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Valenz (Linguistik)
Der Fachausdruck Valenz („Wertigkeit“) bezeichnet in der Sprachwissenschaft (Linguistik) die Eigenschaft eines Wortes oder einer Wortgruppe, andere Wörter …
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Grundidee der Valenz
Valenz, auch „Wertigkeit“, bezeichnet in der Linguistik die Eigenschaft eines Wortes oder einer Wortgruppe, andere Wörter oder Satzglieder an sich zu binden, Ergänzungen zu fordern oder Leerstellen zu eröffnen und deren Besetzung zu regeln. Besonders wichtig ist dabei das Verb: Seine Valenz bestimmt wesentlich, welche Bestandteile ein Satz braucht und welche Form diese Bestandteile haben.
Die Valenztheorie geht vor allem auf Lucien Tesnières 1959 postum erschienenes Werk Éléments de syntaxe structurale zurück. Tesnières Grundidee lautet: Das Verb ist das Zentrum des Satzes. Es fordert Ergänzungen und bestimmt dadurch die Satzstruktur. Der Begriff „Valenz“ ist aus der Chemie entlehnt, wo er die Anzahl der Bindungen eines Atoms in einem Molekül bezeichnet.
Valenz wird nicht nur Verben zugeschrieben. Auch Substantive können eine Substantivvalenz und Adjektive eine Adjektivvalenz haben. Trotzdem steht die Verbvalenz im Mittelpunkt der Theorie.
Wichtige Begriffe
Das Wort, das Valenz besitzt, heißt Valenzträger oder Regens. Die von ihm abhängigen sprachlichen Elemente heißen Dependentien. Ein sprachlicher Ausdruck, der den Valenzträger ergänzt, wird Ergänzung oder Komplement genannt. Ergänzungen „sättigen“ den Valenzträger, werden von ihm regiert und sind von ihm bestimmt.
Von Ergänzungen zu unterscheiden sind Angaben oder Supplemente. Angaben sind zusätzliche Satzbestandteile, die nicht durch die Valenz des Wortes verlangt werden, zum Beispiel viele Zeit- oder Ortsangaben.
Die Valenz hat drei Aspekte: Die quantitative Valenz gibt die Zahl der Leerstellen an. Die qualitative Valenz beschreibt die Form der Füllungen, also zum Beispiel, welche grammatische Gestalt eine Ergänzung haben muss. Die selektionale Valenz betrifft die semantischen Eigenschaften der Füllungen, also welche Bedeutungseigenschaften die abhängigen Ausdrücke haben müssen.
Die Zahl der Stellen gehört zur Bedeutung eines Wortes. Die Art, wie die Leerstellen besetzt werden, gehört zu seiner syntaktischen Charakterisierung. Zusammen werden die Argumente und ihre syntaktischen Kategorien als Argumentstruktur oder Valenzrahmen eines Wortes bezeichnet. Sie können im Lexikoneintrag festgehalten und zum Beispiel in einem Rektionsmodell dargestellt werden.
Verbvalenz und Satzbau
Die Struktur eines Satzes wird durch das Verb oder genauer durch das Prädikat bestimmt. Welche Satzglieder ein Verb erfordert, hängt von seiner Valenz oder Wertigkeit ab. Valenz beschreibt also das Potential eines Verbs, bestimmte Ergänzungen zu verlangen und ihre Form festzulegen.
Die Verbvalenz ist der Kern der Dependenzgrammatik. Valenzwörterbücher beschreiben Verben und ihre Valenzeigenschaften. Da die Valenz eines Verbs Teil seiner Bedeutung ist, beeinflusst sie zugleich entscheidend die Syntax des Satzes. Vergleicht man Anzahl und Art der Wertigkeit verschiedener Verben, ergeben sich begrenzte Satzbaupläne oder Satzmuster.
Neben der syntaktischen Valenz eines Verbs spricht man auch von semantischer Valenz; zusammen wird dies syntaktisch-semantische Valenz genannt. Semantische Valenz kann die semantische Verträglichkeit von Wörtern im Kontext bezeichnen, also ihre Kompatibilität. Als Beispiel für einen bewussten Verstoß gegen diese Verträglichkeit nennt der Artikel: „Katzen würden Whiskas kaufen.“
Valenzträger muss nicht immer ein einzelnes Verb sein. Auch zusammengesetzte Prädikate können Valenzträger sein, etwa in „Der neue Trainer bringt die Nationalmannschaft für die WM auf Trab“, wobei „bringt … auf Trab“ der Valenzträger ist. Modal-, Modalitäts- und Hilfsverben können dagegen keine Valenzträger sein. In „Kahn muss zu Hause bleiben“ ist das Prädikat „muss bleiben“, aber der Valenzträger ist „bleiben“.
