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Handlung (Erzählkunst)
Handlung (Erzählkunst). Begriff der Erzähltheorie: Präsentation eines Ereignisverlaufs in einem narrativen Werk. Artikel · Diskussion.
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Begriff und Grundelemente
Als Handlung – auch Mythos, Fabel, Fabelführung, Plot oder Szenario genannt – bezeichnet die Literaturtheorie eine Abfolge zusammenhängender und meist ursächlich miteinander verketteter Ereignisse oder Vorgänge. Sie bildet das dramatische Gerüst eines literarischen Werks, Films, Rollenspiels, Comics oder Computerspiels. Entscheidend ist, dass die Ereignisse nicht nur nacheinander auftreten, sondern sich wechselseitig bedingen und dadurch ein sinnvolles Beziehungsnetz bilden.
E. M. Forster verdeutlicht den Unterschied zwischen bloßer Geschichte und Handlung: „The king died, and then the queen died“ nennt zwei zeitlich aufeinanderfolgende Ereignisse und ist daher eine story. „The king died, and then the queen died of grief“ ist dagegen ein plot, weil der Tod des Königs als Ursache für den Tod der Königin erscheint. Nach einer alternativen Definition von Jürgen Link ist eine Handlung ein System von Textmerkmalen oder Zeichen, das auf einer Konfiguration beruht und auf einer zeitlichen Achse angeordnet werden kann.
Die kleinste elementare Einheit der Handlung ist das Ereignis, auch Motiv genannt. Boris Wiktorowitsch Tomaschewski bestimmte es 1925 als die nicht weiter unterteilbare Einheit des thematischen Materials. Durchlebt ein Subjekt nacheinander mehrere Ereignisse, bilden diese ein Geschehen.
Aristoteles’ Handlungslehre
Die klassische Bestimmung der Handlung stammt aus Aristoteles’ „Poetik“. Dort werden auch die Bezeichnungen Knüpfung, Fabel und Mythos verwendet; gemeint ist jeweils der Ereignisverlauf beziehungsweise dessen sachlicher Zusammenhang. Aristoteles fordert die Einheit der Handlung: Die einzelnen Bestandteile sollen einen zusammengehörigen Verlauf bilden.
Eine vollständige Handlung besitzt Anfang, Mitte und Ende. Der Anfang folgt nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes; nach ihm tritt jedoch natürlicherweise etwas anderes ein oder entsteht. Die Mitte folgt auf etwas anderes und zieht zugleich etwas Weiteres nach sich. Das Ende folgt seinerseits natürlicherweise, notwendigerweise oder in der Regel – also höchstwahrscheinlich – auf etwas anderes, während danach nichts Weiteres mehr eintritt. Eine gut zusammengefügte Handlung darf deshalb weder an einer beliebigen Stelle beginnen noch an einer beliebigen Stelle enden.
Einfache und komplizierte Verläufe
Aristoteles unterscheidet einfache und komplizierte Handlungen. Bei einer einfachen Handlung tritt schließlich das zuvor erwartete Ende ein. Eine komplizierte Handlung überrascht dagegen mit einem anderen Ende als dem zunächst angekündigten. Ihre erste Zusammenhangskette schlägt plötzlich in eine andere um, die meist auf ein entgegengesetztes Ergebnis hinausläuft.
Dieser plötzliche Umschlag heißt Peripetie. Eine Handlung, die etwa Rettung bewirken sollte, führt nun zum Untergang. Dadurch müssen die bisherigen Annahmen über Personen und Verhältnisse neu bewertet werden: Ein Feind kann sich als Freund erweisen, vermeintliche Abneigung als Liebe und scheinbarer Kleinmut als Kühnheit.
Besonders wirkungsvoll ist nach Aristoteles ein Glücksumschwung, bei dem statt des erwarteten Glücks Unglück eintritt. Die umgekehrte Entwicklung ist ebenfalls möglich und sogar häufiger, nach Aristoteles aber weniger wirkungsvoll. Die Anteilnahme wächst, wenn die betroffene Person dem Zuschauer ähnlich erscheint. Ihr Sturz berührt ihn besonders, weil ihm ein vergleichbares Schicksal auch selbst möglich scheint.
Abstraktion, Stoff und Darstellung
Aristoteles hält eine ausgeführte Handlung für „etwas Philosophischeres und Ernsthafteres“ als die bloße Wiedergabe wirklicher Geschehnisse: Die Handlung vermittelt stärker das Allgemeine, während Tatsachenbeschreibungen das Besondere wiedergeben. Um ihre Form zu prüfen, soll man eine Handlung deshalb zunächst allgemein skizzieren und erst danach szenisch ausgestalten und zur vollen Länge entwickeln.
