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Progressiv (Grammatik)

Als Progressiv bezeichnet man in der Sprachwissenschaft eine Bedeutungskategorie von Verbformen, die den übergeordneten Kategorien des imperfektiven …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee des Progressivs
  2. 2. Nicht abgeschlossene Ereignisse
  3. 3. Verlaufsform im Englischen
  4. 4. Progressiv und Imperfekt
  5. 5. Progressiv im Deutschen
  6. 6. Modale Bedeutung

Grundidee des Progressivs

Als Progressiv bezeichnet man in der Sprachwissenschaft eine Bedeutungskategorie von Verbformen. Sie gehört zu den übergeordneten Kategorien des imperfektiven, also unvollendeten, Aspekts oder der durativen Aktionsart, also einer Handlungsart mit zeitlicher Ausdehnung.

Eine Progressiv-Form ist oft eine Verlaufsform eines Verbs. Sie zeigt, dass ein Ereignis gerade im Verlauf ist und nicht als abgeschlossen dargestellt wird. Ein Beispiel ist im Englischen „He was crossing the street“ im Gegensatz zu „He crossed the street“. Im Deutschen kann man sagen: „Er war dabei, seinen Koffer zu packen“.

Im engeren Sinn meint Progressiv nicht nur eine bestimmte Form, sondern die Bedeutung, die durch eine solche Form ausgedrückt wird. Diese Bedeutung kann je nach Sprache auch durch andere Verbformen entstehen.

Nicht abgeschlossene Ereignisse

Kennzeichnend für eine progressive Interpretation ist, dass ein Ereignis als nicht abgeschlossen präsentiert wird. Das gilt sogar bei telischen Verben. Telische Verben sind Verben, deren Bedeutung einen Endpunkt oder Abschluss einschließt, zum Beispiel „die Straße überqueren“.

Eine typische Funktion des Progressivs ist außerdem, einen zeitlichen Rahmen zu bilden, in den ein anderes, oft punktuelles Ereignis fällt. Das zweite Ereignis kann eintreten, bevor das erste abgeschlossen ist, oder sogar verhindern, dass es abgeschlossen wird.

Verlaufsform im Englischen

Im Englischen drückt die Verlaufsform, die continuous-Form, ein Progressiv aus. Sie wird mit einem Hilfsverb gebildet, zum Beispiel in: „John was crossing the street when he was hit by a car.“ Die deutsche Wiedergabe lautet: „John war dabei, die Straße zu überqueren, als er von einem Auto erfasst wurde.“

Die Form „was crossing the street“ beschreibt einen unabgeschlossenen Vorgang. In diesem Beispiel bleibt er auch unabgeschlossen. Das unterscheidet sich von „John crossed the street“, denn diese Form besagt, dass John die Straße vollständig überquerte und auf der anderen Seite ankam.

Progressiv und Imperfekt

Auch das Imperfekt, also ein unvollendeter oder imperfektiver Aspekt in der Vergangenheit, kann in verschiedenen Sprachen eine progressive Interpretation haben. Ein Beispiel ist das spanische Imperfecto: „Ibamos a la playa cuando nos encontramos con Miguel.“ Das bedeutet: „Wir waren auf dem Weg zum Strand, als wir zufällig Miguel trafen.“

Der imperfektive Aspekt ist aber allgemeiner als die Verlaufsform. Er kann auch andere Bedeutungen ausdrücken, zum Beispiel habituelle Bedeutung, also beliebig oft wiederholte gewohnheitsmäßige Handlungen, oder reine Zustände wie „lieben“ oder „existieren“. Solche habituellen Interpretationen oder Zustandsverben stehen im Englischen nie im continuous.

Ein weiterer Unterschied ist grammatisch: Das Imperfekt ist in der Konjugation des Verbs verankert und oft die unmarkierte Aspektform. Eine Verlaufsform ist dagegen grammatisch häufig eine relativ aufwendige Konstruktion.

Progressiv im Deutschen

Im Deutschen können Verben ohne äußere Markierung progressiv verstanden werden, sie können aber auch anders interpretiert werden. Deshalb ist die deutsche Vergangenheitsform korrekterweise nicht als Imperfekt zu bezeichnen.

Ein Beispiel ist: „Als ich an die Haltestelle kam, fuhr der Bus (gerade) los.“ Progressiv verstanden bedeutet „losfahren“ hier, dass der Bus Vorbereitungen zum Losfahren trifft und vielleicht bereits anrollt, aber noch nicht weg ist. Im Englischen müsste diese Bedeutung mit der continuous-Form markiert werden. Im Deutschen kann das Adverb „gerade“ sie stützen, ist aber nicht immer nötig; die Verbform bleibt dieselbe.

Ohne „gerade“ ist auch eine nicht-progressive Lesart möglich: Zuerst erreiche ich die Haltestelle, danach beginnt der Bus anzufahren. Dann werden zwei abgeschlossene Ereignisse nacheinander dargestellt.

Modale Bedeutung

Im Progressiv treten vor allem zwei Arten von Verbbedeutungen auf: telische Verben mit einem Endpunkt und Aktivitäten, die sich grundsätzlich beliebig fortsetzen könnten. Ein Beispiel für eine Aktivität ist: „John was watching television ... when Bill entered the room / ... when he fell asleep.“ Auf Deutsch: „John war beim Fernsehenschauen, als Bill hereinkam / als der Schlaf ihn übermannte.“

Bei beiden Typen ist eine Fortsetzung oder Vollendung der Handlung möglich, aber nicht garantiert. Wenn John beim Fernsehen einschläft, setzt sich die Handlung gerade nicht fort. Das Progressiv sagt also nicht nur, dass ein Zeitabschnitt Teil eines längeren gleichartigen Zeitabschnitts ist. Es enthält eine modale Bedeutung: Es bezieht sich auf Möglichkeit.

Bei „John was crossing the street when he was hit by a car“ trifft das Prädikat „cross the street“ zum Zeitpunkt der Aussage noch nicht vollständig zu. Die Bedeutung ist etwa: John war in einer Tätigkeit begriffen, die sich zu einem Überqueren der Straße entwickelt hätte, wenn die Dinge ihren normalen Lauf genommen hätten oder wie von John beabsichtigt verlaufen wären.

Die Progressivform bezieht eine Verbbedeutung also auf bestimmte mögliche Welten, nämlich mögliche Fortsetzungen der tatsächlichen Situation. Diese werden auch „Inertialwelten“ genannt. Anders als eine rein modale Aussage sagt das Progressiv aber zusätzlich, dass ein Teil eines solchen möglichen Ereignisses in der Wirklichkeit schon vorliegt.

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