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Verdrängungswettbewerb
Verdrängungswettbewerb (oder ruinöser Wettbewerb) ist in der Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Wettbewerbspolitik ein Konkurrenzverhalten, …
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Kernbegriff und Einordnung
Verdrängungswettbewerb, auch ruinöser Wettbewerb genannt, ist ein Konkurrenzverhalten in Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Wettbewerbspolitik. Es zielt darauf, Konkurrenten zum Marktaustritt zu zwingen. Typisch ist, dass marktbeherrschende Unternehmen oder Oligopole (Märkte mit wenigen großen Anbietern) schwächere Wettbewerber vom Markt verdrängen. Der Verdränger möchte dadurch seine Marktmacht erhöhen.
Kennzeichnend sind ein starker Preisverfall sowie für die betroffenen Unternehmen zu geringe Gewinne oder Verluste. Unternehmen versuchen, Marktanteile zu gewinnen und ihre Kapazitäten auszuweiten; dadurch stehen die Marktpreise dauerhaft unter Druck. Verdrängungswettbewerb gilt als marktfeindliches Verhalten, im Unterschied zu marktkonformen Marktanpassungsformen und Marktstrategien. Im Englischen wird hierfür auch der Ausdruck „cut throat competition“ verwendet.
Begriffsverständnis und wirtschaftliche Erklärungen
Der überwiegende Teil der Fachliteratur behandelt ruinösen Wettbewerb und Verdrängungswettbewerb als Synonyme; auch wettbewerbsrechtlich gelten sie als gleichbedeutend. Eine Minderheit unterscheidet sie: Ruinöser Wettbewerb liege dann vor, wenn Überkapazitäten nur verzögert angepasst werden. Wegen hoher Faktorimmobilität, also geringer Beweglichkeit von Arbeit oder Kapital zwischen Einsatzmöglichkeiten, senken Unternehmen zunächst Preise, ohne Überkapazitäten abzubauen. Der Anpassungsprozess an die veränderte Marktentwicklung misslingt. Dies führt bei verdrängten Unternehmen zu unterdurchschnittlichen Gewinnen oder Verlusten und einem hohen Insolvenzrisiko.
Helmut Arndt (1966) beschreibt ruinösen Wettbewerb als marktstrategischen Kampf: Bereits etablierte Unternehmen könnten Konkurrenten durch gezielte Preisunterbietungen vom Markt vertreiben und zugleich potenzielle neue Konkurrenz abschrecken. Dadurch könnten sie eine marktbeherrschende Stellung erlangen. Ernst Heuss (1965) betrachtete insbesondere den Kampf eines Wirtschaftskartells gegen einen Außenseiter. Das Kartell wolle Preis, Gewinnchancen und damit den Fortbestand seiner Mitglieder sichern und dränge den Außenseiter durch einen ruinösen Preiskampf aus dem Markt. Andere Ansätze ordnen den ruinösen Preiskampf dem Oligopol zu, weil die etablierten Unternehmen dafür bereits ein hohes Maß an Marktmacht benötigen.
Beim Ansatz des verzögerten Anpassungsprozesses sinken die Stückkosten bei besserer Auslastung der Kapazität; am niedrigsten sind sie an der Kapazitätsgrenze. Tritt ein kostengünstigerer Konkurrent auf, sinkt die Nachfrage beim etablierten Unternehmen, seine Stückkosten steigen und es versucht, den Nachfragerückgang durch niedrigere Preise aufzuhalten. Werden die Kosten nicht mehr gedeckt, kann langfristig ruinöser Wettbewerb entstehen. Heuss kritisierte daran, dass Konkurrenz gerade Anbieter mit ungünstigen Kostenstrukturen verdrängen solle, um Effizienz zu erhöhen. Fritz Machlup (1967) wandte ein, sonst sei jeder Wettbewerb grundsätzlich ruinös und Preise verlören ihre Steuerungsfunktion. Joe Bain (1959) sah Preissenkungen dagegen als Zeichen eines Marktungleichgewichts mit „beachtliche[n] volkswirtschaftliche[n] Realkapitaleinbußen“. Lloyd G. Reynolds (1940) grenzte den Fall ab, in dem Preissenkungen kurzfristig höhere Gewinne durch überproportionale Absatzausweitung bringen und sich der Verdrängungseffekt langfristig selbst löst.