Als Beispiel fasst Aristoteles die „Odyssee“ abstrakt zusammen: Jemand lebt viele Jahre in der Fremde, wird ständig von Poseidon überwacht und ist allein. Währenddessen verzehren Freier zu Hause seinen Besitz und stellen seinem Sohn nach. Nach schwerer Bedrängnis kehrt er zurück, gibt sich einigen Personen zu erkennen, greift seine Feinde an, bleibt selbst unversehrt und vernichtet sie.
Von der Handlung ist der Stoff beziehungsweise die Geschichte zu unterscheiden. Der Stoff bezeichnet das rein chronologisch geordnete Nacheinander der Ereignisse. Die Handlung ordnet dieses Material zusätzlich durch kausale und andere sinnstiftende Beziehungen, durch Phasen sowie durch zeitliche und räumliche Umgruppierungen. Sie besitzt echte Dauer und ein garantiertes Ende. Daraus entsteht erzählerische Spannung; diese ist eine Eigenschaft der Handlung und nicht bloß des Themas.
Die russischen Formalisten unterscheiden fabula und Sujet. Die fabula umfasst sämtliche Ereignisse in ihrer logischen und zeitlichen Verknüpfung. Das Sujet ist ihre konkrete Präsentation im sprachlichen Kunstwerk. Durch Rückblenden, Vorausblenden, unzuverlässiges oder elliptisches Erzählen kann das Sujet erheblich von der fabula abweichen. Die fabula erschließt sich dem Leser daher häufig erst nach Abschluss der Lektüre.
Die Hylistik betrachtet Handlung als medienunabhängige, also transmediale Zusammenstellung von Geschehnissen. Ihre kleinste zustands- oder handlungstragende Einheit heißt Hylem. Eine Hylemanalyse berücksichtigt auch implizite Einheiten, die im konkret erzählten Verlauf nicht ausdrücklich erwähnt werden. Dadurch lassen sich verschiedene Varianten eines Stoffes systematisch vergleichen. Verwandt ist die Unterscheidung zwischen histoire und discours bei Tzvetan Todorov und Gérard Genette.
Grundformen und Einteilungen
Nach Inhalt oder Genre werden mehrere Grundformen unterschieden:
• Romanze: Zwei füreinander bestimmte Menschen werden durch außergewöhnliche Hindernisse getrennt. Dass sie zusammenfinden oder dauerhaft freudlos bleiben, erscheint von Anfang an als selbstverständliche Alternative.
• Abenteuer: Ein Held nimmt sich eine Tat vor und führt sie gegen Widerstände aus.
• Ermittlung: Unbekannte Umstände, Gründe oder Urheber einer rätselhaften Tat werden aufgedeckt.
• Jagd: Jemand wird unaufhörlich wegen etwas verfolgt, das er getan hat oder getan haben soll.
• Erkennung: Verwickelte Verhältnisse und Beziehungen werden enthüllt.
• Schauer: Raum, Zeit und Menschen verwandeln sich ins Ungewohnte und Grauenerregende. Eine Folge starker Wirkungen, die durch Stoff und Ausstattung erzeugt werden, bestimmt den Verlauf.
Nach dem Aufbau kann eine steigende Handlung bis zur Peripetie oder eine fallende Handlung bis zur Katastrophe führen. Ein tektonischer Handlungsaufbau ist geschlossen und symmetrisch. Er folgt den sogenannten Aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung und konzentriert sich auf einen zentralen Konflikt; typisch ist diese Form für Drama oder Novelle. Den Gegensatz bildet der atektonische Handlungsaufbau beziehungsweise die offene Form.
Nach ihrer Wichtigkeit werden Haupthandlung und Nebenhandlung unterschieden. Nach ihrer Art unterscheidet man äußere und innere Handlung. Zur äußeren Handlung gehört alles, was in einer Erzählung getan und gesehen wird. Die innere Handlung umfasst, was Figuren denken, fühlen, sehen, ertasten, riechen, schmecken, hören oder sagen. Innere Vorgänge können durch Mimik, Gestik und Körperhaltung äußerlich sichtbar werden. Sprachlich werden sie unter anderem durch Adjektive, Verben, bildhafte Wortwahl, Vergleiche sowie direkte oder indirekte Rede ausgedrückt.
Nach der Präsentations- beziehungsweise Rezeptionsweise gibt es direkte und verdeckte Handlung. Direkte Handlung ist beispielsweise unmittelbar auf der Bühne sichtbar. Eine räumlich verdeckte Handlung findet außerhalb des sichtbaren Bühnenraums statt und wird etwa durch Botenbericht oder Mauerschau vermittelt. Eine räumlich und zeitlich verdeckte Handlung liegt in der Vergangenheit, hat sich aber innerhalb der gesamten Handlungsdauer ereignet, zum Beispiel zwischen zwei Szenen oder Akten.