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Schamgefühl

Das Schamgefühl gehört zu den bei allen Menschen auftretenden Affekten. Auslöser für Schamgefühle können innerseelische Vorgänge sein, wie zum Beispiel der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbedeutung und zentrale Unterscheidungen
  2. 2. Erscheinungsformen und körperliche Zeichen
  3. 3. Psychologische Funktionen und Behandlung
  4. 4. Kulturelle, philosophische und religiöse Deutungen
  5. 5. Scham in Literatur und Kunst
  6. 6. Wandel, Medien und neue moralische Perspektiven

Grundbedeutung und zentrale Unterscheidungen

Schamgefühl ist ein bei allen Menschen vorkommender Affekt. Es entsteht beispielsweise durch Peinlichkeit oder Verlegenheit, aber auch durch Bloßstellung, Demütigung oder Kränkung durch andere. Scham kann von kaum bemerkbarer Verlegenheit bis zum Gefühl des „Im-Boden-Versinkens“ reichen. Die Fähigkeit, Scham zu empfinden, gilt als angeboren; ihre konkreten Anlässe und ihre Intensität werden jedoch durch Sozialisation, Kultur, individuelle Veranlagung und die aktuelle Lebenssituation geprägt.

Der Sozialpsychologe Jonas Rees definiert Scham als „aversive Emotion, die häufig mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit einhergeht“. Sie tritt auf, wenn das eigene Selbstbild nicht mit dem Bild übereinstimmt, das andere von einer Person haben, oder das sie selbst unter bestimmten Umständen von sich gewinnt. Brené Brown verbindet Scham mit dem Gefühl persönlicher Fehlerhaftigkeit und der Angst vor dem Verlust der Zugehörigkeit. Als Gegenpol gilt häufig Stolz, der das Selbstwertgefühl aufwertet.

Zur Beschreibung verschiedener Aspekte wird zwischen moralischer und imagebezogener, internalisierter und externalisierter, gesunder und pathologischer sowie destruktiver und konstruktiver Scham unterschieden. Scham ist mit Schuld verwandt, aber nicht identisch: Schuld bezieht sich auf den Verstoß gegen eine Norm, während Scham die eigene Person in ihrer Integrität oder ihrem Ansehen entwertet. In einer Schamkultur unterlässt jemand unerwünschtes Verhalten aus Furcht vor Liebesentzug oder Strafe; in einer Schuldkultur bestimmt stärker das Gewissen das Handeln. Das Ineinandergreifen beider Gefühle zeigt sich in der „Gewissensscham“.

Scham kann außerdem eine Schutz- und Orientierungsfunktion besitzen. Wolfgang Blankenburg beschreibt eine „behütende Scham“, etwa wenn Künstler ein noch nicht ausgereiftes Werk vor voreiliger Kritik zurückhalten. Eine „Scham des Erkennenden“ achtet auf die Schutzbedürftigkeit des Gegenübers und verlangt Takt im Umgang mit anderen.

Erscheinungsformen und körperliche Zeichen

Scham ist nach Léon Wurmser keine einfach abgrenzbare Einzelempfindung, sondern eine „Palette von eng verwandten Affekten“. Inga Claudia Römer fasst ihre Grundstruktur so: „Jemand (1) schämt sich für etwas (2) vor jemandem (3).“ Abhängig von Alter, Geschlecht, Charakter und Lebenssituation entwickelt jeder Mensch eine persönliche „Schambiografie“.

Körperlich zeigt sich Scham häufig durch die Schamröte. Dabei führt das vegetative Nervensystem zu einer verstärkten Blutzufuhr im Gesicht. Das Bewusstsein, rot geworden zu sein, kann die Scham wiederum verstärken; allerdings erröten nicht alle Menschen. Weitere mögliche Anzeichen sind verlegenes Lachen oder Grinsen, erhöhter Puls, Herzklopfen, Schweiß, Schwindel, stockende Sprache und Stottern. In der Körpersprache können abgebrochener Blickkontakt, gesenkter Kopf, das Verbergen der Augen, eine zusammengezogene Körperhaltung sowie gehemmte oder ausweichende Bewegungen auftreten. Die Geste des Verbergens der Augen wird im Internetjargon als „Facepalm“ bezeichnet und häufig genutzt, um Fremdscham auszudrücken.