Ursachen und begünstigende Faktoren
Nach Bain (1959) treten meist mehrere Bedingungen gleichzeitig auf: eine atomistische Marktstruktur mit weitgehend unabhängigen Entscheidungen der Unternehmen über Preis und Menge, sehr leichter Marktzutritt, ein sehr langsames Ausscheiden von Unternehmen und Beschäftigten sowie historische Ereignisse wie eine Kriegsexpansion mit anschließendem Rückgang der Nachfrage auf den Vorkriegsstand. Tolksdorf (1971) betrachtet atomistische Marktstruktur und leichten Marktzutritt jedoch eher als Symptome als als eigentliche Ursachen.
Als unmittelbar wirkenden Hauptgrund nennt Tolksdorf Überkapazität: Das Güterangebot übersteigt die Nachfrage deutlich. Bei für die Produzenten ungünstigen Angebots- und Nachfrageelastizitäten kann dies einen starken Preisverfall auslösen. Unternehmen haben dann zunächst keinen Anreiz, die Produktion zu beschränken. Sinkende Preise hemmen zugleich Investitionen in Anlagen, für die keine Nachfrage besteht. Langfristig können Unternehmen austreten und die Marktmacht weniger etablierter Unternehmen zunehmen. Überkapazität allein reicht jedoch nicht als Erklärung, weil sie auch ein natürlicher Steuermechanismus des Marktes sein kann; entscheidend ist zusätzlich die Faktorimmobilität.
Bei der Arbeit kann geringe Mobilität etwa aus fehlenden besseren Beschäftigungsmöglichkeiten, Umzugskosten oder mangelnder Erziehung und Bildung folgen. Niedrigere Entlohnung erhöht die Nachfrage nicht unbedingt und kann sie sogar verringern. Unbewegliches Produktionskapital verhindert zudem, dass bereits investiertes Kapital spontan an Marktschwankungen angepasst wird; wegen des Preisverfalls kann auch kein neues Produktionskapital erwirtschaftet werden.
Mittelbar begünstigen technischen Fortschritt, freier Marktzutritt, gesamtwirtschaftliche Depressionen, neue Substitutionsgüter, traditionelle Verhaltensweisen und unternehmerische Unfähigkeit, starke Nachfrageschwankungen bei niedriger Preiselastizität sowie Arbeitsunruhen den Verdrängungswettbewerb. Technischer Fortschritt kann trotz Verlusten Überkapazität erhalten, weil vorhandene Verfahren und Maschinen mehr Output erzeugen. Eine Depression senkt die Nachfrage und verstärkt bereits bestehenden ruinösen Wettbewerb. Substitutionsgüter können die Nachfrage so verringern, dass Überkapazität entsteht. Unternehmen halten mitunter an Kapazitäten fest, solange sie wenigstens die variablen Kosten decken und auf eine Besserung hoffen. Als Beispiele für Preisverfall bei geringer Preiselastizität nennt der Artikel Landwirtschaft und Steinkohlenbergbau.
Unternehmenssicht und typische Strategien
Aus Unternehmenssicht besteht der Verkaufspreis aus variablen Kosten und Fixkosten. Variable Kosten entstehen nur bei der Herstellung eines Produkts; Fixkosten fallen unabhängig davon an. Ein Preis kann bis knapp über die variablen Kosten sinken; dies ist die Preisuntergrenze. Dann wird wenigstens ein kleiner Deckungsbeitrag erzielt, also ein Beitrag zur Finanzierung der Fixkosten. Dauerhaft kann ein Unternehmen aber nicht mit beliebig geringem Deckungsbeitrag wirtschaften, weil die Fixkosten weiterhin bezahlt werden müssen.
