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Niederdeutsche Sprache
Bei allen drei Geschlechtern kann das Adjektiv ohne Endung gebraucht werden (de lütt Mann, de lütt Fru, dat lütt Kind). Den Gebrauch mit Endungen kann man …
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Einordnung und Status
Niederdeutsch, in Deutschland bei heutigen Dialekten oft Plattdeutsch genannt, ist eine westgermanische Sprache bzw. Sprachformengruppe. Es entstand aus dem Altsächsischen und gehört mit hochdeutschen, niederfränkischen und friesischen Sprachformen zum kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuum. Sein ursprüngliches Gebiet liegt im Nordwesten Deutschlands und im Nordosten der Niederlande. In den Niederlanden heißt es meist Nedersaksisch und wird vom Standardniederländischen überdacht, in Deutschland meist vom Standardhochdeutschen.
Kennzeichnend sind das Ausbleiben der zweiten hochdeutschen Lautverschiebung, das Ausbleiben der Palatalisierung – einer Lautveränderung in Richtung Gaumenlaut – im Unterschied zum Friesischen sowie Artikel und Pronomen mit d- im Unterschied zum Niederfränkischen und Niederländischen. Wegen der gemeinsamen nordseegermanischen Herkunft bestehen Ähnlichkeiten mit Englisch und friesischen Sprachen.
Sprachwissenschaftlich wird Niederdeutsch häufig als eigenständige Schwestersprache des Hochdeutschen beschrieben: Es besitzt eine eigene Lautlehre, Grammatik und Wortschatz. So kann man die hochdeutsche Lautung nicht stets aus der niederdeutschen ableiten, etwa nd. Fot gegenüber hd. Fuß, aber nd. grot gegenüber hd. groß. Soziolinguistisch und politisch gilt es oft als Dialektgruppe, weil heute eine überregionale Standardschriftsprache fehlt und seine öffentlichen Funktionen weitgehend Hochdeutsch oder Niederländisch übernehmen. Eine vermittelnde Auffassung nennt es eine „scheindialektisierte Abstandsprache“: historisch eigenständig, gegenwärtig aber unter dem Dach einer Standardsprache verwendet.
Geschichte und Schriftsprache
Die älteste Stufe ist das Altsächsische. Während der Völkerwanderung breiteten sich die Sachsen und ihre Sprache von der Nordseeküste nach Süden, Südwesten und nach England aus. Altsächsisch wurde unter anderem in Holstein ohne Ostholstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Westfalen, der Magdeburger Börde, am Harz und in den östlichen Niederlanden gesprochen.
Etwa von 1200 bis 1600 war Mittelniederdeutsch eine bedeutende Schriftsprache für Urkunden, Gesetze, Bücher und theologische Schriften. Das Lübecker Niederdeutsch war Verkehrssprache der Hanse und lange Lingua franca, also gemeinsame Verständigungssprache, im Nord- und Ostseeraum. Mit der Ostsiedlung seit etwa 1225 entstanden unter anderem Mecklenburgisch-Vorpommersch, Ostpommersch, Brandenburgisch und Niederpreußisch. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal entstand bei der Verbmehrzahl: Im älteren Siedlungsgebiet heißt es beispielsweise wi maakt, ji maakt, se maakt, in vielen östlichen und schleswigschen Dialekten dagegen wi maken, ji maken, se maken.
Seit dem 16. Jahrhundert verlor Niederdeutsch als Schrift- und Drucksprache an Bedeutung. Ursachen waren der Niedergang der Hanse, die Reformation und die Ausbreitung des hochdeutschen Buchdrucks. Bis Ende des 17. Jahrhunderts wurde es in Kanzleien, Kirchen und Schulen weitgehend durch Hochdeutsch ersetzt und sozial stigmatisiert. Im 17. und 18. Jahrhundert bestand eine Diglossie: Hochdeutsch diente für öffentliche und überregionale Bereiche, Niederdeutsch vor allem für den Alltag. Im 19. und 20. Jahrhundert verstärkten staatliche Sprachpolitik, Schule, Industrialisierung, Urbanisierung, Zuwanderung und hochdeutsche Massenmedien den Sprachwechsel. Niederdeutsch wurde schließlich auch aus den meisten Familien verdrängt.