Bei der Körperscham kann Nacktheit unterhalb einer kulturell oder sozial bestimmten Mindestgrenze der Bedeckung Scham auslösen. Diese Grenze reicht laut dem Artikel von einer Hüftschnur bis zur vollständigen Ganzkörperverschleierung. Hans Peter Duerr hält Körperscham für ein Merkmal der menschlichen Lebensform insgesamt, nicht nur für ein kulturspezifisches Phänomen. Auch Gesellschaften mit wenig Kleidung können strenge Blick-Tabus besitzen; bei den Kwoma in Neuguinea dürfen Männer Frauen beispielsweise nicht auf Genitalien oder Brüste schauen. Ebenso können körperliche Makel, Entstellungen, Normabweichungen oder das Gefühl mangelnder Attraktivität Scham hervorrufen. Die Beschämung anderer wegen körperlicher Merkmale heißt Bodyshaming.

Scham ist auch geschlechtsspezifisch organisiert. Nach Brené Brown fühlt sie sich für Männer und Frauen gleich an, bezieht sich aber auf unterschiedliche Rollenerwartungen. Männern wurde traditionell eher Gefühlsscham zugeschrieben, Frauen Körperscham und eine angeblich naturgegebene Schamhaftigkeit. Heute bezeichnen Slutshaming und Menstruationsshaming Formen der Abwertung, durch die vor allem weibliche Personen wegen ihres sexuellen Verhaltens oder ihrer Menstruation beschämt werden.

Gruppenbasierte Scham entsteht, wenn ein Teil des Selbstkonzepts mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe verbunden ist. Jonas Rees unterscheidet kollektive moralische Scham und imagebezogene Scham. Im Zusammenhang mit den NS-Verbrechen und dem Holocaust wurde in Deutschland besonders die Kollektivscham thematisiert. Eine Studie zeigte, dass moralische Scham über den Holocaust mit einer positiven Einstellung gegenüber Türken in Deutschland zusammenhing, imagebezogene Scham dagegen mit negativen, feindseligen Einstellungen.

Fremdscham bezeichnet Scham oder Peinlichkeit wegen der Verfehlungen beziehungsweise Unzulänglichkeiten anderer, mit denen man sich verbunden fühlt. Der Ausdruck „fremdschämen“ wurde 2009 in den Duden aufgenommen; 2010 wurde er in Österreich zum Wort des Jahres gewählt. In der Jugendsprache verbreitete sich dafür auch „cringe“, das 2021 zum Jugendwort des Jahres gewählt wurde. Taktgefühl meint die grundsätzliche Haltung, die Scham und Würde anderer zu berücksichtigen.

Psychologische Funktionen und Behandlung

Neuere psychologische Ansätze betonen die Bedeutung früher Beziehungen. Für die Bindung des Säuglings zur Mutter oder Hauptkontaktperson sind Augenkontakt und das Aufeinander-Bezogensein der Gesichter entscheidend. Wenn statt eines erwarteten zugewandten Gesichts ein fremdes oder ein ungewohnt distanziertes Gesicht erscheint, kann die kindliche Zuwendung plötzlich abbrechen; die Reaktion kann Merkmale erwachsenen Beschämtseins zeigen. Das oft verbreitete angebliche Freud-Zitat, der Verlust von Scham sei ein erstes Zeichen von Schwachsinn, findet sich nicht in Freuds Schriften.

Die Psychoanalyse untersucht Schamkonflikte und traumatische Schamerfahrungen als mögliche Faktoren schwerer Pathologien, darunter dissoziale Persönlichkeit, Sucht, Borderline-Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie. Léon Wurmser nennt die durch frühe Zurückweisung oder emotionale Unerreichbarkeit der Eltern entstehende Erfahrung grundlegenden Liebesunwerts „Urscham“, auch präödipale oder elementare Scham. Erik H. Erikson ordnet Scham und Zweifel in seiner Stufenlehre einer misslingenden Entwicklung von Autonomie beim zwei- bis dreijährigen Kind zu. Scham steht hier dem Stolz auf gemeisterte Entwicklungsschritte gegenüber. Später können Misserfolge und abgebrochene Kompetenzerfahrungen Kompetenzscham auslösen.

In der kognitiven Verhaltenstherapie wird zwischen internalisierter und externalisierter Scham unterschieden. Bei externalisierter Scham wird angenommen, andere hielten die eigene Person für minderwertig oder unzulänglich; internalisierte Scham bedeutet die eigene Abwertung. Außerdem ist wichtig, ob Scham gerechtfertigt oder unberechtigt ist. Gerechtfertigte Scham liegt vor, wenn eine Offenlegung tatsächlich negative soziale Folgen hätte. Bei unberechtigter Scham sind solche Folgen nicht zu erwarten. Therapeutisch müssen kulturelle Normen berücksichtigt werden. Bei unberechtigter Scham können Selbstoffenbarung, Verhaltensexperimente, sokratischer Dialog oder „shame-attacking exercises“ eingesetzt werden. Berechtigte Scham kann dagegen eine soziale Schutzfunktion haben.

