Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Der gute Mensch von Sezuan
Der gute Mensch von Sezuan ist ein von 1938 bis 1940 unter der Mitarbeit Ruth Berlaus und Margarete Steffins entstandenes Theaterstück Bertolt Brechts, …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und zentrale Fragestellung
Der gute Mensch von Sezuan ist ein Theaterstück von Bertolt Brecht und ein Musterbeispiel für sein episches Lehrtheater. Es entstand unter Mitarbeit von Ruth Berlau und Margarete Steffin, vor allem zwischen 1938 und 1940, wurde am 4. Februar 1943 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Leonard Steckel uraufgeführt und erschien 1953 als Buch. Die Musik komponierte Paul Dessau. Das Stück ist auf Deutsch geschrieben und spielt in der Hauptstadt der chinesischen Provinz Sezuan, die nach Brechts Vorbemerkung als Parabel zu verstehen ist: Sezuan steht stellvertretend für alle Orte, an denen Menschen von Menschen ausgebeutet werden.
Im Mittelpunkt steht die Frage, ob ein Mensch unter den Bedingungen des Kapitalismus zugleich gut und lebensfähig sein kann. Das Drama verbindet Religionskritik und Kapitalismuskritik. Es stellt außerdem die Vorstellung infrage, dass bürgerliche Aufklärung und moralische Vernunft allein ausreichen, um eine gerechte Welt zu schaffen. Die Hauptfigur Shen Te muss erfahren, dass Güte und Selbstlosigkeit in ihrer Umgebung ausgenutzt werden. Deshalb nimmt sie die zweite Identität Shui Ta an, die rücksichtslos und profitorientiert handelt. Die Aufspaltung macht sichtbar, wie gesellschaftliche Bedingungen das Verhalten des Menschen beeinflussen.
Entstehung und Vorlagen
Eine Vorlage für das Stück ist die griechische Sage von Philemon und Baucis. Das arme Ehepaar nimmt die verkleideten Götter Zeus und Hermes gastfreundlich auf, obwohl es selbst nur wenig besitzt. Die Götter prüfen damit die Güte der Menschen und belohnen das Paar für seine Gastfreundschaft.
Eine weitere Vorlage ist die biblische Erzählung von Sodom und Gomorra. Gott will die beiden Städte zerstören und kommt zunächst mit zwei Engeln zu Abraham. Auf Abrahams Bitte sollen Schuldige und Unschuldige nicht gleichermaßen bestraft werden. Die Engel suchen daraufhin in Sodom nach einem unschuldigen Menschen. Abrahams Neffe Lot wird mit seiner Familie gerettet.
Die Entstehung des Dramas dauerte länger, als die Angabe 1938–1940 vermuten lässt. Die ersten fünf Szenen stellte Brecht bereits 1930 unter dem Titel Die Ware Liebe fertig. 1939 schrieb er im dänischen und schwedischen Exil eine erste Rohfassung. 1942 legte er die Arbeit endgültig nieder, hielt das Stück trotz häufiger Überarbeitungen aber nie für vollendet.
Handlung und Figurenkonstellation
Drei Götter kommen nach Sezuan, um zu beweisen, dass es auf der Erde noch gute Menschen gibt. Der Wasserverkäufer Wang erkennt sie als Einziger und sucht eine Unterkunft. Wohlhabendere Menschen weisen die Götter mehrfach ab; schließlich nimmt die Prostituierte Shen Te sie auf. Als sie von ihren Geldsorgen erzählt, bezahlen die Götter ihr Nachtquartier mit einem kleinen Vermögen. Shen Te kauft davon einen Tabakladen und verspricht, sich weiterhin gut zu verhalten.
Sie hilft immer mehr Menschen und bietet ihnen Unterkunft. Die Hilfsbedürftigen nutzen ihre Güte jedoch aus, sodass sich Schulden anhäufen. Um sich zu schützen, tritt Shen Te als ihr angeblicher Vetter Shui Ta auf. In dieser Verkleidung vertreibt sie die Obdachlosen. Da die Geldprobleme bleiben, rät man ihr, einen vermögenden Mann zu heiraten.