Bis zum 16. Jahrhundert bestand eine überregionale niederdeutsche Schriftsprache; modern gibt es keine einheitliche verbindliche Rechtschreibung. In Deutschland dominieren hochdeutsch orientierte Schreibungen. Die Saß-Regelung ist besonders für Nordniedersächsisch verbreitet und in Schleswig-Holstein seit 2013 für den Schulunterricht empfohlen; in Niedersachsen ist sie mit dem entsprechenden Wörterbuch verpflichtend. Niederländische Varietäten folgen einer niederländisch basierten Orthographie, Plautdietsch einer eigenen.
Sprachgebiet, Dialekte und Sprecher
Das historische Sprachgebiet reichte von der IJssel bis Estland. In den heutigen polnischen und russischen Gebieten sowie im Baltikum ist Niederdeutsch infolge von Umsiedlung und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend ausgestorben. Die Westgrenze verläuft im Wesentlichen an der Rhein-IJssel-Linie; westlich davon liegen meist niederfränkische Mundarten wie Kleverländisch und Limburgisch. Niederländisch und Kleverländisch haben zwar ebenfalls die zweite Lautverschiebung nicht vollzogen, werden aber wegen ihrer anderen, altfränkischen Herkunft nicht zum Niederdeutschen gerechnet.
Üblich ist eine Gliederung in Niedersächsisch beziehungsweise Westniederdeutsch und Ostniederdeutsch. Die westliche Gruppe umfasst unter anderem Nordniedersächsisch, Schleswigisch, Holsteinisch, Ostfriesisches Platt, Westfälisch und Ostfälisch. Zur östlichen Gruppe gehören Märkisch, Mecklenburgisch-Vorpommersch, Ostpommersch, Niederpreußisch, Pomerano und Plautdietsch. Grundlage ist vor allem die Präsensendung der Verben in der Mehrzahl: westlich meist -t, östlich und in Ostfriesland meist -(e)n. Nordschleswiger Platt wird in Dänemark gesprochen. Die ostniederländischen Varietäten heißen dort Niedersächsisch.
Sprecherzahlen sind schwer zu bestimmen, weil Selbstangaben aktives Sprechen, Verstehen und Regiolekt nicht immer klar trennen. Für Deutschland nannte das Institut für niederdeutsche Sprache 2009 2,6 Millionen Personen oder 14 Prozent der Bevölkerung Norddeutschlands, die „gut oder sehr gut Platt“ sprechen. Bis zu 17 Millionen Deutsche besitzen passive Kenntnisse; eine umfassende Erhebung von 1984 hatte noch rund acht Millionen Sprecher in der damaligen Bundesrepublik ergeben. Der aktive Gebrauch ist spätestens seit den 1960er Jahren stark zurückgegangen und besonders bei Kindern in manchen Regionen fast erloschen. Relativ erhalten ist Niederdeutsch nahe der Nordseeküste, besonders in Ostfriesland, im Elbe-Weser-Dreieck und in Dithmarschen.
In den Niederlanden sprachen nach einer Erhebung von 2003 rund 1,5 Millionen Menschen niedersächsische Dialekte. Weltweit kommen unter anderem rund 300.000 Plautdietsch-Sprecher außerhalb Deutschlands und 300.000 bis 400.000 Ostpommerschsprechende in Brasilien hinzu. Plautdietsch, das aus niederpreußischen Dialekten hervorging, wird auch in Kanada, den USA, Mexiko, Brasilien, Kasachstan und weiteren Regionen gesprochen.
Lautlehre und Grammatik
Der zentrale lautliche Unterschied zum Hochdeutschen ist, dass Niederdeutsch keine der drei Phasen der zweiten Lautverschiebung des 6. bis 8. Jahrhunderts durchgeführt hat. Die Verschlusslaute p, t und k blieben daher erhalten, statt zu Lauten wie f, s, ch oder zu Affrikaten wie pf und z zu werden: nd. slapen – hd. schlafen, Schipp – Schiff, dat und wat – das und was, ik – ich, maken – machen, Peper – Pfeffer, Tied – Zeit sowie dag – Tag. Ähnlich sind deshalb zum Beispiel nd. Water, Vad(d)er, Pann(e), Solt und Melk gegenüber hd. Wasser, Vater, Pfanne, Salz und Milch.
Niederdeutsch zeigt außerdem nordseegermanische oder ingwäonische Merkmale, die besonders stark auch im Englischen und Friesischen vorkommen. Dazu zählen teilweise das Nasal-Spiranten-Gesetz, also der Ausfall eines Nasals vor einem Reibelaut mit Dehnung des vorherigen Vokals, etwa Goos gegenüber Gans und fief/fiev gegenüber fünf. Weitere Beispiele sind he is gegenüber er ist sowie Kees und Kark gegenüber Käse und Kirche. Die Merkmale und ihre Ausprägung unterscheiden sich aber regional.
