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Grammatikalisierung
Das altenglische Verb *willan drückte noch eine Intention aus; im modernen Englischen ist will das Hilfsverb des Futurs. ... going-to-future hat die Bedeutung ' …
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Grundidee
Grammatikalisierung, auch Grammatikalisation, ist ein Prozess des Sprachwandels. Dabei wird ein sprachliches Zeichen schrittweise stärker in grammatische Regeln eingebunden. Ein ursprünglich einfaches Zeichen kann zu einem grammatischen Formativ werden, also zu einem Grammem oder Funktionswort. Eine komplexe Ausdrucksweise kann erst zu einer grammatischen und später zu einer morphologischen Konstruktion werden.
Wichtig ist: Grammatikalisierung verläuft graduell, also Schritt für Schritt. Ein Zeichen kann schon grammatisch sein und trotzdem noch weiter grammatikalisiert werden. Dabei wird seine Bedeutung meist allgemeiner und formaler, seine äußere Form wird häufig kürzer. Der mögliche Endpunkt ist, dass das Zeichen ganz verschwindet.
Ein Grundbeispiel ist das Verb haben. Es kann als lexikalisches Verb „besitzen“ bedeuten. Es kann aber auch als Hilfsverb zur Bildung des Perfekts dienen, etwa in habe geschlafen. Diese Perfektbildung besteht aus einer konjugierten Form von haben und einem Partizip Perfekt. Ihr Ursprung liegt im Althochdeutschen in Konstruktionen wie habe den Preis gewonnen, ursprünglich etwa im Sinn von „habe den Preis, und zwar als gewonnenen“. Die Konstruktion wurde später als ganze neu gedeutet und grammatikalisiert; dabei wurde haben vom Vollverb zum Hilfsverb.
Typische Beispiele
Grammatikalisierung kann in allen Bereichen der Grammatik auftreten. Ein häufiges Muster ist die Entwicklung eines Vollverbs zu einem Hilfsverb. Im Englischen entstand die Verbalperiphrase is going to melt „wird (gleich) schmelzen“ aus einer Konstruktion wie is going to the market. Die ursprüngliche Bedeutung des Gehens tritt in der Futurbedeutung zurück; übrig bleibt die Bedeutung eines unmittelbaren Futurs. Auch das altenglische Verb willan drückte noch eine Intention aus, während modernes englisches will als Hilfsverb des Futurs dient.
Ein rekonstruiertes Beispiel ist die Entstehung der deutschen Präteritalendung -te in Formen wie lach-te. Nach dieser Rekonstruktion wurde im Germanischen, einer Vorstufe des Deutschen, eine Präteritalform von tun mit dem Infinitiv eines Vollverbs verbunden, etwa in einer Form wie *salben tat. Später reduzierte sich tat zur Präteritalendung -te. Der Artikel weist aber darauf hin, dass diese Rekonstruktion nicht sicher ist.
Auch Substantive, die Raumregionen bezeichnen, können zu Verhältniswörtern werden, also zu Präpositionen oder Postpositionen. Beispiele sind englisch top „Oberseite“ und back „Rückseite“ in on top of X „auf X“ und in back of X „hinter X“. Demonstrativpronomina können zu definiten Artikeln werden; so sind unter anderem deutsch der, englisch the und französisch le entstanden. Ebenso kann das Zahlwort ein(s) zu einem indefiniten Artikel grammatikalisiert werden.
Hauptmechanismen
Die Grammatikalisierung wird im Artikel als unidirektional beschrieben: Die Folgen der beteiligten Mechanismen lassen sich nicht einfach rückgängig machen. Vier Mechanismen gelten als Hauptphasen.
Desemantisierung bedeutet, dass eine Einheit lexikalischen Inhalt verliert. Beim englischen to go im going-to-future geht die konkrete Bedeutung „gehen“ verloren. Erklärt wird dies mit Semen, also Bedeutungsanteilen. Bei „gehen“ können ein Bedeutungsanteil der Bewegung und ein Bedeutungsanteil der Räumlichkeit angenommen werden. Für die Futurbedeutung ist der räumliche Anteil unnötig oder störend; der Bewegungsanteil kann dagegen zur Bildung einer Zukunftsbedeutung beitragen.
Extension bedeutet, dass eine Einheit durch den Verlust ihrer Eigenbedeutung in mehr Kontexten verwendet werden kann. Wenn frühere Gebrauchsbeschränkungen wegfallen, kann die Form sogar mit Bedeutungen kombiniert werden, die ursprünglich nicht passten. Beispiele sind die Entwicklung von Komm her und mach das zu Komm und mach das, Komm, mach das und schließlich Komm, geh, sowie französisch Il ne va pas, ursprünglich „Er geht keinen Schritt“, später allgemein „Er geht nicht“. Die zweigliedrige Negation ne ... pas kann heute mit allen Verben kombiniert werden.
Dekategorialisierung bedeutet, dass eine Einheit Eigenschaften ihrer ursprünglichen Wortart verliert. Sie kann zum Beispiel weniger frei flektierbar, ableitbar oder modifizierbar sein. Sie kann ihre Selbstständigkeit als freie Form und ihre syntaktische Bewegungsfreiheit verlieren und stärker von anderen Formen abhängig werden. Dadurch kann sie sich zu einem Klitikon oder Affix entwickeln. Nicht immer verschwinden alle Eigenschaften: Ein neu entstandenes englisches oder deutsches Hilfsverb kann weiterhin flektiert werden.