Stephan Marks unterscheidet vier Quellen der Scham: Missachtung, Grenzverletzung beziehungsweise Intimitäts-Scham, Ausgrenzung und Verletzung eigener Werte beziehungsweise Gewissens-Scham. Abwehrmechanismen sind unter anderem Projektion, das Beschämen anderer, Zynismus, Arroganz, Aggression, Mobbing, Perfektionismus, Suchtverhalten und emotionale Erstarrung. Scham kann hemmen, Kreativität und Individualität einschränken und Widerstand gegen Ungerechtigkeit verhindern. Zugleich schützt sie Grenzen, Intimität, Zugehörigkeit und Selbstwert und kann helfen, Handlungen zu vermeiden, die zur Abwertung oder Ächtung durch eine Gemeinschaft führen. Demütigung, Beschämung und Degradierung sind dabei unterschiedliche Formen schamauslösender Entwürdigung.

Kulturelle, philosophische und religiöse Deutungen

Scham und Schuld werden in der Kulturanthropologie als Formen sozialer Kontrolle untersucht. Schuld richtet sich stärker auf das Gewissen und die Verantwortung für einen Normverstoß; Scham bezeichnet nach Sighard Neckel die Beschädigung der eigenen Integrität und das Verfehlen eigener Ideale. Beide treten in Gesellschaften jedoch meist gemeinsam auf. Die ältere Gegenüberstellung von Scham- und Schuldkulturen gilt in der heutigen Ethnologie wegen ihrer einseitigen Perspektive und problematischen ethisch-politischen Folgen als nicht mehr haltbar.

Alle Gesellschaften kennen Schamgegenstände und öffentliche Beschämungen. Bis ins 19. Jahrhundert wurden Schand- und Ehrenstrafen, etwa das Anprangern, als Machtmittel eingesetzt. Heute bezeichnet „jemanden an den Pranger stellen“ vor allem öffentliche Bloßstellung in Presse und sozialen Medien. In einer Untersuchung mit 52 Gefühlen lag Scham bei Probanden aus Indonesien auf Platz zwei, bei Probanden aus Kalifornien auf Platz 32. Dies verdeutlicht Unterschiede in der gesellschaftlichen Bedeutung, ohne daraus eine absolute Trennung von Kulturen ableiten zu können. In der traditionellen koreanischen Kultur verbinden sich eine nach innen gerichtete Scham und die Gesichtswahrung der Familie; mit der Modernisierung wurden unter anderem Untüchtigkeit und Armut stärker schambesetzt.

Norbert Elias erklärte das „Vorrücken der Schamschwelle“ seit dem Mittelalter als Teil des Zivilisationsprozesses und als Übergang von Fremd- zu Selbstzwängen. Hans Peter Duerr widersprach und argumentierte, eine niedrige Schamschwelle könne gerade in streng konventionalisierten, hoch zivilisierten Zusammenhängen möglich sein. Historisch wechselten sich Phasen größerer Freizügigkeit und größerer Prüderie ab; Scham war außerdem mit Machtgefällen verbunden, etwa wenn man sich vor angesehenen Personen, nicht aber vor Bediensteten entblößte.

Philosophisch gilt Scham bei Hesiod als Hüterin des inneren Rechtsgefühls. Aristoteles ordnet sie zwischen Schüchternheit und Schamlosigkeit ein und verbindet sie mit der Furcht vor Ehrverlust. David Hume stellt Scham und Stolz als auf Anerkennung gerichtete Grundaffekte gegenüber. Nietzsche sieht in der Befreiung von Scham vor sich selbst ein Zeichen erreichter Freiheit. Max Scheler beschreibt Scham als gegenwärtige, vergangene oder zukünftige Erfahrung, die Selbstvorsorge und Identität stützen kann. Für den frühen Sartre offenbart Scham das „Für-andere-Sein“: Man erkennt, dass man so ist, wie der andere einen sieht.

