pfennig von 1914 wert waren. Eine Banknote über 5 Billionen Mark vom 1. November 1923 entsprach beim Wechselkurs vom 15. November 1923 dem Wert von 5 Rentenmark.

Folgen für Gesellschaft und Recht

Die Inflation prägte die frühen Jahre der Weimarer Republik stark und beschädigte das Vertrauen vieler Menschen in diese erste deutsche Republik. Teile der gesellschaftlichen Mitte, besonders kleines und mittleres Bürgertum, fühlten sich betrogen. Auch wachsende Teile der Arbeiterschaft sahen im Staat immer weniger etwas Verteidigenswertes.

Die sozialen Folgen waren ungleich verteilt. Verlierer waren vor allem abhängig Beschäftigte und Menschen mit Geldvermögen, etwa Ersparnissen oder festen Ansprüchen in Mark. Ein großer Teil der Mittelschichten verlor nahezu vollständig seine finanziellen Rücklagen und geriet in Armut. Die Reallöhne, also Löhne gemessen an ihrer Kaufkraft, erreichten nach amtlicher Statistik erst 1928 im Durchschnitt wieder das Niveau von 1913.

Gewinner waren Besitzer von Sachwerten, etwa Industrielle, Landwirte und Grundeigentümer, weil Sachwerte ihren Wert eher behielten. Auch Schuldner profitierten, da ihre Schulden durch die Inflation fast vollständig entwertet wurden. Grundeigentümer wurden faktisch entschuldet, während ihre Immobilien ihren Wert behielten. Der Gesetzgeber versuchte später, solche Gewinne durch die Hauszinssteuer abzuschöpfen.

Juristisch führte die Inflation unter anderem zur Aufwertungsrechtsprechung des Reichsgerichts. Sie hatte Folgen im Zivilrecht, besonders für den Wegfall der Geschäftsgrundlage, heute in § 313 BGB, und im Verfassungsrecht mit Ansätzen einer Verfassungsgerichtsbarkeit. Die Erfahrung von Hyperinflation und der späteren schweren Deflation ab 1929 hinterließ in der deutschen Gesellschaft ein bleibendes Trauma.

Weiterlesen

Rentenmark Die Rentenmark war von 1923 bis 1948 eine grundschuldgestützte Übergangswährung in der Weimarer Republik, dem NS-Staat und im besetzten … Aktienindex des Statistischen Reichsamtes Der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes war der erste amtliche Aktienindex in Deutschland. Er wurde erstmals am 17. März 1922 vom Statistischen … Hyperinflation November 1923). maximale monatliche Inflationsrate von 29.525 % im Oktober 1923; 11 Monate über 50 %. siehe: Deutsche Inflation 1914 bis 1923. 1919–1924 … Finanzierung Finanzierung (englisch funding) ist in der Finanzwirtschaft die Versorgung eines Wirtschaftssubjekts mit Kapital, damit es seine Ziele verfolgen kann. Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde. Wechselkurs Der Wechselkurs (oder Devisenkurs; englisch exchange rate) ist in der Außenwirtschaft und im Finanzwesen der Preis einer Währung, ausgedrückt in einer … Geldmenge Unter Geldmenge versteht man den Geldbestand einer Volkswirtschaft einer bestimmten Bindungsdauer, der sich in Händen von Nichtbanken befindet. Weimarer Republik Die Weimarer Republik entstand im Zuge der Novemberrevolution. Diese Bezeichnung der ersten auf nationalstaatlicher Ebene verwirklichten deutschen Republik ist … Steuer Als Steuer wird eine Geldleistung ohne Anspruch auf konkrete Gegenleistung bezeichnet, die ein öffentlich-rechtliches Gemeinwesen allen auferlegt, die einen … Vermögensteuer Die Vermögensteuer oder Vermögenssteuer ist eine Steuer auf das Gesamtvermögen eines Steuerpflichtigen. Ihre Bemessungsgrundlage umfasst in der Regel das … Deutsch-Französischer Krieg Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der … Geldschöpfung Als Geldschöpfung wird in der Bankbetriebslehre und Volkswirtschaftslehre die Schaffung neuen Geldes bezeichnet. Buch- oder Giralgeld wird von privaten, …