Null- bis vierwertige Verben
Verben werden nach der Anzahl ihrer Leerstellen eingeteilt. Nullwertige oder avalente Verben fordern weder Objekt noch Subjekt. Im Deutschen muss die Subjektstelle aber besetzt werden; deshalb erscheint ein suppletives „es“, zum Beispiel in „Es schneite tagelang“ oder „Seit Valentin taute es“.
Einwertige oder monovalente Verben fordern meist ein Subjekt, selten ein Objekt. Beispiele sind „Ada lief am schnellsten“, „Achill fiel durch einen Pfeil vor Troja“ oder „Den Arbeiter fror am ganzen Leib“.
Zweiwertige oder bivalente Verben bilden die wichtigste Gruppe. Sie fordern fast immer sowohl ein Subjekt als auch ein Objekt. Wenn das Objekt im Akkusativ steht, spricht man von transitiven Verben. Ihre Besonderheit ist, dass sie ein strukturelles Passiv bilden können. Beispiele für zweiwertige Verben sind „Carl liebte Bert“, „Bello gehorchte dem Alten“, „Die Bürger gedachten der Ahnen“, „Dem Baby gefiel die Autofahrt“ oder „Mir träumte von einem Raben“.
Dreiwertige oder trivalente Verben fordern neben dem Subjekt zwei Objekte, meist im Akkusativ und Dativ. Beispiele sind „Conni gab Boris einen Atlas“, „Curt half dem Buben beim/mit dem Anziehen“ und „Chiara lehrte den Busfahrer das Anschnallen“.
Vierwertige Verben sind äußerst selten. Als Beispiel nennt der Artikel: „Gestern gab Alex dem Chauffeur einen Brief für Dora mit.“
Veränderliche Wertigkeit
Die Stelligkeit eines Verbs kann je nach Zusammenhang und Bedeutung verschieden sein. Dasselbe Verb kann also in einem Satz mehr oder weniger Ergänzungen haben.
Beim Verb „schreiben“ zeigt der Artikel vier Möglichkeiten: „Ernst schreibt seiner Mutter einen Brief über seine Geldnot“ ist vierwertig. „Ernst schreibt seiner Mutter einen Brief“ ist dreiwertig. „Ernst schreibt seiner Mutter“ ist zweiwertig. „Ernst schreibt“ ist einwertig.
Auch „gratulieren“ kann unterschiedlich gebraucht werden: „Ich gratuliere Dir“ ist zweiwertig, „Ich gratuliere Dir zum Geburtstag“ dreiwertig.
Beim Verb „antworten“ reicht die Spanne ebenfalls von einwertig bis vierwertig: „Ich antworte“ ist einwertig. „Ich antworte ihm“ oder „Ich antworte auf seinen Brief“ ist zweiwertig. „Ich antworte ihm auf den Brief“ ist dreiwertig. „Ich antworte ihm auf den Brief, dass ich gerne käme“ ist vierwertig.
Obligatorisch, fakultativ und realisiert
Bei Verben unterscheidet man zwischen notwendigen, also obligatorischen, und freien, also fakultativen Ergänzungen. Diese Unterscheidung gilt für das Deutsche jedoch als problematisch. Deshalb wird teilweise statt einer strengen Zweiteilung eine Dreiteilung verwendet: obligatorische Ergänzungen, kontextuell fakultative Ergänzungen und fakultative Ergänzungen.
Obligatorische Ergänzungen sind notwendig, damit ein Satz grammatisch wohlgeformt ist. Optionale Ergänzungen können weggelassen werden, gelten aber trotzdem als spezifische Konstruktion des Verbs. Bei optionalen Ergänzungen unterscheidet man wiederum kontextabhängige Ergänzungen, die weggelassen werden können, weil der Kontext klar ist, und unbegrenzte Ergänzungen wie in „sie raucht (eine Zigarette)“.
Davon zu unterscheiden sind Angaben wie Zeitangaben und Ortsangaben. Sie sind völlig frei kombinierbar und hängen nicht vom Verb ab.
Als Alternative schlägt das Metzler Lexikon Sprache vor, zwischen potentieller und realisierter Valenz zu unterscheiden. Die potentielle Valenz gibt an, wie viele Ergänzungen von einem Verb abhängen können. Die realisierte Valenz bezeichnet dagegen die Ergänzungen, die in einem konkreten Satz tatsächlich vorkommen.
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