Im Stadtpark trifft Shen Te den arbeitslosen Flieger Yang Sun, der kurz vor dem Suizid steht. Sie hält ihn durch ein Gespräch davon ab und verliebt sich in ihn. Suns Mutter Frau Yang berichtet, dass Sun eine Stelle als Postflieger in Peking bekommen könnte, dafür aber 500 Silberdollar benötigt, um einen Hangarbetreiber zu bestechen. Shen Te gibt ihm die 200 Silberdollar, die sie zuvor von einem alten Teppichhändler-Ehepaar geliehen hatte, eigentlich um die Miete ihres Ladens zu bezahlen. Dadurch gefährdet sie ihre Existenz.
Die geplante Hochzeit in einem billigen Restaurant scheitert. Shen Te kann den Laden wegen ihrer Schulden bei den Alten nicht verkaufen. Sun will sie nur heiraten, wenn sie ihm das versprochene Geld gibt. Er lässt Shui Ta holen, weil er auf dessen Hilfe hofft. Shen Te kann jedoch nicht gleichzeitig als Shen Te und Shui Ta auftreten, sodass Sun vergeblich wartet.
Später erkennt Shen Te, dass sie mit Sun keine neue Existenz aufbauen kann. Sie ist außerdem schwanger. Im Interesse ihres ungeborenen Kindes nimmt sie erneut die Identität Shui Tas an und baut mit ausbeuterischen Methoden eine erfolgreiche Tabakfabrik auf. Sun arbeitet dort zunächst als Arbeiter, wird dann Aufseher und schließlich Prokurist. Shen Te verschweigt ihm ihre Schwangerschaft. Sie tritt bis zum Ende fast niemandem mehr als Shen Te gegenüber; nur die Witwe Shin wird gegen eine Entschädigung zu ihrer Vertrauten. Shui Ta behauptet, Shen Te sei verreist. Wang und Sun bezweifeln dies bald. Schließlich wird Shui Ta beschuldigt, Shen Te entführt und ermordet zu haben.
Im Prozess sitzen die drei Götter als Richter. Shen Te beziehungsweise Shui Ta erkennt sie wieder, enthüllt ihre Identität und erzählt ihre Geschichte. Obwohl dadurch deutlich wird, dass der Anspruch, „gut zu sein und doch zu leben“, unter diesen Bedingungen nicht erfüllbar ist, halten die Götter an ihren Vorstellungen fest. Sie lösen das Problem nicht. Das Ende bleibt offen; das Publikum soll selbst nach einer Lösung suchen.
Episches Theater und Verfremdung
Das Stück erfüllt die Kriterien der epischen Dramentheorie. Anfang und Ende sind offen, und die einzelnen Bilder stehen relativ selbstständig nebeneinander. Die Handlung wird nicht als geschlossene Entwicklung mit einer eindeutigen Lösung präsentiert.
Es gibt zwei gegensätzliche Handlungsebenen: die transzendente, weltfremde Welt der Götter und die harte Realität der sozialen Elendsviertel von Sezuan. Die Götter nehmen die Alltagsprobleme dort nicht richtig wahr, während sie in den Elendsvierteln kaum Bedeutung besitzen. Durch Montage, darunter eingeschobene Traumsequenzen, werden beide Ebenen miteinander verbunden. Im letzten Bild treffen sie im Gerichtsprozess aufeinander. Die Götter sind jedoch so weit von der Realität entfernt, dass sie Shen Tes Geschichte nicht angemessen verstehen.
Wichtig ist der Verfremdungseffekt. Er unterbricht die Handlung und schafft Abstand, damit das Publikum kritisch über die Vorgänge nachdenkt. Dazu gehören Zwischenspiele, in denen Wang die Götter erscheinen, sowie Lieder, die das Geschehen teilweise sarkastisch kommentieren, etwa das „Lied des Wasserverkäufers im Regen“ und das „Terzett der entschwindenden Götter auf der Wolke“. Figuren treten außerdem aus ihren Rollen heraus und kommentieren die Ereignisse.
Besonders deutlich zeigt sich die Verfremdung im 8. Bild. Frau Yang erzählt eine Rückblende aus ihrer subjektiven Perspektive, während die szenische Darstellung auf der Bühne stark von ihrer Schilderung abweicht. Der Gegensatz zwischen Gesagtem und Gezeigtem macht die Verzerrung der Wahrheit sichtbar. Auch die Doppelrolle Shen Tes und die lächerlich menschlichen, fehlbaren Götter wirken verfremdend. Frau Yang übertreibt ihre Darstellung zusätzlich, wenn sie Shui Ta als „unendlich gütig“ bezeichnet und erklärt, sie und ihr Sohn könnten ihm „wirklich nicht genug danken“.
