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Am-Progressiv
Als am-Progressiv bezeichnet man in der deutschen Grammatik eine Variante der Verlaufsform. Statt zum Beispiel „Ich arbeite gerade“ wird vor allem in …
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Bedeutung und Verbreitung
Der Am-Progressiv ist eine Variante der deutschen Verlaufsform. Er drückt aus, dass eine Handlung andauert, also einen Progressiv. Statt „Ich arbeite gerade“ lautet die Konstruktion beispielsweise „Ich bin am Arbeiten“. In Österreich ist „Ich bin beim Arbeiten“ die üblichste standardsprachliche Form; zunehmend wird jedoch auch „Ich bin am Arbeiten“ standardsprachlich verwendet.
Die Form ist besonders im rheinischen Regiolekt, in westdeutschen Dialekten und in der Schweiz bekannt. Sie wurde früher auch rheinische Verlaufsform, Ruhrpott-Verlaufsform oder westfälische Verlaufsform genannt, weil ihr Ursprungsgebiet zunächst nur in Westdeutschland vermutet wurde. Diese Bezeichnungen sind jedoch irreführend: Die Konstruktion lässt sich im gesamten westdeutschen Sprachraum bis in die Schweiz und inzwischen auch darüber hinaus nachweisen.
Gebrauch in verschiedenen Regionen
Im Entstehungsgebiet verwenden nicht nur Sprecher klassischer Dialekte den Am-Progressiv. Er ist auch in einer am Standarddeutschen orientierten Umgangssprache verbreitet. Eine erweiterte Form ist etwa „Ich bin grad einen Brief am Schreiben dran“. Solche Formen kommen vor allem im Ruhrdeutschen vor und deutlich weniger im übrigen westdeutschen Sprachraum.
Die einfache Verlaufsform hat sich mit der Zeit auch in die Umgangssprache anderer Teile des deutschen Sprachraums ausgedehnt. Der Duden schreibt, sie werde inzwischen „teilweise schon als standardsprachlich angesehen“. Untersuchungen von Flick/Kuhmichel, Andersson und weiteren Sprachwissenschaftlern zeigen außerdem, dass der Am-Progressiv selbst in der Pressesprache vorkommt.
Die erweiterte Verlaufsform als Satzklammer ist dagegen überwiegend in den Gebieten der entsprechenden Dialekte geblieben. Der Satz „Ich kann nicht ans Telefon kommen, ich bin gerade den Rasenmäher am Reparieren“ wäre in Sachsen oder Österreich äußerst unüblich. Im Ruhrgebiet und in der Schweiz ist er hingegen geläufig und wird häufig verwendet.
Andere Verlaufsformen
Ripuarische Sprachen und einige limburgische Sprachen besitzen zusätzlich eine Verlaufsform aus „tun“ und Infinitiv. Sie ähnelt englischen Verstärkungen, hat aber eine andere Bedeutung. Kölsch „Dä deijt do wunne“ bedeutet wörtlich „Der tut da wohnen“ und besagt, dass jemand dauerhaft und ganz gewiss dort wohnt. Dagegen bedeutet „Dä eß do am Wunne“ („Der ist da am Wohnen“), dass die Person nur vorübergehend und für eine überschaubare Zeit dort wohnt, etwa im Urlaub.
Auch die Konstruktion mit „tun“ wurde in die Umgangssprache der Hochsprache übernommen, aber erheblich seltener und regional begrenzter als der Am-Progressiv. Eine ähnliche, allgemein akzeptierte Konstruktion gibt es im Niederländischen: „aan het + Verb“. Im Eschweiler Platt kommt außerdem doppeltes „am“ vor.
Umstrittene Schreibung
Strittig ist die Schreibung des unflektierten Verbbestandteils: „Ich bin am Arbeiten“ oder „Ich bin am arbeiten“. Der Duden erwähnte die Form 2009 eher beiläufig und behandelte das Verb als traditionellen substantivierten Infinitiv, vergleichbar mit „Morgen ist (das) Schwimmen“ statt „der Schwimmunterricht“. Im Online-Duden, Stand 2023, ist der Am-Progressiv als umgangssprachlich gekennzeichnet und ausschließlich mit Großschreibung angegeben.
Die Germanistin Gabriella Gárgyán schlug in ihrer Dissertation von 2010 dagegen die Kleinschreibung vor. Sie nennt den Bestandteil ein Progressivverb, also eine neue Verbklasse, weil er sich funktional vom Infinitiv unterscheide. Eine weitere Ansicht versteht „am“ als Bestandteil eines vierten Verbstatus neben Infinitiv, zu-Infinitiv und Partizip Perfekt. Dieser am-Infinitiv wird nur von „sein“ regiert (Gallmann 2014). Internetbelege zeigen zudem, dass sich die Kleinschreibung des infiniten Verbs allgemein durchsetzt.