Erosion ist der Verlust an lautlicher Substanz. Häufiger Gebrauch und Bedeutungsverlust führen oft zu Verkürzung, Vereinfachung oder Betonungsschwund. Diese phonetische Erosion kann so weit gehen, dass die Einheit vollständig verschwindet.
Skala der Entwicklung
Die Grammatikalisierungsskala beschreibt Stadien, die eine Einheit auf dem Weg durch die Grammatik einer Sprache durchlaufen kann. Je weiter sie auf dieser Skala fortgeschritten ist, desto stärker ist sie grammatikalisiert.
Am Anfang steht die Syntaktisierung. Dabei wird eine häufige syntaktische Konstruktion durch Reanalyse neu gedeutet. Zugleich setzen Desemantisierung und Extension ein. Beim englischen He’s going to sleep kann die Form noch „Er geht schlafen“ oder schon „Er wird schlafen“ bedeuten. In He’s slowly going to sleep bleibt die konkrete Bewegungsbedeutung erkennbar, während He’s going to sleep deeply soon eher „Er wird bald tief schlafen“ bedeutet. Die Extension zeigt sich in He’s going to come, wo going nicht mehr wörtlich als Gehen verstanden werden kann.
Danach kann Morphologisierung einsetzen. Sie umfasst im Artikel zwei Teilprozesse: Klitisierung und Fusion. Bei der Klitisierung wird eine lautlich reduzierte Einheit durch häufigen Gebrauch zum Klitikon, also zu einer unselbstständigen Form, die sich an ein anderes Wort anlehnt. Anfangs besteht zwischen getrennter und klitisierter Form kein Bedeutungsunterschied, etwa Was machst du? und Was machste? oder auf das Dach und aufs Dach. Später können Bedeutungsunterschiede entstehen, etwa zwischen Ich gehe zu der Schule und Ich gehe zur Schule.
Bei der Fusion lässt sich die grammatikalisierte Einheit nicht mehr abtrennen; am Ende ist sie ein Affix. Als Beispiel nennt der Artikel wieder das deutsche Suffix -te zur Markierung der Vergangenheit, das aus einer Verbindung eines Verbs mit dem Hilfsverb tun entstanden sein könnte, etwa salben-tat, salbe-tat, salb-te. Das Suffix -te kann heute nicht mehr abgetrennt werden.
Demorphemisierung liegt vor, wenn die Information einer grammatikalisierten Einheit nicht mehr durch ein einzelnes Morphem ausgedrückt wird, sondern in die Wurzel einer anderen Einheit integriert ist. Ein Affix kann etwa lautliche Veränderungen wie Umlaut hervorrufen; wenn das Suffix später durch Erosion schwindet, bleibt die Information in der veränderten Wurzel erhalten, wie bei Mutter – Mütter. Schwund bezeichnet schließlich den Fall, dass eine grammatikalisierte Einheit durch Erosion ganz verschwindet. Dann ist es wahrscheinlich, dass eine neue Einheit zur selben grammatischen Information herbeigrammatikalisiert wird und der Prozess von Neuem beginnt.
Grenzfälle und Gegenrichtung
Da Sprache ständig im Wandel ist und Grammatikalisierung schrittweise verläuft, gibt es Grenzfälle. Dann ist schwer zu entscheiden, ob ein Element schon grammatisch oder noch lexikalisch ist. Ein Beispiel ist das sogenannte Rezipientenpassiv im Deutschen: Er bekommt das Auto von mir geliehen. Diese Form kann bedeuten: Ich leihe ihm das Auto. Sie kann aber auch noch wörtlicher verstanden werden als: Er bekommt das Auto von mir im geliehenen Zustand.
Solche Fälle sind formal nicht eindeutig entscheidbar. Der Artikel weist darauf hin, dass dies die theoretischen Voraussetzungen des Begriffs Grammatikalisierung infrage stellt, wenn man nur mit den Gegensätzen lexikalisch = produktiv-offen und grammatisch = abgeschlossen-konventionalisiert arbeitet. Entscheiden lässt sich ein solcher Fall eher über das metasprachliche Bewusstsein der Sprecherinnen und Sprecher, also darüber, ob sie eine Konstruktion noch als lebendig-metaphorisch oder schon als formal erstarrt empfinden.
Degrammatikalisierung ist die Gegenrichtung zur Grammatikalisierung. Obwohl Grammatikalisierung als Haupttrend moderner Sprachen beschrieben wird, gibt es Gegenbeispiele. Von Degrammatikalisierung spricht man, wenn Funktionswörter wieder semantisch aufgeladen und selbstständiger werden, etwa indem sie als Verben gebraucht werden. Als Beispiel nennt der Artikel englisch to up the bid, also „das Gebot erhöhen“.
Universale Tendenzen
Grammatikalisierung kann ähnliche Wege in sehr verschiedenen Sprachen nehmen. Besonders die Entwicklung von Bewegungsverben zum Ausdruck der Zukunft findet sich in vielen Sprachen der Erde, auch wenn diese Sprachen nicht miteinander verwandt sind und keinen Kontakt zueinander hatten. Daher könnte es sich um eine universale Erscheinung handeln, möglicherweise im Zusammenhang mit der Beschaffenheit der menschlichen Kognition.
Die Forschung untersucht solche wiederkehrenden Entwicklungstendenzen und typische Grammatikalisierungspfade, zum Beispiel Bewegungsverb → Futurum. Solche Pfade könnten sprachliche Universalien sein. Die Grammatikalisierungstheorie, also die systematische Beschäftigung mit dem möglichen Universaliencharakter der Grammatikalisierung, ist ein wichtiges Teilgebiet der Sprachtypologie.