Menschenbild und Hauptfiguren
Shen Te ist eine Prostituierte und später Besitzerin eines kleinen Tabakladens. Ihr Name bedeutet „göttliche Wirksamkeit“. Sie hilft aus Mitleid, ist selbstlos und naiv und sieht zunächst nur das Gute in anderen Menschen. Die Umgebung zwingt sie jedoch, ihre Persönlichkeit zu spalten. Als Shui Ta kann sie ihre Existenz sichern, verliert dabei aber ihre moralische Güte. In den Augen der Götter und der Bewohner bleibt sie dennoch „der Engel der Vorstädte“ und „der gute Mensch von Sezuan“.
Shui Ta ist Shen Te in Verkleidung und bildet ihren Gegenspieler. Er handelt egoistisch, rücksichtslos, skrupellos und profitorientiert. Er nutzt andere aus, baut die Tabakfabrik auf und sucht gezielt gute Beziehungen zu Höhergestellten, etwa zu einem Polizisten. Er verkörpert den Teil Shen Tes, der seine persönlichen Ziele nach den Regeln eines modernen Kapitalisten verfolgt.
Yang Sun ist zunächst ein stellungsloser Flieger, der mit der kapitalistischen Welt nicht zurechtkommt und Suizid begehen will. Er benötigt 500 Silberdollar für seine angestrebte Stelle als Flieger. Nachdem er Shen Te um ihr Geld betrogen und es ausgegeben hat, arbeitet er in Shui Tas Tabakfabrik. Durch Schmeicheleien und Denunziationen steigt er vom Arbeiter zum Aufseher und schließlich zum Prokuristen auf. Wang verbindet als Wasserverkäufer die Götter mit der Handlung und berichtet ihnen teilweise vom Geschehen. Er betrügt seine Kunden zwar mit einem doppelten Boden im Maßbecher, zeigt aber sonst nur wenig Falschheit und setzt seine Hoffnung auf die Götter.
Die Götter sind weder allwissend noch allmächtig und entsprechen nicht dem traditionellen Götterbild. Der erste ist ein Dogmatiker, der zweite ein Kritiker und der dritte ein naiver Idealist. Ihre weltfremden moralischen Forderungen gehören zu einer paternalistischen Geisteshaltung des liberalen Bürgertums. Im letzten Bild müssen sie ihr Scheitern erkennen, fahren aber auf einer rosa Wolke in den Himmel und überlassen die Menschen ihrem Schicksal. Damit wird das klassische Prinzip des deus ex machina umgekehrt: Die Götter lösen die Probleme nicht, sondern entfernen sich von ihnen.
Das Menschenbild des Stücks bleibt widersprüchlich. Shen Te betrachtet Menschen als Leidende, denen geholfen werden muss. Shui Ta sieht sie dagegen als beeinflussbare Wesen, die durch Druck gelenkt werden können. Diejenigen, die Shen Te ausnutzen, handeln wie Tiere, die ihre Bedürfnisse um jeden Preis befriedigen wollen. Die Spaltung der Hauptfigur deutet an, dass ein guter Mensch unter kapitalistischen Bedingungen möglicherweise zugleich eine harte, schlechte und lebensfähige Seite besitzen muss. Eine andere Deutung sieht Shui Ta als bewusst gespielte Rolle und folgert, dass Shen Te schon zu Beginn nicht vollständig gut ist. Der Schluss fordert ausdrücklich das Publikum auf, selbst eine Lösung zu finden: „Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
1966 produzierte der SDR unter der Regie von Fritz Umgelter ein dreistündiges Fernsehspiel mit dem Originaltitel Der gute Mensch von Sezuan. Shen Te und Shui Ta wurden von Nicole Heesters gespielt.
Lernvideos zu Der gute Mensch von Sezuan
5:02
Der gute Mensch von Sezuan Zusammenfassung (Brecht)
Studyflix · 56.937 Aufrufe
14:31
Der gute Mensch von Sezuan - Bertolt Brecht (Zusammenfassung / Inhaltsangabe) || Deutsch Abitur 2020
selbstorientiert · 12.244 Aufrufe
11:48
Der gute Mensch von Sezuan to go (Brecht in 12 Minuten)
Sommers Weltliteratur to go · 313.506 Aufrufe
1:45:58
Bertolt Brecht - Der gute Mensch von Sezuan
Berazî · 274.956 Aufrufe