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Leben des Galilei

Bertolt Brecht verfasste das Theaterstück Leben des Galilei, das er selbst meist als episches Stück und nicht als Drama bezeichnete, 1939 im dänischen Exil.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Entstehung und zentrale Idee
  2. 2. Handlung und Konflikt mit der Kirche
  3. 3. Galileis Persönlichkeit und seine Selbstanklage
  4. 4. Orte, Figuren und gesellschaftliche Kräfte
  5. 5. Argumentation und epische Gestaltung

Werk, Entstehung und zentrale Idee

Leben des Galilei ist ein episches Theaterstück von Bertolt Brecht in deutscher Sprache. Die Musik stammt von Hanns Eisler. Das Stück wurde am 9. September 1943 unter der Regie von Leonard Steckel im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Die Handlung spielt im Italien des 17. Jahrhunderts und umfasst 28 Jahre.

Im Mittelpunkt steht der Physiker Galileo Galilei. Mit Beobachtungen durch ein verbessertes Fernrohr bestätigt er das heliozentrische Weltbild: Nicht die Erde, sondern die Sonne steht im Mittelpunkt des Universums. Damit widerspricht er dem geozentrischen Weltbild nach Ptolemäus und gerät in Konflikt mit der katholischen Kirche.

Brecht verbindet den wissenschaftlichen Umbruch mit einem gesellschaftlichen und politischen Wandel. Die neue Forschung stellt nicht nur alte Vorstellungen über das Weltall infrage, sondern auch die Autorität von Kirche, Adel und anderen Herrschaftsträgern. Deshalb geht es im Stück zugleich um die Verantwortung der Wissenschaft, den Wert von Wissen und die Frage, ob wissenschaftliche Erkenntnisse dem Wohl der Menschen dienen.

Brecht verfasste 1939 im dänischen Exil eine Urfassung mit 13 Szenen; später wurde eine 14. Szene hinzugefügt. Zwischen 1944 und 1947 entstand in Santa Monica mit Charles Laughton eine englischsprachige Fassung, in der die Verantwortung der Wissenschaft und die politischen Bedingungen von Forschung stärker betont werden. Die Berliner Fassung von 1955/56 umfasst 15 Szenen und übernimmt Elemente der amerikanischen Fassung. Sie führt unter anderem die Pest- und Schlussszene sowie mehrere Figuren wieder ein.

Handlung und Konflikt mit der Kirche

Zu Beginn lebt Galilei in Padua, einer Stadt der Republik Venedig. Er leidet unter Geldmangel und verdient seinen Lebensunterhalt als Mathematiklehrer sowie durch nützliche Erfindungen. Ein in Holland konstruiertes Fernrohr verbessert er und gibt es als eigene Erfindung aus. Dafür erhält er von Padua eine Gehaltsaufbesserung von 500 Scudi pro Monat.

Mit dem Fernrohr beobachtet Galilei unter anderem den Mond und die Jupitermonde. Seine Beobachtungen widerlegen zentrale Annahmen des geozentrischen Weltbildes. Galilei will seine Erkenntnisse verständlich und für alle zugänglich machen. Deshalb verwendet er die italienische Volkssprache statt Latein.

Die Kirche verbietet jedoch die Verbreitung seiner Lehre. Hinter dem Streit um die Astronomie steht die Angst der kirchlichen und politischen Mächtigen, dass die Erschütterung des alten Weltbildes auch einen gesellschaftlichen Umsturz auslösen könnte. Galilei versucht wiederholt, Gelehrte und kirchliche Vertreter zu überzeugen. Die päpstlichen Astronomen bestätigen zunächst seine Entdeckungen, doch seine Schriften werden auf den Index gesetzt.

Nachdem ein wissenschaftsfreundlicher Papst an die Macht gelangt ist, nimmt Galilei seine Forschungen wieder auf. Schließlich wird er von der Inquisition verhaftet und zum Widerruf gezwungen. Obwohl er seine Lehre weiterhin für wahr hält, widerruft er aus Angst vor der Folter. Danach lebt er von 1633 bis 1642 unter Hausarrest in einem Landhaus nahe Florenz. Er ist fast erblindet, forscht aber heimlich weiter.

Sein früherer Schüler Andrea Sarti besucht ihn. Galilei übergibt ihm eine heimlich angefertigte Abschrift seiner verbotenen Discorsi über Mechanik und Fallgesetze. Andrea soll die Schrift außer Landes bringen. Galilei übernimmt dafür jedoch keine Verantwortung und erklärt, er habe aus Angst vor körperlichem Schmerz widerrufen. Dadurch klagt er sich selbst des Verrats an der Wissenschaft an.

Galileis Persönlichkeit und seine Selbstanklage

Galilei ist zu Beginn 46 Jahre alt. Er lebt mit seiner Tochter Virginia, seiner Haushälterin Frau Sarti und deren Sohn Andrea in Padua. Er ist ein leidenschaftlicher, genießerischer und häufig geldsorgenreicher Mensch. Zugleich ist er ein hervorragender Lehrer: Bereits dem zehnjährigen Andrea erklärt er das kopernikanische Weltbild anschaulich.

Er vertraut auf Beobachtung, Berechnung und die eigenen fünf Sinne. Überlieferte Lehren akzeptiert er nicht, wenn sie seinen Erfahrungen widersprechen. Galilei spricht einfach und verständlich und lehnt die ausschließliche Verwendung des Lateins ab. Dadurch will er wissenschaftliche Erkenntnisse auch Bürgern und einfachen Menschen zugänglich machen. Er arbeitet mit dem ungebildeten Linsenschleifer Federzoni zusammen und hält dessen fehlende Lateinkenntnisse nicht für ein Hindernis.