Die klassische Reaktion ist eine Senkung der Fixkosten, meist durch Kapazitätsabbau. Dadurch können jedoch Mengeneffekte verloren gehen und die Wettbewerbsfähigkeit langfristig sinken. Als andere Strategie können Unternehmen Verluste vorübergehend hinnehmen, um nach einem Kapazitätsabbau der Mitbewerber wieder Preise durchzusetzen, die ausreichende Deckungsbeiträge liefern. Wählen zu viele Unternehmen diese zweite Strategie und bleibt der Kapazitätsabbau hinter dem Nachfragerückgang zurück, lässt sich das Überangebot nur beseitigen, wenn ein oder mehrere Wettbewerber ausscheiden, meist durch Insolvenz. Auch der Aufkauf von Wettbewerbern oder Kapazitätsanpassungen im Rahmen von Fusionen sind möglich.
Ein marktbeherrschendes Unternehmen kann Preise unterhalb der Gesamtkosten setzen; diese Strategie heißt Dumping. Sie soll Marktzutritte verhindern oder die Teilnahme anderer Unternehmen am Wettbewerb erschweren. Besonders anfällig sind Branchen mit starken positiven Skaleneffekten, etwa wegen hoher Fixkosten. Skaleneffekte bedeuten hier, dass größere Produktionsmengen Kostenvorteile bringen. Hohe Fixkosten erhöhen zugleich die Markteintrittsbarriere. Verdrängungswettbewerb kann in solchen Fällen zu einer gefestigten Monopolstellung führen.
Folgen, Politik und Abgrenzung
Thorstein Veblen stellte 1904 unter anderem fest, dass aggressives Marketing und aktive Teilnahme am Verdrängungswettbewerb Gewinnmaximierung ermöglichen können. Ursachen können marktstrategische Kämpfe etablierter, im Markt untergeordneter Unternehmen gegen kostengünstiger produzierende Newcomer oder Start-ups sein, ebenso Konflikte zwischen Wirtschaftskartellen und Außenseitern. Als Folgen nennt der Artikel geringere Investitionen, Marktaustritte und langfristig einen überproportionalen Preisanstieg durch Marktunterversorgung. Benachteiligt sind damit die Endverbraucher.
Ein Schrumpfmarkt führt im Regelfall zu Verdrängungswettbewerb. Im Einzelhandel können sinkende Konsumausgaben zu Überkapazitäten bei Verkaufsflächen führen. Zusätzliche Marktanteile sind dann nur noch auf Kosten der Konkurrenz zu gewinnen. Eine besondere Form ist der Aufkauf der Konkurrenz; das kaufende Unternehmen kann das erworbene Unternehmen liquidieren oder fortführen.
Wettbewerbspolitik versucht in den meisten Ländern, marktstrategisches Verhalten durch Regeln gegen unlauteren Wettbewerb einzugrenzen. In Deutschland dienen dazu das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) und das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Verzögerte Anpassungsprozesse als unternehmerische Entscheidungen können Wettbewerbsbehörden grundsätzlich nicht beseitigen. Tolksdorf fordert deshalb eine gesamtwirtschaftlich ausgerichtete Politik: regionale Strukturpolitik, ergänzt durch hohen Beschäftigungsgrad und kräftiges Wachstum der Volkswirtschaft, soll Faktorunbeweglichkeit und damit Überkapazitäten vermeiden.
Abzugrenzen ist der Verdrängungswettbewerb vom Substitutionswettbewerb. Dieser wird durch Innovationen ausgelöst und beruht auf dem Wettbewerb mit Substitutionsgütern, also ersetzenden Gütern oder Dienstleistungen. Seine Verdrängungsmacht wird im Allgemeinen positiv bewertet. Als Beispiel nennt der Artikel die fortschreitende Substitution des Festnetztelefons durch das Mobiltelefon als schöpferische Zerstörung.