In Judentum, Christentum und Islam wird Scham unter anderem mit dem Bewusstsein verbunden, gegen göttliche Weisung verstoßen zu haben. In der Genesis erkennen Adam und Eva nach dem Sündenfall ihre Nacktheit; Kain senkt nach der Zurückweisung seines Opfers den Blick, und Noah reagiert auf seine Entblößung mit der Verfluchung Kanaans. In der christlichen Überlieferung gipfelt verletzte Scham in der öffentlichen Entehrung und Kreuzigung Jesu; Petrus schämt sich später, Jesus dreimal verleugnet zu haben.

Scham in Literatur und Kunst

Literatur und bildende Kunst bewahren nach Ulrich Greiner die Wandlungen der Gefühlskultur. Scham, Schuld und Peinlichkeit treiben Handlung und Figuren an, etwa als Ausdruck eines unlösbaren Konflikts oder als Versuch nachträglicher Bewältigung. Die unmittelbar empfundene Scham bleibt privat; literarisch gestaltete Scham wird dagegen sprachlich mitteilbar und kann zur Verständigung und zum Lernen dienen.

Ein klassisches Motiv ist der Suizid der Lucretia aus Scham. Herodot erzählt außerdem die Geschichte von Kandaules, der seinen Vertrauten Gyges heimlich die nackte Ehefrau betrachten lässt. Als sie Gyges bemerkt, treibt ihre Beschämung sie dazu, den Mord an Kandaules zu verlangen. Friedrich Hebbel bearbeitete den Stoff 1854 in Gyges und sein Ring.

In Homers Ilias wird Scham als männliche Pflicht gegenüber Familie, Stadt und eigenem Ruf dargestellt. Hektor lehnt den Rückzug aus der Schlacht ab, weil er nicht als Feiger gelten und Schande vom Geschlecht fernhalten will. Scham und Ehrverlust beeinflussen damit die Kampfbereitschaft.

In Hans Christian Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider verbindet sich Scham mit Eitelkeit. Arthur Schnitzler gestaltet Scham- und Ehrkonflikte in inneren Monologen. Frank Wedekinds Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie von 1891 zeigt, wie Scham über Sexualität, Masturbation, homosexuelle Neigungen, Schulversagen und uneheliche Schwangerschaft zu Aufklärungsmangel, Tod und Freitod beitragen kann. Thomas Mann macht in Der Zauberberg die Milieuabhängigkeit von Scham sichtbar: Hans Castorp verliert im Davoser Sanatorium zunehmend seine frühere Zurückhaltung und empfindet schließlich eher Fremdscham als Scham für sich selbst. 2017 zeigte die Ausstellung Die innere Haut – Kunst und Scham im Museum Marta Herford 100 Werke von 50 internationalen Künstlerinnen und Künstlern.

Wandel, Medien und neue moralische Perspektiven

Gesellschaftliche Normen verändern das individuelle Schamempfinden. Ulrich Greiner beschreibt neben älteren Scham- und Schuldkulturen eine neue Kultur der Peinlichkeit, die meist durch geringere Anlässe und schwächere Gefühle geprägt ist. In einer pluralistischen Gesellschaft treffen unterschiedliche Rollen, Milieus, Religionen, Altersgruppen, Peergroups und Moden aufeinander. Deshalb ist oft unklar, was als angemessen oder peinlich gilt; traditionelle Anstandsregeln müssen jeweils situativ angewandt werden.

Massenmedien beeinflussen, was Menschen tun und tragen. Bei Frauen verschob sich die Scham unter anderem von Haushalt und sexueller Freizügigkeit hin zu Körperpflege, perfekter Erscheinung, Kleidung, Körpergeruch und Körperbehaarung. Auch Männer können durch Kleidung und äußere Erwartungen unter Anpassungsdruck geraten. Zugleich kann Fernsehen die Schutzfunktion der Scham schwächen, wenn Leidtragende von Kriegen, Unfällen, Katastrophen oder Attentaten ohne Rücksicht auf ihre Intimität gezeigt werden. Scham schützt nach Micha Hilgers die Grenze zwischen Sich-Zeigen und Sich-Verbergen und damit Respekt und Würde.

Im Herbst 2024 erhielt Gisèle Pelicots Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ weltweite Aufmerksamkeit. Sie verzichtete auf den Schutz ihrer Anonymität als Opfer und setzte sich für einen öffentlichen Prozess in Avignon ein. Die Scham sollte nicht länger die Betroffenen sexualisierter Gewalt durch Stigmatisierung isolieren, sondern als soziale Konsequenz das Handeln der Täter und die Untätigkeit des Umfelds kennzeichnen. Damit richtete sich ihre Forderung gegen Victim Blaming und die soziale Stigmatisierung von Opfern.

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