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Verfremdungseffekt
Der Verfremdungseffekt (V-Effekt) ist ein literarisches Stilmittel und Hauptbestandteil des epischen Theaters nach Bertolt Brecht. Eine Handlung wird durch …
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Definition und Ziel
Der Verfremdungseffekt, kurz V-Effekt, ist ein literarisches Stilmittel und ein Hauptbestandteil des epischen Theaters nach Bertolt Brecht. Dabei wird die dargestellte Handlung beispielsweise durch Kommentare oder Lieder unterbrochen. So soll die Illusion einer in sich geschlossenen Bühnenwelt zerstört werden. Die Zuschauer sollen sich nicht vollständig in die Figuren und ihre Erlebnisse hineinversetzen, sondern Abstand gewinnen und das Dargestellte kritisch untersuchen.
Nach dem Kieler Lexikon der Filmbegriffe besteht der Zweck darin, „die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom Ablauf des Geschehens auf die Sinngebung des Geschehens, die Konventionen der Darstellung und die oft nur impliziten ideologischen Determinanten des Spiels zu lenken.“ Entscheidend ist also weniger die Frage, wie die Geschichte weitergeht, sondern welche Bedeutung das Geschehen hat, wie es dargestellt wird und welche gesellschaftlichen Vorstellungen dahinterstehen.
Brecht beschreibt das Verfahren so: „Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugier zu erzeugen. […] Verfremden heißt also Historisieren, heißt Vorgänge und Personen als vergänglich darzustellen“. Verhältnisse und Verhaltensweisen sollen dadurch nicht natürlich, selbstverständlich oder unveränderlich erscheinen.
Abgrenzung von Einfühlung und Identifikation
Brecht entwickelte seine Idee als Gegenentwurf zu einer damals verbreiteten Interpretation des aristotelischen Dramas. Sein Verständnis war von Lehrmeinungen des späten 19. Jahrhunderts geprägt, darunter die Deutung der Katharsis durch die Einfühlungstheorie und die Autorität des Bühnennaturalismus. Katharsis bezeichnet hier eine Wirkung des Dramas, die durch das emotionale Miterleben von Darstellern und Zuschauern erreicht werden soll.
Im epischen Theater tritt an die Stelle der Identifikation die Verfremdung. Zwischen Zuschauern, Schauspielern und gespielten Figuren soll eine bewusste Distanz entstehen. Bühnenbild, Ausstattung und Spielweise unterstützen dieses Ziel. Die Zuschauer sollen das Geschehen interpretieren, statt sich lediglich mit den Figuren zu identifizieren und mit ihnen mitzufühlen.
Auch die Schauspieler sollen Distanz zu ihrer Rolle halten. Dadurch erscheinen die Figuren nicht als einfache Identifikationsfiguren. Ihre Entscheidungen und Beweggründe können kritisch betrachtet werden, ohne dass die Zuschauer einseitig beeinflusst werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass Brechts Theater grundsätzlich gefühllos sein soll: Die kritisch-rationale Seite seines Konzepts darf laut Artikel nicht einfach mit Gefühllosigkeit gleichgesetzt werden. Brecht wollte nicht nur belehren, sondern auch Vergnügen sowie den karnevalesken und ambivalenten Spaß an den Zuständen der wirklichen Welt zugänglich machen.
Formen und Gestaltungsmittel
Der V-Effekt kann mit verschiedenen Mitteln erzeugt werden:
• Die Handlung wird durch Kommentare, Lieder oder Zeitsprünge unterbrochen. Figuren können aus ihrer Rolle treten, sich direkt an das Publikum wenden und das Geschehen besprechen. Damit verlassen sie vorübergehend den Rahmen des Schauspiels.
• Alternative Handlungsmöglichkeiten zeigen, dass Menschen und gesellschaftliche Verhältnisse veränderbar sind. Die Figuren erscheinen nicht als hilflose Opfer eines unvermeidbaren Schicksals. Ihr Verhalten wird durch bestimmte Umstände beeinflusst; zugleich wirken Menschen auf diese Umstände zurück.