Die Grammatik variiert stark nach Dialekt. Substantive haben drei Genera: de Mann, de Fru und dat Kind. Dativ und Akkusativ sind meist zum Objektfall, dem Obliquus, zusammengefallen; bei männlichen Wörtern steht häufig den. Der Genitiv ist nicht mehr produktiv und wird etwa durch den possessiven Dativ ersetzt: mien Vadder sien Huus. Relikte sind eens Dags und ’s Nachts. Pluralformen entstehen unterschiedlich, etwa dat Huus – de Hüüs, de Disch – de Dischen, dat Book – de Böker oder de Fisch – de Fisch.
Bei Personalpronomen lautet die 1. Person Singular meist ik/ick, die 2. du und die 3. Person maskulin he(i), nicht er. Die Mehrzahl lautet unter anderem wi, ji und se(i). Adjektive stimmen mit dem Substantiv im Geschlecht überein; möglich sind etwa de lütt Mann, de lütt Fru und dat lütt Kind. Gesteigert wird mit -er und -st(e). Das Verb kennt grundsätzlich Präsens, Präteritum, Indikativ und Imperativ. Die Verbmehrzahl hat häufig eine Einheitsendung: wi hebbt, ji hebbt, se hebbt im Westniederdeutschen, aber wi hebben, ji hebben, se hebben im Ostniederdeutschen. Ein Partizip Präsens ist formal mit dem Infinitiv zusammengefallen; das Partizip Perfekt kann je nach Dialekt ohne ge- stehen, etwa kööpt oder slapen.
Gebrauch, Schutz und Satzbau
Seit 1999 ist Niederdeutsch in Deutschland im Rahmen der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen anerkannt und geschützt; in den Niederlanden gilt dies für Nedersaksisch. Die acht deutschen Länder Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein berichten alle drei Jahre über die Umsetzung der Charta. In Schleswig-Holstein müssen Behörden Anfragen und Anträge auf Plattdeutsch bearbeiten und dürfen auch so antworten. In Hamburg gilt Plattdeutsch neben Hochdeutsch als faktische Amtssprache.
Niederdeutsch ist in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Wahlpflichtfach. Hamburg führte es 2010 als reguläres Fach ein, Schleswig-Holstein 2014 und Mecklenburg-Vorpommern 2016. Seit 2017 ist es ein von der Kultusministerkonferenz anerkanntes mündliches und schriftliches Abiturprüfungsfach. Mecklenburg-Vorpommern ist bisher das einzige Land mit entsprechendem Unterricht in der Sekundarstufe II.
Der Satzbau ähnelt anderen kontinentalgermanischen Sprachen, weicht aber in Einzelheiten vom Hochdeutschen ab. Typisch ist Preposition Stranding, die Abtrennung einer Präposition vom Pronominaladverb: Dor will ik nix mit to doon hebben bedeutet „Damit will ich nichts zu tun haben“. Eine doppelte Verneinung ist etwa in Dat heff ik nie nich secht („Das habe ich niemals gesagt“) möglich, aber kein ausschließlich niederdeutsches Merkmal.
Die tun-Periphrase verbindet doon mit Infinitiv und kann das Hauptverb betonen: Verkööpen deit se mi nix. Weitere Konstruktionen drücken den Verlauf oder Beginn einer Handlung aus: Ik bin jüst bi’t Äten heißt „ich esse gerade“; hebben + Infinitiv kann eine andauernde Handlung markieren, und kamen oder gåhn + Infinitiv eine unmittelbar bevorstehende. Zukunft wird oft einfach mit Präsens ausgedrückt, etwa Ik gah mörgen na School to. Möglich sind auch sallen + Infinitiv und warden + Infinitiv, wobei sallen zusätzlich „sollen“ bedeuten kann und warden häufig einen unmittelbar bevorstehenden Beginn markiert.
Niederdeutsch beeinflusste die norddeutsche Umgangssprache und die deutsche Standardsprache, besonders in der Seefahrt und im Wortschatz. Beispiele sind Achterdeck, Bug, Hafen, Kiel, Lotse und Wrack sowie Bernstein, Fliese, Laken, Möwe, Spuk, Ufer, Ware, knabbern, schmuggeln und sacht. Sprachtechnologische Angebote und Übersetzungen konzentrieren sich überwiegend auf Nordniedersächsisch; für moderne niederdeutsche Dialekte gibt es nur wenig annotiertes digitales Sprachmaterial.