Galilei ist wissenschaftlich mutig, politisch jedoch oft naiv. Er verfolgt seine Forschung mit großer Konsequenz, nimmt aber wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedingungen zu wenig wahr. Er riskiert sein Augenlicht durch die Sonnenbeobachtung und später sein Leben durch die geheime Abschrift der Discorsi. Gleichzeitig unterliegt er der Angst vor Folter und unterschätzt politische Gefahren. Seine zunehmende Erblindung wirkt deshalb als Gegenbild zu seiner wachsenden Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge.

Im 14. Bild bewertet Galilei seinen Widerruf als moralisches Versagen. Wissenschaft habe zwei mögliche Ziele: Sie könne „die Mühseligkeit der menschlichen Existenz erleichtern“ oder „Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen“. Galilei erkennt, dass er zwar zur Vermehrung des Wissens beigetragen, aber das gesellschaftliche Ziel der Wissenschaft verraten hat. Er bedauert, keine Verpflichtung der Naturwissenschaftler zum Wohle der Menschheit angestoßen zu haben. Am Ende bekennt er sich zu seiner Angst vor dem körperlichen Schmerz und zu seiner Vorliebe für weltliche Genüsse.

Orte, Figuren und gesellschaftliche Kräfte

Die Orte verdeutlichen die politischen Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit. In Padua beziehungsweise der Republik Venedig kann Galilei vergleichsweise frei forschen. Venedig ist eine freie Handelsstadt, wird aber von wirtschaftlicher Abhängigkeit geprägt. In Florenz herrschen Adel und hoher Klerus. Dort wird Wissenschaft großzügiger unterstützt, muss aber den Interessen des Hofes dienen. Galilei gewinnt dadurch finanzielle Vorteile, verliert jedoch wissenschaftliche Freiheit.

Die Figurenkonstellation stellt häufig Vertreter der neuen Zeit den Vertretern der alten Ordnung gegenüber. Bürger und Kaufleute verbinden mit wissenschaftlichem Fortschritt neue Möglichkeiten und wirtschaftlichen Nutzen. Großgrundbesitzer und Kirchenvertreter haben dagegen ein Interesse daran, bestehende Machtverhältnisse zu bewahren. Die Kirche erscheint deshalb nicht nur als religiöse, sondern auch als weltliche und politische Obrigkeit.

Im 7. Bild wird diese Darstellung durch einen maskierten Ball im Kardinalspalast unterstützt. Die Masken verweisen auf Verschleierung und Heuchelei. Die Kirche kontrolliert ihre Umgebung, beobachtet Menschen und schränkt Meinungsfreiheit ein. Ihre hohen Vertreter erscheinen zugleich als weltlich, verschwenderisch und an politischen Interessen orientiert. Die Maske des Lamms und der Taube steht nur äußerlich für Unschuld, Frieden und den Heiligen Geist.

Im 11. Bild zeigt sich das Machtspiel zwischen Kirche, Fürsten und Geschäftswelt. Cosmo de Medici unterstützt die kirchliche Obrigkeit, während der Eisengießer Vanni in Galilei eine Quelle für technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Nutzen sieht. Galilei erkennt diese Interessen zu spät und kann deshalb ein angebotenes Fluchthelfernetz nicht mehr nutzen.

Argumentation und epische Gestaltung

Galileis Versuch, die Gelehrten zu überzeugen, scheitert an unterschiedlichen Erkenntnis- und Sprachformen. Die Gelehrten berufen sich auf die Antike, die Kirchenväter und Aristoteles. Sie zweifeln an der Zuverlässigkeit des Fernrohrs und werfen Galilei sogar Betrug vor. Galilei dagegen verweist auf Beobachtungen, Berechnungen und die unmittelbare Wahrnehmung. Er führt anschauliche Beispiele aus dem Alltag an und fordert die Gelehrten auf, selbst durch das Fernrohr zu schauen.

Die Gelehrten verwenden Latein und verleihen ihren Aussagen dadurch scheinbar zusätzliches Ansehen. Galilei spricht in der Volkssprache, macht sich aber nicht ausreichend auf die Denkweise seiner Gegner eingestellt. Deshalb bleibt der Disput ungelöst.

Im Gespräch zwischen dem Papst Urban VIII., dem früheren Mathematiker Barberini, und dem Inquisitor wird die politische Macht der Kirche besonders deutlich. Der Inquisitor warnt vor dem Zweifel der Menschen, vor einer Schwächung der Glaubenseinheit und vor politischen Gefahren im Krieg mit den Protestanten. Er behauptet außerdem, Galilei gefährde die soziale Ordnung, weil seine Erkenntnisse den Menschen Ersatz für kirchliche Autorität geben könnten. Der zunächst wissenschaftsfreundliche Papst lässt sich schließlich überzeugen und verbietet Galileis Lehre. Die Kirche gerät dabei in ein Dilemma: Sie möchte Galileis wertvolle Sternkarten nutzen, muss aber die Lehre ablehnen, auf der diese Karten beruhen.

Das Stück enthält typische Elemente des epischen Theaters, folgt dieser Dramentheorie aber nicht vollständig. Reflexionsdialoge kommentieren die Handlung. Gegensätzliche Bilder, antithetische Sätze, Komik und verfremdete Bibelzitate regen zum Nachdenken an. Wissenschaftliche Erkenntnis und gesellschaftliche Macht werden dadurch nicht als unveränderliche Gegebenheiten, sondern als überprüfbare und veränderbare Verhältnisse dargestellt.

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