• Eine stilisierte Sprache, etwa das Sprechen in Versen, macht die Künstlichkeit der Darstellung sichtbar. Vor einer Szene können Spruchbänder ihren Inhalt bereits verraten, wie in „Leben des Galilei“. Dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit nicht auf die Spannung des Handlungsverlaufs, sondern darauf, wie und warum die Handlung vorangetrieben wird.
• Das Bühnenbild ist häufig sparsam und verwendet nur wenige Requisiten. Anstelle historisch passender Kostüme können gewöhnliche Straßenkleider getragen werden.
• Figuren besitzen oft einen gleichnishaften Charakter. Als austauschbare „Niemand“- oder „Jedermann“-Gestalten stehen sie für beispielhafte Verhaltensweisen. Ihre Gefühle sollen weniger miterlebt als von außen untersucht werden.
• Die Erzählung verläuft in Kurven statt streng linear oder chronologisch.
• Weitere Mittel sind ein kommentierender Chor, Schilder, Songs beziehungsweise Lieder, Projektionen, Diashows, kurze Filmsequenzen und Dialekte.
Diese Verfahren konfrontieren das Publikum mit zeitgenössischen gesellschaftspolitischen Problemen, die häufig als Ursachen des Handelns erscheinen. Die Zuschauer sollen dadurch aktiviert und zum Eingreifen in Politik und Gesellschaft aufgefordert werden.
Politischer Anspruch, Figuren und Kritik
Brecht verstand die Verfremdung als Teil einer politischen Theorie. Das fortlaufende Bühnengeschehen soll zeitweise angehalten werden, damit die Zuschauer über das Gezeigte nachdenken können. Nach seiner Auffassung regt das klassische Dramenschema, etwa bei Sophokles, vor allem zum Mitfühlen und Miterleben an. Die Aufgabe des Theaters sah er dagegen in der Aufforderung zum Mitdenken und schließlich zum aktiven Handeln. Durch das Aufzeigen anderer Handlungsmöglichkeiten hoffte er, politische und kulturelle Veränderungen anzustoßen.
Im Mittelpunkt stehen daher häufig der Mensch, seine Beweggründe und sein Denken. Ausgangspunkt ist die auf Karl Marx zurückgeführte These, dass das „gesellschaftliche Sein“ das „Bewusstsein“ bestimme. Das Gewohnte soll in verfremdeter Form wiedererkannt werden. Dafür ist eine aktive, aber distanzierte Beteiligung des Publikums nötig: eher rational als rein emotional. Die Zuschauer sollen ihre eigene Betroffenheit erkennen, Folgerungen für ihr Leben ziehen und möglicherweise in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit eingreifen.
Brecht setzte selten klassische Helden als Hauptfiguren ein. Stattdessen verwendete er oft zwiespältige Figuren, die eine einfache Identifikation erschweren. Shen Te ist beispielsweise eine gutmütige Prostituierte, die in die Rolle eines gewissenlosen Mannes schlüpft. Mutter Courage erscheint zugleich als besorgte Mutter und als opportunistische Geschäftsfrau. Die innere Widersprüchlichkeit dieser Figuren soll die kritische Distanz des Publikums bewahren.
Hans-Thies Lehmann kritisiert die Bezeichnung von Brechts Dramaturgie als grundlegend „anti-aristotelisch“. Nach Ansicht des Frankfurter Theaterwissenschaftlers bewirkte Brecht keine eigentliche Revolution des Theaters, weil die Fabel, also der erzählerische Handlungszusammenhang, auch bei ihm das zentrale Element der Dramen und Inszenierungen blieb. Wie andere Avantgardisten seiner Zeit habe Brecht vor allem nach neuen Inszenierungsstrategien gesucht. Die entscheidende Wende sieht Lehmann erst im postdramatischen Theater, das die Fabel als zentrales Element aufgibt.
Der Artikel kennzeichnet einen Teil seiner Darstellung von Brechts Theorie als grundsätzlich überarbeitungsbedürftig. Besonders wird klargestellt, dass „Das epische Theater“ kein einzelner Aufsatz Brechts, sondern eine Textsammlung in der Werkausgabe ist.
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